BARNABAS UND MATTHIAS

Auszug aus Rodney Blackhirst (2000), "Was there an ancient Gospel of Barnabas?", in: Journal of Higher Critcism 7/1, 1–22

(aus dem Englischen von Daniel Erhorn 2017)


In zwei alten Kirchenindexen wird ein "Evangelium nach Barnabas" mit einem "Evangelium nach Matthias" gepaart. Hier sind Auszüge aus beiden Listen, um dies zu verdeutlichen:


1. Decretum Gelasianum:

Petrusakten (überliefert)
Philippusakten (überliefert)
Evangelium nach Matthias (nicht überliefert)
Evangelium nach Barnabas (nicht überliefert)
Evangelium nach Jakobs, dem Jüngeren (vermutl. Protevangelium)
Evangelium nach Petrus (Fragmente erhalten)

 

 

 

2. Verzeichnis der Sechzig Bücher:

Lehren von Clemens - Apostolische Konstitutionen (überliefert)
Lehren von Ignatius (überliefert: Briefe)
Lehren von Polycarp (überliefert: Briefe)
Evangelium nach Barnabas (nicht überliefert)
Evangelium nach Matthias (nicht überliefert)

 


Dies deutet darauf hin, daß beide Notitzen eine Verbindung haben, wobei dann die ältere von der jüngeren abhängig wäre, oder daß sie von derselben Quelle abhängen, oder wenn die Notizen wirklich unabhängig voneinander waren, legt dies nahe, daß das Evangelium nach Barnabas mit dem Evangelium nach Matthias zusammen überliefert wurde, sodaß beide Werke so etwas wie eine zusammengehörige Tradition darstellten. Die doppelte Bezeugung in beiden Kirchenindexen spricht hierbei sicherlich für die Existenz einer solchen Tradition und somit für die Existenz eines antiken Barnabasevangeliums. Es gibt dafür zwar keine Hinweise in den überlieferten Fragmenten des Matthiasevangeliums, doch deuten andere Tatsachen darauf hin. Warum, so fragen wir uns, wurden beide Evangelien beide Male zusammen gruppiert? Warum diese beiden Namen, und in beiden Listen? Warum Barnabas und Matthias?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir das komplexe Gewirr aus Assoziationen zwischen gewissen Charakteren mit ähnlichen Namen in den uns überlieferten Quellen betrachten. Matthias ist nach der Apostelgeschichte derjenige, welcher bei der Wahl eines neuen Jüngers nach dem Selbstmord von Judas Iskariot einen gewissen „Barsabbas“ besiegte. Die ebionitischen Clementinen berichten jedoch, daß dieser „Barsabbas“ tatsächlich Barnabas waren und daß Barnabas Matthias bei der Wahl besiegte. Die Paarung der Namen Matthias und Barnabas in den Listen erinnert an diese Namensverwirrungen und Assoziationen. Sie erinnert aber auch  besonders an die Clementinen, welche dem Bericht der Apostelgeschichte über Matthias und Barsabbas wiedersprechen.

 

Das ist ein interessanter Punkt für sich, sollte aber noch in einem breiteren Kontext betrachtet werden. Die Namen Barnabas und Matthäus sind eng miteinander verknüpft. Nach orthodoxer Überlieferung waren sowohl Barnabas als auch Matthäus Leviten und gehörten zu den führenden Juden der frühen Kirche. Barnabas wird hierbei tatsächlich auch eine wichtige Rolle bei der Überlieferung des Matthäusevangeliums zugesprochen Es wäre dem Barnabas zu verdanken gewesen, so heißt es, daß das hebräische Matthäusevangelium bewahrt und übermittelt wurde. Die diesbezüglichen Traditionen finden sich in den spätantiken Barnabasakten. Barnabas, so wird uns dort gesagt, habe angeblich "Dokumente von Matthäus" – man beachte den Plural – sowohl zur Predigt als auch zur Heilung erhalten:

 

Und als wir nach Salamis hineingingen, kamen wir zu der Synagoge in der Nähe des "Biblia" genannten Ortes. Und als wir hineingegangen waren, begann Barnabas, nachdem er das Evangelium, welches er von Matthäus, seinem Mittreiter (συνεργóς), empfangen hatte, ausrollte, die Juden zu lehren.

 

 

Timon hatte starkes Fieber, doch als wir unsere Hände auf ihn legten, indem wir dabei den Namen unseres Herrn Jesu aussprachen, verschwand sein Fieber sofort. Barnabas hatte Dokumente von Matthäus empfangen, ein Buch des Wortes Gottes (φωνή του Θεο), in dem schriftliche Aufzeichnungen über die Wunder und Lehren [Jesu] enhalten waren. Dieses legte Barnabas an allen Orten, zu denen wir kamen, den Kranken auf, und es führte unmittelbar zur Genesung ihrer Leiden.

 
Bei seinem Tode rettete der vermeintliche Autor der Barnabasakten Johannes Markus das Evangelium des Matthäus und verbarg es:

Wir kamen an einen Ort, an dem die Jebusiter einst lebten, und an dem wir eine Höhle fanden, in die wir sie legten. Wir versteckten sie an einem geheimen Ort, zusammen mit den Dokumenten, die er von Matthäus erhalten hatte. Es war aber die vierte Stunde der Nacht am zweiten Tag der Woche.

 
Eine spätere Tradition berichtet, daß, als der Leichnam des Barnabas wiederentdeckt wurde, umklammerte er diese verborgene Kopie des Matthäusevangeliums auf seiner Brust. In einigen Versionen der Geschichte wurden sowohl das Buch als auch sein Körper auf wundersame Weise bewahrt (vgl. Alexander Monachus: Laudatio Barnabae).


Matthias / Matthäus / Barsabbas / Barnabas – es ist offensichtlich, daß unsere vorhandenen Quellen verstümmelte Versionen einer gemeinsamen tieferen Traditionsschicht darstellen, welche beide Namen umfaßten. Die beiden Listen, welche beide Evangelien zusammen gruppieren, haben offenbar an derselben Tradition teil. Die Gruppierung von Matthias zusammen mit Barnabas erinnert uns an Matthias und Barsabbas in der Apostelgeschichte, die uns an Matthias und Barnabas in den Clementinen erinnern, und beide wiederum erinnern uns an Matthäus und Barnabas in anderen Quellen. Bemerkenswerterweise finden wir auch im mittelalterlichen Barnabasevangelium diese Verbindung bezeugt. In der Liste der Jünger, die in Kapitel 14 des Werkes (in beiden Manuskripten) angeführt wird, erwähnt sich der vermeintliche Autor Barnabas als "der, der dies mit Matthäus schreibt".

Die Jünger sind gemeinhin in Paaren gruppiert. In den kanonischen Listen ist Matthäus mit Thomas gepaart. Im mittelalterlichen Barnabasevangelium ist Barnabas mit Matthäus gepaart und Thomas wird weggelassen. Die Vorstellung, daß Barnabas einer der Zwölf war, wie es in dem mittelalterlichen Werk erscheint, erinnert an den ebionitischen Anspruch, daß Barnabas Matthias für die von Judas freigewordene Position besiegt habe. Folgt der Autor des mittelalterlichen Barnabasevangeliums dem Neuen Testament und gruppiert zwei Leviten zusammen (wobei Matthias und Matthäus austauschbar sind) oder deutet die Gruppierung von "dem, der dies
 mit Matthäus schreibt" auf eine tiefere Verbindung beider Namen hin, zumal diese beiden Namen mit der Überlieferung des ursprünglichen "jüdischen Evangeliums" verbunden waren?

 


DAS RÄTSEL UM  TIRO, NAHE DES JORDAN

von Rodney Blackhirst, Melbourne

(aus dem Englischen von Daniel Erhorn 2017)


Tyrus jenseits des Jordan, das heutge "Iraq al-Amir" in Jordanien
Tyrus jenseits des Jordan, das heutge "Iraq al-Amir" in Jordanien

Im Barnabasevangelium gibt es eine merkwürdige Erwähnung eines Ortes namens "Tiro, in der Nähe des Jordan", der auch als "in einem verlassenen Teil der Wüste" beschrieben wird. Die Stelle aus Kapitel 99 des Barnabasevangeliums lautet wie folgt:

 

Nachdem sich Jesus in einen verlassenen Teil der Wüste in Tiro in der Nähe des Jordan zurückgezogen hatte, versammelte er die Zweiundsiebzig sowie die Zwölf, und als er sich auf einen Stein niedergelassen hatte, hieß er sie, sich zu ihm zu setzen [...]

Zunächst könnte man fragen, ob es sich hierbei nicht einfach um einen Fall mangelnder geographischer Kenntnisse seitens des Verfassers des Barnabasevangeliums handelte, indem er die örtliche Lage des biblischen Tyrus nicht kennt (Die mangelnde Kenntnis der Geographie Palästinas ist ein beliebtes Argument, um das Barnabasevangelium als plumpe mittelalterliche Fälschung zu entlarven – Anm. d. Übers.). Doch dies kann nicht der Fall sein, weil Jesus in Kapitel 21 des Barnabasevangeliums, wie in den kanonischen Evangelien, Tyrus und Sidon besucht (im Italienischen hier auch "Tiro" geschrieben – Anm. d. Übers.), so daß es ziemlich klar scheint, daß der Autor hier ein anderes Tyrus im Sinn hat als die nördliche Küstenstadt. Aber welchen Ort könnte er meinen? Alles, was er uns verrät ist:

 

(a) Es heißt Tiro (=Tyrus)

 

(b) Es befindet sich in einem verlassenen Teil der Wüste (Hierunter

verstehe ich das niedere Jordantal, wo dieses unter das Niveau des Meeresspiegels sinkt)

 

(c) Es befindet sich nahe des Jordan

 

Der Kontext der Ereignisse, welche an diesem Ort stattfinden, ist die Unterweisung der Jünger und ihre Vorbereitung auf ihre Mission in Kapitel 126. Die Tiro-Episode zieht einen langen Abschnitt nach sich, der sich  mit der Belehrung der Jünger Jesu befaßt (Kapitel 99–126). Zudem müssen wir anmerken, daß Jesus und seine Jünger sich in der Folge des in Kapitel 91f. beschriebenen Kriegs nach Tiro zurückziehen. Die ganze Rahmenhandlung dieses Abschnitts (Kapitel 97–126) ist folgende:

 

1. Krieg und Aufruhr in Judäa (inklusive der Szenen, in denen ein

    Disput mit Jesus – als Josua redivivus – am Jordan stattfindet

 

2. Jesus führt seine Jünger nach Tiro und unterweist sie

 

3. Jesus sendet seine ordnungsgemäß instruierten Jünger zurück

    nach Judäa

 

Ein Ort, der mit dieser Beschreibung übereinstimmt, findet sich in Josephus’ Altertümern. Und ich weiß nicht, ob schon auf diese Tatsache hingewiesen wurde. Ich habe es zumindest innerhalb der englischsprachigen Literatur nicht finden können. Der Kontext bei Josephus sind Streitigkeiten zwischen den Hasmonäern in der zwischentestamentarischen Zeit: Johannes Hyrkanos wurde gezwungen, sich in einer Festung namens Tyrus in der Wüste jenseits des Jordan zurückzuziehen. Hier Josephus’ Beschreibung:

 

Hyrkanos entschloß sich, nicht mehr nach Jerusalem zurückzukehren, sondern sich jenseits des Jordan niederzulassen, und war im ständigen Krieg mit den Arabern [...] Er baute auch eine starke Festung [...] und [...] nannte sie Tyrus. Dieser Ort ist zwischen Arabien und Judäa, jenseits des Jordan, nicht weit entfernt vom Lande Hesbon. (vgl. Josephus: Altertümer 12,4,11)

 

Wenn wir nach einem Tiro (oder Tyrus etc.) "in einem verlassenen Teil der Wüste in der Nähe des Jordan" suchen, dann muß diese Festung des Hyrkanos als ein guter Kandidat betrachtet werden. Es ist ein Ort mit einem sehr ähnlichen Namen in mehr oder weniger genau derselben Gegend. (Man könnte noch anmerken, daß Hyrkanos sich hierhin zurückzieht, um sich neu zu ordnen, wie Jesus im Barnabasevangelium dies tut. Dies ist ein historisch zutreffendes Motiv. Verschiedene jüdische Gruppen haben sich zu verschiedenen Zeiten der nachexilischen Geschichte jenseits des Jordan zurückgezogen und ihre Männer in der Wüste neu aufgestellt und trainiert, um so ihren Teil am Heiligen Land zurückzuerobern – gleichsam in den Fußstapfen des Josua. Dies ist besonders ein Leitmotiv der jüdischen Militärtaktik seit den Makkabäern.)

 

[...] Weitere Untersuchungen ergaben, daß "Tiro nahe des Jordan"  – das nach Josephus nicht weit von Hesbon liegt – auch schon eine Stadt zur Zeit der Wiederherstellung Israels war. Sie liegt nicht weit von der traditionellen Exodusroute und war der Stammsitz der Tobiaden. In manchen Quellen wird sie als ein alternativer Tempel zu Jerusalem betrachtet. Heute heißt dieser Ort "Iraq al-Amir" ( ="Höhlen der Prinzen"). [...]


Mit dem Schiff nach Nazareth? 

Einige Bemerkungen zu einem geographischen Fehler im Barnabasevangelium


Das Barnabasevangelium berichtet uns in Kapitel 20, dass Jesus am See Genezareth ein Schiff nach Nazareth nimmt, was unmöglich scheint, da Nazareth gar nicht am Ufer des Sees liegt:

 

Jesus ging zum See von Galiläa und nahm ein Schiff in Richtung Nazareth, seiner Stadt.

 

Rodney Blackhirst machte zu diesem Problem folgende interessante Bemerkung:

 

Wir haben keine Kenntnis darüber, wo ein Ort namens Nazareth überhaupt lokalisiert war. Es gibt keine Aufzeihchnungen über einen solchen Ort außerhalb des Neuen Testaments. Seine heute angenommene Lokalisierung wurde erst Jahrhunderte später im 4./5. Jhd. n. Chr. von Kaiserin Helena festgelegt [der Mutter Kaiser Konstanins]. Tatsächlich ist es höchst wahrhscheinlich, daß die ganze Erwähnung einer solchen Stadt ein falsches Verständnis einer Tradition war, die Jesus einen "Nazarener" nannte (und er deswegen aus einem Ort stammen müsse, der "Nazareth" geheißen habe – eine falsche Etymologie). Zu behaupten, daß der Autor des Barnabasevangeliums nicht wußte, wo Nazareth lag, ist daher kein Argument, weil auch sonst niemand sicher weiß, so es wirklich gelegen hat. Vielmehr begeht das Barnabasevangelium diesen "Fehler", indem es der biblischen Unsicherheit folgt, ob Jesus in Nazareth oder Kapernaum lebte.

(Entnommen im Jahre 2003 von Blackhirsts Homepage über das Barnabasevangelium, die mittlerweile offline ist. Dier damalige Link lautete:

http://www.bendigo.latrobe.edu.au/sae/arts/barnabas/Entry.html)

 

Die Information, daß Jesus sowohl in Nazareth als auch in Kapernaum lebte, findet sich in Mt 4,13:

 

Und er verließ Nazareth und kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt, in dem Gebiet von Zabulon und Nephtalim.

 

Einige Kapitel später heißt es dann genau wie im Barnabasevangelium:

 

Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt. (Mt 9,1)

 

Wenn im Barnabasevangelium also berichtet wird, daß Jesus zum See Genezareth ging und ein Schiff nahm, um in "seine" Stadt zu fahren, so könnte hier ursprünglich gar nicht an Nazareth, sondern Kapernaum gedacht gewesen sein, das am Ufer des Sees liegt. Man muss also aus diesem geographischen Fehler nicht sofort auf eine Unkenntnis des Autoren schließen, sondern auch die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass ein späterer Kopist, Übersetzer oder Redaktor des Barnabasevangeliums an dieser Stelle die ungenaue Formulierung "seine Stadt" durch den Zusatz "Nazareth" (falsch) konkretisierte.

Jesus und seine Jünger im Boot auf dem See Genezareth (Relief, Vatikan)
Jesus und seine Jünger im Boot auf dem See Genezareth (Relief, Vatikan)