DER   TAFSIR  DES  AL-TABARI


Übersetzung :  © Das Barnabas-Projekt  www.barnabas-evangelium.de

 

Abū Ğaʿfar Muammad ibn Ğarīr al-Tabarī (839–923 n. Chr.) war persischer Abstammung, lehrte aber den Großteil seines Lebens in Bagdad. Sein Korankommentar verfasste er zwischen 896 und 903. In ihm wird der Koran Vers für Vers kommentiert und umfasst in der ersten neuzeitlichen Edition (Kairo, 1903) ganze 30 Bände. Der Orientalist Otto Loth schreibt 1881 über Tabarī und dessen Kommentar:

 

Tabarī stellt in seiner Person den Gipfelpunkt der ganzen altislamischen Wissenschaft dar. Mit einem ungewöhnlich langen Leben, wie es solchen, die es würdig anzuwenden verstehen, oft zu Theil wird, begnadet (von 224 bis 310 d. H.) hat er in der ersten Hälfte desselben den ganzen theils schon schriftlich niedergelegten, theils noch lebendigen Stoff der Ueberlieferung in sich aufgenommen, hat alle grossen Centren des geistigen Lebens von Persien bis Aegypten der Reihe nach besucht und sich schließlich in Bagdad niedergelassen, um die andre Hälfte seines Lebens der Lehrthätigkeit und dem Schreiben zu widmen. [...] Der Kommentar des Tabarī جامع البيان عن تأويل آي القرآن [Dschāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-Qurʾān] galt lange Zeit für verloren. Vor einem Jahrzehnt etwa  ist zwar ein ziemlich vollständiges Exemplar desselben aufgefunden worden, aber die Kunde davon hat sich sehr langsam verbreitet. Dieses Exemplar gehört der Viceköniglichen Bibliothek in Kairo und wird in dem 1289 d. H. gedruckten Cataloge aufgeführt [...]. Es ist möglich, dass Aegpten niemals ein anderes vollständiges Exemplar des Werkes besessen hat als dieses [...]. Vermuthlich sind überhaupt sehr wenige vollständige Abschriften von dem Riesenwerk gemacht worden. Die gegenwärtige geht angeblich auf eine Vorlage zurück, welche bereits i. J. 346 gelesen wurde, also wahrscheinlich schon bei Lebzeiten des Verfassers entstand, wenn sie nicht geradezu die Urschrift selbst war! (Otto Loth: Tabarī’s Korancommentar. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG). Band 35, 1881, S. 588–593)

 

 

 Der Kommentar zu dem Vers über die Kreuzigung Jesu (Sure 4, Vers 157), welchen wir hier in deutscher Übersetzung wiedergeben möchten, umfasst im Original ca. 13 Seiten (Kairo 2001, Bd. 7, 650–662). Die öfter vorkommenden variierenden Wiederholungen sind ausgelassen und durch [...] gekennzeichnet worden. Der deutschen Übersetzung folgt, für diejenigen Leser, welche der arabischen Sprache mächtig sind, der digitalisierte Originaltext.

 

 

 

 

D E U T S C H E    Ü B E R S E T Z U N G :

 

Ich werde nun die Auslegung für folgenden von Allāhs Versen geben (Verherrlicht werde sein Lob!):

 

"Und dafür, dass sie sagten: „Gewiss haben wir den Messias ʿĪsā, den Sohn Maryams, den Gesandten Gottes getötet.“ – Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so. Und diejenigen, die sich darüber uneinig sind, befinden sich wahrlich im Zweifel darüber. Sie haben kein Wissen darüber, außer dass sie Mutmaßungen folgen. Und sie haben ihn mit Gewissheit nicht getötet." (Sure 4, Vers 157)

 

 

Abū Ğaʿfar Muammad ibn Ğarīr sagt:

 

Allāh (Verherrlicht werde sein Lob!) meint, dass sie sich in ihrer Äußerung „Gewiss haben wir den Messias ʿĪsā, den Sohn Maryams, den Gesandten Gottes getötet“, irrten und sagte weiter: „Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so.“ Sie haben ʿĪsā nicht getötet und nicht gekreuzigt, aber es wurde für sie etwas Ähnliches (stattdessen) dargestellt.

 

Die Kommentatoren unterscheiden sich in diesem Punkt darin, was unter jener Ähnlichmachung zu verstehen sei, die den Juden in Bezug auf ʿĪsā widerfahren war. Einige von ihnen aber behaupteten, dass, als die Juden ihn und seine Jünger umzingelten, diese nicht erkennen konnten, wer von ihnen ʿĪsā war, weil auf einmal alle so aussahen wie er, so dass diejenigen, die ʿĪsā, den Sohn der Maryam, töten wollten, ihn nicht mehr von den anderen unterscheiden konnten. […] Nur einige von ihnen sind freiwillig aus dem Haus herausgekommen und die Juden töteten sie und dachten, sie hätten ʿĪsā getötet.

 

 

Einer von denen, die dies sagten:

 

 

Ibn umaīd hat uns übermittelt, dass Yaʿqūb Qummī von Harūn Ibn ʿAntarah überlieferte, dass Wahb Ibn Munabbih sagte:

 

ʿĪsā und 17 seiner Jünger wurden (in ein Haus) getrieben. Und als die Verfolger (in das Haus) hineinkamen und sie umzingelten, hatten alle Jünger das Aussehen von ʿĪsā bekommen. Da sagten sie: „Ihr habt uns verzaubert! Entweder ʿĪsā zeigt sich oder wir töten euch alle!“ Da sagte ʿĪsā zu seinen Jüngern: „Wer von euch möchte sich heute opfern und sich dafür das Paradies erkaufen?“ Darauf sagte einer von ihnen: „Ich bin ʿĪsā.“ […] Da nahmen sie ihn und töteten und kreuzigten ihn. Und dies ist die Bedeutung des "es wurde ihnen etwas Ähnliches dargestellt" (šubbiha lahum). Sie haben gedacht, sie hätten ʿĪsā getötet, und auch die Christen (Nazarener) glaubten, dass es ʿĪsā war. Dabei hat Allāh ʿĪsā an diesem Tag zu sich erhöht.

 

Von Wahb ibn Munabbih wurde auch überliefert, dass er folgendes gesagt haben soll. Dies berichtete mir Al-Muanna, indem er sagte: Isāq überlieferte, dass ihm Ismaʿīl ibn ʿAbdu l-Karīm sagte, dass ʿAbdu -amad ibn Maʿqīl sagte, dass er gehört habe, dass Wahb ibn Munabbih sagte:

 

Als Allāh ʿĪsā, den Sohn Maryams, darüber informierte, dass er diese Welt nun verlassen müsse, hatte er Todesangst und eine große Last kam auf ihn. Und er rief seine Jünger zu sich, bereitete für sie Essen vor und sagte: "Kommt und bleibet bei mir diese Nacht, denn ich brauche euch." Und als sie alle in jener Nacht bei ihm eingetroffen waren, aßen sie und er selbst bewirtete und bediente sie. Als sie fertig waren, fing er an, ihnen die Hände zu waschen und sie mit seiner eigenen Kleidung zu trocknen. Sie fanden dies befremdlich und es war ihnen sichtlich unangenehm. Da sagte er: "Wer von euch dies, was ich in dieser Nacht für euch tue, ablehnt, der ist nicht von mir und ich bin nicht von ihm." Da ließen sie ihn gewähren. Dann sagte er: "Das, was ich heute mit euch gemacht habe, dass ich euch beim Essen bedient und euch die Hände mit meinen eigenen Händen gewaschen habe, soll euch ein Beispiel sein. Ihr seht, dass ich der bessere von euch bin. Keiner von euch sollte sich über den anderen erhöhen, und ihr sollt füreinander da sein und euch aufopfern, wie ich jetzt für euch da bin und mich aufopfere. Ich habe euch heute hier zusammengerufen, damit ihr für mich viel betet, dass der Tag meines Todes verschoben wird." Als sie anfangen wollten, für ihn Bittgebete zu machen, schliefen sie alle ein und konnten nicht mehr für ihn beten. Er versuchte sie zu wecken und sagte: "Subanallah, ihr könnt mir nicht einmal für diese eine Nacht eine Hilfe sein!" Und sie sagten: "Wir schwören bei Gott, wir wissen nicht, was mit uns los ist! Wir waren oft nachts ohne Schwierigkeiten wach, aber heute können wir es nicht. Und sobald wir beten wollen, hält uns etwas davon ab." Und er sagte: "Wenn der Schäfer fort geht, rennen die Schafe, wohin sie wollen." […] Und er sagte: "Wahrlich, einer von euch wird mich verleugnen, bevor der Hahn dreimal kräht. Und einer wird mich für ein paar Dirham verraten und wird dieses Geld genießen." Und sie gingen hinaus und jeder ging seines Weges. Die Juden aber suchten ihn. Und sie nahmen Schamʿun [Simon Petrus] fest und sagten: "Das ist einer von seinen Jüngern." Und er leugnete es und sagte: "Ich bin nicht von seinen Jüngern." Und sie entließen ihn. Und andere Juden ergriffen ihn und er leugnete es erneut. Und dann hörte er, wie der Hahn krähte. Da weinte er und wurde traurig. Am Morgen kam einer von den Jüngern zu den Juden und sagte: "Was gebt ihr mir, wenn ich euch zeige, wo ihr den Messias findet?" Und sie gaben ihm dreißig Dirham. Und er nahm es und führte sie zu ihm. Und sie ergriffen ihn und fesselten ihn. Und sie führten ihn ab und sagten: "Du hast die Toten erweckt und Dämonen ausgetrieben und die Besessenen geheilt. Kannst du jetzt nicht einmal diese Fessel lösen?" Und sie haben auf ihn gespuckt und schmissen Dornen auf ihn. Und sie brachten ihn zu dem Holz, wo sie ihn kreuzigen wollten. Und da erhöhte ihn Gott und sie kreuzigten lediglich einen, der so aussah wie er. Seine Mutter und eine einst besessene Frau, die von ʿĪsā geheilt wurde, kamen zum Kreuz und weinten. Da erschien ihnen ʿĪsā und sagte: „Über wen weint ihr?“ Sie sagten: „Über dich.“ Da sagte er: „Ich wurde von Allah erhöht und mir ist nichts Böses widerfahren. Derjenige, welchem dies widerfuhr, sah nur so aus wie ich. Sagt den Jüngern, dass sie mich an dem-und-dem Ort treffen können.“ Und sie trafen ihn an jenem Ort, und sie waren nur elf. Und derjenige, der ihn den Juden verraten hatte, war nicht dabei. ʿĪsā fragte nach ihm und sie sagten: „Er hat das, was er getan hat, bereut, und tötete sich selbst.“ Da sagte er: „Wenn er es bereute, hat ihm Allah vergeben.“ Und er fragte nach einem Jungen (Diener) namens Johannes und sagte: „Dieser ist nun mit euch [d.h. er ist nun der 12. Jünger – D.E.]. Es gehe nun ein jeder von euch zu einem der Völker und warne und lehre es in seiner jeweiligen Sprache!“

 

[…]

 

 

Es ist uns überliefert, dass Ibn Ḥumaīd sagte: Salamah berichtete uns von Ibn Isḥāq, dass er sagte:

 

Der König der Juden, genannt Dawūd, hatte beschlossen, ʿĪsā zu töten. Und als es ihm bekannt wurde, war keiner so erschrocken wie er, und er sagte (wie sie behaupten): „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ [vgl. Mt 26, 39; Lk 22,42] Fast blutete seine Haut vor Angst. Und er ging (in das Haus) hinein, wo sie ihn mit seinen Jüngern töten wollten, welche mit ihm zusammen 13 gewesen sein sollen. Und als sie hineingegangen waren, sprach er zu seinen Jüngern, welche 12 Männer waren, nämlich

 

Fuṭrus [Petrus], Yaʿqūb Ibn Zabdī [Jakobus, Sohn des Zebedäus], Yuḥannas ʾAḫu Yaʿqūb [Johannes, der Bruder des Jakobus], ʾAndrāʾis [Andreas], Fīllibus [Philippus], ʾAbarathalmā [Bartholomäus], Mattaī [Matthäus], Tūmās [Thomas], Yaʿqūb ibn alqāyā [Jakobus, Sohn des Alphäus], Tuddausīs [Thaddäus], Fitātya [Simon Zelotes], Jūdus Zikaryā Yūtā [Judas Iskariot].

 

 

Ibn Ḥumaīd sagte, dass Salamah sagte, dass Ibn Isḥāq sagte:

 

Unter diesen war auch ein Mann mit Namen Sarǧis, und so waren sie 13 ohne ʿĪsā. Und dieser Sarǧis war derjenige, welcher sein Aussehen bekam (und ich weiß nicht, ob dieser Sarǧis der 12. oder der 13. war). Und sie leugneten es, und bestätigten den Juden, dass er ʿĪsā sei. Und sie glaubten nicht, was Muḥammad () ihnen berichtete. Entweder waren sie also 13 und ʿĪsā war der 14., als sie hineingingen, oder, wenn sie 12 waren, war ʿĪsā der 13.

 

 

Es ist überliefert von Ibn Ḥumaīd, dass er sagte: es berichtete uns Salamah von Ibn Isḥāq, dass er sagte:

 

Ein Mann, der (zuvor) Christ war und Muslim geworden ist, berichtete mir, dass ʿĪsā, als Allāh ihm mitteilte: „Ich werde dich zu mir erhöhen“ [Sure 3,55] zu den Jüngern sagte: „Wer von euch will mit mir im Paradies sein und mein Aussehen bekommen, so dass die Juden denken, dass ich es sei, und ihn an meiner Stelle töten?“ Und Sarǧis sagte: „Ich, oh Geist Gottes!“ Und er sagte zu ihm: „Sitze du an meinem Platz!“ Und er setzte sich und ʿĪsā wurde erhöht. Und er wurde festgenommen und gekreuzigt. Und er war es, der "gekreuzigt wurde und ihnen ähnlich erschien“ [Sure 4,157]. Als sie aber hineingingen, war ihnen die Zahl bekannt, denn sie hatten alle zuvor gesehen und gezählt. Und als sie nun hineingingen und ʿĪsā mit seinen Jüngern fanden (wie es ihnen schien), stellten sie fest, dass einer von ihnen fehlte. Da sie nicht wussten, welcher von den Jüngern ʿĪsā war, hatten sie Jūdus Zikaryā (zuvor) 30 Dirham angeboten, damit er ihnen ʿĪsā zeige. Und er sagte (zu ihnen): „Wenn ich reingehe, werde ich ihn küssen.“ Und denjenigen, den ich küsse, sollt ihr festnehmen.“ Und er sah Sarǧis im Aussehen von ʿĪsā und hatte keinerlei Verdacht, dass er es nicht war. Und so umarmte und küsste er ihn, und sie nahmen ihn und kreuzigten ihn. Und Jūdus bereute es hernach und tötete sich selbst und ist (seither) von allen Christen verflucht. Und einige Christen behaupteten, dass Jūdus Zikaryā Yūtā es war, welcher das Aussehen von ʿĪsā bekam und gekreuzigt wurde. Und er sagte: „Ich bin es nicht. Ich bin derjenige, der ihn euch gezeigt hat.“ Und nur Gott weiß, wie es sich zutrug.

 

 

[...]

 

D E R   U N G E K Ü R Z T E    T  E  X T   I M   A R A B I S C H E N   O R I G I N A L :