DIE ACHEROPITA          

            Ein authentisches  Bildnis Jesu?

von Raimundus Lullus (PSEUD.)


Seltenes Foto der Acheropita (angefertigt von Msgr. Joseph Wilpert, Vatikan, 1907)
Seltenes Foto der Acheropita (angefertigt von Msgr. Joseph Wilpert, Vatikan, 1907)

Rom, die 3000 jährige Stadt, hütet unter der unabsehbaren Zahl seiner Kulturgüter auch so manchen Schatz aus der Zeit des frühen Christentums. Durch Kauf, Schenkung, oder als Kriegsbeute kamen beinahe 2000 Jahre lang Schätze und Reliquien aus aller Welt in die “ewige Stadt”. Man denke beispielsweise an die große Zahl heiliger Gegenstände, welche Helena die Mutter Kaiser Konstantins in Palästina “fand” und nach Rom verschiffen ließ. Sie reichten vom Originalkreuz, über die Originalkrippe, bis hin zur Originaltreppe aus dem Palast des Pontius Pilatus, die noch heute als Scala Santa verehrt wird. Obwohl heute die Authentizität vieler Reliquien in gebildeten katholischen Kreisen bezweifelt wird, hieße es das Kind mit dem Bade auszuschütten, wollte man bestreiten, daß darunter auch echte Zeugnisse aus der Zeit Jesu sein können. Wenn sich solche überhaupt erhalten haben, so ist die Wahrscheinlichkeit, sie in Rom zu finden jedenfalls recht hoch, besonders wenn man bedenkt, daß durch die Kreuzzüge nochmals eine große Zahl von Reliquien aus Konstantinopel und anderen Städten des frühen Christentums nach Rom gelangten. Unter all diesen vielfältigen Schätzen ragt jedoch einer heraus, den die Bewohner Roms das ganze Mittelalter hindurch, wegen der ihm zugeschriebenen Wunderkraft, wie keinen zweiten verehrten und von dem sie sich in Kriegszeiten den Schutz ihrer Stadt erhofften.

 

Es handelt sich um das wahre Porträt Jesu, das einer Legende nach nicht von Menschenhand gemalt wurde und deshalb bis heute den Namen A-chero-pita (von griech. αχειροποίητος, d.h. wörtlich: nicht von Hand gemacht) trägt. Eine andere Legende läßt es dagegen vom Evangelisten Lukas gemalt sein, der zwar Maria begegnet sein soll, aber keineswegs ein Augenzeuge von Jesus war.

 

Papst Pius IX, veranlaßte im Jahre 1863, angesichts der Bedrohung des Kirchenstaates durch Garibaldis Italien, die bislang letzte Schutzprozession mit dieser heiligsten Ikone der Christenheit.

 

Dieses uralte Bild befindet sich nachweislich seit dem Jahre 730 n. Chr. in Rom, wird jedoch seit der Zeit Papst Innozenz III (1198 - 1216), nicht mehr öffentlich gezeigt. Es ruht, zusammen mit anderen Reliquien von Jesus und seinen Aposteln in der früheren Privatkapelle der Päpste, genannt “Sancta Sanctorum” am Lateran. Der Name Sancta Sanctorum, was man mit Allerheiligstes übersetzen kann, wurde in Anlehnung an das Allerheiligste, den verbotenen inneren Raum des Tempels von Jerusalem gewählt, der bei den Juden und Judenchristen die Gebetsrichtung darstellte. Von diesem kubischen Raum, in dem sich ehemals die Bundeslade mit den Gesetzestafeln Mosis befand, nahm man die Maße und übertrug sie auf die Sancta Sanctorum in Rom. Über dem Altar steht noch heute in goldenen Lettern: “Nicht gibt es einen heiligeren Ort auf der Welt”. Hierin drückte sich der Anspruch der Päpste aus, Rom als geistigen Mittelpunkt der Welt, vielleicht auch als Pendant Jerusalems, zu etablieren. Der heiligste Gegenstand dieses allerheiligsten Ortes, der damit in seiner Funktion der Bundeslade entsprach, war aber das "Acheropita" genannte Bild.

 

Monsignore Joseph Wilpert (1857–1944)
Monsignore Joseph Wilpert (1857–1944)

 

Das Original wird angeblich noch immer in der seit 1995 wieder zugänglichen Kapelle, die sich im Gebäude der Scala Santa befindet, in Seide gewickelt, hinter einer Deckplatte aus Gold und Silber, im Hauptaltar aufbewahrt. Es besteht, so berichtet Monsignore Josef Wilpert, der das Bild, mit Sondererlaubnis Papst Pius X, als einziger im letzten Jahrhundert sehen durfte, aus grobem Hanfgewebe, welches auf einer 2 cm starken Nußbaumtafel befestigt ist. Die Maße sind 142 x 58,5 cm, was die Abbildung eines Menschen in ungefähr natürlicher Größe zuläßt. Die hier gezeigte Abbildung ist eine Reproduktion des einzig existierenden Photos, das Josef Wilpert im Jahre 1907 anfertigen ließ. Nach Wilpert weist das Original noch Farbreste auf, welche die Photographie damals noch nicht wiedergeben konnte.

 

Über die Maltechnik dieser, in ihrer quasi fotorealistischen Darstellung völlig vereinzelt dastehenden, Abbildung kann man nur rätseln.

 

Der Bildinhalt ist in der christlichen Welt ohne Beispiel, denn er zeigt Jesus, wie er in einer Synagoge, (oder gar im Tempel von Jerusalem?), vom Lehrstuhl des Rabbiners aus, die Thora, das Moses am Sinai offenbarte Gesetz lehrt. Die durch einen Leinensack geschützte Schriftrolle, die er in der linken Hand hält, ist für diese Zeit auch aus Qumran bekannt. Alle anderen Darstellungen, auch die Ältesten, zeigen ihn bestenfalls mit einem Buch in der Hand. Solche Bücher in Kodexform waren aber im damaligen Judentum noch nicht in Gebrauch. Auch die Wahl des Motivs spricht gegen die Entstehung des Bildes im Bereich des paulinischen Christentums, da dieses ja unter Berufung auf Paulus und gegen das Zeugnis des Evangeliums (Mt. 5,17-20), das Gesetz der Thora verließ. Es gibt allerdings in den römischen Katakomben sehr alte Darstellungen mit Schriftrollen. Dabei handelt es sich entweder um das Thema der Gesetzesübergabe von Jesus an Petrus, oder um Marienbilder, in denen der neugeborene Jesus bereits die Schriftrolle in der Hand hält, eine Anspielung auf den Sachverhalt, daß er bereits als Kleinkind sprechen und lesen konnte. Haare und Bart des Acheropita lassen auf einen Juden schließen, der dem sog. Naziräergelübde, einem Kodex von freiwilligen religiösen Handlungen, die in der Thora erwähnt werden, folgt. Nach diesem Gelübde wurden die ersten Christen als Nazoräer und später im Koran als Nazari bezeichnet. (Die Existenz einer Stadt Nazareth zur Zeit Jesu ist zumindest fragwürdig). Ferner ist uns überliefert, daß auch der Bruder Jesu, Jakobus der Gerechte, erster Bischof von Jerusalem, von Geburt an nach dem Naziräergelübde lebte. Der abgebildete Sitz gleicht in seiner Gestaltung und Proportionen tatsächlich den Lehrstühlen der Rabbiner, wovon man sich beispielsweise in der alten Synagoge von Worms leicht überzeugen kann. Auch Kleidung und Sandalen entsprechen den damaligen Gepflogenheiten im heiligen Land. Interessant ist ferner, daß das Lichtkreuz in der Aureole offenbar nachträglich hinzugefügt wurde, denn die weiße Farbe ragt an einer Stelle über den Rand des Heiligenscheins hinaus. (Dies ist insofern wesentlich, als nach Meinung Wilperts, das Bild gerade wegen dieses Kreuzes nicht vor 450 n. Chr. entstanden sein soll).

 

In der rechten oberen Ecke des Bildes befinden sich 2 Buchstaben, die falls sie lateinisch sind El bedeuten und höchstwahrscheinlich den Überrest einer längeren Inschrift darstellen. Wilpert will auch noch ein N gesehen haben und ergänzt zu Emmanuel, was als Name des Messias schon beim Propheten Jesaja erwähnt wird, in der christlichen Kunst jedoch sehr selten verwandt wird. Auffallend ist außerdem die Ähnlichkeit einiger Bildelemente mit der Darstellung byzantinischer Ikonen. In der Tat ist unser Bild das Vor-bild für zahlreiche späteren Ikonendarstellungen, die man aus Kopien desselben entwickelt hat. Vor dem Bekanntwerden unseres Bildes wurde Jesus nämlich, (historisch falsch), als typischer Römer mit kurzen Haaren dargestellt, wie zum Beispiel in den römischen Katakomben oder auf den Mosaiken von Ravenna aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.

 

Lentulus-Brief in einem englischen Druck (1680)
Lentulus-Brief in einem englischen Druck (1680)

Was sagen uns andere Quellen über das Aussehen des Messias?

Ein Augenzeuge namens Publius Lentulus erstattete dem römischen Senat Bericht über das Aussehen von Jesus. Dieser hat sich in einem Dokument des 13. Jhdts. erhalten. Lentulus:

Ein Mann von mittlerer Statur, mit einem ehrwürdigen Gesicht, das in jenen die darauf schauen Liebe oder Furcht erzeugt. Sein Haar hat die Farbe einer unreifen Haselnuß, [also hellbraun] und glatt bis fast zu den Ohren, aber von den Ohren an etwas dunkler und glänzender, in gedrehten Locken die über die Schultern wallen. Er hat einen Mittelscheitel nach der Mode der Nasiräer, eine weiche und sehr ruhige Braue, mit einem Gesicht ohne irgendeine Falte oder Störung, welches eine leicht rötliche Färbung schön macht. An Nase und Mund kann nicht der kleinste Fehler gefunden werden. Er hat einen Vollbart von derselben Farbe wie sein Haar, nicht lang, aber am Kinn leicht in zwei Spitzen auslaufend. Er hat einen einfachen und reifen Gesichtsausdruck, die Augen grau, variabel und klar.”

In der Zurückweisung schrecklich, in der Zustimmung freundlich und liebenswert, freudig und doch den Ernst behaltend. Manchmal hat er geweint aber niemals [laut] gelacht. Die Statur seines Körpers ist lang und gerade, mit Händen und Armen, die schön anzusehen sind. Seine Rede ist ernst, reserviert und zurückhaltend, schöner als die Söhne der Menschen. (so dass er berechtigterweise Prophet genannt wird).

Die Himmelfahrt des Propheten Mohammed
Die Himmelfahrt des Propheten Mohammed

 

Wie uns in der islamischen Überlieferung (Hadith) berichtet wird, begegnete ihm der Prophet während seiner Himmelsreise.

 

 

 

Während meines Aufstiegs (Miraj) traf ich Hadhrat Isa a. s. im zweiten Himmel. Er war von mittlerer Statur und rötlich weißem Teint. Sein Körper war so hell und rein, daß es aussah, als wäre er gerade vom Bade gekommen. Sein Haar ist bis zu den Schultern glatt, rein und glänzend wie nach dem Bade.”

 

 

 

Auch das Datum der Ankunft des Bildes in Rom (um 730 n. Chr.) gewinnt eine Bedeutung, wenn man weiß, daß der Kaiser des oströmischen Reiches in Konstantinopel nur 4 Jahre vorher im Jahre 726 die Zerstörung aller Bildnisse anordnete, was in der Geschichte unter dem Begriff Ikonoklasis bekannt wurde. Tatsächlich berichtet eine Legende, unser Bild sei selbstständig von Konstantinopel nach Italien geschwommen. Es liegt also nahe zu vermuten, daß das Acheropita vor seiner möglichen Zerstörung nach Rom gerettet wurde. Eine Quelle aus der Zeit des byzantinischen Kaisers Heraklios, (eines Zeitgenossen des Propheten Mohammed), spricht jedenfalls auch davon, daß ein wahres Portrait des Messias in Konstantinopel verehrt wurde, welches man auch hier in Prozessionen zum Schutz vor Feinden, um die Stadtmauer trug. Als erster Aufenthaltsort kommt jedoch vor allem die urchristliche Stadt Urfa, damals als das “heilige Edessa” bekannt, in Frage, von dem aus ältesten Zeiten eine eben solche Schutzprozession mit einem wahren Bild des Retters, (die wörtliche Bedeutung des Namens Jeschua = Josua = Jesus), berichtet wird. Die Kirchengeschichte des Euagrios erwähnt ca. 600 n. Chr. das wahre Porträt Christi in Edessa als: „ein gottgeschaffenes Bild („theoteukton eikona“), das nicht von Menschenhänden stammte”. Kurz danach muß das Bild nach Konstantinopel gelangt sein, wo es etwa 100 Jahre verblieb.

 

 

 

Das älteste Werk zur Geschichte des Christentums, die Kirchengeschichte, die Eusebius der Bischof von Cäsarea in Palästina ca. 325 n. Chr. schrieb, erwähnt die Ereignisse um Abgar V Ukkama, König von Edessa, (heute Urfa in Südanatolien). Dieser König lebte zur Zeit Jesu und hörte von seinen Wundertaten. Da er selbst unter einer unheilbaren Krankheit litt, schrieb er einen Brief an Jesus, in dem er ihn bat, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen. Er bot ihm auch an, fortan in seiner Stadt zu verbleiben, da er gehört habe, daß ihm die Juden übel wollten.

 

 

 

Eusebius schreibt, daß er die entsprechenden Dokumente selbst den Archiven von Edessa entnommen hat, deren wichtigstes ein Brief von Jesus Christus an den König ist, den Eusebius eigenhändig aus dem Aramäischen ins Lateinische übersetzt hat. Dieses Brief, den Jesus einem gewissen “Hanan dem Schreiber” diktierte, wurde, in nahezu alle damaligen Sprachen übersetzt, von der Christenheit vor allem wegen des letzten Satzes, für wunderkräftig gehalten und z. B. als Amulett gegen Krankheit und Gefahren verwendet. Die Spur des Briefes verliert sich erst 1204 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer. Sein Inhalt lautet wie folgt:

 

 

 

Selig bist du, daß du an mich geglaubt, ohne mich gesehen zu haben; denn es steht von mir geschrieben: Die mich gesehen haben werde nicht an mich glauben, damit diejenigen welche mich nicht gesehen haben, glauben und dadurch leben. Was aber deine Bitte, zu dir zu kommen betrifft, so muß ich hier Alles, wozu ich gesandt bin, erfüllen und danach zu dem aufgenommen werden, der mich gesandt hat. Wenn ich aber werde aufgenommen sein, so will ich einen von meinen Jüngern zu dir schicken, damit er deine Krankheit heile und dir und den Deinigen das Leben gebe. Die Stadt wird gesegnet sein und der Feind wird forthin nicht mehr über sie herrschen.

 

 

 

Die Erzählung, die bis in die jüngste Zeit von der orthodoxen Kirche und manchen modernen Theologen für authentisch gehalten wird, berichtet nun Folgendes:

Nachdem Jesus die Erde verlassen hatte, habe ein Jünger aus dem Kreis der 70, namens Addai, vom Apostel Judas Thomas den Auftrag erhalten, zu Abgar zu gehen, ihn zu heilen und ihn den Glauben zu lehren, was auch geschah. Aufgrund dieser frühen Bekehrung genoß Edessa, (Urfa), über viele Jahrhunderte hinweg den Ruf einer “hochheiligen” Stadt und den hat sie, zumindest in der Türkei, bis heute.

Es wird nun ferner in der Doctrina Addai erwähnt, dass Abgar außer dem Brief Jesu auch ein Porträt von ihm erhielt, welches “Hanan der Schreiber” in Jerusalem hatte anfertigen lassen. Wenn wir annehmen, daß es ein solches gemaltes Porträt wirklich gegeben hat, und die Geschichte erscheint durchaus plausibel, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit die Acheropita von Rom.

 

Der Ursprung der Abgarlegende und des Achiropita:

Josephus´ “Altertümer” und die “Chronik von ARBELA”

Wegen zahlreicher Inkonsistenzen mit anderen Quellen wurde die Glaubwürdigkeit der “Doctrina Addai” von vielen Gelehrten bezweifelt und zwar nicht so sehr bezüglich ihres Inhaltes, sondern bezüglich des Ortes und der Zeit der Handlung. Nach Ansicht des großen Orientalisten Paul Kahle wurde die Doctrina Addai in der Absicht verfaßt, der bereits berühmten Gemeinde von Edessa, die ihren Ursprung aus späterer Sicht “häretischen“ Persönlichkeiten wie Bar Daisan verdankt, eine Geschichte zu geben, die mehr den Erfordernissen des nunmehr orthodoxen Christentums entsprach. Zu diesem Zweck benutzte man die Geschichte des Judentums im Königreich Partien, zwischen Mesopotamien und Persien, das in jenen Zeiten den Namen Adiabene trug. Wir kennen diese Geschichte heute aus dem Hauptwerk des jüdischen Historikers Flavius Josephus, den jüdischen Altertümern. Er spricht ebenfalls von Hanan dem Schreiber, hier ein hebräischer Kaufmann, der den Thronfolger und seine Mutter vom Mazdaismus zum Judentum bekehrt und zwar etwa zeitgleich mit Jesu öffentlichem Auftreten. Dieser Thronfolger, der spätere König Izates I von Adiabene ist die wahre Persönlichkeit hinter dem angeblichen Abgar von Edessa in der “Doctrina Addai”. Da sich weitere beteiligte Personen mit Königen des Partherreiches decken, besteht kein Zweifel, dass hinter der ungeschichtlichen Bekehrung des “Abgar von Edessader Doctrina Addai, in Wirklichkeit die Bekehrung des Izates von Adiabene steht. Später schickt König Izates seinen nunmehr engsten Berater Hannan - auch hier übereinstimmend mit der Doctrina Addai - nach Jerusalem. Josephus zufolge riet Hannan dem König Izates seine Konversion vor der mazdaistischen Öffentlichkeit geheim zu halten. Izates tat dies zunächst, bis er um das Jahr 40 n. Chr. unter dem Einfluß eines Zeloten Eleasar, der von Galiläa (Sic) nach Arbela gekommen war, auch offiziell konvertierte.

Die Doctrina Addai benutzt also die Geschichte des Königreichs Adiabene, deren Chronologie und Personenamen man an edessenische Erfordernisse anpasste und dann mit einigen Elementen der wirklichen Geschichte Edessas amalgamierte.

An diesem Punkt erhebt sich die Frage, ob nicht auch weitere Details der Doctrina Addai real stattgefunden haben, nur eben in Arbela statt Edessa und mit Izates statt Abgar als Protagonisten. Im Gegensatz zu der rein fiktiven Verknüpfung von Addai und Edessa gibt es nämlich in Adiabene überzeugende Anhaltspunkte, für die missionarische Tätigkeit eines ApostelsAddai”.

 

 

 

Zu Anfang des XX. Jahrhunderts kam ein ursprünglicher Text über die Anfänge des Christentums in Adiabene ans Tageslicht: Die Chronik von Arbela*.

Diese stellt, nach einigen Experten (u.a. Paul Kahle), ein Dokument dar, dessen Bedeutung kaum zu überschätzen ist; glaubwürdig auch für die ältesten Zeiten, in einer Region, die dem Abendland nahezu unbekannt geblieben ist. Den typisch jüdischen Namen nach zu urteilen, waren die meisten Bischöfe von Arbela Judenchristen, welche Matthäus 5,17 folgend, “kein Jota am mosaischen Gesetz aufhoben, sondern es mit Jesu Lehre von der Heiligung des Menschen erfüllten. Nach dieser Chronik von Arbela war es nun gerade Addai, der mit großem Erfolg die Lehre Jesu vor allem der hebräischen Bevölkerung vermittelte und der seinen Schüler Pekida zum ersten Bischof von Arbela der Hauptstadt von Adiabene ordinierte. Wir haben guten Grund, wie es ja auch ein Teil der Überlieferung und insbesondere Eusebius tut, in Addai den Apostel Judas Thaddäus, aramäisch Thaddai zu sehen. Addai ist dann einfach eine Verstümmelung seines aramäischen Namen Thaddai. Auch das Martyrologium der römischen Kirche weiß zu berichten, daß Thaddäus Mesopotamien als Missionsgebiet zugewiesen bekommen habe. Er sei aber sogar bis nach Persien vorgedrungen, wo er um das Jahr 70 n. Chr. das Martyrium erlitten Haben soll. Die Chronik von Arbela und die Thaddäusakten lassen ihn aber bis ins Jahr 100 leben. Die Thaddäusakten wissen von einem 5 jährigen Aufenthalt in diesem Gebiet, dann sei der Apostel nach Beirut gegangen, wo ihn das Martyrium ereilte. Dies alles scheint sowohl örtlich als auch zeitlich ganz gut auf den Addai der Chronik von Arbela zu passen, von dem es heißt, daß er seinen Schüler Pekida 5 Jahre lang unterwies. Wen wir nun - motiviert durch solche Übereinstimmungen - alle Details, inklusive des von Hanan in Auftrag gegebenen Bildes, vom “Edessa” der Doctrina Addai auf „Arbela“ und dessen König Izates übertragen, ergibt sich folgende

 

Rekonstruktion der Frühgeschichte des Achiropita:

 

Es sieht so aus, als habe Hanan der Schreiber im Auftrag des Königs Izates wirklich einen Brief an Jesus überbracht. Dieser konvertierte nach dem Antwortschreiben Jesu und einer Fernheilung zum Judenchristentum statt wie Josephus behauptet zum Judentum. Einige Jahre später wurde König Izates dann, gemäß dem Versprechen Jesu, von Judas Thaddai dem Herrenbruder besucht, dem „Addai“ der Chronik von Arbela. Josephus berichtet hier von Eleazar dem Zeloten aus Galiläa der Izates überredet, seine Religion offen zu bekennen. Nun wird auch Thaddäus, gleich seinem Bruder Simon Zelotes in einigen Evangelienhandschriften als Judas Zelotes bezeichnet. Der christenfeindliche Josephus, der die ihm unangenehme Tatsache verschleiern wollte, daß Izates Christ wurde, machte einfach aus Judas Zelotes einen „Eleazar Zelotes.*

Das Antwortschreiben Jesu und das von Hanan in Auftrag gegebene Bild des Messias wurden nach Arbela, der Hauptstadt von Adiabene geschickt, wo sie bis zur Eroberung dieses Landes durch die Sassaniden im Jahre 224 n. Chr. als Reliquien geehrt wurden. Die Chronik von Edessa, die korrekterweise nichts von einem Apostel Addai in dieser Stadt weiß, berichtet als „missing Link“, daß der letzte König von Adiabene nach Edessa floh und es ist mehr als wahrscheinlich, daß er den Brief und das Bild mit sich nahm, die in der Folgezeit dazu beitrugen, aus Edessa das hochheilige Edessa zu machen.** Während der Brief ca. 100 Jahre später von Eusebius in den Archiven von Edessa angetroffen wurde muß das Bild sehr bald über dem Eingangstor von Edessa eingemauert worden sein, und blieb dort bis zum Jahre 544 vergessen, als es während der Belagerung Edessas durch die Sassaniden aufgrund eines Traumes wieder entdeckt wurde (Evagrios: Kirchengeschichte 6. Jhdt). Damit erklärt sich auch, warum Eusebius, der die Stadt Anfang des 4. Jahrhunderts besuchte, nichts von dem Bild berichtete. Es war nämlich zu diesem Zeitpunkt bereits verschollen, jedoch noch nicht wieder entdeckt.

Die Bilderzerstörung der Ikonoklasis ist wahrscheinlich der Grund, warum sich in der weiteren Umgebung von Edessa keine Kopien unseres Bildes erhalten haben. Bis auf eine Ausnahme allerdings! Im 1995 veröffentlichten Band „Die christliche Kunst des Orients“ von Mahmoud Zibawi finden wir ein Fresko des sitzenden Jesus aus Qusair Amra (8. Jhdt.) welches dem Acheropita sehr ähnelt. Diese Region hatte zur fraglichen Zeit keine Kontakte mit Rom. Das Fresco kopiert also ein Acheropita aus jener Zeit als sich das Original noch im nahen Osten befand.

 

Fazit:

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es unter Einbeziehung der Chronik von Arbela und der jüdischen Altertümer des Josephus erstmals möglich wird, die Geschichte der einst berühmtesten Ikone des Christentums bis in die Zeit Jesu zurück zu verfolgen, sofern man sich bemüht, die Informationsbruchstücke, die jede einzelne Quelle liefert, anhand von Überschneidungen zusammenzufügen.

Zwar ist Geschichte niemals beweisbar im Sinne der Mathematik, wir glauben aber, daß es keine zwingenden Argumente gegen, wohl aber eine Menge Indizien für die Authentizität des Acheropita von Rom gibt.

 

Zum Abschluß sei eine persönliche Bemerkung erlaubt. Der Autor hat dieses Bild zur Meditation benutzt, so wie heute eine ganze Reihe Menschen Photos benutzen, um in Kontakt zu ihrem spirituellen Meister zu kommen. Aufgrund dieser Erfahrung hegt er seither innere Gewißheit, die aber jeder für sich selbst erlangen muß.

Wir können uns angesichts der vielen Gründe, die für die Authentizität dieses wahrhaft einzigartigen Bildes sprechen, nur wünschen, daß die katholische Kirche bald einer näheren, wenn auch seiner besonderen Würde entsprechenden, Untersuchung zustimmt.

Wer aber eigenes Schmecken dem gelehrten Argument vorzieht, der schaue auf die, in die Unendlichkeit blickenden Augen des Wortes und Geistes Gottes, Messias Jesus, des Sohnes der Maria, öffne sein Herz und lasse seine Gedanken zur Ruhe kommen....

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* Allerdings hatte auch Jesus einen Jünger namens Eleazar – in christlichen Kreisen als „Lazarus“ bekannt. Vielleicht war denn dieser Eleazar für die Konversion von König Izates verantwortlich, während Thaddäus/Addai das Land zu einem späteren Zeitpunkt missionierte!

** Im Jahre 232 n. Chr. wurden angeblich auch die Überreste des Apostels Thomas von Indien nach Edessa übertragen, wo sie dann bis zur Zeit der Kreuzzüge ruhten. Heute befinden Sie sich in Ortona an der italienischen Adriaküste.

 

 

 

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Andere berühmte Porträts des Retters*

 

 

 

Die Achiropita ist als gemaltes Bild nicht zu verwechseln, mit dem “Schweißtuch der Veronica”, dem “Mandylion”, oder dem “Turiner Grabtuch”, die bei der Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer in den Westen kamen und die sich nach alten Quellen ebenfalls ursprünglich in Edessa befanden. Bei ihnen handelt es sich aber gerade nicht um Gemälde im üblichen Sinne. Gemalte Kopien des Mandylions befinden sich in Rom und Genua. Das vielleicht echte Mandylion der Saint Chapelle in Paris ging leider 1792 im Zuge der franz. Revolution verloren. Das im Petersdom aufbewahrte Veronicabild, auch “Sudarium Christi” genannt, ging hingegen bereits bei der Plünderung Roms in Jahre 1527 verloren und wurde später angeblich wieder gefunden. Authentizität und Alter des heute im Petersdom vorhandenen Tuches wurden leider bisher nicht untersucht. Wilpert berichtet, daß es keinerlei Bildnis trägt, sondern ein viereckiges vergilbtes Stück Stoff mit zwei schwachen rostbraunen Flecken ist, bei denen es sich um blutigen Schweiß handeln soll. Für das Turiner Grabtuch bestätigen neuere Untersuchungen nach der Radiokarbonmethode ein mehr als 1000 Jahre zu geringes Alter, dies ist eine Differenz, die weit jenseits des Unsicherheitsfaktors der Methode liegt und die frühere Ansicht bestätigt, daß es sich bestenfalls um die mittelalterliche Kopie eines älteren Tuches handelt. Offenbar besteht jedoch, besonders von Seiten des Jesuitenordens ein erhebliches Interesse daran, es entgegen aller Indizien in die Zeit Jesu zu datieren.

 

 

 

Die entfernte Ähnlichkeit des Turiner Gesichtes mit den Mandylionkopien, die von dieser Seite als Argument benutzt wird, läßt sich zwanglos damit erklären, daß man sich eines dieser Mandylions für das Turiner Grabtuch zum Vorbild nahm.

 

 

 

Wiederum nach Eusebius, (280 - ca. 340 n.Chr.), gab es im 4. Jahrhundert offenbar noch eine ganze Reihe von Porträts, sowohl des Meisters als auch seiner Apostel. So erwähnt er im 18. Kapitel des 7. Buches seiner Kirchengeschichte eine Porträtsäule, die eine geheilte Frau aus Dankbarkeit errichten ließ und merkt dazu an:Und man darf sich keineswegs wundern, dass diejenigen Heiden, welche einst von unserem Erlöser Wohltaten erhielten, dergleichen machen ließen, da ich ja auch die Bildnisse seiner Apostel Petrus & Paulus, ja Christus selbst mit Farben gemalt, auf noch vorhandenen Gemälden gesehen habe. Denn, wie leicht erklärlich, pflegten die Alten diese Männer ohne genaue Überlegung nach heidnischer Art bei sich zu verehren.”

 

 

 

Offenbar betrachtete Eusebius, - der übrigens als Parteigänger des Arius die Vergöttlichung Jesu sowie die Dreieinigkeit ablehnte -, die Verehrung von Bildnissen, auch heiliger Personen als typisch heidnischen Brauch und eines Christen unwürdig! Der Gebrauch solcher Bilder war also wohl bei Christen des 4. Jhdts. noch so unüblich, daß ihr Vorhandensein der Erklärung bedurfte! Andererseits gebärdet er sich aber auch nicht als Bilderstürmer und fordert nicht deren Abschaffung, sondern wertet nur die Verehrung solcher Bilder als Zeichen von Unwissenheit.

 

 

 

Dies scheint eine damals allen Christen gemeinsame Auffassung gewesen zu sein, denn sogar der athanasianische Gelehrte Epiphanius, militanter Verfechter der trinitarischen Position gegen alle “Ketzer”, äußert sich strikt gegen die Verehrung von Bildern und Statuen.**

 

 

 

Auch im 5. Jahrhundert warnten Kirchenschriftsteller noch vor einem raschen moralischen Niedergang, sobald man die Verehrung von Bildern zuließe. Aus diesem Grunde sind auch die ältesten heute noch vorhandenen Ikonen nach 500 entstanden. Andererseits wurden authentische Reliquien wie das Mandylion oder eben unsere Acheropita auch von den strikten Gegnern der Bilder, als Ausnahmen angesehen.

 

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* wörtliche Bedeutung des Namens Jesu.

 

** Epiphanius setzte das bis heute umstrittenes Dreieinigkeitsdogma auf dem Konzil von Konstantinopel 386 n. Chr. durch.