D I E   R E C O G N I T I O N E N

nach der lateinischen Übersetzung Rufins von 406 n. Chr.

ins Deutsche übertragen von Gottfried Arnold (1702).

Angleichung an die heutige deutsche Sprache von Daniel Erhorn (2017)


[Des Heiligen Clementis von Rom Recognitiones Oder Historie/ Von denen Reisen und Reden des Apostels Petri/ In Zehen Büchern: Nunmehr ins Teutsche übersetzet / Mit einem Vorbericht Gottfried Arnolds. Berlin: Johann Michael Rüdiger, 1702.]

Titelseite von Arnolds Übersetzung
Titelseite von Arnolds Übersetzung
Gottfried Arnold (1666–1714)
Gottfried Arnold (1666–1714)

 

E R S T E S   B U C H

 

Ich Clemens bin in Rom geboren und habe mich von Kindheit an der Keuschheit beflissen, indem ich in meinem Gemüt gleichsam mit Banden der Sorge und Traurigkeit fest gehalten wurde. Denn es war ein Nachdenken in mir, welches, woher es entstanden, mir unbekannt war. Denn da ich mir meine Sterblichkeit oft zu Gemüt zog, erwog ich zugleich: Ob nach dem Tode ein Leben zu erwarten war, oder ob es danach mit mir ganz aus sein würde; ob ich nicht gewesen bin, ehe ich geboren worden war; oder, ob man nach dem Tode an dieses Leben nicht mehr gedenken werde, und also die unermeßliche Zeit alles vergessen und verschweigen machen werde, sodaß nicht nur unser Sein, sondern auch unser Gewesen-Sein von niemandem mehr gedacht würde. Aber auch dieses schwebte im Gemüt: ob die Welt geschaffen wurde; oder, wenn sie denn geschaffen wurde, was gewesen ist, ehe sie geschaffen wurde; oder aber, ob sie immer gewesen sei.