DIE CLEMENTINEN

Die Einsetzung des Clemens zum Bischof von Rom durch Petrus (Codex Guelferbytanus 475 Helmstadiensis, 12. Jhd.)
Die Einsetzung des Clemens zum Bischof von Rom durch Petrus (Codex Guelferbytanus 475 Helmstadiensis, 12. Jhd.)

 

 

Zur Überlieferungsgeschichte

und Theologie des Clemensromans

(Quelle: Jürgen Wehnert: Der Clemensroman. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, 14–22.)

 

[1. Zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte]

 

Die literarische Keimzelle des Klemensromans dürfte eine Erzählung gewesen sein, die einen vor allem in langen Disputen ausgefochtenen Kampf zwischen dem Apostel Petrus und seinem Widersacher, dem Zauberer Simon, schilderte. Die Figur des Klemens spielte darin noch keine Rolle. Diese älteste Schicht des Werkes lässt sich relativ leicht aus den (sic!) Roman herauslösen, weil sie in auktorialer Erzählperspektive, also in dritter Person, verfasst wurde, während die jüngeren Partien des Romans als Ich-Rede stilisiert sind. [...] Die letztlich durch die Episode Apg 8,9–24 (Petrus und Simon in Samarien) inspirierte Auseinandersetzung zwischen Simon Petrus und Simon Magus, der in der Kirche schnell als Erzketzer galt, hat der frühe Erzähler in drei Abschnitten gestaltet: Der erste ist ein Streitgespräch im judäischen Cäsarea, das mit der Flucht des Magiers endet. Der zweite Teil beschreibt eine Verfolgungsjagd von Cäsarea bis in die syrische Hauptstadt Antiochien: Petrus heftet sich an die Fersen seines Gegenspielers, der die Bewohner verschiedener Küstenstädte gegen den Apostel aufwiegelt.. Das nützt ihm jedoch nichts, weil Petrus die Bevölkerung durch wirkungsvolle Missionspredigten auf seine Seite zieht, in jeder Stadt eine Gemeinde gründet und einen Bischof einsetzt. Den dritten Teil bildet eine weitere Diskussion, wohl in Antiochien, bei der Petrus den Zauberer erneut überwindet und in die Flucht schlägt.

Datieren lässt sich diese Petrus-Simon-Erzählung dadurch, dass sie Figuren und Motive der sogenannten Petrusakten voraussetzt. Bei diesen "Akten" (zu Deutsch: "Taten") handelt es sich um eine nachbiblische Apostelgeschichte aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts (vor 190 n. Chr.). Sie beginnt in Jerusalem und endet mit der endgültigen Niederlage des Simon Magus sowie dem Märtyrertod des Apostels Petrus in Rom. [...]

Mitte des 3. Jahrhunderts wurde die Petrus-Simon-Erzählung im syrischen Raum zum autobiographisch stilisierten Ich-Roman umgestaltet und durch Verarbeitung umfangreicher literarischer Quellen beträchtlich erweitert. [...] Der Protagonist und Erzähler des Werkes ist nun der adlige Jüngling und spätere Bischof Klemens von Rom – eine markante historische Gestalt des ausgehenden 1. Jahrhunderts n. Chr., die der Verfasser mit Blick auf die von ihm anvisierte gebildete heidnische Lesershaft aufleben ließ. Wegen dieses fiktiven Ich-Erzählers wird der Roman in der Literatur meist als "Klementinen" oder "Pseudoklementinen" bezeichnet, obwohl er ursprünglich gewiss unter anderem Namen umlief. [...]

Auf einer dritten Stufe wurde der Roman formal und inhaltlich umgearbeitet. Durch Hinzufügung von zwei einleitenden Briefen – einer des Petrus samt einer darauf antwortenden "feierlichen Beschwörung", einer des Klemens – an den in Jerusalem residierenden Jakobus, den Bruder Jesu, sowie durch gelegentich eingestreute Anreden des Jakobus in zweiter Person Singular (z.B. 1.20,223; 2.1,1) soll er den Charakter einer überdimensionalen brieflichen Mitteilung des Klemens an das Oberhaupt der Jerusalemer Christen gewinnen. [...]

Diese zum Torso eines Briefes verwandelte Fassung des Romans war Grundlage für die beiden überlieferten Fassungen des Werkes, die Homilien ("Predigten") [...] und die Recognitionen ("Wiedererkennungen"). Die beiden dafür verantwortlichen Bearbeiter haben den Romanstoff Ende des 3. oder Anfang des 4. Jahrhunderts, wohl unabhängig voneinander, nochmals gründlich redigiert.

Beide Versionen wurden auf Griechisch verfasst, doch sind nur die Homilien (in zwninzig kürzeren Büchern mit den drei EInleitngsschriften) in dieser Sprache erhalten geblieben. Die Recognitionen (in zehn ausführlichen Büchern) liegen, von wenigen griechischen Zitaten bei den Kirchenvätern abgesehen, komplett nur in einer lateinischen Übersetzung des Rufin von Aquileia aus dem Jahr 406 oder 407 vor sowie in einer davon unabhängigen syrischen Teilübersetzung – letztere in Gestalt zweier Handschriften, deren ältere, die in der British Library, London, aufbewahrt wird, auf das Jahr 411 datiert ist. [...]

 

 

[2. Zur Theologie]

 

1. Der jüdische Monotheismus (Gottes "Alleinherrschaft"; 3.3,2 u.ö.) wird stark betont: Der Gott Israels ist der einzige Gott und "Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Dinge, die in ihnen sind"; keinen anderen darf man Gott nennen oder dafür halten ([Hom.]16.5,2 u.ö.). Diesem gegen jede Form des antiken Götterglaubens gerichteten Monotheismus entspricht eine sehr zurückhaltende Christologie. Von Kreuz und Auferstehung ist so gut wie nie die Rede. Seine Würde gewinnt Jesus nicht aufgrund seiner Erhöhung zu Gott, sondern als eine Verkörperung des von göttlichem Vorherwissen  erfüllten "wahren Propheten". Dieser lehrt die Menschen seit Adams Zeiten in immer neuer Gestalt, was zu ihrer Rettung dient. Im Zentrum dieser Heilslehre steht eine rigorose Ethik. Das Taufbad, das Sündenvergebung und Auslöschung der im Täufling wohnenden Dämonen bewirkt, eröffnet eine einmalige Chance, einen gottgefälligen Lebenswandel in starker Weltdistanz zu führen und dadurch an der zukünftigen ewigen Welt teilzuhaben, die Gott nach dem Gericht über die Menschen allein für die Frommen heraufführen wird. Eine zweite Buße ist ausgeschlossen. Dieser rettende neue Lebenswandel geht, unter dem EInfluss des sogenannten Aposteldekrets (Apg 15,20.29; 21,25) mit der EInhaltung jüdischer Speise- und Reinheitsvorschriften einher, die durch das Taufbad, das keine sakramentale Bedeutung hat, nicht übeflüssig geworden sind. Diese Grundgedanken werden in [Hom.]7.8,1–2 katechismusartig zusammengefasst:

 

"Die von Gott verordnete Religion ist diese: allein ihn zu verehren und allein dem Propheten der Wahrheit zu glauben und zur Vergebung der Sünden sich taufen zu lassen und so, durch das heiligste Eintauchen, neu geboren zu werden für Gott durh das rettende Wasser, an der Mahlzeit der Dämonen nicht teilzunehmen 2 nämlich an Götzenopferfleisch, Totem, Ersticktem, von Raubtieren Gerissenen, Blut 2, nicht unrein zu leben, sich nach dem Beischlaf mit einer Frau zu waschen, dass die Frauen aber auch die (Bestimmungen über die) Menstruation beachten und dass alle tugendhaft sind, Gutes erweisen, kein Unrecht tun und von dem Gott, der alles vermag, ewiges Leben erhoffen und es erlangen, wenn sie ihn durch Gebete und unablässige Bitten anrufen."

 

2. Mit der Hochschätzung des mosaischen Gesetzes, in das zur Prüfung der Gläubigen allerdings "falsche Perikopen" eingefügt worden sind, und der diesem Gesetz völlig entsprechenden Lehre Jesu verbindet sich eine nachdrückliche Warnung vor der negativen Macht der Dämonen, die Gott zur Bestrafung derjenigen Menschen entstehen ließ, die seinem Willen zuwiderhandeln. Diese Gedanken finden ihre Fortsetzung in einer kaum verhüllten Ablehnung des Paulus, die in der Verwerfung der gesetzesfreien Verkündigung des Völkerapsotels gründet. Die Kritik an dem nie mit Namen genannten Paulus wird in Buch 17.13–20 [der Homilien], einem Disput zwischen Simon Magus und Petrus, breit entfaltet. Sie streiten darum, ob eine Vision dem Menschen zuverlässigere Erkenntnis verschafft als Mitteilungen im persönlichen Gespräch. Seit langem ist erkannt, dass sich hinter der Maske des Simon Magus hier der Apostel Paulus verbirgt, dessen Überlegenheitsanspruch, die (sic!) auf seiner Christusvision gründet (vgl. Gal 1,11–12) zurückgewiesen wird – mit Argumenten, die bis in das 1. Jahrhundert zurückgehen könnten: "Kann jemand aufgrund einer Erscheinung zur Lehre befähigt werden? Und wenn du sagst: Es ist möglich, warum unterhielt sich der Lehrer mit wachen Menschen und bleib ein ganzes Jahr bei ihnen? Selbst, dass er dir erschienen ist – wie sollen wir dir das glauben? Wie kann er dir überhaupt erschienen sein, wenn deine Gedanken im Widerspruch zu seiner Lehre stehen?" ([Hom.]17.19,2–3)