Die Grundschrift-Theorie

 


Shlomo Pines
Shlomo Pines

Im Jahre 1966 stellte der israelische Orientalist Shlomo Pines eine weitestgehend ignorierte Hypothese über den Ursprung des Barnabasevangeliums auf.1 Wegen seiner judenchristlichen Prägung hielt Pines die Schrift, wie schon John Toland,2 für die muslimisch bearbeitete Rezension eines ursprünglich ebionitischen Evangeliums.3 Das mittelalterliche italienische Manuskript des Evangeliums sei möglicherweise, so Pines, der Nachfahre eines älteren orientalischen Originals. Die bisherige Annahme der Forschung, das Evangelium stelle ein im Mittelalter angefertigtes „original (or virtually an original) work“ ohne eine vorausgehende Redaktionsgeschichte dar, hält Pines für „one-sided“, weil sie die „complexity of the work“ nicht berücksichtige.4 Pines wurde bei seiner Suche nach vormittelalterlichen Notizen über das Barnabasevangelium in der Schrift Athār-ul-bākiya des muslimischen Universalgelehrten Abū ar-Raiḥān Muḥammad bin Aḥmad al-Bīrūnī (973–1048) fündig, der ein von den Manichäern benutztes Evangelium erwähnt, das ihm ebenfalls in einer muslimischen Bearbeitung bekannt war:

 

Everyone of the sects of Marcion, and of Bardesanes, has a special Gospel, which in some parts differs from the Gospels we have mentioned. Also the Manichaeans have a Gospel of their own, the contents of which from the first to the last are opposed to the doctrines of the Christians; but the Manichaeans consider them as their religious law, and believe that it is the correct Gospel, that its contents are really that which Messiah thought and taught, that every other Gospel is false, and its followers are liars against Messiah. Of this Gospel there is a copy, called, „The Gospel of the Seventy“, which is attributed to one Balāmis, and in the beginning of which it is stated, that Sallām ben ʿAbdallāh ben Sallām wrote it down as he heard it from Salmān Alfārisi. He, however, who looks into it, will see at once that it is a forgery; it is not acknowledged by Christians and others.5

 

Al-Bīrūnī nennt hier einen gewissen „Balāmis“ (بلامس) als Verfasser der Schrift, dessen sonst unbekannten Namen Pines als eine mögliche verderbte Form des Namens „Barnabas“ identifiziert. Pines weist darauf hin, daß die Manichäer ein ebionitisches Evangelium benutzten, nämlich das schon bei Origenes und Hieronymus erwähnte „Evangelium der Zwölf“ bzw. „Evangelium der Zwölf Apostel“,6 wie uns der melchitische Bischof von Harran, Theodor Abu Qurra in der zweiten Hälfte des 8. Jhds. überliefert. Der Bischof berichtet weiter, daß die Manichäer von diesem „Evangelium, das die zwölf Apostel geschrieben haben“ als dem einzig „wahren Evangelium“ sprachen – eine Formulierung, die auch das Barnabasevangelium verwendet.7 Eine von Pines bei Abd al-Jabbar entdeckte judenchristliche Quelle erwähnt ebenfalls, daß Mani von sich behauptete, im Besitz des „wahren Evangeliums“ und des „Gesetzes Christi“ zu sein, das u. a. das Verbot von Opfern und Fleischgenuß anordnete – zwei Einschränkungen, die zu den wesentlichen Charakteristika des ebionitischen Glaubens gehörten.8 Tatsächlich betont das Barnabasevangelium, wie auch das Ebionäerevangelium9 oder die Pseudoklementinen,10 an mehreren Stellen eine gegenüber den kanonischen Evangelien gesteigerte Opferkritik.11 Die Entdeckung des Kölner Mani-Kodex im Jahre 1969 bestätigte Pines’ Vermutung insofern indirekt, als Mani tatsächlich aus einem stark geprägten judenchristlichen Umfeld stammte, wurde er doch, wie uns der Kodex berichtet, seit dem vierten Lebensjahr in der judenchristlichen Gemeinschaft der Elkesaiten erzogen.12


1 Vgl. Shlomo Pines: The Jewish Christians of the early centuries of Christianity according to a new source. Jerusalem: The Israel Academy of Sciences and Humanities Proceedings 1966.

 

2 Vgl. John Toland: Nazarenus, or, Jewish, gentile, and Mahometan Christianity : containing the history of the antient Gospel of Barnabas, and the modern Gospel of the Mahometans. London, 1718. Neu erschienen in: Gesine Palmer: Ein Freispruch für Paulus. John Tolands Theorie des Judenchristentums. Mit einer Neuausgabe von Tolands ,Nazarenus’ von Claus-Michael Palmer (ANTZ 7). Berlin: Institut Kirche und Judentum 1996.

 

3 Vgl. Pines: ebd., S. 71.

 

4 Ebd., S. 70.

 

5 Edward Sachau (Hrsg.): The Chronology of the Nations. An english version of the arabic text of the Athār-ul-bākiya of Albiruni. London: W. H. Allen & Co. 1879, S. 27.

 

6 Vgl. Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen I, S. 300 und S. 303.

 

7 So schon im Titel „Wahres Evangelium Jesu, genannt Christus, eines neuen Propheten, von Gott der Welt gesandt gemäß dem Bericht des Barnabas, seines Apostels“, aber auch in EvBarn LII, LVIII, LXXII f., XCVII, CCXI.

 

8 Vgl. Pines, S. 66.

 

9 Vgl. Epiphanius‘ Zitat aus dem Ebionäerevangelium: „Ich kam, die Opfer aufzuheben; und wenn ihr nicht aufhört zu opfern, wird der Zorn nicht von euch weichen“ (Epiphanius: Panarion 30,16,4).

 

10 Vgl. Rec 1,37,2

 

11 Vgl. EvBarn XXXII und LXVI–LXVII (Pines, S. 72). Auch wird – was Pines nicht erwähnt – in der Geburtsgeschichte des Barnabasevangeliums die Darstellung Jesu im Tempel (vgl. Lk 2,21–38) ausgelassen, welche die Opferung von zwei Turteltauben beinhaltet (vgl. Lk 2,23f.).

 

12 Vgl. Ludwig Koenen/Cornelia Römer (Hrsgg.): Der Kölner Mani-Codex. Über das Werden seines Leibes. Kritische Edition. Opladen: Westdeutscher Verlag 1988.