D I E   R E C O G N I T I O N E N


nach der lateinischen Übersetzung Rufins von 406 n. Chr.

ins Deutsche übertragen von Gottfried Arnold (1702)


Die Einsetzung des Clemens durch Petrus (Codex Guelferbytanus 475 Helmstadiensis, 12. Jhd.)
Die Einsetzung des Clemens durch Petrus (Codex Guelferbytanus 475 Helmstadiensis, 12. Jhd.)

[Des Heiligen Clementis von Rom Recognitiones Oder Historie/ Von denen Reisen und Reden des Apostels Petri/ In Zehen Büchern: Nunmehr ins Teutsche übersetzet / Mit einem Vorbericht Gottfried Arnolds. Berlin: Johann Michael Rüdiger, 1702.]

Titelseite von Arnolds Übersetzung
Titelseite von Arnolds Übersetzung
Gottfried Arnold (1666–1714)
Gottfried Arnold (1666–1714)

 

E R S T E S   B U C H

 

Ich Clemens bin in Rom geboren und habe mich von Kindheit an der Keuschheit beflissen, indem ich in meinem Gemüth gleichsam mit Banden der Sorge und Traurigkeit fest gehalten wurde. Denn es war ein Nachdenken in mir, welches, woher es entstanden, mir unwissend war. Denn da ich mir meine Sterblichkeit offt zu Gemüth zog, erwegete ich zugleich: Ob nach dem Tode ein Leben zugewarten, oder ob es nach dem mit mir ganz aus seyn würde; ob ich nicht gewesen ehe ich gebohren worden; oder, ob man nach dem Tode an dieses Leben nicht mehr gedenken werde, und also die unermäßliche Zeit alles vergessen und verschweigen machen werde, daß wir nicht nur nicht mehr seyn, sondern auch daß wir gewesen, nicht mehr solte gedacht werden. Aber auch dieses schwebete im Gemüth: wenn doch die Welt müste geschaffen seyn; oder, ob sie auch gewiß ja geschaffen worden; auch, was doch möchte gewesen seyn, ehe sie geschaffen worden; oder aber, ob sie immer gewesen sey.