Zwischen Wissenschaft und Apologetik

 

Einige Anmerkungen zur Befangenheit westlicher Gelehrter in Bezug auf das Barnabasevangelium

 

von Daniel Alexander Erhorn (2019)

 

 

Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an der Skepsis zu zweifeln.

 

Sigmund Freud, Traum und Okkultismus

 

 

Die Debatte um das Barnabasevangelium ist seit jeher von apologetischen Kräften (christlicher und muslimischer Herkunft) geprägt. Dieser religiöse Eifer findet seinen Niederschlag bis in wissenschaftliche Publikationen hinein. Über die Befangenheit der islamischen Gelehrten in Bezug auf dieses Thema brauchen wir hier nicht zu reden. Es ist verständlich, dass den Muslimen in der Regel für eine objektive Beurteilung des Textes das nötige Wissen in christlicher Theologie, vor allem in neutestamentlicher Textkritik, fehlt.  Von seiten der christlichen Forscher könnte man jedoch zumindest eine gewisse Hoffnung auf eine saubere historisch-kritische Analyse des Evangeliums hegen. Doch werden wir auch hier weitestgehend enttäuscht. Jan Slomp bekannte in seinem Artikel "The Gospel in Dispute" von 1978 offen und ehrlich seine diesbezügliche Befangenheit:

 

Als ein überzeugter Christ bin ich mir darüber bewußt, wie wichtig es ist, die vier Evangelien, welche die Kirche als authentisches Zeugnis Jesu Christi empfangen hat, ernstzunehmen. [...] Wenn ich es (das Barnabasevangelium - D.A.E.) ernst nähme, würde dies bedeuten, unsere christliche Tradition nicht ernst zu nehmen, und für mich als Pastor, gegen mein priesterliches Gelübde zu verstoßen.

(Jan Slomp, "The Gospel in Dispute", in: Islamochristiana 4 (1978), 67–112, 68)

 

Doch nicht jeder beteiligte Forscher kann – oder will – seine religiöse Befangenheit so reflektieren wie Slomp. Ein besonders deutliches Gegenbeispiel stellt die Behandlung des Barnabasevangeliums in Christine Schirrmachers Doktorarbeit von 1991 dar (vgl. Christine Schirrmacher, Mit den Waffen des Gegners. Christlich-Muslimische Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel der Auseinandersetzung um Karl Gottlieb Pfanders ‘mizan al-haqq‘ und Rahmatullah Ibn Halil al-‘Utmani al-Kairanawis ‘izhar al-haqq‘ und der Diskussion über das Barnabasevangelium. Islamkundliche Untersuchungen 162. Klaus Schwarz Verlag: Berlin, 1992). Beim Studium ihrer Argumente bekommt man schnell den Eindruck, daß sich die damalige Doktorandin, die heute als habilitierte Islamwissenschaftlerin an der Universität Bonn lehrt, nicht nur nicht objektiv mit den Problemen dieses Evangeliums auseinandersetzt, sondern ihre Thesen ohne tiefere Textanalyse lanciert. So wird etwa behauptet, daß Jesus im Barnabasevangelium nicht von David abstamme, und dies als ein Beleg für eine nicht-christliche Herkunft des Evangeliums herangezogen, da ja die Abstammung von David „in der Bibel eine klar bezeugte Aussage“ sei (Schirrmacher, 254). Die davidische Abstammung Jesu wird jedoch im Barnabasevangelium überhaupt nicht geleugnet. Ganz im Gegenteil. Bereits im ersten Satz des ersten Kapitels lesen wir:

 

In diesen letzten Jahren wurde eine Jungfrau namens Maria aus dem Geschlecht Davids vom Stamme Juda von Gottes Engel Gabriel besucht.

 

Offenbar hat Prof. Schirrmacher die Aussage des Barnabasevangeliums, daß der Messias nicht aus dem Stamm David komme, fälschlicherweise auf Jesus bezogen – ein für eine gelobte Dissertation ungebührlicher Fehler.

Ein weiteres Beispiel einer solchen oberflächlichen Behandlung des Stoffes ist Prof. Schirrmachers Vermutung, daß die in EvBarn 92 erwähnten "40 Tage", die Jesus mit seinen Jüngern auf dem Berg Sinai verbrachte, auf die vierzigtägige christliche Fastenzeit anspielten, die „erst im vierten Jahrhundert n. Chr. eingeführt“ wurde (Schirrmacher, 258). Doch wie dieser Stelle zu entnehmen ist, vollzieht Jesus mit seinen Jüngern eine Wiederholung des vierzigtägigen Aufenthalts des Moses auf dem Berg Sinai (vgl. Ex 16,35). Dies wird an einer anderen Stelle des Evangeliums bestätigt, wo Jesus sagt:

 

Und so waren wir, Moses und Elias und noch ein anderer, vierzig Tage und vierzig Nächte lang ohne Speise.

(EvBarn 83)

 

Hier reiht sich Jesus hinter Moses und Elias ein, welche beide die 40 Tage auf dem Sinai verbrachten (vgl. 1 Kön 19,8). Wir haben es also gar nicht mit einer Anspielung auf die vierzigtägige christliche Fastenzeit zu tun, sondern mit einer Referenz auf die 40 Tage, die Moses mit den Siebzig Ältesten auf dem Sinai verbrachte. Erneut hätte eine etwas sorgfältigere Analyse der Autorin diese falsche Einordnung vermieden. Wir könnten noch einige weitere Beispiele dieser Art anführen, was den Leser jedoch wahrscheinlich ermüden würde. Wir verweisen daher für ein weiterführendes Studium auf Schirrmachers Arbeit selbst.

 

Auch über ihre Dissertation hinaus offenbart Prof. Schirrmacher ihre religiöse Befangenheit, wenn sie die in ihrer Dissertation zumindest noch ansatzweise referierten Argumente für einen antiken Ursprung des Barnabasevangeliums (vgl. hier) in ihrem Informationsblatt zum Thema "Barnabasevangelium" des von ihr geleiteten "Instituts für Islamfragen" den interessierten Lesern vollständig vorenthält (Vgl. https://www.islaminstitut.de/2004/wurde-das-wahre-evangelium-christi-gefunden/). Die Befangenheit dieser Institution, die sich durch den Titel "Institut" einen wissenschaftlichen Anstrich gibt, wird schon dadurch offenbar, daß seine Trägerin das evangelikale Netzwerk "World Evangelical Alliance" ist.

Ob Prof. Schirrmachers Arbeitsweise in puncto "Barnabasevangelium" nun bewußt oder unbewußt geschieht, sei dahingestellt. Jeder sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, daß die christlichen Vertreter offenbar genausowenig wie ihre muslimischen Kollegen in der Lage sind, objektive Urteile über dieses Thema abzugeben. Jan Slomp nannte nur eine einzige Arbeit, die er von einer solchen Befangenheit ausnahm. Es ist die Dissertation des italienischen Orientalisten Luigi Cirillo (vgl. Luigi Cirillo/Michel Frémaux, L'Évangile de Barnabé: recherches sur la composition et l'origine, Paris, 1977). Slomp bekennt in seiner bereits vorgestellten ehrlichen Art:

 

Wir gehen nicht fehl, wenn wir behaupten, daß akademischer Ehrgeiz und nicht religiöser Eifer die treibende Kraft hinter diesem Buche war.

(Slomp, ebd., 69)

 

Nun war Cirillos These aber gerade diejenige These, die Prof. Schirrmacher in ihrem Infoblatt zum Barnabasevangelium unterschlug, nämlich die Existenz einer antiken judenchristlichen Quelle innerhalb des Barnabasevangeliums. Diese alte Quelle sei, so Cirillo, vermutlich derjenige Text, der in Kirchenindexen des 6. und 7. Jhdts. als "Evangelium unter dem Namen des Barnabas" erwähnt werde (Cirillo/Frémaux, 182). Wie zu erwarten war, bleibt eine Erwiderung zu Cirillos objektivem Annäherungsversuch bis auf Slomps "befangenen" Artikel, der sich als ein Widerlegungsversuch von Cirillos Dissertation versteht, von westlichen Gelehrten völlig unbeachtet.