DER   TAFSIR   DES   MUQATIL


 

Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767 n. Chr.), der zur Zeit der Tabiʿ al-Tabiʿin

 

lebte, d. h. in der zweiten Generation nach den Gefährten des Prophe-ten, ist der Verfasser einer der ersten Korankommentare überhaupt. Er wurde im persischen Balkh geboren, wuchs in Khorasan auf und ging später nach Basra und schließlich nach Baghdad. Sein Korankommentar wurde zwischen 1979 und 1988 in Kairo neu ediert und ist hier als Digitalisat verfügbar. Als einer der ätesten Korankommentare überhaupt, ist Muqātils Tafsir besonders wertvoll für den Zugang zu den ältesten Überlieferungen.

 

 

Muqātils Auslegung des Kreuzigungsverses

(Sure 4,157)

 

Wir haben den Kommentar zum Kreuzigungsvers nun erstmalig ins Deutsche übertragen. In ihm wird eindeutig Judas als derjenige identifiziert, der das Aussehen von Jesus bekam und gekreuzigt wurde, so wie es auch das Barnabasevangelium schreibt. Außerdem wird Judas als ein Spion (arabisch رقيب) beschrieben, der von den Juden auf Jesus angesetzt worden war. Dieses Motiv findet sich ebenfalls im Barnabasevangelium (Kap. 72):

 

In der Nacht sprach Jesus im geheimen mit seinen Jüngern und sagte: „Wahrlich, ich sage euch, daß Satan euch sieben will wie den Weizen; aber ich habe für euch bei Gott Fürbitte eingelegt, und keiner von euch wird untergehen, außer dem, der mir Fallen stellt.“ Und dies sagte er von Judas, weil der Engel Gabriel ihm sagte, wie Judas mit den Priestern in Verbindung stand und ihnen alles berichtete, was Jesus sprach.

 

Arabischer Originaltext des Kommentars

(vgl. Tafsir Muqatil, Bd. I, S. 420):

 

Deutsche Übersetzung:

 

Sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern haben ihn verwechelt“ (Sure 4,157):

 

(Sie verwechselten Jesus) mit ihrem Gefährten, den sie töteten. Gott  hat ihm die Gestalt von Jesus gegeben und sie haben ihn getötet. Der Getötete schlug Jesus (zuvor) und sagte zu Jesus, als er ihn schlug: „Warum lügst du über Gott und sagst, du seist Sein Prophet? Und als die Juden ihn gefangennahmen, um ihn zu töten, sagte er zu den Juden: „Ich bin nicht Jesus, ich bin der so-und-so, und sein Name war Jahuda (=Judas). Und sie sagten zu ihm: „Du bist Jesus. Und die Juden töteten den, der als Spion auf Jesus angesetzt war, und sie verwechselten Jesus mit dem Spion und töteten ihn.