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Die syrischen Recognitionen

 

übersetzt von Daniel Erhorn (c) 2016/17

 

 

Buch I

 

 

1

 

Ich, Clemens, ein römischer Bürger, vermochte schon von Jugend an ein besonnenes Leben zu führen, da mein Geist bereits im Kindesalter die in mir befindliche Begierde begrenzte, was nicht selten entmutigend und mühevoll war. So begleitete mich oft – ich weiß nicht, warum – die Erinnerung an den Tod, dass ich nämlich, wenn ich stürbe, nicht mehr existieren würde, ja sogar, dass ich (in diesem Falle) auch nie jemals existierte, da sich niemand an mich erinnern würde. Denn die unbegrenzte Zeit bringt alles in Vergessenheit. So würde ich sodann nicht-seiend sein, und um das Seiende nicht wissen, weder erkennend, noch erkannt, weder geworden, noch je gewesen. – Ist die Welt zu einer Zeit entstanden? fragte ich weiter. Und was war dann vor ihrer Entstehung? Wenn sie nämlich immer bestanden hat, dann wird sie auch weiterhin bestehen. Ist sie hingegen geworden, so muss sie auch wieder vergehen. Und was würde dann nach ihrer Auflösung anderes sein als Stille und Nichtigkeit? Oder vielleicht ist es auch etwas, was wir uns jetzt noch nicht vorstellen können.

 

 

 

2

 

Mit solchen und ähnlichen Gedanken beschäftigte ich mich immerfort, ohne zu wissen, woher sie kamen, und wurde dadurch so schmerzlich betrübt, dass ich mich regelrecht grämte und auszehrte. Doch das Schlimmste dabei war, dass, wenn ich einmal jene Sorge als unvorteilhaft zu verdrängen suchte, sie nur um so schlimmer zu mir zurückkehrte. Das verbitterte mich, weil ich noch nicht wusste, dass ich in diesen Gedanken gute Gefährten besaß, die für mich einen rechten Anfang zur Unsterblichkeit bedeuten sollten, wie mir später die Erfahrung meines Lebens zeigen sollte, und ich bin Gott, dem Herrn aller Dinge, dankbar dafür. Durch diese Besorgnisse nämlich, die ich anfangs als drückend empfand, wurde ich veranlasst, den Dingen auf den Grund zu gehen und diesen Grund zu finden. Nunmehr beklagte ich diejenigen, deren Glück ich vorher aus Unwissenheit glaubte preisen zu sollen.

 

 

 

3

 

Da ich mich also von Kindheit an mit solchen Problemen befasste, so suchte ich, um etwas Gewisses zu erfahren, die Vorlesungen der Philosophen auf. Diese widerlegten Lehrsätze und postulierten neue, stritten und zankten sich, entwickelten spitzfindige Folgerungen und erdachten neue Schlussformen. Doch mehr vermochten sie mir nicht zu bieten. Einmal hieß es, die Seele sei unsterblich, ein andermal, sie sei sterblich. Wenn die Ansicht galt, sie sei unsterblich, dann freute ich mich, hieß es dagegen, sie sei sterblich, so war ich darüber betrübt. Noch größer war allerdings meine Verzweiflung darüber, dass ich weder die eine noch die andere Auffassung zu beweisen vermochte. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass die aufgestellten Argumente je nachdem, wer sie vorbrachte, als falsch oder richtig galten, und nicht nachdem, welche Wahrheit ihnen zugrunde lag. Und als ich diesen Umstand mit der Zeit durchschaute, dass nicht dasjenige als wahr galt, was durch vorgebrachte Argumente bestätigt wurde, sondern nur dasjenige, was gewisse Vertreter, die über die Meinung herrschten, durchsetzten, steigerte dies den Grad meiner Verwirrung umso mehr, so dass meine Seele aus tiefstem Grunde klagte, da ich weder imstande war, für mich eine Lösung zu finden, noch die Sorgen und Gedanken über diese Dinge loszuwerden, obwohl ich nichts lieber getan hätte als das – wie ich bereits zuvor erwähnte. Denn während ich mich selbst dazu zwang, damit aufzuhören, kehrten diese und ähnliche Überlegungen still und heimlich wieder zurück, ohne dass ich den Grund hierfür kannte.

 

 

 

4

 

Und als ich ein andermal grübelte, fragte ich mich: Warum mühe ich mich vergeblich ab? Denn es ist offensichtlich, dass ich, wenn ich sterbe, nicht mehr existiere, und es daher jetzt, wo ich existiere, keinen Grund dafür gäbe, mich zu grämen. Denn warum sollte ich hieran festhalten, wenn es mich zu jener Zeit gar nicht mehr gibt und ich daher auch keinen Gram mehr verspüren kann? Und wenn dort eine Art der Existenz auf mich warten sollte, gäbe es doch wohl kaum einen Grund zur Sorge. Und unmittelbar danach überkam mich ein weiterer Gedanke, und ich sagte mir: Was, wenn dort weitaus schlimmere Dinge auf mich warteten als solche, wegen derer ich mich jetzt gräme, und die ich leiden müsste, weil ich kein frommes Leben führte, und – nach den Worten der Philosophen – dem Pyriphlegethon und dem Tartaros übergeben werde,1 wie Sisyphos, Tityos, Ixion oder Tantalos, und im Hades auf ewig bestraft werde?2 Und wiederum wandte ich mich dagegen und sagte: Aber diese Dinge existieren ja nicht. Und fragte mich sogleich: Aber was, wenn sie es doch tun? Da nun aber dieses Problem gedanklich nicht zu klären war, tendierte ich dazu, ein frommeres Leben führen zu wollen, um auf Nummer sicher zu gehen. Doch wie werde ich es vermögen, im Dienste der Gerechtigkeit den Begierden des Körpers zu trotzen, wo doch die Hoffnung auf einen Lohn derart ungewiss ist? – Bin ich mir doch nicht einmal darüber im Klaren, was für eine Frömmigkeit Gott wohlgefällig wäre; noch weiß ich, ob die Seele unsterblich oder sterblich ist, oder welcher Gedanke als sicher gelten kann. Auch bin ich nicht in der Lage, derartige Gedanken in mir zur Ruhe zu bringen.

 

 

 

5

 

Was wäre also besser für mich, als nach Ägypten zu gehen, und mich den Priestern der Mysterien und den Propheten zu befreunden und einen Magier zu suchen, und wenn ich ihn gefunden habe, ihn dazu zu bewegen, eine Seele zu erwecken – was man Nekromantie nennt –, als ob ich sie über eine bestimmte Sache befragen wollte – dabei möchte ich (hierdurch) nur erfahren, ob die Seele unsterblich ist. Ich werde jedoch die Antwort der Seele, ob sie unsterblich ist, nicht durch das, was sie spricht und hört, erhalten, sondern allein durch die Tatsache, dass sie von mir gesehen wird, denn wenn ich sie einmal mit meinen eigenen Augen gesehen habe, wird dies mir Beweis genug sein, dass sie existiert. Und außerdem ist es dann nicht mehr möglich, dass die gehörten Worte, welche unsicher sind, die Bilder meiner Augen zunichte machen können. Gleichwohl teilte ich diesen meinen Plan einem befreundeten Philosophen mit, der mir riet, dass ich solch eine Sache aus vielerlei Gründen nicht wagen sollte. „Wenn nämlich“, sagte er, „die Seele nicht auf den Magier hört, handeltest du den göttlichen Gesetzen zuwider, die so etwas verbieten, und wirst in deinem Leben dafür ohne Vergebung bestraft werden. Zudem denke ich, dass noch nicht einmal deine Frömmigkeit dich bändigen würde, denn wegen ihr kannst du hierüber nur Mutmaßungen anstellen. Manche sagen nämlich diesbezüglich, dass Gott denen feindlich gesonnen ist, welche die Ruhe der Seelen nach ihrem Verlassen der toten Körper stören.“ Als ich dies hörte, zögerte ich, da ich hierüber nicht in Vermutungen verharren wollte. So ließen mich die zuvor betrachteten Dinge nicht zur Ruhe kommen, sondern ich wurde sogar noch mehr entmutigt, da meine diesbezüglichen Pläne vereitelt wurden.

 

 

 

 

 

6

 

Doch will ich dir3 nicht weitere lange Reden über dieses Thema unterbreiten. Als ich also mit solchen Überlegungen beschäftigt war, drang unter der Regierung des Kaisers Tiberius ab dem Nisan4 eine Nachricht zu uns durch. Und wahrlich, wie ein guter Engel Gottes breitete sie sich überallhin aus und erfüllte schließlich die ganze Welt, ohne dass die Verkündigung des Willens Gottes zum Schwiegen gebracht werden konnte. Sie gelangte bis in den letzten Winkel, und das war ihr Inhalt: Da sei ein Mann in Judäa erschienen und verkündige seit dem Nisan den Juden das Reich des ewigen Gottes; diejenigen, behaupte er, würden es erlangen, die die Forderungen seiner Gebote und seiner Lehre hielten. Zum Beweis, dass seine Rede Glauben verdiene und aus göttlicher Kraft sei, lasse er, so erzählte man, durch sein bloßes Wort viele Zeichen und Wundertaten geschehen, so dass er gleichsam in Gottes Vollmacht die Tauben hören und die Blinden sehen mache, die Krüppel und Lahmen aufrichte, jegliche Schwäche und alle Dämonen aus den Menschen vertreibe, ja sogar Tote, die man vor ihn bringe, auferwecke, ferner Aussätzigen, welche er von ferne erblicke, Heilung bringe und es überhaupt nichts gebe, was für ihn unmöglich sei. Im Fortgang der Zeit fand dieser Bericht bald seine Bestätigung durch zuverlässige Berichte von Reisenden, die aus jener Gegend kamen, so dass jene Gerüchte sich immer mehr als Wahrheit herausstellten.

 

 

 

7

 

Schlielich fanden hier und dort Zusammenkünfte statt, man besprach sich über diese Nachrichten und äußerte sein Interesse dafür, wer das denn sei, der da in Erscheinung trete, und was für eine Botschaft er den Menschen überbracht habe. Das ging so lange, bis noch im Sommer desselben Jahres ein Mann vor den Leuten auf einem öffentlichen Platze stand und sich mit folgenden Worten an die Menge wandte: „Bürger von Rom, hört mich an! Der Sohn Gottes ist im Lande Judäa erschienen und verspricht allen, die es hören wollen, das ewige Leben, sofern einer sein Handeln nach dem Willen dessen gestaltet, der ihn sandte.5 Bekehrt euch darum von schlechten zu guten Taten, von dem, was zeitlich, zu dem, was ewig ist! Erkennt, dass es den Einen Gott im Himmel gibt, unter dessen gerechten Augen ihr ohne Gerechtigkeit die Welt bevölkert, die ihm gehört! Doch wenn ihr euch bekehrt und nach seinem Willen handelt, werdet ihr in eine neue Welt eingehen, unsterblich werden und an seinen unsagbar herrlichen Gütern und Gaben teilhaben.“ Dieser aber war ein Hebräer aus dem dortigen Lande mit Namen Barnabas und behauptete, einer seiner Jünger zu sein und dazu ausgesandt, denen, die es hören wollten, die Worte zu verkünden. Nachdem ich das vernommen hatte, lief ich mit den anderen Leuten hinter ihm her und hörte weiter auf das, was er sagte. Denn es war mir klar, dass er nicht in künstlicher Dialektik sprach, sondern arglos und unvorbereitet darlegte, was er von den Taten und Worten des Gottessohnes gehört und gesehen hatte. Er führte aber für die Reden und Wunderdinge, die er verkündete, auch viele Zeugen aus der umstehenden Menge vor.

 

 

 

8

 

Als nun aber die Menge so lauteren Worten gerne zustimmte, da begannen die Philosophen, welche von Kindheit an so erzogen wurden, Barnabas zu verlachen und zu verspotten und die Fallstricke ihrer Syllogismen als ihre schwersten Waffen gegen ihn zu richten. Doch der ignorierte ihr leeres Gerede und stellte sich ihren unlauteren Fragen nicht entgegen, sondern war unerschrocken und ließ sich von ihnen nicht verunsichern. Und als ihn jemand fragte, warum die so winzige Mücke so geschaffen wurde, dass sie sechs Füße und dazu noch Flügel besitze, der Elefant hingegen, der das größte aller Tiere ist, gar keine Flügel und nur vier Beine habe, setzte er seine durch die Frage unterbrochene Rede einfach fort. Anstatt auf die Frage zu antworten, nahm er seine zuvor begonnene Rede nach jener Unterbrechung mit diesen Eingangsworten wieder auf: „Wir haben den Auftrag, euch die Worte und Wundertaten dessen zu verkünden, der uns gesandt hat, und gegen logische Beweiskraft viele Zeugen, von denen ich weiß, dass sie dieselben Dinge sahen, aus euren Reihen vorzubringen. Es liegt nun an euch, es anzunehmen oder zurückzuweisen. Ich werde nicht aufhören, über diese nützlichen Dinge zu reden, weil mir das Schweigen zum Schaden wäre, euch aber die Zurückweisung zum Verderben. Auch hätte ich eure törichten Probleme widerlegen können, wenn ihr nur mit Liebe zur Wahrheit gefragt hättet. Was nun eure Unterscheidungskunst zwischen einer Mücke und einem Elefanten betrifft, ist nicht die rechte Zeit, euch hierauf zu antworten, da ihr den allmächtigen Gott nicht kennt.“

 

9

 

Als er geendet hatte, ertönte wie aus einer Stimme ein ungeordnetes lautes Gelächter, durch das sie ihn einschüchtern und zum Schweigen bringen wollten, und sie nannten ihn einen Barbaren und Besessenen. Als ich aber diese Dinge sah, ergriff mich plötzlich – ich weiß nicht wie – ein Zorn und frommer Mut und ich konnte nicht mehr an mich halten, sondern erklärte mit allem Freimut: „Aus gutem Grund hat Gott vor euch seinen Willen verborgen, da er voraussah, dass ihr seiner unwürdig seid, wie es jetzt durch das von euch Vorgebrachte jedem urteilsfähigen Geist offenbar wurde. Denn während ihr die Verkünder des Willens Gottes bei euch seht, die nicht durch rhetorische Kunst, sondern in schlichten und ungekünstelten Worten euch seinen Willen enthüllen, so dass alle Zuhörer folgen und das Gesagte verstehen können, und nicht in neidischer Manier es manchen vorenthalten wollen, steht ihr hier herum, ohne zu wissen, was euch aus eurem Verderben erretten könnte, und verlacht die Wahrheit, die zu eurer eigenen Verurteilung unter die Barbaren gebracht wurde, und der ihr als Einheimische wegen eures Übermuts und der Klarheit ihrer Worte kein Gastrecht geben wollt, damit nicht erwiesen werde, dass ihr Liebhaber leerer Worte und nicht wahrheitsliebende Philosophen seid. Wie lange wollt ihr noch das Reden lernen, die ihr das reden nicht beherrscht? Eure vielen Äußerungen sind nicht einmal ein einizges Wort wert! Was werdet ihr wohl wie aus einer Seele sagen, wenn jenes Gericht erscheint, von dem dieser Mann hier sprach? „Warum, o Gott, hast du deinen Willen uns nicht kundgetan?“ Keineswegs werdet ihr daher folgendes hören (wenn ihr überhaupt einer Antwort würdig seid): ,Ich, dem alle künftigen Absichten schon vor Grundlegung der Welt bekannt sind, bin jedem auf die ihm angemessene Weise heimlich begegnet. Dies ist aber so, weil ich möchte, dass nur diejenigen, die meinen Schutz suchen, sich sicher wähnen sollen, weswegen von den ersten Generationen an mein Wille nicht öffentlich feilgeboten wurde. Nun am Ende des Lebens aber, da ich die Boten meines Willens ausgesandt habe, werden sie von solchen, die sich nicht helfen lassen wollen und meine Liebe gewaltsam zurückweisen, ausgelacht, verhöhnt und verspottet. Oh große Ungerechtigkeit! Bis zum Tode verfolgen sie meine Gesandten und die von ihnen zum Heil gerufenen Menschen. Aber dies, was auf ungerechte Weise gegen meine Gesandten geschieht, wäre wohl von Anfang an allen widerfahren, wenn die Würdigen von Anfang an zum Heil gerufen worden wären. Doch das nun von ihnen Geschehene rechtfertigt meine gerechte Vorsehung. Denn es ist schön, dass von Anfang an das wertvolle Wort nicht öffentlich durch die Schmähungen des Hochmuts entehrt wurde, sondern wie etwas Kostbares wollte ich es verschweigen, nicht vor jenen, die von Anfang an würdig waren und auch ihren Anteil empfingen, sondern von solchen Unwürdigen (wie diese, die ihr hier seht), die mich hassen und sich selbst nicht willens sind zu lieben.‘ Hört darum, ihr Anwesenden, sofort auf, über diesen Mann zu lachen, und erkundigt euch bei mir nach dem, was ihr von ihm fordert, oder ich befrage einen, der mir Auskunft geben möchte, aber bellt nicht wie wilde Hunde, indem ihr mit ungeordnetem Lärm denen, die gerettet werden wollen, die Ohren verstopft. O ihr Ungerechten und Gott Verhassten, die ihr durch euren Unglauben keinen Raum für das lebendige Wort in euch findet: wie soll euch je Vergebung erreichen, wenn ihr einen Gottgesandten, der die göttliche Lehre verkündet, verspottet und misshandelt? Und auch wenn die Dinge, welche dieser Mensch weissagt, nicht der Wahrheit entsprächen, sollte er euch aufgrund der Güte, die er euch entgegenbringt, willkommen sein.“

 

10

 

Während ich solche und entsprechende Dinge vortrug, entwickelte sich unter den Leuten ein großer Tumult. Und einige, als wenn sie Barnabas6 bemitleideten, nahmen mich in Schutz, andere wiederum, die einfältig waren, fletschten gegen mich die Zähne. Als dann endlich der Abend hereinbrach, ergriff ich die Hand des Barnabas, führte ihn gegen seinen Willen mit Gewalt in mein Haus, und ließ ihn dort, damit nicht irgendjemand sich an ihm vergreifen konnte. Und er blieb einige Tage und lehrte mich in Kürze das Wort der Wahrheit – so viel, wie in einigen wenigen Tagen möglich war. Doch dann sagte er, dass er sich beeilen müsse, wegen eines religiösen Festes nach Judäa zu gelangen, und danach bei seinen Landsleuten bleiben wolle, was mich sichtlich erstarren ließ.

 

11

 

Da sagte ich: „Erkläre mir nur noch die Worte des erschienenen Mannes, und ich werde sie mit meinen eigenen Worten ausschmücken und den Willen Gottes verkünden, um dann stracks nach einigen Tagen dich auf deiner Reise zu begleiten. Denn sehr verlange ich danach, zum Land von Judäa zu gelangen, um dort alsbald mit euch allen die restliche Zeit meines Lebens zu verbringen. Der aber, als er dies hörte, antwortete: „Wenn du unsere Angelegenheiten kennenlernen und etwas Nützliches lernen möchtest, so segle sofort mit mir, wenn aber nicht, so werde ich dir heute die Erkennungszeichen unserer Behausung und derer, von denen du es wünschst, beschreiben, damit, wenn es so sein soll und du kommst, du uns auch findest. Ich werde nämlich morgen zu den Meinigen aufbrechen.“ Und da ich sah, dass er einen unumstößlichen Entschluss gefasst hatte, geleitete ich ihn zum Hafen und erfuhr von ihm eben jene Erkennungszeichen der Häuser, von denen er gesprochen hatte. Dann sagte ich: „Wenn ich nicht noch eine gewisse Summe von einem Schuldner einfordern müsste, wäre ich jetzt sofort mit dir gegangen. Ich werde dir aber sehr bald nachfolgen.“ Nachdem ich das gesagt und ihn den Schiffsherren vorgestellt hatte, kehrte ich traurig zurück; denn meine Gedanken waren bei diesem edlen Gast und Freund.

 

12

 

Mit einigen Tagen Verzögerung konnte ich die Schulden wegen der Eile nicht vollständig eintreiben, vernachlässigte das Ausstehende, da es mich hinderte, segelte stracks nach Judäa und kam nach fünfzehntägiger Fahrt in Cäsarea Stratonis an. Als ich nach demm Verlassen des Schiffes nach einer Herberge suchte, erfuhr ich, dass ein Mann namens Petrus, ein hochangesehener Jünger jenes Mannes, der in Judäa erschienen war und Zeichen und Wunder tat, am kommenden Tage mit Simon, einem Samaritaner aus Gitthonin, einen Disput halten werde. Als ich dies hörte, bat ich darum, mir dessen Unterkunft zu zeigen. Und als ich sie fand und vor das Tor getreten war, erklärte ich, wer ich sei und woher ich käme. Und sofort kam Barnabas hinzu und fiel mir, sobald er mich gesehen, unter Freudentränen in die Arme. Dann nahm er mich an der Hand und führte mich zu Petrus hinein und sagte: „Das ist Petrus, von dem ich dir erzählte, dass er in der göttlichen Weisheit am größten sei. Ich habe ihm unverzüglich über dich berichtet, so dass du ihm also unvermittelt gegenübertreten kannst. Von allen deinen guten Eigenschaften habe ich ihn nämlich genauestens informiert, und dabei erfuhr er auch von deinem Entschluss, so dass er nach dir verlangt und dich sehen möchte. Und so bringe ich dich ihm heute als ein großes Geschenk aus meinen Händen dar." Und als er dies gesagt hatte, brachte er mich vor ihn und sagte: „Dies, o Petrus, ist jener Clemens.“

 

13

 

Als aber dieser gute Mann meinen Namen hörte, sprang er auf, trat vor mich hin, küsste mich und bat mich, Platz zu nehmen und sagte unmittelbar darauf: „Du tatest gut daran, dass du Barnabas, den Verkünder der Wahrheit, zu Ehren des wahrhaftigen Gott mutig bei dir aufnahmst, ohne den Zorn der ungehobelten Menge zu fürchten. Selig seist du! So, wie du nämlich den Gesandten der Wahrheit voller Mut aufgenommen hast, wird auch die Wahrheit selbst dich als Fremden in ihrer eigenen Stadt aufnehmen und dir ihr Bürgerrecht verleihen. Dann wirst du dich in großem Maße freuen, weil du aufgrund einer kleinen ausgeborgte Freude – diesen guten Beschluss teile ich dir mit – zum Erben ewiger und unentreißbarer Güter werden wirst. Und bemühe dich nicht, mir über deinen Charakter zu berichten. Barnabas hat uns nämlich alles dich Betreffende wahrheitsgemäß berichtet und fast täglich eine gute Erinnerung an dich gegeben.“ Und um dir in einem Ausschnitt das in Rede Stehende wie einem echten Freund mitzuteilen: wenn dich nicht irgendetwas hindert, so begleite uns auf unserer Reise, um Anteil an den Worten der Wahrheit zu nehmen, welche ich in jeder Stadt, und schließlich in Rom selbst, zu benutzen gedenke. Du aber sprich nun, wenn es dir beliebt!“

 

14

 

Und ich erzählte ihm über meinen Plan von Anfang an, wie ich mich von den unlösbaren philosophischen Problemen befreite, und alle Dinge, über die ich anfangs schon schrieb, und über die ich jetzt nicht nochmals schreiben werde. Dann sagte ich: „Ich habe mich entschlossen, mit euch zu reisen, und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue. Aber zuvor möchte ich der Wahrheit sicher sein und wissen, ob die Seele der Tod ereilt oder ob sie unsterblich ist. Und wenn sie ewig lebt, ob sie für die Dinge, die sie getan hat, dann gerichtet wird, und was gerecht oder gottgefällig ist, und ob die Welt erschaffen wurde, und warum sie erschaffen wurde, und ob sie sich denn nicht auflöse, und wenn sie sich auflöse, ob dann etwas besseres entstehe oder nichts mehr sei. Aber damit ich nicht jeden Begriff einzeln darlege, sowohl diese als auch die aus ihnen folgende möchte ich, wie ich es sagte, lernen.“ Petrus aber antwortete auf diese Fragen folgendermaßen: „Ich werde dir, o Clemens, das Wissen über diese Dinge in aller Kürze geben. Nun höre also:

 

15

 

Der Wille Gottes ist aus vielerlei Gründen verborgen geblieben. Zuerst waren da das Einlassen mit dem Bösen, die Nährung der Sünde, ruchloses Verhalten, unzulässiger Umgang und falsches Urteil. Durch diese Dinge entstand der Irrtum, und daraus folgend Dreistigkeit, Unglaube, Unzucht, Habsucht, eitle Ruhmsucht und unzählige andere schlechte Eigenschaften, vergleichbar einem Rauch, der das eine Haus dieser Welt erfüllt hat und die Blicke der darin wohnenden Menschen vernebelt. Dieser hindert sie durch ihr HIn und Her daran, hinaufzublicken und Gott zu erkennen, ohne zu wissen, was für sie ein angemessenes Verhalten wäre. Daher ist es nötig, dass die Wahrheitsliebenden unter ihnen aus voller Brust um Hilfe rufen, damit jemand, der sich außerhalb des raucherfüllten Hauses befindet, herbeieilt und die Tür öffnet, damit einerseits das Licht der Sonne von außen in das Haus eindringen, der innen befindliche Rauch des Feuers hingegen hinausgelangen kann.

 

16

 

Diesen Beistand7 nenne ich ,den Propheten‘, der allein die Seelen der Menschen zu erleuchten vermag, so dass sie mit ihren Augen den Weg zur ewigen Rettung zu sehen vermögen. Auf andere Weise aber, sage ich, ist es unmöglich, denn wie auch du vor kurzem erfahren musstest, kann jede Hypothese zerstört und wieder errichtet werden, und je nach dem Vermögen desjenigen, der sie verteidigt, wahr oder falsch genannt werden, so dass nicht mehr die Hypothesen als das erscheinen, was sie sind, sondern nach der Fantasie derjenigen, die sie verteidigen, als wahr oder falsch angesehen werden. Daher bedarf es diesen wahren Propheten zur Ausübung der Gottesfurcht, damit er uns über das Seiende sagen wird, wie es wirklich ist, und wie alle den Glauben betreffenden Dinge sich verhalten.8 Daher ist es zunächst nötig, den Propheten durch eine wahrheitsgemäße Untersuchung auf sein Prophetentum hin zu überprüfen, um ihm hernach in allen Dingen zu glauben und nie mehr auch nur eine von ihm gesagte Sache anzuzweifeln, sondern alles als zuverlässige Wahrheit gläubig anzunehmen und für die Zukunft als sichere Unterscheidung9 zu bewahren. Denn durch einen einzigen grundlegenden Beweis und eine allseitig sorgfältige Untersuchung wird das Ganze auf rechte Weise erfasst. Deswegen ist es als allererstes vonnöten, den wahren Propheten zu suchen, denn ohne diesen ist es den Menschen unmöglich, sich etwas Wahrem zu nähern.

 

17

 

Und auf dieselbe Weise beruhigte er mich, indem er mir auseinandersetzte, wer er sei und wie man ihn finden könne. [Und wahrlich, er ließ ihn mich finden.]10 Und er zeigte mir so deutlich, durch mein Gehör, die Wahrheit der Rede über den Propheten, dass es die Dinge an Klarheit übertraf, die ich für gewöhnlich mit den Augen sehe. Und ich war erschüttert darüber, wie es möglich ist, dass niemand diese offensichtlichen und von allen gesuchten Dinge erkennt. Indes hieß er mich, die Rede über den Propheten niederzuschreiben, und den Abschnitt von Caesarea Stratonis zu dir11 zu senden, denn er sagte mir, dass du ihm befohlen habest, jede seiner Reden und Taten aufzuschreiben und ihm jährlich zuzusenden. Doch bereits am ersten Tag, als er seine Rede über den Propheten der Wahrheit begann, überzeugte er mich von allem. Dann sagte er so: „Siehe hernach, dass es Streitgespräche zwischen mir und gegnerischen Leuten gibt. Und wenn ich als Schwächerer daraus hervorgehen sollte, so fürchte ich nicht, dass du irgendwie an der dir offenbarten Wahrheit zweifelst. Denn ich scheine zwar unterlegen, mitnichten aber die zugrundeliegende Botschaft, die uns durch den wahren Propheten enthüllt wurde. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass ich nicht einmal in einem einzigen fragwürdigen Wort in den Augen der vernunftbegabten Freunde der Wahrheit der Unterlegene bin, weil sie zwischen solchen, deren Worte künstlich überredend und unterhaltsam sind, und solchen, die schlicht und aufrichtig sind, weil sie allein durch die von ihnen vertretene Wahrheit überzeugen, unterscheiden können.“

 

18

 

Und als er diese Dinge zu mir gesagt hatte, antwortete ich ihm: „Ich danke Gott auf der Stelle, denn wie ich gänzlich überzeugt werden wollte, so bot sich mir auch die Gelegenheit dazu. Sei also vollkommen sorglos, was mich betrifft, weil ich nie irgendwann einmal Bedenken tragen werde, denn selbst wenn du mich möglichst weit von der prophetischen Botschaft abbringen wolltest, würde es dir unmöglich sein, weil ich das, was ich empfangen habe, verstehe. Und glaube ja nicht, dass ich dir einfach unkritisch alles glaube, was du versprichst, ohne irgendwelche Bedenken, aber weder ich selbst noch irgend ein anderer Mensch könnte jemals an dem Bericht über den Propheten irgendeinen Zweifel hegen, wenn er das erste Mal über die Botschaft hört, und vernimmt, was die Wahrheit der prophetischen Verheißung ist. Darum verlasse dich auf die gottgewollte Lehre, denn alle bösen Künste sind bereits besiegt. Gegen die Prophetie können weder Redekunst, noch Sophistereien, Syllogismen oder andere Hilfsmittel etwas erdenken, wenn sich der Zuhörende wirklich nach der Wahrheit des wahren Propheten sehnt und nicht, anstatt die Wahrheit zu suchen, sich nach einem anderen Scheingrund umschaut. Sei also nicht entmutigt, o Petrus, mein Herr, und glaube ja nicht, dass du einem Stumpfsinnigen dieses höchste Gut schenktest. Du gewährtest jemandem diese Gnade, der sie wahrzunehmen vermag und die geschenkte Wahrheit nicht mehr beiseite legen kann. Ich weiß nun, dass das mir so schnell überbrachte, unvergleichliche und einzigartig beständige Geschenk nicht gering zu schätzen ist.“

 

19

 

Als ich meine Rede beendet hatte, sagte Petrus: „Ich danke Gott für deine Rettung und mein eigenes Entzücken, denn ich freue mich wahrlich, wenn ich sehe, dass du die Bedeutung des Prophetentums genaustens erkannt hast. Wenn ich mich nun, jemals einer abweichenden Lehre zuwenden würde – was ferne sei! –, wäre ich niemals imstande, wie du schon sagtest, dich hiervon zu überzeugen, nicht einmal, wenn ich es selbst wollte. Beginne daher gleich morgen, mich zu den Streitgesprächen gegen die Widersacher zu begleiten. Denn morgen findet ein solches zwischen mir und Simon dem Magier statt.“ Und als er dies gesagt hatte, begab er sich allein zum Essen, ließ mir aber auch etwas davon zukommen. Und er segnete das Essen und sprach ein Dankgebet, als er satt war, und erklärte mir den Grund hierfür und sagte: „Möge es Gott dir gewähren, dass er dich in allem mir ähnlich macht, und dass du getauft wirst, dann darfst du mit mir denselben Tisch teilen.“12 Und als er dies gesagt hatte, hieß er mich zu ruhen. Denn irgendwann braucht der Körpers auch seinen Schlaf.

 

20

 

Frühmorgens am nächsten Tage aber kam Zachäus13 zu uns herein und begrüßte Petrus, wie es Brauch war. „Simon“, sagte er, „verschiebt den Disput auf den Elften des Monats, weil er bis dahin noch gedanklich mit der Ausarbeitung der Diskussion beschäftigt ist. Aber wie mir scheint, kann ein Aufschub sogar nützlich sein, weil dann noch mehr Zuhörer kommen werden, um das Gesagte zu beurteilen. Auf gleiche Weise aber, wenn es dir beliebt, lass nun uns Versammelte die in Aussicht stehenden Dinge zu diskutieren, und uns durch viele forschende Fragen vorzubereiten, indem wir uns nun gegenseitig vollständig darlegen, über welche Dinge wir diskutieren wollen, wenn wir uns der festgesetzten Zeit nähern, damit jeder von uns sowohl für sich Sorge trägt als auch in Ruhe für sich selbst Redeübungen abhält, ob an einer bestimmten Rede etwas zweifelhaft ist oder nicht, und wenn etwas zweifelhaft ist, wenn er zum Disput schreitet und sich der Rede stellt, sollte er das Zweifelhafte schon vorher aufgelöst haben. Wenn er aber das Behauptete von allen Seiten umstellt hat, so dass es nichts gibt, was er nicht weiß und alles von ihm Vorgebrachte unbezwingbar ist, wird er es im Diskurs beweisen und denjenigen, der gerade erst damit beginnt, ihm seine Argumente vorzutragen, auf der Stelle besiegen. Ich gebe dir nun einen Rat, wenn es dir recht ist. Vor allem anderen sollte untersucht werden, was die erste unbezweifelbare Ursache alles Geschaffenen sei, und auch, durch was das Geschaffene – wenn es überhaupt geschaffen wurde – existiere, und aus was es geschaffen wurde; und wiederum, ob es durch ein, zwei oder viele Prinzipien Existenz besitze; und ob diese Welt aus dem Nichts erschaffen wurde, oder aus einem Seienden; und ob es eine höhere oder eine niedere Kraft gebe, ob sie stärker oder schwächer ihren Anfang nahm, ob sie in ewiger Bewegung sei oder nicht; oder ob das Geschaffene auf diese Weise von Ewigkeit her bestehe und bis in alle Ewigkeit bestehen werde, ob es geworden sei, ohne dass jemand es schuf, und sich auflöse, ohne dass jemand dies bewirke. Wenn wir nun von hier aus unseren Disput beginnen, scheint mir, dass die zur Diskussion stehenden Dinge eilends erfasst und erwiesen werden können.

 

21

 

Petrus aber antwortete: „Sag Simon: ,Tue, wie es dir diesbezüglich beliebt, und wisse, dass, was uns betrifft, alles in jedem Augenblick durch Gottes Vorsehung vorbereitet ist.‘“ Und als er gegangen war, sah Petrus, dass ich wegen der Verzögerung des Disputes betrübt war, und er sagte zu mir: „Lieber Clemens, wer darauf vertraut, dass Gottes Vorsehung die Welt verwaltet, ist über keines der ihm widerfahrenden Dinge traurig, da er gänzlich von der Gerechtigkeit Gottes überzeugt ist, der das jedem Zuträgliche kennt und den Ausgang aller Dinge zweckmäßig verwaltet, was für diejenigen, die bei ihm ihre Zuflucht suchen, in besonderem Maße gilt. Da der dies Wissende das ihm Widerfahrende durch eine vernünftige Überlegung abzuschütteln vermag, weil es unmöglich ist, das der gute Gott, o Clemens, den Zweck einer Sache ohne Weisheit angeordnet hat. Daher soll auch das Hinauszögern des Simon dich nicht weiter betrüben. Denn geschwind wird dir, wie ich bereits sagte, die Vorsehung Gottes zum Vorteil gereichen, denn während dieser siebentägigen Verzögerung kann ich dir in Ruhe die Überlieferung des wahren Propheten erklären und anvertrauen, weil er allein weiß, wie das Vergangene war und das Zukünftige sein wird. Doch es ist unmöglich, das öffentlich Gesagte, das auf schwer zu bewältigende Weise aufgeschrieben wurde und in der Versammlung ohne mündliche Tradition Vorgetragene wird, wegen der sich anhäufenden Fehler zu verstehen., wie ich zuvor sagte. Daher sollst du wissen, dass alles von mir auf rechte Weise nach dem Willen des Gesetzgebers dargelegt wird.

 

22

 

Und danach setzte er mir kurz alles vom Anfang der Schöpfung bis zu den Tagen unseres Zusammentreffens in Caesarea auseinander und sagte dann: „Dies habe ich dir in wenigen Worten während der Verzögerung durch Simon übermittelt, damit du die Hauptpunkte von allem verstehst. Später aber zu passender Zeit werde ich die zunächst nur knappen Darlegungen durch eine umfassende und ausgedehnte Erklärung, wie versprochen, vollenden. Da nun der heutige Tag allein uns übrig ist, möchte ich dir kurz die Hauptpunkte des zuvor Gesagten erneut zusammenfassen, damit es dir besser im Gedächtnis bleibt. Und so lehrte er mich folgendermaßen: „Erinnerst du dich, mein lieber Clemens, was ich dir von der unendlichen Welt14 berichtete?“ Ich antwortete ihm aber: „O Petrus, wenn ich dies nicht behalten hätte, würde ich niemals imstande sein, auch nur eine einzige Sache zu behalten.“

 

23

 

Darauf entgegnete er mir erfreut: „Ich bin glücklich über das, was du sagst, weil du nicht einfach voreilig und unbesonnen antwortest, denn die grundsätzlichen und höchsten Dinge verdienen es, mit Ehrfurcht und Stillschweigen behandelt zu werden. Doch damit bezeugt wird, dass du die verborgene Verheißung verinnerlicht hast, berichte über dasjenige, was dir ein andermal übermittelt wurde, und von dem dir erlaubt ist, öffentlich und oft zu sprechen, da es ein begrenztes Wissen darstellt, damit ich, sobald die Zuverlässigkeit deines Gedächtnisses bestätigt wurde, dich mit Freude an dem teilhaben lassen kann, was ich beabsichtige.“ Und als ich sah, dass er sich über ein gutes Gedächtnis seiner Zuhörer freut, antwortete ich wie folgt: „Ich erinnere mich nicht nur an das begrenzte Wissen, sondern auch an das verborgene, und habe alle von dir übermittelten Dinge vollständig nach ihren verschiedenen Disziplinen verinnerlicht. Denn es sprach mir wie aus der Seele, als ob einem heftig Dürstenden ein süßer Trank gereicht würde.

 

1Der Pyriphlegethon (der „feurig Flammende“) ist in der griechischen Mythologie ein aus Flammen bestehender Fluss, der in den Tartaros mündet (vgl. Platon, Phaidon 113a–113b). Mit den „Worten der Philosophen“ spielt der Autor wohl auf dieselbe Stelle in Platons Dialog Phaidon (113e–114a) an, wo es heißt: „Deren Zustand aber für unheilbar erkannt wird wegen der Größe ihrer Vergehungen, weil sie häufigen und bedeutenden Raub an den Heiligtümern begangen oder viele ungerechte und gesetzwidrige Mordtaten vollbracht oder anderes, was dem verwandt ist, – diese wirft ihr gebührendes Geschick in den Tartaros, aus dem sie nie wieder heraussteigen. Die hingegen heilbare zwar, aber doch große Vergehungen begangen zu haben erfunden werden, wie die gegen Vater oder Mutter im Zorn etwas Gewalttätiges ausgeübt, oder die auf diese oder andere Weise Mörder geworden sind, – diese müssen zwar auch in den Tartaros stürzen; aber wenn sie hineingestürzt und ein Jahr darin gewesen sind, wirft die Welle sie wieder aus, die Mörder auf der Seite des Kokytos, die aber gegen Vater und Mutter sich versündigt, auf der Seite des Pyriphlegethon“ (Übersetzung: Schleiermacher).

 

2Diese vier Gestalten der griechischen Sagenwelt werden als ewige Bewohner des Tartaros bezeichnet (vgl. Homer, Odyssee 11,576–600; Pindar, Pythische Oden 2,21–48).

 

3Der Adressat von Clemens’ Bericht ist der Herrenbruder Jakobus, den Vorsteher der Gemeinde von Jerusalem.

 

4Der jüdische Frühlingsmonat Nisan ist der Monat des Passahfestes, an dem die Osterereignisse stattfanden und die christliche Verkündigung ihren Anfang nahm.

 

5Dessen, der ihn sandte: hrdwd vhd (d’hu d’šadruh); W. Frankenberg übernimmt hier für die griechische Übersetzung des Syrischen einfach die Lesart der Homilien τοῦ πέμψαντος αὐτὸν πατρὸς („des Vaters, der ihn sandte“). Von einem Vater ist im syrischen Text jedoch nicht die Rede.

 

6Der syrische Text bietet hier zusammen mit den Homilien die Lesart βάρβαρος (arbrb barbarā), „Barbare“, die lateinischen Recognitionen hingegen die plausiblere Lesart Barnabas. Dies ist eines der Beispiele dafür, dass die lateinische Übersetzung durchaus ursprünglichere Lesarten enthalten kann (vgl. Frankenberg, Einleitung, X.)

 

7Wörtlich: „beistehender, helfender Mensch“: βοηθὸς ἀνήρ; vgl. παράκλητος: „Beistand“ in Joh 14,16: κἀγὼ ἐρωτήσω τὸν πατέρα καὶ ἄλλον παράκλητον δώσει ὑμῖν, ἵνα μεθ᾽ ὑμῶν εἰς τὸν αἰῶνα ᾖ („Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, dass er bei euch bleibe ewiglich.“)

 

8ἵνα ἡμῖν ἐρεῖ τὰ ὄντα ὡς ἔστιν καὶ ὡς δεῖ περὶ πάντων πιστεύειν (vgl. Joh 4,25: ὅταν ἔλθῃ ἐκεῖνος, ἀναγγελεῖ ἡμῖν ἅπαντα: „Wenn jener kommt, wird er uns alle Dinge lehren“; Joh 14,26: ἐκεῖνος ὑμᾶς διδάξει πάντα: „Jener wird euch alles lehren“; 5 Mose 18,18: καὶ λαλήσει αὐτοῖς καθότι ἂν ἐντείλωμαι αὐτῷ: „Der wird zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde“)

 

9Griechisch: κρίσις; vgl. das koranische الفرقان (al-furqān)

 

10[ ]: καὶ ἀληθῶς εὑρετόν μοι παρασχὼν αὐτόν: Zusatz der syrischen Recognitionen und der griechischen Homilien. Die lateinischen Recognitionen lassen dies aus: Et his dictis, tam mihi aperte et tam dilucide, quis iste esset propheta, et quomodo inveniretur, exposuit. Ich halte diesen Zusatz daher für einen redaktionellen Nachtrag, was auch inhaltlich motiviert scheint, da sich an dieser Stelle dem Leser die Frage aufdrängt, warum Clemens mitgeteilt wird, wie er den Propheten finden könne, wenn dieser bereits erschienen ist und diese Welt wieder verlassen hat. Warum beschreibt ihn Petrus wie eine reale Person, die gesucht und gefunden werden kann? Um klarzustellen, dass an dieser Stelle Jesus gemeint ist, und damit es noch irgendwie mit orthodoxer Glaubensvorstellung in Einklang zu bringen ist, ergänzte wohl ein späterer Redaktor: „Und wahrlich, er ließ ihn mich finden“.

 

11i.e. Jakobus

 

12Die gemeinsame Mahlzeit mit Heiden war durch die jüdischen Speisevorschriften nur schwer möglich und daher ein Problem zu Beginn der Heidenmission. Petrus wurde von Paulus diesbezüglich der Heuchelei beschuldigt, wenn er in Gal 2,11–14 schreibt: „Da aber Petrus gen Antiochien kam, widerstand ich ihm unter Augen; denn es war Klage über ihn gekommen. Denn zuvor, ehe etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; da sie aber kamen, entzog er sich und sonderte sich ab, darum dass er die aus den Juden fürchtete. Und mit ihm heuchelten die andern Juden, also dass auch Barnabas verführt ward, mit ihnen zu heucheln. Aber da ich sah, dass sie nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Petrus vor allen öffentlich: So du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du denn die Heiden, jüdisch zu leben?“

 

13Der einzig bezeugte Zachäus ist jener aus Lk 19,1–10: „Und er zog hinein und ging durch Jericho. Und siehe, da war ein Mann, genannt Zachäus, der war ein Oberster der Zöllner und war reich. Und er begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte nicht vor dem Volk; denn er war klein von Person. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf dass er ihn sähe: denn allda sollte er durchkommen. Und als Jesus kam an die Stätte, sah er auf und ward sein gewahr und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend hernieder; denn ich muss heute in deinem Hause einkehren! Und er stieg eilend hernieder und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle, dass er bei einem Sünder einkehrte. Zachäus aber trat dar und sprach zu dem HERRN: Siehe, HERR, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfach ohn ist. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.“

 

14Oder „ewiges Zeitalter“; das syrische mli(˓alam) bedeutet „Zeitalter“, „Welt“ oder „Ewigkeit“.