DAS RÄTSEL UM TIRO, NAHE DES JORDAN

von Rodney Blackhirst, Melbourne

(aus dem Englischen von Daniel Erhorn 2017)


Tyrus jenseits des Jordan, das heutge "Iraq al-Amir" in Jordanien
Tyrus jenseits des Jordan, das heutge "Iraq al-Amir" in Jordanien

Im Barnabasevangelium gibt es eine merkwürdige Erwähnung eines Ortes namens "Tiro, in der Nähe des Jordan", der auch als "in einem verlassenen Teil der Wüste" beschrieben wird. Die Stelle aus Kapitel 99 des Barnabasevangeliums lautet wie folgt:

 

Nachdem sich Jesus in einen verlassenen Teil der Wüste in Tiro in der Nähe des Jordan zurückgezogen hatte, versammelte er die Zweiundsiebzig sowie die Zwölf, und als er sich auf einen Stein niedergelassen hatte, hieß er sie, sich zu ihm zu setzen [...]

Zunächst könnte man frgen, ob es sich hierbei nicht einfach um einen Fall mangelnder geographischer Kenntnis seitens des Verfassers des Barnabasevangeliums handelte, indem er die örtliche Lage des biblischen Tyrus nicht kennt (Die mangelnde Kenntnis der Geographie Palästinas ist ein beliebtes Argument, um das Barnabasevangelium als plumpe mittelalterliche Fälschung zu entlarven – Anm. d. Übers.). Doch dies kann nicht der Fall sein, weil Jesus in Kapitel 21 des Barnabasevangeliums, wie in den kanonischen Evangelien, Tyrus und Sidon besucht (im Italienischen hier auch "Tiro" geschrieben – Anm. d. Übers.), so dass es ziemlich klar scheint, dass der Autor hier ein anderes Tyrus im Sinn hat als die nördliche Stadt Tyrus. Aber welchen Ort könnte er meinen? Alles, was er uns verrät ist:

 

(a) Es heißt Tiro (=Tyrus)

 

(b) Er befindet sich in einem verlassenen Teil der Wüste (Hierunter

verstehe ich das niedere Jordantal, wo dieses unter das Niveau des Meeresspiegels sinkt)

 

(c) Er befindet sich nahe des Jordan

 

Der Kontext der Geschichte, welche an diesem Ort handelt, ist die Unterweisung der Jünger und ihre Vorbereitung auf ihre Mission in Kapitel 126. Die Tiro-Episode zieht einen langen Abschnitt nach sich, der sich  mit der Belehrung der Jünger Jesu befasst (Kapitel 99–126). Zudem müssen wir bemerken, dass Jesus und die Jünger sich in der Folge des in Kapitel 91f. beschriebenen Kriegs nach Tiro zurückziehen. Die ganze Rahmenhandlung dieses Abschnitts (Kapitel 97–126) ist folgende:

 

1. Krieg und Aufruhr in Judäa (inklusive der Szenen, in denen ein

    Disput mit Jesus – als Josua redivivus – am Jordan stattfindet

 

2. Jesus führt seine Jünger nach Tiro und unterweist sie

 

3. Jesus sendet seine ordnungsgemäß instruierten Jünger zurück

    nach Judäa

 

Ein Ort, der mit dieser Beschreibung übereinstimmt, findet sich in Josephus’ Altertümern. Und ich weiß nicht, ob schon auf diese Tatsache hingewiesen wurde. Ich habe es zumindest innerhalb der englischsprachigen Literatur nicht finden können. Der Kontext bei Josephus sind Streitigkeiten zwischen den Hasmonäern in der zwischentestamentarischen Zeit: Johannes Hyrkanos wurde gezwungen, sich in einer Festung namens Tyrus in der Wüste jenseits des Jordan zurückzuziehen. Hier Josephus’ Beschreibung:

 

Hyrkanos entschoss sich, nicht mehr nach Jerusalem zurückzukehren, sondern sich jenseits des Jordan niederzulassen, und war im ständigen Krieg mit den Arabern [...] Er baute auch eine starke Festung [...] Und [...] nannte sie Tyrus. Dieser Ort ist zwischen Arabien und Judäa, jenseits des Jordan, nicht weit entfernt vom Lande Hesbon. (vgl. Josephus, Altertümer 12,4,11)

 

Wenn wir nach einem Tiro (oder Tyrus etc.) "in einem verlassenen Teil der Wüste in der Nähe des Jordan" suchen, dann muss diese Festung des Hyrkanos als ein guter Kandidat betrachtet werden. Es ist ein Ort mit einem sehr ähnlichen Namen in mehr oder weniger genau derselben Gegend. (Man könnte noch anmerken, dass Hyrkanos sich hierhin zurückzieht, um sich neu zu ordnen, wie Jesus im Barnabasevangelium dies tut. Dies ist ein historisch zutreffendes Motiv. Verschiedene jüdische Gruppen haben sich zu verschiedenen Zeiten der nachexilischen Geschichte jenseits des Jordan zurückgezogen, um ihre Männer in der Wüste neu aufzustellen und zu trainieren, um dann ihren Anspruch am Heiligen Land zurückzuerobern – in den Fußstapfen des Josua. Dies ist besonders ein Leitmotiv der jüdischen Militärtaktik seit den Makkabäern.)

 

[...] Weitere Untersuchungen ergaben, dass "Tiro nahe des Jordan"  – das nach Josephus nicht weit von Hesbon liegt – auch schon eine Stadt zur Zeit der Wiederherstellung (Israels) war. Sie liegt nicht weit von der traditionellen Exodus-Route und war der Stammsitz der Tobiaden. In manchen Quellen wird sie als ein alternativer Tempel zu Jerusalem betrachtet. Heute heißt dieser Ort Iraq al-Amir ( ="Höhlen der Prinzen"). [...]