Die Perikope von der Sünderin

 im Barnabasevangelium(vgl. Joh 7,53–8,11)

von Raimundus Lullus (Pseud.) © 2014

 

Pieter Bruegel d. Ä.: Christus und die Ehebrecherin (1565)
Pieter Bruegel d. Ä.: Christus und die Ehebrecherin (1565)

[Entnommen aus: Raimundus Lullus (Pseud.): Vermächtnis der Nazaräer. Eine textanalytische und historische Würdigung des Barnabasevangeliums (In: Das Barnabasevangelium. Lympia/Nikosia: Spohr Verlag 32014, 11–41), 19–22.]

 

Auch in den Standard-Bibeln findet sich die Geschichte der Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, da der berühmte Satz fällt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (vgl. Joh. 8,1 ff.), dort allerdings mit erklärenden Anmerkungen versehen, da dieses Gleichnis in den bekanntesten der älteren Handschriften gar nicht vorkam. Die frühesten physischen Zeugen für die „Perikope Adultera“, die Codices Bezae und Palatinus, reichen ins 5. Jhdt. n. Chr. zurück und entstammen dem westlichen Teil des Imperium Romanum. Um den Bruch einer künstlichen Einfügung ins Johannes-Evangelium zu mildern, war ihr der Vers „Dann gingen alle nach Hause“ (Joh. 7,53) vorangestellt worden. Das älteste Zeugnis des Gleichnisses liefert Eusebius, der von 300 n. Chr. an Bischof der palästinischen Stadt Cäsaräa war, in deren berühmten Bibliothek sich gemäß seinem Zeugnis auch das Hebräer-Evangelium befunden hatte. Eusebius schreibt in seiner Kirchengeschichte, Papias habe in seiner (fünfbändigen) Auslegung der Worte des Herrn die Geschichte einer Frau erzählt, „die vor dem Herrn angeklagt wurde“, eine Geschichte, welche „auch im Hebräer-Evangelium“ vorkomme. Das heißt, Eusebius kennt zwei verschiedene Quellen des Gleichnisses von der Sünderin, den Papias-Kommentar und das Hebräer-Evangelium. Aus einer späteren Mischung des in beiden Werken enthaltenen Materials läßt sich die erstaunlich große Anzahl überlieferter Varianten dieses Gleichnisses verstehen. Dies führt zu der Frage, anhand welcher Merkmale wir die beiden Ursprungsversionen, die Papias-Perikope und die Hebräer-Perikope voneinander unterscheiden können, da beide Werke seit Jahrhunderten verschollen sind und wir nur je ein rundes Dutzend ihnen zugeschriebener Passagen kennen. Die Auslegung der Herrenworte wurde vom Nichtjuden Papias um 120 n. Chr. für nichtjüdische Christen in griechischer Sprache verfaßt. Papias war Schüler des Apostels Johannes und soll sogar dessen Evangelium niedergelegt haben. Im längsten von ihm erhaltenen Fragment zeigt sich seine Neigung zu phantasievoller Ausschmückung. Bei ihm erscheinen die Ereignisse nicht in chronologischer Reihenfolge. Das Hebräer-Evangelium, laut Papias vom Jünger Matthäus niedergelegt, enthielt zusätzlich zu einem auch aus kanonischen Evangelien bekannten Material Aussagen, die sich auf das jüdische Gesetz beziehen und daher für paulinische Christen von geringem Interesse waren. Sein Text war kompakt und ohne Weitschweifigkeit. Es war in der Sprache Jesu, einem hebräisch gefärbten Aramäisch, verfaßt und schilderte die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge, nichtjüdischen Christen war es meist nur dem Namen nach bekannt. Die Schreiber der meisten Bibelhandschriften waren sich der richtigen Position der Erzählung von der Sünderin innerhalb der Biographie Jesu offenbar nicht bewußt gewesen, anders es nicht zu verstehen ist, daß sie sie konstant an falscher Stelle eingefügt hatten. Für sie alle scheidet das Hebräer-Evangelium deshalb als Quelle aus, in welchem die Perikope in den natürlichen Verlauf der Geschichten eingebettet gewesen sein mußte. Wahrscheinlich bezogen die Schreiber ihre Kenntnis des Gleichnisses von der Sünderin deshalb aus dem Papias-Kommentar, der, im Unterschied zum durchgängigen Handlungsstrang eines Evangeliums, nicht chronologisch geordnet war.In der Codex Bezae-Version unseres Gleichnisses von der Sünderin finden wir eine Erweiterung, die ein Licht auf den Adressaten dieser Überlieferung wirft, wo es, wie auch in Joh. 8,9, heißt: „Jeder einzelne der Juden ...“. Gehen wir davon aus, daß die Episode im Vorhof des Tempels spielt, deren Zutritt Nichtjuden bei Todesstrafe verboten war, so wird klar, daß nur ein an Nichtjuden gerichteter Text wie der Papias-Kommentar die Juden explizit erwähnen würde, was aber nicht für das allein an jüdische Gläubige adressierte Hebräer-Evangelium gilt. Nun gibt es eine interessante Gruppe von Handschriften („Ferrar-Gruppe“ MSS 13, 69, 124, 346, 543, 788, 826, 828, 983), welche die Perikope von der Sünderin statt im Johannes-Evangelium im Lukas-Evangelium haben. Die Ferrar-Gruppe von Handschriften zeichnet sich durch archaische Sonderlesarten aus. Viele Handschriften der „f13“-Gruppe stammen aus Süditalien, wo sich in schwer zugänglichen Gebieten ein von Rom unabhängiges Christentum unter orthodoxem Tarnmantel bis weit ins Mittelalter hinein behaupten konnte. In einigen Klöstern Kalabriens, die noch bis ins 10. Jhdt. hinein arianisch blieben, waren zahlreiche seltene Schriften wie z. B. die Clementinischen Homilien konserviert worden. Wir gehen davon aus, daß sie dort im chronologischen Ablauf an der richtigen Stelle im Zusammenhang nämlich des letzten Besuches Jesu in Jerusalem steht. Dort heißt es: „Und am Tage pflegte er im Tempel zu lehren und in der Nacht hinauszugehen und zu übernachten auf dem Berge, welcher der Ölberg genannt wird. Und alles Volk zog frühmorgens zu ihm zum Tempel, daß sie ihn hörten.“ Hier folgt in den Handschriften der Ferrar-Gruppe die „Geschichte von der Sünderin“ (Lk. 21,37 f.). Und nun der Anfang der Perikope, wie er heute in Joh. 8,1 f. steht: „Jesus ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.“ Wie man sieht, überlappen sich der Anfang der Perikope und Lk. 21,37 f. Das Barnabas-Evangelium (Kap. 201) hat die Perikope von der Sünderin an derselben Position wie die Manuskripte der Ferrar-Handschriften, nämlich am Ende von Jesu Verkündigung. Das heißt, sein Autor kannte ihre richtige Position im Lebenslauf Jesu, und zwar, wie wir annehmen können, aus dem Hebräer-Evangelium. Eine weitere und sehr interessante Gemeinsamkeit zwischen den Manuskripten der Ferrar-Gruppe und dem Barnabas-Evangelium ist hinsichtlich der Sünderin-Perikope die Zusatzinformation, daß die Ältesten ihre eigenen Sünden auf dem Boden lesen konnten. Diese Besonderheit fehlt in den vielen Manuskripten, welche die Episode aus Papias ins Johannes-Evangelium eingefügt haben. Dort steht nur: „Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ (Joh. 8,6) Auch der älteste Zeuge der Perikope, der Codex Bezae, sonst für Zusätze berühmt, weiß nur, daß Jesus auf die Erde schrieb. Offenbar fehlte in der dort verwendeten Version des Papias-Kommentars ein wichtiges Detail, ohne das die Handlung Jesu des Schreibens auf dem Boden unverständlich bleiben muß. Erst aus dem Barnabas-Evangelium (Kap. 201) erfahren wir die genauen Umstände, die jene Handlung Jesu überhaupt verstehen lassen, wo es heißt: „Da beugte Jesus sich hinunter und machte mit dem Finger einen Spiegel auf den Boden, in dem ein jeder seine eigenen Verfehlungen sah. Da sie weiter auf eine Antwort drängten, erhob sich Jesus und sagte, indem er mit dem Finger auf den Spiegel zeigte: „Wer von euch ohne Sünde ist, der soll der erste sein, sie zu steinigen.“ Und erneut beugte er sich hinunter und formte den Umriß des Spiegels. Als die Männer dies sahen, gingen sie einer nach dem anderen hinaus ...“. Ein Anklang dieses Motivs findet sich beim späten Hieronymus, der das Hebräer-Evangelium vielfach zitiert und es nach eigenen Angaben auch übersetzt hat, wo es heißt: „Keiner der Ankläger der beim Ehebruch erwischten Frau waren ohne Sünde. Christus schrieb deren Namen auf die Erde.“ (Schriften gegen die Pelagianer (2,17)) Und in der ältesten armenischen Bibelhandschrift heißt es: „Eine gewisse Frau wurde in Sünden aufgegriffen, gegen die alle bezeugten, daß sie den Tod verdiene. Sie brachten sie zu Jesus, um zu sehen, was er befehlen würde, um ihn dann zu verdammen. Jesus antwortete und sprach: ‚Kommt ihr, die ihr ohne Sünde seid, werft Steine und steinigt sie zu Tode.‘ Aber er selbst, seinen Kopf beugend, schrieb mit dem Finger auf die Erde, um ihre Sünden zu verkünden. Und sie sahen ihre vielfältigen Sünden auf den Steinen. Aber sie, erfüllt von Scham, gingen weg, und niemand blieb als allein die Frau. Sagte Jesus: ‚Geh in Frieden und bringe das Opfer für Sünden, wie es in ihrem Gesetz steht.‘“ (Codex Edschmiadzin (892 n. Chr.)) Schon der Entdecker des Manuskripts F. C. Conybeare und sein berühmter Freund F. C. Burkitt bescheinigten dieser Version einen entschieden altertümlichen Geist. Was sie mein-ten, waren wohl die Erwähnung des Gesetzes, das hebraisierende „und“ sowie das semitische „antwortete und sprach“. Die wörtliche Rede Jesu erweckt mehr als im Standardtext den Eindruck gesprochener Sprache. Daß sie nur „in Sünden“ aufgegriffen wird, ohne daß das Wort „Ehebruch“ dabei fiel, entspricht dem Wortlaut der Perikope in der syrischen Didaskalia aus dem frühen dritten Jahrhundert, wo sie uns in der kürzesten Version begegnet. Bei keiner anderen Version der Perikope von der Sünderin liegt eine direkte Abstammung vom Hebräer-Evangelium derart nahe wie bei Codex Edschmiadzin. Zusammenfassend können wir sagen: Zwei Dinge sind es, die dafür sprechen, daß die Erzählung von der Sünderin des Barnabas-Evangeliums ihren Ursprung im Hebräer-Evangelium hat. Zum einen hat das Barnabas-Evangelium die Perikope von der Sünderin an derselben Stelle wie NT-Handschriften der Ferrar-Gruppe. Ihr Autor oder Redaktor kannte also die richtige Position der Perikope im Lebenslauf Jesu, und zwar am wahrscheinlichsten aus dem Hebräer-Evangelium, wo sie Eusebius zufolge einst gestanden hat. Zum anderen enthalten sowohl die Handschriften der Ferrar-Gruppe als auch das Barnabas-Evangelium in der Sünderin-Perikope jenes Detail, daß die Schriftgelehrten ihre eigenen Sünden auf dem Boden sehen können. Diese Besonderheit ist in keiner der vielen Manuskripte, welche die Episode ins Johannes-Evangelium eingefügt haben, erwähnt. Vermutlich fehlte sie in der dort verwendeten Version des Papias-Kommentars, während sie, wie der Codex Edschmiadzin zeigt, im Hebräer-Evangelium enthalten gewesen war. Und in der Schilderung des besprochenen Details des Spiegels, in dem die Sünden erkannt werden, übertrifft das Barnabas-Evangelium alle anderen genannten alten Quellen an Genauigkeit und Plausibilität, was für die größere Ursprünglichkeit des Textes und seine Abstammung aus dem Hebräer-Evangelium spricht.