M U S L I M I S C H E    Q U E L L E N Ü B E R  D A S  C H R I S T E N T U M


Das älteste Christentum auf der arabischen Halbinsel ist vermutlich im Jemen anzusiedeln. Die Nestorianische Chronik (auch Chronik von Siirt genannt, 11. Jhd.) überliefert uns einen Bericht, der von dem syrischen Geschichtsschreiber Bar Sahde (frühes 8. Jhd.) aus dessen Keābā dʾElesasṭīkī stammen soll:

 

In Neğrān, in Jemen, lebte in den Tagen Jazdegerds I (399–420) ein hervorragender Kaufmann namens annān. Dieser begab sich auf einer Handelsreise nach Konstantinopel. Auf dem Rückwege wollte er Persien besuchen und kam nach Hīra. Dort machte er Bekanntschaft mit den Christen und lernte ihre Ansichten kennen. Er wurde getauft und blieb dort einige Zeit. Darauf kehrte er in sein Vaterland zurück und suchte dort seinen neuen Glauben zu verbreiten. Seine Familie nahm das Christentum an. Er vereinigte sich dann mit Männern, die ihm dabei behilflich waren, Himjar und die Länder, die ihm gegenüber liegen, für das Christentum zu gewinnen.

 

Wieviel Wahrheit dieser Bericht enthält, ist nicht mehr zu ermitteln. Doch deuten auch andere Quellen auf eine Entstehung des jemenitischen Christentums im 4. Jhd. hin. Nach Theodorus Lector erfolgte die Christianisierung des Jemen erst unter Anastasius I. (491–518).

 

Gregorius Barhebraeus, ein Gelehrter der syrisch-orthodoxen Kirche aus dem 13. Jhd., berichtet uns über den Kontakt der jemenitischen Nestorianer mit dem Propheten Muhammad:

 

Zu dieser Zeit trat Muhammad, der Prophet der Araber, auf. Es war damals ein Mann namens Said das Haupt der gläubigen Negraniten – derer die in der Wüste wohnen. Dieser nahm Gaben und Geschenke mit und kam nebst ihrem Bischof Īšōʿjab zu Muhammad und erhielt von ihm ein merkwürdiges Schriftstück, das einen Befehl an die Araber enthielt, die Christen vor allem Schaden zu beschützen.

 

Der spätere Amtsnachfolger dieses nestorianischen Bischofs, Īšōʿjab III (647–648) bestätigt diese Wohlgesonnenheit gegenüber den Nestorianern:

 

Diese Araber vermeiden nicht nur, das Christentum zu bekämpfen, sie empfehlen sogar unsere Religion, sie ehren die Priester und Heiligen unseres Herrn und schenken den Klöstern und Kirchen Gaben.

 

Das nestorianische Christentum ist den Muslimen hierbei offenbar besonders angenehm aufgrund seiner größeren Nähe zur muslimischen Gotteslehre. Bischof Īšōʿjab bemerkt hierzu:

 

Die Araber dulden keineswegs solche, die da behaupten, dass Gott gekreuzigt worden sei.

 

In dem 861 n. Chr. unter dem Kalifen Hārūn ar-Raschīd verfassten Brief des ʿAbdullāh ibn Ismāʿīl al-Hāšimī an seinen christlichen Freund ʿAbd al-Masīḥ ibn Isḥāq al-Kindī, in dem jener diesen vom Islam zu überzeugen sucht, heißt es:

 

Die Nestorianer, deine Glaubensgenossen, stehen, bei meinem Leben, den Rechtgläubigen unter den Leuten der theologischen Spekulation nahe, sie neigen am meisten zu unserer – der Muslimen – Ansicht. Sie sind es, deren Religion der Prophet gelobt hat und denen er Bündnisse und Verträge bewilligt hat. Er gab ihnen Schutzrecht, verpflichtend für ihn und seine Genossen und gab ihnen Briefe darüber und teilte ihnen Urkunden aus, als sie zu ihm kamen und seinen Schutz suchten, zu der Zeit, da die Herrschaft in seine Hand kam und unter ihm befestigt wurde.

 

(vgl. Tor Andræ: Der Ursprung des Islams und das Christentum. Uppsala: Almquist&Wiksells, 1926)

Das arabische Diatessaron des nestorianischen Mönchs Abu'l-Faraj `Abd-Allāh al-Iraqi  (980–1043 n. Chr.)
Das arabische Diatessaron des nestorianischen Mönchs Abu'l-Faraj `Abd-Allāh al-Iraqi (980–1043 n. Chr.)

 

Neben Nestorianern waren im Jemen auch Juden ansässig, die seit der endgültigen Zerstörung Jerusalems 135 n. Chr. und dem römischen Bannfluch, der es Juden verbot, sich der Stadt auch nur zu nähern, u.a. an verschiedenen Orten Arabiens Zuflucht gesucht hatten. Mit dem Erscheinen des Islams auf der arabischen Halbinsel traten sowohl Christen als auch Juden zur neuen Religion über und einigen von ihnen verdanken wir die Übermittlung damaliger christlicher und jüdischer Traditionen, die in der muslimischen Überlieferung Isrā'īlīyāt genannt werden. Zu den berühmtesten jemenitschen Konvertiten zählen sicherlich  Kaʿb al-Ahbār, der unter dem Kalifat des ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb (634–644), und Wahb ibn Munabbih, dessen Vater bereits zu Lebzeiten des Propheten Muhammad zum Islam konvertierten.

 

Der aus Persien stammende Prophetengefährte Salmān al-Fārisī ist ein weiterer wichtiger Zeuge, vor allem für damalige christliche Traditionen, welche einen Propheten nach Jesus ankündigten. Schließlich liefert uns auch der muslimische Geschichtsschreiber Muḥammad ibn Isḥāq (704–768) einige wichtige diesbezügliche Informationen.