DIE GEBURT DER MARIA

                         Offenbarung DES JAKOBUS


Der Anfang des Protevangeliums im Papyrus Bodmer 5 (4. Jhd. n. Chr.)
Der Anfang des Protevangeliums im Papyrus Bodmer 5 (4. Jhd. n. Chr.)

 

EINLEITUNG

(von Raimundus Lullus und Daniel Erhorn)

 

Die "Geburt der Maria" ist gemeinhin unter dem Titel "Protevangelium des Jakobus" bekannt. Letztere Bezeichnung ist relativ jung und stammt von dem französischen Universalgelehrten Guillaume Postel (1510–1581), der 1552 die erste lateinische Übersetzung des griechischen Textes dem Westen zugänglich machte. Die älteste Handschrift, in der die Schrift überliefert ist, der Papyrus Bodmer 5 (4. Jhd.) bezeugt sie unter dem Titel "Die Geburt der Maria, Offenbarung des Jakobus". Émile de Stryker, der die Bodmerfassung herausgab, hält jedoch nur den ersten Teil "Geburt der Maria" für ursprünglich. Überhaupt gehören wohl nur die Kapitel 1–9, welche die Geburt und die Kindheit der Maria beschreiben, zur Grundschrift. Die Geburtsgeschichte Jesu (Kap. 11–22) und die Ermordung des Zacharias (Kap. 23–24) sind demnach spätere Erweiterungen. Das Alter der Schrift wird von manchen Forschern auf mindestens 150 n. Chr. datiert. (vgl. George Zervos: Dating the Protevangelium of James: The Justin Martyr Connection. In: Society of Biblical Literature 1994 Seminar Papers. E. Lovering (Hrsg.). Atlanta: Scholars Press, 1994, S.415–434)

 

So wie die christlichen Jenseitsvorstellungen auf der Offenbarung des Petrus aufbauen, basiert die katholische Lehre von Maria auf dem Protevangelium. Es enthält Begebenheiten, die etwa Muslimen aus dem Qur´an und den Hadithen wohl vertraut sind, während sie in der heutigen Bibel ausgelassen werden. Die Wichtigsten davon sind:

 

 

1. Die Unfruchtbarkeit von Marias Mutter und ihr Gelöbnis ein Kind dem Tempeldienst zu weihen. (Protoev. Jak. 4; vgl. Sure III, 34ff).

 

 

2. Die Erziehung Marias durch den Propheten Zacharias (Protoev. Jak. 7-8; vgl. Sure III, 38).

 

 

3. Die Speisung Marias durch einen Engel (Protoev. Jak.8,13,15; vgl. Sure III, 38).

 

 

4. Das Zeichen durch Losstäbe darüber, wer Maria beschützen sollte (Protoev. Jak.8,9; vgl. Sure III,4).

 

 

5. Die Ermordung des Propheten und Hohenpriesters Zacharias, des Vaters von Johannes dem Täufer (Protoev. Jak. 24).

 

 

Diese priesterliche Abstammung ist bedeutsam, wenn man weiß, dass die Juden dieser Epoche sowohl einen Messiah davidischer Abstammung als auch einen anderen Messiah von priesterlichem Geschlecht erwarteten. Noch Ephraem Syrus bezeichnet Johannes den Täufer im 4. Jhd. als einen "Messiah" (vgl. Diatessaronkommentar 3,10). Wir wissen sogar – sowohl aus dem Johannesevangelium (vgl. Joh 1,21; 7,40–43) als auch aus den Qumranschriften – noch von einem 3. und letzten erwarteten Messiah, der in 5 Mo 18,18 erwähnt ist und als “der Prophet” bezeichnet wurde. Nach islamischer Tradition ist dies der Prophet Muhammed.

 

 

 

 

Deshalb ist dieser Text aus muslimischer Sicht glaubwürdiger als mancher Text des neuen Testaments. Aber auch für christliche Gelehrte gehört das Protoevangelium des Jakobus zu den ältesten und glaubwürdigsten Überlieferungen außerhalb der Bibel. Die Marienlehre der katholischen Kirche baut weitestgehend auf diesem Text auf, der auch in die Sprachen aller alten christlichen Nationen übersetzt wurde. Laut Text ist Jakobus der Bruder oder Cousin von Jesus – auch der Gerechte (Zaddik) genannt – der Autor bzw. der Überlieferer dieser Tradition.

 

 

 

 

 


[Übersetzung]

1

[1] In den »Geschichten der 12 Stämme Israels« war Joachim ein sehr reicher (Mann) [2] und er brachte alle seine Gaben im Tempel stets doppelt dar, [3] denn er sagte sich: »Was dabei zuviel ist, mag dem ganzen Volk zugute kommen, und was auf meine Vergebung  der  Sünden  entfällt,  das  gehöre  dem  Herrn  zur  Sühne  für  mich.«[4] Der

Joachim in der Wüste
Joachim in der Wüste

Große Tag des Herrn war aber herbeigekommen, und die Kinder Israel brachten ihre Gaben dar. [5] Da trat Rubim vor ihn hin und sprach: »Du hast keinen Anspruch, als erster deine Gabe darzubringen, weil du keine Nachkommenschaft in Israel geschaffen hast.« [6] Und Joachim wurde sehr betrübt und ging fort zum Zwölf-Stämme-Buch Israels mit dem Gedanken: »Ich will doch das Zwölf-Stämme-Buch Israels einmal ansehen, ob ich ganz allein keine Nachkommenschaft in Israel geschaffen habe.« [7] Und er forschte nach und stellte von allen Gerechten fest, dass sie Nachkommenschaft in Israel hatten erstehen lassen. [8] Und es kam ihm vom Erzvater Abraham in den Sinn, dass Gott ihm wenigstens noch am letzten Tage einen Sohn, den Isaak, gegeben hatte.

[9] Und Joachim wurde sehr betrübt und zeigte sich seinem Weibe gar nicht, sondern begab sich ohne Abschied in die Wüste: dort schlug er sein Zelt auf. [10] Und fastete 40 Tage und 40 Nächte. [11] Er sprach bei sich: »Ich will nicht hinabsteigen weder zu Speise noch zu Trank, bis mich der Herr mein Gott gnädig heimgesucht hat; so lange soll das Gebet mir Speise und Trank sein.«

2

 Annas Gebet
Annas Gebet

[1] Anna, seine Frau, aber stimmte zweifache Trauerweise an und hielt zweifache Klage: »Klage halten will ich über mein Witwenlos, Klage halten will ich über meine Kinderlosigkeit.« [2] Der Große Tag des Herrn aber kam herbei, [3] und Judith, ihre Magd, sagte: »Wie lange willst du deine Seele in Trauer niederbeugen? Siehe, herbeigekommen ist der Große Tag des Herrn. Da darfst du doch nicht trauern ! [4] Nimm lieber dies Kopfband, das mir die frühere Arbeitsherrin geschenkt hat! Mir steht nicht an, es umzubinden, weil ich nur eine Magd bin, und es hat doch königliches Gepräge.« [5] Und Anna sagte: »Geh, bleib mir damit weg! Das tue ich auf gar keinen Fall. Der Herr hat mich ja schon genug gebeugt. Vielleicht hat ein geriebener Bursche mit dem du eine Liebschaft gehabt hast dir's geschenkt, und du bist nur gekommen, mich in deine Sünde mit hineinzuziehen.« [6] Da sagte Judith, die Magd: »Was sollte ich dir noch Unglück wünschen, wo dich der Herr doch genug gestraft und deinen Mutterleib verschlossen hat, um dir keine Leibesfrucht in Israel zu geben?« [7] Und Anna wurde sehr betrübt. Sie legte ihre Trauerkleider ab, wusch ihr Haupt und zog ihre Brautkleider an, [8] und um die neunte Stunde ging sie in den Garten hinab, um etwas hin und her zu wandern. Da sah sie einen Lorbeerbaum und setzte sich unter ihn.  [9] Nachdem sie sich ausgeruht hatte, flehte sie zum Herrn und sprach: »Gott meiner Väter, segne mich und erhöre meine Bitten, wie du den Mutterleib Sarahs gesegnet und ihr einen Sohn, den Isaak, geschenkt hast!«

3

Die Hl. Anna (Nubisches Fresco, 8. Jhd.)
Die Hl. Anna (Nubisches Fresco, 8. Jhd.)

[1] Und Anna seufzte zum Himmel empor, und sie sah ein Sperlingsnest im Lorbeerbaum. [2]  Da stimmte sie bei sich eine Trauerweise an und sang: »Weh mir! Wer hat mich gezeugt, welch ein Mutterleib mich hervorgebracht? [3] Denn als Fluch bin ich geboren vor den Kindern Israel und bin mit Schimpf angetan, und mit Spott haben sie mich belegt hinaus zum Tempel des Herrn. [4] Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen den Vögeln des Himmels, denn auch die Vögel des Himmels erben sich fort vor dir, Herr! [5] Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen mit den Haustieren, denn sogar die Haustiere tragen Junge vor dir, o Herr! [6] Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen den Tieren der Erde, denn auch die Tiere der Erde erben sich fort vor dir, o Herr! [7] Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen diesen Wassern hier, denn auch diese Wasser erben sich fort vor dir, o Herr! [8] Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen diesem Lande hier, denn auch dieses Land bringt seine Früchte zu seiner Zeit und preiset dich, o Herr!«

4

[1] Und siehe, ein Engel des Herrn trat zu ihr und sprach: »Anna, Anna! Erhört hat der Herr deine Bitte: du sollst empfangen und sollst gebären, und deine Nachkommenschaft soll in aller Welt genannt werden.« [2] Und Anna sagte: »So wahr der Herr mein Gott lebt, wenn ich dann gebären werde, ob Junge oder Mädchen, will ich es dem Herrn meinem Gott als Gabe   darbringen,  und  es  soll  ihm  alle  Tage  seines  Lebens nach Priesterart dienen.« 

Joachims Brandopfer
Joachims Brandopfer

[3] Und siehe, da kamen zwei Boten und meldeten ihr: »Siehe, dein Mann Joachim kommt mit seinen Herden.« [4] Ein Engel des Herrn war nämlich zu ihm hinabgestiegen und hatte ihm gesagt: »Joachim, Joachim! Erhört hat der Herr Gott deine Bitte. Geh hinab von hier! Denn siehe, dein Weib Anna wird schwanger werden.« [5] Und Joachim war hinabgezogen und hatte seine Hirten gerufen und befohlen: »Bringet mir zehn Lämmer hierher, ohne Makel und Fehl! Die sollen dem Herrn meinem Gott gehören. [6] Und bringt mir zwölf zarte Kälber! Die sollen für die Priester und die Ältestenschaft sein. [7] Und hundert Ziegen, und die hundert Ziegen sollen für das ganze Volk sein!  [8] Und siehe, Joachim kam mit seinen Herden gezogen, und Anna stand am Tor. [9] Dann sah sie Joachim kommen und lief ihm entgegen und hängte sich an seinen Hals und sagte: »Jetzt weiß ich, dass der Herr Gott mich reichlich gesegnet hat. Denn siehe, die Witwe ist keine Witwe mehr, und ich Kinderlose soll schwanger werden.« [10] Und Joachim gab sich den ersten Tag der Ruhe hin in seinem Hause.

5

Die Geburt der Maria (Giovanni da Milano, Fresco von 1365)
Die Geburt der Maria (Giovanni da Milano, Fresco von 1365)

[1] Am nächsten Tag aber brachte er seine Gaben im Tempel dar und sprach bei sich: »Wenn der Herr Gott mir gnädig geworden ist, dann soll mir das Stirnband des Priesters es offenbar machen.« [2] Und Joachim brachte seine Gaben dar und gab acht auf das Stirnband des Priesters, als er zum Altar des Herrn trat, und er sah keine Sünde an sich. [3] Da sprach Joachim: »Jetzt weiß ich, dass der Herr mir gnädig geworden ist und alle meine Sünden vergeben hat.« [4] Und er ging hinab aus dem Tempel des Herrn gerechtfertigt und kehrte heim in sein Haus.[5] Es gingen aber ihre Monate vorüber: im neunten Monat dann gebar Anna. [6] Und sie sagte zur Hebamme: »Was habe ich geboren?« [7] Und die Hebamme sagte: »Ein Mädchen.« [8] Da sprach Anna: »Erhoben ist meine Seele an diesem Tage.« Und sie legte es nieder und bettete es. [9] Als aber die Tage um waren, wusch sich Anna und gab dem Kinde die Brust und nannte seinen Namen Maria.

6

Maria in ihrer Kammer (Giotto)
Maria in ihrer Kammer (Giotto)

[1] Das Kind wurde nun von Tag zu Tag kräftiger. [2] Als es sechs Monate alt geworden war, stellte seine Mutter es auf die Erde, um zu probieren, ob es stehe. Und es lief sieben Schritte und kam zum Schoß der Mutter zurück. [3] Und die Mutter nahm es hoch und sagte: »So wahr der Herr mein Gott lebt, du sollst nicht auf dieser Erde einhergehen, bis ich dich in den Tempel des Herrn bringen werde.« [4] Und sie richtete in ihrem Schlafgemach ein Heiligtum her, einen kleinen heiligen Bezirk zum dauernden Aufenthalt für das Kind und duldete nicht, dass irgend etwas Gemeines oder Unreines an Nahrung ihm eingegeben wurde. [5] Und sie rief die Töchter der Hebräer, die unbefleckten, herzu; die brachten ihm Abwechslung. [6] Das Kind aber vollendete das erste Jahr. Da veranstaltete Joachim ein großes Mahl und lud ein die Priester und die Schriftgelehrten und die Ältestenschaft und das ganze Volk Israel. [7] Und Joachim brachte das Kind den Priestern, und die segneten es und sprachen: »Gott unserer Väter! Segne dieses Kind und gib ihm einen Namen, hochberühmt für ewige Zeiten unter allen Geschlechtern!« [8] Und alles Volk sprach: »So möge es geschehen! Amen!« [9] Und er brachte es den Hohepriestern, und die segneten es und sprachen: »Gott in der Höhe! Blick herab auf dieses Kind und verleih ihm vollkommenen Segen, auf den kein anderer, der ihn überbieten könnte, folgt!« [10] Da nahm es seine Mutter fort ins Heiligtum in ihrem Schlafgemach und gab dem Kind die Brust. [11] Und Anna stimmte Gott dem Herrn ein Lied an und sprach: »Ich will singen ein Lied dem Herrn, meinem Gott. Denn er hat mich gnädig heimgesucht und hat von mir genommen den Schimpf meiner Feinde. [12] Geschenkt hat mir der Herr eine Frucht seiner Gerechtigkeit, einzig in der Art und zugleich vielgestaltig vor ihm. [13] Wer wird's den Söhnen Rubims melden, dass Anna zu stillen hat? Höret, höret, ihr zwölf Stämme Israels, dass Anna zu stillen hat!« [14] Und Anna brachte das Kind zur Ruhe in ihrem Schlafgemach mit dem Heiligtum und ging hinaus zu den Gästen und wartete ihnen bei Tische auf. Als aber die Mahlzeit beendet war, da zogen sie die Gäste hinab und waren dabei voller Freude und priesen den Gott Israels.

7

Die Abgabe Marias in den Tempeldienst (Giotto)
Die Abgabe Marias in den Tempeldienst (Giotto)

[1] Dem Kinde aber mehrten sich seine Monate. Es wurde das Kind zweijährig. Und Joachim sagte: »Wir wollen es zum Tempel des Herrn hinaufbringen, um das Versprechen einzulösen, das wir abgegeben haben. Sonst schickt der Gebieter Gott zu uns um es zu holen, und unsere Gabe wird als eine in diesem Fall erzwungene nicht genehm sein.« [2] Und Anna sagte: »Wir wollen das dritte Jahr zu warten, damit das Kind nicht bei früherer Trennung nach Vater und Mutter Verlangen trägt.« [3] Und Joachim sagte: »Dann wollen wir warten.« [4] Und das Kind wurde dreijährig. Da sagte Joachim: »Rufet die Töchter der Hebräer, die unbefleckten, als Begleiterinnen herbei! [5] Sie sollen je eine Fackel nehmen, und die sollen zur Ablenkung für das Kind brennen, damit das Kind sich nicht nach hinten umdreht und sein Herz nicht verführt wird weg vom Tempel des Herrn.« [6] Und sie hielten es so, bis sie zum Tempel des Herrn hinaufkamen. [7] Und der Priester nahm Maria in Obhut, küsste und segnete sie und sprach: »Groß gemacht hat der Herr deinen Namen unter allen Geschlechtern. [8] An dir wird am Ende der Tage der Herr sein Lösegeld den Kindern Israel offenbaren.« [9] Und er setzte sie auf die dritte Stufe des Altars und der Herr Gott legte Anmut auf sie. [10] Da begann sie auf ihren Füßen zu tanzen, und das ganze Haus Israel gewann sie lieb.

8

Modell des Herodianischen Tempels im Israel Museum, Jerusalem
Modell des Herodianischen Tempels im Israel Museum, Jerusalem

[1] Und ihre Eltern zogen wieder hinab, waren voller Staunen, und sie lobten Gott den Gebieter dafür, dass das Kind sich nicht ihnen zugewandt hatte um bei ihnen zu bleiben. [2] Maria aber war im Tempel des Herrn, wie eine Taube mit ganz wenig Speise sich beköstigend, und empfing Nahrung aus der Hand eines Engels. [3] Als sie aber zwölfjährig wurde, besprachen sich die Priester und sagten: »Siehe, Maria ist zwölfjährig geworden im Tempel des Herrn. [4] Was sollen wir nun mit ihr machen, damit sie nicht das Heiligtum des Herrn befleckt?« [5] Und sie sagten zum Hohenpriester: »Du hast deinen Platz am Altar des Herrn. So geh hinein und bete um sie! Und was der Herr dir offenbaren wird, das wollen wir dann tun.« [6] Und es ging der Hohepriester im Ornat mit den zwölf Schellen hinein ins Allerheiligste und betete um sie. [7] Und siehe, ein Engel des Herrn trat herzu und sprach zu ihm: »Zacharias, Zacharias! Geh wieder hinaus und biete die Witwer des Volkes auf! [8] Und sie sollen je einen Stab mitbringen, und wem der Herr ein Zeichen erteilt, dessen Weib soll sie sein.« [9] Es zogen aber die Herolde aus in das ganze Gebiet von Judäa, und es erdröhnte die Posaune des Herrn, und alle liefen herzu.

9

Das Staborakel der Witwer im Tempel (Giotto)
Das Staborakel der Witwer im Tempel (Giotto)

[1] Joseph aber warf mitten in der Arbeit das Beil hin und machte sich zu dem Treffen auf. [2]  Und als sie beieinander waren, zogen sie hin zum Hohenpriester und brachten die Stäbe mit. [3] Er aber nahm allen die Stäbe ab und ging in den Tempel hinein und betete. [4] Als er das Gebet beendet hatte, nahm er die Stäbe und ging wieder hinaus und überreichte sie ihnen. [5] Aber nicht irgendein Zeichen war an ihnen beim Austeilen  zu beobachten. Den letzten Stab aber erhielt Joseph. [6] Und siehe, eine Taube kam aus dem Stab heraus und flatterte auf das Haupt Josephs. [7] Da sprach der Priester: "Joseph, Joseph, Du bist dazu erkoren, die Jungfrau des Herrn heimzuführen, um sie dir jungfräulich zu behüten.« [8] Und Joseph widersprach und sagte: »Söhne habe ich bereits und bin ein alter Mann, sie aber ist ein junges Mädchen. Ich möchte den Kindern Israel nicht zum Gespött werden.« [9] Da sagte der Priester zu Joseph: »Fürchte dich vor dem Herrn, deinem Gott! Und denke daran, was Gott Dathan und Abiram und Korah angetan hat, wie die Erde sich spaltete und sie verschlungen wurden wegen ihrer Widerrede! [10] Und jetzt müsstest du befürchten, Joseph, dass derartiges in deinem Hause eintritt.« [11] Und Joseph bekam Angst und führte sie heim, um sie zu behüten. [12] Und Joseph sprach zu Maria: »Siehe, ich habe dich in Empfang genommen aus dem Tempel des Herrn, und jetzt lasse ich dich daheim in meinem Hause und gehe fort, um meine Bauten auszuführen, und dann werde ich wieder zu dir kommen. Der Herr wird dich inzwischen bewahren.«

10

Maria empfängt den Purpurstoff (Fresko, 11. Jhd. n. Chr.)
Maria empfängt den Purpurstoff (Fresko, 11. Jhd. n. Chr.)

[1] Die Priester aber besprachen sich und sagten: »Wir wollen einen Vorhang für den Tempel des Herrn anfertigen lassen.« [2] Und es sprach der Priester: »Rufet mir unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamme Davids!« [3] Und die Diener gingen hin und machten sich auf die Suche und fanden sieben Jungfrauen. [4] Und es erinnerte sich der Priester an das Mädchen Maria, dass sie ja aus dem Stamme Davids war und unbefleckt war vor Gott. [5] Und die Diener gingen hin und brachten sie her. [6] Und sie führten die  Jungfrauen in den Tempel des Herrn hinein. [7] Und es sprach der Priester: »Stellt mir durchs Los fest, wer die Fäden spinnen soll: den goldenen, den weißen,  den leinenen, den seidenen, den violetten, den roten und den echt purpurnen!« [8] Und auf Maria entfielen der echt purpurne und der rote Faden, und sie nahm sie und ging heim in ihr Haus. [9] Zu jener Zeit aber wurde Zacharias stumm, und an seine Stelle trat Samuel, bis Zacharias wieder redete. [10] Maria aber nahm das Scharlachfarbige und widmete sich dem Spinnen.

11

Verkündigung an Maria (Fra Angelico, ca. 1435 n. Chr.)
Verkündigung an Maria (Fra Angelico, ca. 1435 n. Chr.)

[1] Und sie nahm den Krug und ging hinaus, um Wasser zu schöpfen. [2] Und siehe, eine Stimme sprach: »Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir, du Gepriesene unter den Frauen!« [3] Maria blickte sich um nach rechts und nach links, woher diese Stimme wohl käme. [4] Und es kam sie ein Zittern an. Da ging sie heim in ihr Haus und stellte den Krug ab. Dann nahm sie den Purpur und setzte sich auf ihren Sessel und zog ihn zu Fäden. [5] Plötzlich trat ein Engel des Herrn vor sie hin und sprach: »Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade gefunden vor dem Herrscher des Alls. Du sollst empfangen aus seinem Wort.« [6] Als sie das aber hörte, bekam sie bei sich Zweifel und sagte: »Soll ich empfangen vom lebendigen Gott her und gleichwohl gebären, wie jede Frau gebiert?« [7] Da sprach der Engel des Herrn: »Nicht so, Maria! Denn die Kraft des Herrn wird dich überschatten. Deswegen wird auch das Entstehende heilig und Sohn des Höchsten genannt werden. [8] Und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.« [9] Und Maria sprach: »Siehe, ich bin des Herrn Dienerin vor ihm, und mir geschehe nach deinem Wort!«

12

Marias Besuch bei Elisabeth (Giotto)
Marias Besuch bei Elisabeth (Giotto)

[1] Und sie vollendete den Purpur und die rote Kordel und lieferte es dem Priester ab. [2] Und es segnete sie der Priester und sprach: »Maria, groß gemacht hat der Gott deinen Namen, und du wirst gepriesen sein unter allen Geschlechtern der Erde.« [3] Maria aber freute sich und ging fort zu Elisabeth, ihrer Verwandten. [4] Sie klopfte an die Tür. Als Elisabeth es hörte, legte sie den roten Faden beiseite und lief zur Tür, um ihr zu öffnen. [5] Und sie segnete sie und sprach: »Woher kommt mir diese Ehre, dass die Mutter meines Herrn mich besucht? Denn siehe, das Kind in mir hat gehüpft und wünschte dir Segen.« [6] Maria aber hatte die Geheimnisse längst vergessen, von denen der Engel Gabriel ihr berichtet hatte, und blickte auf zum Himmel und sprach: »Wer bin ich, Herr, dass alle Geschlechter der Erde mir Segen wünschen?« [7] Sie verbrachte drei Monate bei Elisabeth. [8] Tag für Tag aber wurde ihr Leib stärker, und Maria fürchtete sich und ging heim in ihr Haus und verbarg sich vor den Söhnen Israels. [9] Sie war aber sechzehn Jahre, als diese geheimnosvollen Dinge sich zutrugen.

13

Der Hl. Joseph (Guido Reni, 1640/42)
Der Hl. Joseph (Guido Reni, 1640/42)

[1] Sie war aber im sechsten Monat, und siehe, da kam Joseph von seinen Bauten wieder zurück. Und als er in sein Haus eintrat, musste er bei ihrem Anblick feststellen, dass sie schwanger war. [2] Und er schlug sich voller Unmut ins Gesicht und warf sich zu Boden auf die Decke und weinte bitterlich und sagte: »Mit was für einem Gesicht soll ich nun hingehen zu dem Herrn, meinem Gott? [3] Was soll ich wohl beten wegen dieses Mädchens? Denn als Jungfrau habe ich sie aus dem Tempel des Herrn, meines Gottes, übernommen und habe sie nicht behütet. [4] Wer hat mich so hintergangen? Wer hat diese Schandtat in meinem Hause begangen und die Jungfrau befleckt? [5] Hat sich an mir etwa die Geschichte von Adam wiederholt? Denn wie zu der Stunde, da er dem Lobpreis Gottes sich widmete, die Schlange kam und Eva allein antraf und ihren Betrug ausführte, so ist's auch mir ergangen.« [6] So stand Joseph auf von der Decke und rief Maria herbei und sagte zu ihr: »Du für Gott in Obhut Genommene, warum hast du das getan? [7] Hast du den Herrn deinen Gott ganz vergessen? Warum hast du deine Seele so erniedrigt, du, die im Allerheiligsten auferzogen worden ist und Nahrung empfangen hat aus der Hand eines Engels?« [8] Sie aber weinte bitterlich, und sie sagte: »Rein bin ich und weiß von keinem Mann.« [9] Und Joseph sagte zu ihr: »Woher ist dann das in deinem Leibe?« [10] Sie aber sagte: »So wahr der Herr mein Gott lebt, ich weiß nicht, woher ich es habe.«

14

Protevangelium des Jakobus
Der Traum Josephs (Perikopenbuch Heinrichs II., vor 1014)

[1] Und Joseph bekam gewaltige Angst, und er ließ sie in Ruhe und überlegte, was er mit ihr anfangen solle. [2] Und Joseph sagte bei sich: »Wenn ich ihre Sünde verberge, dann stehe ich da als einer, der gegen das Gesetz des Herrn streitet, [3] und andererseits, wenn ich sie, Maria, den Kindern Israel anzeige, dann muss ich befürchten, dass das, was in ihr ist, vielleicht von Engeln stammt und ich als einer dastehen werde, der unschuldig Blut der Verurteilung zum Tod ausliefert. [4] Was soll ich also mit ihr anfangen? Ich werde sie in aller Stille fortschicken von mir.« [5] Und, während er so überlegte, überfiel ihn die Nacht. Und siehe, ein Engel des Herrn erscheint ihm im Traum und spricht: »Hab keine Angst wegen dieses Mädchens, denn was in ihr ist, das stammt vom heiligen Geist. [6] Sie wird aber einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.« [7] Und Joseph erhob sich vom Schlaf und pries den Gott Israels, der ihm diese Gnade geschenkt hatte. [8] Und er nahm das Mächen in seine Obhut.

15

[1] Es besuchte ihn aber der Schriftgelehrte Hannas und sagte zu ihm: »Weswegen hast du dich nicht in unserer Versammlung gezeigt?« [2]Und es sagte Joseph zu ihm: »Weil ich müde war von der Reise und den ersten Tag habe ausruhen müssen.« [3] Und Hannas drehte sich um und sah Maria in anderen Umständen, [4] und er ging geschwind hin zum Priester und sagte zu ihm: »Joseph, den du als Zeuge kennst, hat schwer gegen das Gesetz verstoßen.« [5] Und der Priester sagte: »Inwiefern denn?« [6] Und er sagte: »Die Jungfrau, die er aus dem Tempel zur Obhut übernommen hat, die hat er befleckt. Er hat die Hochzeit mit ihr erstohlen und es den Kindern Israel nicht vorher zur Anzeige gebracht.« [7] Da gab der Priester zur Antwort und sprach: »Joseph sollte das getan haben?« [8] Und er sagte: »Schick Diener hin, und du wirst feststellen, dass die Jungfrau schwanger ist.« [9] Und die Diener gingen hin und fanden es so, wie er's gesagt hatte, und führten sie zusammen mit Joseph vor das Gericht. [10] »Maria, warum hast du das getan? Warum hast du deine Seele so erniedrigt? [11] Hast du den Herrn, deinen Gott, ganz vergessen? Du, die im Allerheiligsten auferzogen worden ist und Nahrung empfangen hat aus der Hand eines Engels? [12]  Und die ihre Gesänge hat hören dürfen und zu ihnen tanzte? Warum hast du das getan?« [13] Sie aber weinte bitterlich und sagte: » So wahr der Herr mein Gott lebt, ich bin rein vor ihm und weiß von keinem Mann.« [14] Und der Priester sagte: »Joseph, warum hast du das getan?« [15] Und Joseph sagte: »So wahr der Herr mein Gott lebt, frei von Schuld bin ich an ihr.« [16] Und der Priester sprach: »Leg kein falsches Zeugnis ab, sondern sag die Wahrheit! Du hast die Hochzeit mit ihr gestohlen und es den Kindern Israel nicht vorher zur Anzeige gebracht.[17] Und Du hast dein Haupt nicht vorher unter die gewaltige Hand Gottes gebeugt, damit dein Same gesegnet wäre.« [18] Und Joseph schwieg dazu.

 

16

[1] Dann sagte der Priester: »Gib die Jungfrau wieder her, die du aus dem Tempel des Herrn empfangen hast!« [2] Und Joseph brach in heftige Tränen aus. [3] Darauf antwortete der Priester: »Ich werde euch das Prüfungswasser des Herrn zu trinken geben, und er, der Herr, wird eure Sünden in euren Augen offenbaren.« [4] Und der Priester nahm's und gab's dem Joseph zu trinken und schickte ihn die Wildnis, und er kam unversehrt wieder zurück. [5] Er gab's aber auch der Maria zu trinken und schickte sie in die Wildnis, und sie kam unversehrt wieder zurück. [6] Und es wunderte sich das ganze Volk, dass keine Sünde an ihnen zum Vorschein gekommen war. [7] Da sagte der Priester: »Wenn der Herr Gott eure Sünde nicht offenbart hat, dann richte auch ich euch nicht.« Und entließ sie. [8] Und Joseph nahm Maria mit sich und ging heim in sein Haus und war dabei voller Freude und pries den Gott Israels.

17

Reise nach Bethlehem (Fresco, Castelseprio, Italien, ca. 9. Jhd.)
Reise nach Bethlehem (Fresco, Castelseprio, Italien, ca. 9. Jhd.)

[1] Es erging aber ein Befehl vom König Augustus, dass alle Leute in Bethlehem in Judäa sich in eine Liste eintragen lassen sollten. [2] Und Joseph sagte bei sich: »Ich werde meine Söhne eintragen lassen. Wie aber soll ich es mit diesem Mädchen machen? Wie soll ich sie eintragen lassen? [3] Als meine Ehefrau? Ich habe eine gewisse Scheu davor. Oder als Tochter? Aber es wissen doch alle Kinder Israel, dass sie nicht meine Tochter ist. [4] Der Tag des Herrn selbst wird es machen, wie der Herr will.« [5] Und er sattelte den Esel und setzte sich darauf, und sein Sohn zog den Esel vorn, und Joseph ging hinterdrein. [6] Und als sie sich bis auf drei Meilen genähert hatten, wandte sich Joseph um und sah sie traurig. [7] Und sprach bei sich: »Vielleicht macht ihr das zu schaffen, was in ihr ist.« [8] Und ein ander Mal wandte sich Joseph um und sah sie lachen. Da sagte er zu ihr: »Maria, was ist dir, dass ich dein Gesicht das eine Mal lachen sehe, das andere Mal traurig?« [9] Und Maria sagte zu Joseph: »Weil ich zwei Völker mit meinen Augen sehe, eines, das weint und wehklagt, und eines, das sich freut und jubelt.« [10] Als sie den halben Weg zurückgelegt hatten, sagte Maria zu ihm: »Nimm mich herab vom Esel! Denn was in mir ist, drückt mich und will hervorkommen.« [11] Da nahm er sie vom Esel herab und sagte zu ihr: »Wohin soll ich dich führen und dich in deinem unschicklichen Zustand in Schutz bringen? Denn die Gegend ist einsam.«

 

18

Eingang zur Geburthöhle in Bethlehem (Foto: Dirk D.)
Eingang zur Geburthöhle in Bethlehem (Foto: Dirk D.)

[1] Und er fand dort eine Höhle und geleitete sie hinein, und er ließ seine Söhne ihr zur Seite und zog aus, um eine hebräische Hebamme in der Gegend von Bethlehem zu suchen. Ich aber, Joseph, ging umher und ging wiederum nicht umher und blickte nach oben in die Luft und sah die Luft erstarrt und blickte nach oben an das Himmelsgewölbe und sah es stillstehen und die Vögel des Himmels ohne Bewegung. Und ich blickte auf die Erde und sah eine Schüssel am Boden und Arbeiter um sie gelagert, und ihre Hände waren in der Schüssel, und die beim Kauen waren, kauten doch nicht, und die Speise nahmen, brachten sie doch nicht in die Höhe, und die Speise an ihren Mund führten, brachten sie doch nicht heran, sondern ihrer aller Gesichter blickten unverwandt nach oben. Und siehe, Schafe wurden dahergetrieben und kamen keinen Schritt vorwärts, sondern blieben stehen, und der Hirt erhob seine Hand, um sie mit dem Stecken zu schlagen, und seine Hand blieb oben stehen. Und ich blickte auf die Flut des Flusses und sah die Mäuler der Böcke darauf auf der Oberfläche des Wassers liegen und doch nicht trinken - und auf ein Mal ging alles wieder nach seinem gewohnten Lauf weiter. Und siehe, eine Frau kam vom Gebirge herab, die sagte zu mir: »Mann, wohin bist du unterwegs?« Und ich sagte zu ihr: »Ich suche eine hebräische Hebamme.« Und sie gab zur Antwort und sagte zu mir: »Bist du aus Israel?« Und ich sagte zu ihr: »Ja.« Sie aber sagte: »Und wer ist die, die in der Höhle gebären soll?« Und ich sagte: »Meine Verlobte.« Da sagte sie zu mir: »Dann ist sie also nicht dein Weib?« Und ich sagte zu ihr: »Es ist Maria, die im Tempel des Herrn auf erzogen worden ist; sie hatte ich mir zum Weibe erlost, und gleichwohl ist sie nicht mein Weib, sondern Empfängnis hat sie erhalten vom heiligen Geist.« Da sagte die Hebamme zu ihm: »Das soll wahr sein?« Und Joseph sagte zu ihr: »Komm und sieh!« Und die Hebamme ging mit ihm hin. Und sie standen an dem Platz, wo die Höhle war, und siehe, eine lichte Wolke hüllte die Höhle in Schatten. Da sagte die Hebamme: »Erhoben ist heute meine Seele. Denn meine Augen haben Wunderbares gesehen; denn für Israel ist Heil geboren worden.« Und sogleich verzog sich die Wolke aus der Höhle, und es erschien ein gewaltiges Licht in der Höhle, so dass unsere Augen es nicht ertragen konnten. Und nach kurzer Zeit verschwand jenes Licht, bis das Kind zu sehen war; und es kam und nahm die Brust von seiner Mutter Maria. Und die Hebamme schrie auf und rief: »Groß ist der Tag heute für mich, dass ich dieses neue Schauspiel habe sehen dürfen!« und die Hebamme verließ die Höhle. Da begegnete ihr Salome, und sie sagte zu ihr: »Salome, Salome! Ein neues Schauspiel habe ich dir zu erzählen: eine Jungfrau hat geboren, was doch ihre Natur gar nicht erlaubt!« Da sagte Salome: »So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich meinen Finger nicht anlege und ihren Zustand untersuche, so glaube ich nicht, dass eine Jungfrau geboren hat.«

 

Und die Hebamme ging hinein und sagte zu Maria: »Lege dich zurecht! Denn kein geringfügiger Streit ist um dich im Gange.« Und Salome untersuchte unter Anlegen ihres Fingers ihren Zustand. Dann stieß sie Klagerufe aus und rief: »Wehe über mein Unrecht und meinen Unglauben! Denn ich habe den lebendigen Gott versucht. Siehe da, meine Hand fällt verbrannt von mir ab!« und sie beugte ihre Knie vor dem Gebieter und sprach: »Gott meiner Väter! Gedenke meiner, dass ich Same Abrahams und Isaaks und Jakobs bin! Gib mich nicht vor den Kindern Israel der Schande preis, sondern gib mich den Armen wieder! Denn du weißt, Gebieter, dass ich auf deinen Namen hin meinen Dienst an Ar-men und Kranken ohne Entgelt ausübe und meinen Lohn dafür von dir empfing.« und siehe, ein Engel des Herrn trat herzu und sprach zu ihr: »Salome/ Salome! Erhört hat dich der Herr. Leg deine Hand an das Kindlein und trage es! Rettung und Freude wird dir zuteil werden.« Und Salome trat heran und trug es und sagte dabei: »Ich will ihm meine Verehrung darbringen, denn als großer König für Israel ist es geboren worden.« Und siehe, sogleich war Salome geheilt, und sie verließ die Höhle gerechtfertigt. Und siehe, eine Stimme sprach: »Salome, Salome! Erzähle nicht weiter, was du alles Wunderbares gesehen hast, bis der Knabe nach Jerusalem hineinkommt!

 

Und siehe, Joseph machte sich bereit, fortzuziehen nach Judäa. Da entstand eine große Unruhe in Bethlehem in Judäa. Es kamen nämlich Weise, die sagten: »Wo ist der König der Juden, der kürzlich geboren worden ist. Wir haben nämlich seinen Stern im Aufgehen gesehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.« Und als Herodes das zu Ohren bekam, geriet er in Erregung und sandte einen Diener zu den Weisen und ließ die Hohenpriester holen und befragte sie und sprach: »Wie heißt es in der Schrift von dem Christus? Wo wird er geboren ?« Sie sagten zu ihm: »In Bethlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben.« Und er entließ sie. Dann fragte er die Weisen und sagte: »Was für ein Zeichen habt ihr gesehen, das sich auf den kürzlich geborenen König bezieht?« Und die Weisen sagten: »Wir haben einen ganz großen Stern gesehen, der unter diesen anderen Sternen allen leuchtete und sie in ihrem Glänze dämpfte, so dass es war, als ob die anderen Sterne gar nicht scheinen würden. Wir aber gelangten so zu der Erkenntnis, dass ein König für Israel geboren worden ist, und sind gekommen, um ihm zu huldigen.« Und Herodes sprach: »Geht hin und suchet das Kind! Und wenn ihr es gefunden habt, so meldet es mir, damit ich dann auch hingehen und ihm huldigen kann.« Und die Weisen zogen von dannen. Und siehe, der Stern, den sie im Aufgehen gesehen hatten, ging ihnen voran, bis sie in die Höhle eintraten; da blieb er stehen zu Häupten der Höhle. Und es sahen die Weisen das Kindlein mit seiner Mutter Maria, und sie entnahmen ihrer Reisetasche Geschenke, Gold und Weihrauch und Myrrhe, und da sie von dem Engel Weisung erhielten, nicht nach Judäa zu ziehen, so reisten sie auf einem anderen Wege in ihr Land. Als Herodes erkannte, dass er von den Weisen hintergangen worden war, wurde er zornig und schickte Mörder aus und gab ihnen den Auftrag: »Die kleinen Kinder von zwei Jahren an abwärts tötet!« Und als Maria hörte, dass die kleinen Kinder umgebracht würden, erschrak sie und nahm das Kindlein und wickelte es in Windeln und legte es in eine Ochsenkrippe.

 

Elisabeth aber, als sie hörte, Johannes werde gesucht, nahm ihn und stieg hinauf ins Gebirge und sah sich um, wo sie ihn werde verbergen können; es war jedoch kein Versteck da. Da seufzte Elisabeth mit lauter Stimme und sagte: »Berg Gottes! Nimm Mutter samt Kind auf!« Denn Elisabeth konnte nicht noch weiter ins Gebirge hinaufsteigen. Und sogleich teilte sich der Berg und nahm sie Elisabeth auf. Und es schien für sie Licht durch den Berg hindurch; denn ein Engel des Herrn war bei ihnen, der sie behütete. Herodes aber ließ Johannes suchen und schickte Diener zu Zacharias und ließ sagen: »Wo hast du deinen Sohn versteckt?« Der aber gab zur Antwort und sagte zu ihm: »Ich walte meines Amtes als Diener Gottes und halte mich ständig im Tempel des Herrn auf. Ich weiß nicht, wo sich mein Sohn befindet.« Und die Diener gingen fort und meldeten dies alles dem Herodes. Da wurde Herodes zornig und sagte: »Sein Sohn wird doch nicht etwa als König über Israel herrschen sollen ?« Und er schickte nochmals zu ihm und ließ sagen: »Sag die Wahrheit ! Wo befindet sich dein Sohn? Du weißt ja, dass dein Blut dein Leben in meiner Hand ist.« Und die Diener gingen fort zu Zacharias und richteten ihm dies alles aus. Und Zacharias ließ sagen: »Ein Zeuge Gottes bin ich, wenn du mein Blut vergießest. Meinen Geist nämlich nimmt der Gebieter zu sich, weil du un-schuldig Blut vergießest im Vorhof des Tempels des Herrn.« Und gegen Tagesanbruch wurde Zacharias ermordet. Und die Kinder Israel wussten nicht, dass er ermordet war. Vielmehr zogen die Priester zur Stunde der Begrüßung hin zum Tempel. Doch kam ihnen nicht wie gewohnt der Segen des Zacharias entgegen. So standen die Priester in der Erwartung des Zacharias, um ihn mit Gebet zu begrüßen und den Höchsten zu preisen. Als er aber immer noch nicht kam, wurden alle von Angst ergriffen. Schließlich wagte es einer von ihnen und ging hinein, da sah er neben dem Altar geronnenes Blut und vernahm eine Stimme, die sprach: »Zacharias ist ermordet worden, und sein Blut soll nicht weggewaschen werden, bis sein Rächer kommt.« Als er das Wort hörte, erschrak er, eilte hinaus und teilte es den Priestern mit. Da wagten sie es und gingen hinein und sahen, was geschehen war. Und die getäfelte Decke des Tempels ächzte, und sie selbst die Priester rissen ihre Gewänder entzwei von oben bis unten. Und seinen Leichnam fanden sie nicht, sondern sie fanden nur sein zu Stein gewordenes Blut. Und voller Furcht gingen sie wieder hinaus und teilten dem ganzen Volk mit, dass Zacharias ermordet worden sei. Und es hörten es alle Stämme des Volkes, und sie trauerten um ihn und hielten Klage drei Tage und drei Nächte, Nach den drei Tagen aber berieten die Priester, wen sie an seine Stelle setzen könnten, und das Los fiel auf Symeon. Das war nämlich der, der vom heiligen Geist die Weisung erhalten hatte, er werde den Tod nicht sehen, bis er den Christus im Fleisch gesehen habe.

 

Ich aber, Jakobus, der diese Geschichte geschrieben hat, zog auch, weil in Jerusalem wegen des Todes von Herodes Unruhen ausbrachen, in die Wüste, bis sich die Unruhen in Jerusalem gelegt hatten, wobei ich voll Preisens war für Gott, den Gebieter, der mir die Gabe und die Weisheit verliehen hat, diese Geschichte schreiben zu dürfen. Es sei aber die Gnade mit denen, die unseren Herrn Jesus Christus fürchten! Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen!