BARNABAS UND MATTHIAS

von Rodney Blackhirst (Melbourne)


 

[Auszug Blackhirsts Artikel Was there an ancient Gospel of Barnabas? In: Journal of Higher Critcism 7/1 (Spring 2000), 1–22)]


In zwei alten Kirchenindexen wird ein "Evangelium nach Barnabas" mit einem "Evangelium nach Matthias" gepaart. Hier sind Auszüge aus beiden Listen, um dies zu verdeutlichen:

 


Decretum Gelasianum:

Petrusakten (überliefert)
Philippusakten (überliefert)
Evangelium nach Matthias (nicht überliefert)
Evangelium nach Barnabas (nicht überliefert)
Evangelium nach Jakobs, dem Jüngeren (vermutl. Protevangelium)
Evangelium nach Petrus (Fragmente erhalten)

 

 

Verzeichnis der Sechzig Bücher:

Lehren von Clemens - Apostolische Konstitutionen (überliefert)
Lehren von Ignatius (überliefert: Briefe)
Lehren von Polycarp (überliefert: Briefe)
Evangelium nach Barnabas (nicht überliefert)
Evangelium nach Matthias (nicht überliefert)

 


Dies deutet darauf hin, daß beide Notitzen eine Verbindung haben, wobei dann die ältere von der jüngeren abhängig wäre, oder daß sie von derselben Quelle abhängen, oder wenn die Notizen wirklich unabhängig voneinander waren, legt dies nahe, daß das Evangelium nach Barnabas mit dem Evangelium nach Matthias zusammen überliefert wurde, sodaß beide Werke so etwas wie eine zusammengehörige Tradition darstellten. Die doppelte Bezeugung in beiden Kirchenindexen spricht hierbei sicherlich für die Existenz einer solchen Tradition und somit für die Existenz eines antiken Barnabasevangeliums. Es gibt dafür zwar keine Hinweise in den überlieferten Fragmenten des Matthiasevangeliums, doch deuten andere Tatsachen darauf hin. Warum, so fragen wir uns, wurden beide Evangelien beide Male zusammen gruppiert? Warum diese beiden Namen, und in beiden Listen? Warum Barnabas und Matthias?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir das komplexe Gewirr aus Assoziationen zwischen gewissen Charakteren mit ähnlichen Namen in den uns überlieferten Quellen betrachten. Matthias ist nach der Apostelgeschichte derjenige, welcher bei der Wahl eines neuen Jüngers nach dem Selbstmord von Judas Iskariot einen gewissen „Barsabbas“ besiegte. Die ebionitischen Clementinen berichten jedoch, daß dieser „Barsabbas“ tatsächlich Barnabas waren und daß Barnabas Matthias bei der Wahl besiegte. Die Paarung der Namen Matthias und Barnabas in den Listen erinnert an diese Namensverwirrungen und Assoziationen. Sie erinnert aber auch  besonders an die Clementinen, welche dem Bericht der Apostelgeschichte über Matthias und Barsabbas wiedersprechen.

 

 

 

Das ist ein interessanter Punkt für sich, sollte aber noch in einem breiteren Kontext betrachtet werden. Die Namen Barnabas und Matthäus sind eng miteinander verknüpft. Nach orthodoxer Überlieferung waren sowohl Barnabas als auch Matthäus Leviten und gehörten zu den führenden Juden der frühen Kirche. Barnabas wird hierbei tatsächlich auch eine wichtige Rolle bei der Überlieferung des Matthäusevangeliums zugesprochen Es wäre dem Barnabas zu verdanken gewesen, so heißt es, daß das hebräische Matthäusevangelium bewahrt und übermittelt wurde. Die diesbezüglichen Traditionen finden sich in den spätantiken Barnabasakten. Barnabas, so wird uns dort gesagt, habe angeblich "Dokumente von Matthäus" – man beachte den Plural – sowohl zur Predigt als auch zur Heilung erhalten:

 

Und als wir nach Salamis hineingingen, kamen wir zu der Synagoge in der Nähe des "Biblia" genannten Ortes. Und als wir hineingegangen waren, begann Barnabas, nachdem er das Evangelium, welches er von Matthäus, seinem Mittreiter (συνεργóς), empfangen hatte, ausrollte, die Juden zu lehren.

 

 

Timon hatte starkes Fieber, doch als wir unsere Hände auf ihn legten, indem wir dabei den Namen unseres Herrn Jesu aussprachen, verschwand sein Fieber sofort. Barnabas hatte Dokumente von Matthäus empfangen, ein Buch des Wortes Gottes (φωνή του Θεο), in dem schriftliche Aufzeichnungen über die Wunder und Lehren [Jesu] enhalten waren. Dieses legte Barnabas an allen Orten, zu denen wir kamen, den Kranken auf, und es führte unmittelbar zur Genesung ihrer Leiden.

 


Bei seinem Tode rettete der vermeintliche Autor der Barnabasakten Johannes Markus das Evangelium des Matthäus und verbarg es:


Wir kamen an einen Ort, an dem die Jebusiter einst lebten, und an dem wir eine Höhle fanden, in die wir sie legten. Wir versteckten sie an einem geheimen Ort, zusammen mit den Dokumenten, die er von Matthäus erhalten hatte. Es war aber die vierte Stunde der Nacht am zweiten Tag der Woche.

 


Eine spätere Tradition berichtet, daß, als der Leichnam des Barnabas wiederentdeckt wurde, umklammerte er diese verborgene Kopie des Matthäusevangeliums auf seiner Brust. In einigen Versionen der Geschichte wurden sowohl das Buch als auch sein Körper auf wundersame Weise bewahrt (vgl. Alexander Monachus: Laudatio Barnabae).


Matthias / Matthäus / Barsabbas / Barnabas – es ist offensichtlich, daß unsere vorhandenen Quellen verstümmelte Versionen einer gemeinsamen tieferen Traditionsschicht darstellen, welche beide Namen umfaßten. Die beiden Listen, welche beide Evangelien zusammen gruppieren, haben offenbar an derselben Tradition teil. Die Gruppierung von Matthias zusammen mit Barnabas erinnert uns an Matthias und Barsabbas in der Apostelgeschichte, die uns an Matthias und Barnabas in den Clementinen erinnern, und beide wiederum erinnern uns an Matthäus und Barnabas in anderen Quellen. Bemerkenswerterweise finden wir auch im mittelalterlichen Barnabasevangelium diese Verbindung bezeugt. In der Liste der Jünger, die in Kapitel 14 des Werkes (in beiden Manuskripten) angeführt wird, erwähnt sich der vermeintliche Autor Barnabas als "der, der dies mit Matthäus schreibt".

Die Jünger sind gemeinhin in Paaren gruppiert. In den kanonischen Listen ist Matthäus mit Thomas gepaart. Im mittelalterlichen Barnabasevangelium ist Barnabas mit Matthäus gepaart und Thomas wird weggelassen. Die Vorstellung, daß Barnabas einer der Zwölf war, wie es in dem mittelalterlichen Werk erscheint, erinnert an den ebionitischen Anspruch, daß Barnabas Matthias für die von Judas freigewordene Position besiegt habe. Folgt der Autor des mittelalterlichen Barnabasevangeliums dem Neuen Testament und gruppiert zwei Leviten zusammen (wobei Matthias und Matthäus austauschbar sind) oder deutet die Gruppierung von "dem, der dies
mit Matthäus schreibt" auf eine tiefere Verbindung beider Namen hin, zumal diese beiden Namen mit der Überlieferung des ursprünglichen "jüdischen Evangeliums" verbunden waren?