D A S   B U C H    D E R   VIERZIG   F R A G E N

D E S   M E W L  A   F U R A T I


(vgl. Mewla Furati: Das Buch der vierzig Fragen. Eine Sammlung koranischer Geschichten. Aus dem Türkischen übertragen und mit Erläuterungen versehen von Joachim Heim. Leiden: Brill, 1960)

Das Buch der vierzig Fragen ist ein türkisches Volksbuch des 16. Jhds., von dessen Verfasser uns nicht mehr als sein Name bekannt ist: Furati, Firati oder Firaqi wird in den verschiedenen Handschriften variiert. Der Orientalist Julius Theodor Zenker vermutete einen türkischen Mystiker des 16. Jhds. mit Namen Firaki, Sohn eines Scheichs aus Kutahia, als Autoren (vgl. Furati, XII [Vorwort]).

Dieses türkische Volksbuch berichtet uns, dass sich die Schriftgelehrten der Juden von Medina und dem Jemen, nachdem sie von dem Auftreten eines neuen Propheten in Mekka gehört hatten, bei ihrem Oberhaupt ʿAbdullāh ibn Salām versammelten und beratschlagten. Schließlich einigten sie sich darauf, dem Propheten vierzig ausgewählte Fragen zu stellen, um die Echtheit seines Prophetentums zu prüfen. Und so kamen die Juden zum Propheten und legten ihm jene Fragen vor.

 

Der Anfang des Buches der 40 Fragen in einem osmanischen Manuskript (Birnbaum Collection T36/III)
Der Anfang des Buches der 40 Fragen in einem osmanischen Manuskript (Birnbaum Collection T36/III)

Was die Authentizität dieser völkischen Überlieferung beftrifft, finden wir nicht den strengen wissenschaftlichen Standdard der Hadithwissenschaft vor, der die Begebenheiten aus dem Leben des Propheten akribisch durch lückenlose Überlieferungsketten absichert. Doch wird sie in einigen Handschriften dem Cousin des Propheten Ibn ʿAbbās zugeschrieben (vgl. Eleazar Birnbaum: Ottoman Turkish and Çaĝatay MSS in Canada. A union catalogue of four collections. Leiden: Brill 2015, S. 249). In der Tat wird ein Ibn ʿAbbās zugeschriebenes Hadith im Korankommentar des Ibn Kaṯīr (1300–1373 n. Chr.) erwähnt (Kommentar zu den Versen Sure 3,93–95), das über dieses Ereignis berichtet –– doch statt vierzig werden dem Propheten hier lediglich vier Fragen vorgelegt.

 

Die Antwort des Propheten Muhammad auf die 29. Frage ist für das Barnabas-Projekt relevant. Denn sie berichtet über die Ereignisse der Kreuzigung (vgl. Furati, S. 106–109):

 

Die [Ursache] nämlich, dass der Prophet Jesus in den Himmel gebracht wurde, ist folgende:

Da die Juden Jesus zu töten trachteten, ergriffen sie Jesus – Friede über ihn! – banden ihn und sprachen: "Bist du nicht jener Jesus, der die Toten lebendig macht und Blinde und andere Kranke heilt? Wärest du der wahre Jesus [gemeint ist ,Messias‘ – D. E.], so hättest du dich schon aus unseren Händen gerettet. Wärest du ein Prophet, du hättest dich selbst aus diesen Banden befreit!"

Darauf gingen sie fort, und nachdem sie zwei Holzbalken fest (zu einem Kreuz) zusammen gefügt hatten, brachten sie Jesus – Friede über ihn! – zu jenen Balken in ein Haus. Dort schnürten sie ihm Hände und Füße fest zusammen und verschlossen sorgfältig die Tür des Hauses. Der ruhmreiche und erhabene Gott – gepriesen sei sein Ruhm! – gab dem heiligen Gabriel einen Befehl, und dieser löste Jesus – Friede über ihn! – in jener Nacht die Bande und nahm ihn mit sich in den vierten Himmel.

Am nächsten Morgen wollten sich die Juden versammeln, das heißt, sie wollten Jesus – Friede über ihn! – am Kreuze sterben lassen. Nun hatten die Juden zum Fürsten einen schmutzigen Schurken [Heim übersetzt mit "Hurensohn" – D. E.]. Dieser Verfluchte trug zwei Namen: der eine war asūm, der andere Jehūd [hebr. Jehūda= griech. Judas – D. E.]. Ohne Begleitung öffnete dieser Verfluchte die Tür und trat ein, um Jesus – Friede über ihn! – allein zu peinigen und dann erst hinauszubringen.

Bei seinem Eintritt bemerkte er, dass Jesus – Friede über ihn! – nicht mehr dort war. Als der Verfluchte hinausgehen wollte, um es den anderen mitzuteilen, da verlieh ihm der ruhmreiche und erhabene Gott die äußere Gestalt von Jesus. Sobald sie daher den Verfluchten erblickten, hielten sie ihn für Jesus. Alle liefen auf ihn zu und scchlugen auf ihn ein, die einen mit Steinen, die anderen mit Stöcken. Unaufhörlich laut jammernd, schrie er: "Jesus ist entflohen! Was habe ich euch getan, dass ihr mich schlagt?"

Die Juden aber kamen gar nicht auf den Gedanken, dass jener Verfluchte ihr Fürst sein könnte, und erschlugen ihn. "Welch glücklicher Tag!" riefen sie aus und schüttelten einander voller Freude die Hände.

Als sie darauf ihren Fürsten suchten, fanden sie ihn nicht in ihrer Mitte. Beim näheren Zusehen ward ihnen klar, dass sie ihren eigenen Fürsten umgebracht hatten, und machten sich davon. Sie verheimlichten es vor den übrigen Gläubigen jener Zeit und begruben Jehūd als Jesus.

Die Gläubigen weinten und klagten um Jesus – Friede über ihn! – und da sie das Grab des Verfluchten für (das Grab) Jesus’ hielten, pflegten sie zu ihm zu wallfahrten.

Nun lebte zur Zeit Jesus eine Frau namens Mirjam, die von einem Leiden befallen war. Als Jesus – Friede über ihn! – einstmals an dem Hause dieser Frau vorübergegangen war, hatte man zu ihr gesagt: "Dieser dort ist Jesus – Friede über ihn!" Jene Frau war dem Propheten Jesus – Friede über ihn! – nachgefolgt. Da sie sich jedoch schämte, von ihrem Leiden zu sprechen, hatte sie (mit dem Gedanken): "Wenn er ein wahrer Prophet ist, kann ich schon Gesundheit erlangen, wenn ich nur mit der Hand seinen Rücken berühre!", in dieser Absicht im Vorübergehen leise Jesus’ Rücken berührt, volle Heilung gefunden und sich bekehrt [vgl. Mt 9,20–22 parr.].

Als diese Frau nun vernahm, dass Jesus – Friede über ihn! – den Märtyrertod gestorben war, weinte sie und pilgerte ständig zum Grabe jenes Verfluchten in der Meinung, es wäre Jesus’ Grab.

Als der siebente Tag gekommen war, gebot der ruhmreiche und erhabene Gott Jesus: "Mache dich auf und verkünde (das Geschehnis) deinem Volke und deinen Gefährten, die auf Erden gläubig sind, auf dass sie froh und glücklich werden. Auch setze für jedes Gebiet einen von ihnen als Nachfolger (Chalife) ein, damit sie ihrerseits die Menschheit zum Glauben auffordern und sie das Wissen lehren, auf dass der Gläubigen mehr werden."

Als Jesus – Friede über ihn! – auf Geheiß Gottes des Erhabenen zur Erde hinabgestiegen war, – der Ort, auf den er hinabgestiegen war, war aber der Gipfel eines hohen Berges –, ward dieser Berg vom Lichte des Propheten Jesus erleuchtet.

In jener Nacht nun saß Mirjam weinend am Grabe. Plötzlich sah sie, wie das Licht Jesus’ – Friede über ihn! – den Berg erleuchtete. Unwillkürlich erhob sich Mirjam von ihrem Platze und ging auf diesen Berg zu. Als sie ihn erreicht hatte, erblickte sie dort Jesus – Friede über ihn! Ihm zu Füßen fallend, dankte sie Gott dem Erhabenen wieder und wieder. Jesus – Friede über ihn! – sprach: "O Mirjam, sei nicht traurig! Siehe, der ruhmreiche und erhabene Gott hat mich vor den Nachstellungen der Feinde gerettet. Der, den sie getötet haben, ist ihr eigenes Oberhaupt. Mih meinten sie, ihn aber haben sie getötet!"

Ferner sagte er: "O Mirjam, mache dich auf und teile meinen Freunden die frohe Botschaft mit! Sie wollen kommen, denn ich habe ihnen einen heiligen Befehl Gottes des Erhabenen zu verkünden."

Mirjam ging und teilte es ihnen mit. Da waren ale Gläubigen froh und dankten Gott dem Erhabenen vielmals. Von den Juden unbemerkt machten sie sich auf, fielen Jesus – Friede über ihn! – zu Füßen, sahen seine heilige Schönheit und wurden froh und glükcklich.

Jesus – Friede über ihn! – hieß sie willkommen und lehrte und predigte ihnen. Dann setzte er für jedes Gebiet einen von ihnen als Nachfolger ein, damit sie hingingen, die Menschheit zu Glauben aufforderten und auch das Wissen und das göttliche Recht lehrten. Jeder der Freunde Jesus’ begehrte, den Propheten gastlich bei sich aufzunehmen. Doch sie sahen, dass der Herr Jesus – Friede über ihn! – mit Gewändern aus Licht bekleidet war und das Wesen von Engeln angenommen hatte, damit er mit diesen zusammen im Himmel lebe. Darauf sprach Jesus – Friede über ihn! – ein Gebet für sie und nahm Abschied. Die Engel brachten Jesus – Friede über ihn! – in den Himmel zurück.