EIN JÜDISCHES GEBET IM BARNABASEVANGELIUM?

 von Daniel Erhorn©2015

 

 

Im zehnten Kapitel des Barnabasevangeliums empfängt Jesus auf dem Ölberg während er betet, vom Engel Gabriel das Buch seiner Sendung:

 

Jesus hatte das Alter von dreißig Jahren erreicht, wie er mir selbst sagte, als er mit seiner Mutter auf den Ölberg ging, um Oliven zu sammeln. Dann, am Mittag, als er im Gebet zu diesen Worten kam: „Herr, in Erbarmen...“, war er von einem strahlend hellen Licht umgeben und von einer unendlich großen Schar Engel, die sprachen: „Gelobt sei Gott.“ Der Engel Gabriel hielt ihm ein Buch vor, einem leuchtenden Spiegel gleich, das sich in Jesu Herz senkte.

 

Lucas Cranach d. Ä.: Jesus auf dem Ölberg (ca. 1540)
Lucas Cranach d. Ä.: Jesus auf dem Ölberg (ca. 1540)

Es wird hier ein Zitat aus dem Gebet gegeben, welches Jesus gerade spricht:

 

Dann, am Mittag, als er im Gebet zu diesen Worten kam: ,Herr in Erbarmen...‘.

 

Die Angabe „am Mittag“ verweist auf eine feste Zeit, in der dieses Gebet verrichtet wurde. Es scheint, als setzte der Autor das Wissen des Lesers über jenes tägliche Gebet am Mittag voraus. Ansonsten hätte er uns zuvor nicht in Unkenntnis darüber gelassen, warum Jesus vom Oliven Sammeln auf einmal ins Gebet geht. Es wird kein äußerer Anlass hierfür geliefert. Luigi Cirillo und Michel Frémaux bemerken  in ihrer französischen Ausgabe des Barnabasevangeliums mit Verweis auf Tertullians De oratione, dass die ersten Christen drei tägliche Gebetszeiten zur dritten, sechsten und neunten Stunde kannten. Tertullian bekundet zu den drei erwähnten noch zwei weitere Gebetszeiten zu Beginn des Tages und der Nacht. Letztere bezeichnet er sogar als „pflichtmäßig“, was den drei anderen dementsprechend eine gewisse Freiwilligkeit einräumt (vgl. Tertullian: De oratione, Kap. 25). Hierbei entspräche das Gebet zur sechsten Stunde der Zeit „am Mittag". Denn es handelt sich nicht um die heutige Stundenzählung, also 3 Uhr, 6 Uhr oder 9 Uhr, sondern um halachische Stunden. Der Tag bzw. die Nacht wird in 12 gleiche Abschnitte geteilt, so dass eine halachische Stunde keine 60 Minuten lang sein muss. Dauert der Tag z.B. nur acht Stunden, so ist eine halachische Stunde 40 Minuten lang (8 x 60 Minuten / 12). Die Zählung beginnt mit Sonnenaufgang (Tag) bzw. -untergang (Nacht). Die sechste Stunde des Tages ist somit immer in der Mitte, also mittags.

In dem von Cirillo und Frémaux erwähnten Werk De oratione („Über das Gebet“) zitiert Tertullian aus dem Buch Daniel, wo der Prophet, wie Tertullian schreibt, „gemäß dem Gebrauche des Volkes Israel“ (De oratione, Kap. 25) drei tägliche Gebetszeiten einhielt. Die Stelle bei Daniel lautet:

 

Und er hatte in seinem Obergemach offene Fenster gegen Jerusalem hin; und dreimal des Tages kniete er auf seine Knie und betete und lobpries vor seinem Gott, wie er vordem getan hatte. (Dan 6,11)

 

Die ersten Christen haben also, wie es scheint, die drei täglichen Gebete aus dem Judentum übernommen. Bei den Christen ging dieser Brauch später verloren. Nicht so bei den Juden. Sie beten bis heute dreimal täglich zu festgeschriebenen Zeiten: am Morgen (Schacharit), am Nachmittag (Mincha) und am Abend (Maariv).

 

Das zentrale Gebet in allen drei Gebeten ist das Schmone-Esreh, das „Achtzehnbittengebet“. Es wird auch als Amida bezeichnet, weil es im Stehen verrichtet wird, oder auch – wegen seiner zentralen Bedeutung – einfach Tefilah („Das Gebet“) genannt. Es ist in seiner Relevanz dem Vaterunser der Christen oder der Sure al-Fatiha der Muslime vergleichbar. Die Formulierung des Barnabasevangeliums „als er im Gebet zu diesen Worten kam“ deutet darauf hin, dass der Autor dieses Gebet als allseits bekannt voraussetzt. Es wäre also möglich, dass es sich hierbei um das jedem Juden geläufige Schmone-Esreh handelt. Der Anfang der 16. Bitte lautet hwhy ~xr „Erbarmen HERR“, was der Formulierung des Barnabasevangliums „HERR in Erbarmen“ sehr nahe kommt. Doch wurde das Schmone-Esreh überhaupt schon zu Jesu Zeiten gebetet? Denn die erste schriftliche Bezeugung des genauen Gebetstextes stammt aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. Die Themen der einzelnen Segnungen sind jedoch schon in der schriftlichen Fixierung der mündlichen Tora, der Mischnah, belegt. Diese wurde während der römischen Belagerung Israels begonnen und nach der Zerstörung des zweiten Tempels unter der Leitung von Rabbi Gamaliel II. abgeschlossen (vgl. Shemuel Safrai/ Menahem Stern (Hrsg.): The Jewish People in the First Century, Volume Two: Historical Geography, Political History, Social, Cultural and Religious Life and Institutions. 1976: Fortress Press, 196). Davor existierte das Gebet schon in nicht schriftlich fixierter Form. In einem Mischnah-Traktat zum Buch Esther, der Megillah („Buchrolle“), werden die Segnungen auf die Propheten Esra und Nehemia zurückgeführt. Dort heißt es:

 

120 Weise, darunter einige Propheten, verfügten 18 Segnungen in einer bestimmten Reihenfolge. (Megillah 17b)

 

Das Sifre Deuteronomium, ein Midrasch-Kommentar zum 5. Buch Mose, schreibt sie sogar den altvorderen Propheten zu:

[D]ie achtzehn Segnungen, von denen die frühen Propheten bestimmten, dass sie täglich von Israel rezitiert werden sollen.(Reuven Hammer: Sifre: A Tannaitic Commentary on the Book of Deuteronomy. Yale: Yale University Press 1986, 352)