Shlomo Pines: The Jewish Christians of the Early Centuries of Christianity according to a New Source

(The Israel Academy of Sciences and Humanities Proceedings, Volume II No. 13,  Jerusalem 1966)

Nicolaus Poussin: Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (circa 1637)
Nicolaus Poussin: Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (circa 1637)

 

Shlomo Pines stellt in seiner Schrift The Jewish Christians of the Early Centuries of Christianty according to a New Source die bemerkenswerte These auf, dass in dem Werk Tathbit Dala’il al-Nubuwwa Sayyidina Muhammad des arabischen Schriftstellers Abd al-Jabbar (10. Jhd.) die Reste eines antiken judenchristlichen Werkes verborgen seien. Ein Kapitel dieses bislang nicht übersetzten Werkes ist eine muslimische Apologie gegenüber der christlichen Lehre. Diese, so Pines, sei nichts anderes als ein von Abd al-Jabbar überarbeitetes, ursprünglich in aramäischer Sprache verfasstes judenchristliches Traktat. Da der judenchristliche und der muslimische Standpunkt gegenüber dem paulinischen Christentum sich nahezu entsprachen (Anti-Paulinismus, jüdische Gesetzestreue etc.), konnte Abd al-Jabbar die dort formulierte Argumentation einfach übernehmen. Pines belegt an mehreren sprachlichen Besonderheiten, dass die Schrift ursprünglich auf Aramäsch verfasst war, und dann von den Muslimen erst ins Arabische übersetzt wurde. In einem Exkurs dieser Schrift (s. Faksimile unten) stellt Pines die Hypothese auf, dass die Verarbeitung einer judenchristlichen Grundschrift mit anschließender muslimischer Überarbeitung auch für das Barnabasevangelium zutreffen könnte, und dass große Teile dieses Evangeliums auf einem arabischen Original beruhten und Traditionsmaterial ebionitischen Ursprungs bewahrt hätten.

Pines hat innerhalb seiner Studie einen größeren Abschnitt aus diesem von Abd al-Jabbar verarbeiteten judenchristlichen Traktat ins Englische übertragen, welchen wir hier in Deutscher Übersetzung wiedergegeben möchten. Er beschreibt die Umstände innerhalb des frühesten Christentums aus Sicht dieser judenchristlichen Gemeinschaft, unter denen es zu einer Verfälschung der christlichen Lehre kam (vgl. Shlomo Pines, The Jewish Christians, 14–19):

 

[71a] Nach ihm [i.e. Jesus – D. E.] waren seine Jünger mit den Juden und den Kindern von Israel in deren Synagogen und hielten die Gebete und Feste der Juden mit diesen zusammen ein. Indes gab es in Bezug auf Christus zwischen ihnen und den Juden Uneinigkeit.

Die Römer herrschten über sie. Die Christen beschwerten sich bei den Römern über die Juden, legten ihnen ihre eigene Schwäche dar und versuchten, bei den Römern Mitleid zu erzeugen. Und die Römer hatten Mitleid mit ihnen. Dies wiederholte sich mehrere Male. Und die Römer sagten zu den Christen: "Zwischen uns und den Juden gibt es einen Pakt, der uns dazu verpflichtet, ihr religiöses Gesetz nicht anzutasten. Aber wenn ihr das religiöse Gesetz verlasst und euch von ihnen absondert, und so betet, wie wir beten, indem ihr euch gen Osten wendet, die Dinge esst, die wir essen, und das als erlaubt betrachtet, was wir als erlaubt erachten, würden wir euch unterstützen und euch zur Macht verhelfen, und die Juden könnten euch nicht länger schaden. Ganz im Gegenteil: ihr wäret mächtiger als sie.

Die Christen antworteten: "Wir werden dies tun." Und die Römer sagten: "Geht, holt eure Gefährten, und bringt uns euer Buch." Die Christen gingen zu ihren Gefährten, informierten sie über das, was sich zwischen ihnen und den Römern zugetragen hatte, und sagten: "Bringt das Evangelium, und steht auf, so dass wir zu ihnen gehen können." Aber ihre Gefährten sagten zu ihnen: "Ihr habt Unrecht getan. Uns ist es nicht erlaubt, das Evangelium durch die Römer verunreinigen zu lassen." [71b] Indem ihr den Römern eine gefällige Antwort geben wolltet, habt ihr euch  im gleichen Zuge von eurer Religion entfernt. Uns ist es daher nicht länger erlaubt, mit euch eine Gemeinschaft zu bilden. Ganz im Gegenteil: wir sind verpflichtet zu erklären, dass ihr und wir nichts gemeinsam haben." Und sie verhinderten, dass sie in den Besitz des Evangeliums kamen oder Zugang zu ihm erlangten. Infolgedessen brach ein großer Streit zwischen beiden Parteien aus. Die zuerst erwähnt Gruppe ging zurück zu den Römern und sagte zu ihnen: "Helft uns zunächst lieber gegen unsere Gefährten als gegen die Juden, und nehmt ihnen in unserem Auftrag ihr Buch weg." Daraufhin flohen die Gefährten aus ihrem Land. Und die Römer schrieben diesbezüglich zu den Statthaltern der Regionen von Mosul und der Jazirat al-‘Arab [gemeint ist hier die sogenannte Region al-Jazira, d. h. Mesopotamien. Das Wüstengebiet östlich des Jordans wurde zur damaligen Zeit Arabia genannt. Eusebius überliefert uns, dass die Jerusalemer Urgemeinde bei der Zerstörung Jerusalems in diese Region flüchtete – D. E.]. Dementsprechend wurde nach ihnen gesucht. Einige wurden gefangen und verbrannt, andere getötet.

Diejenigen, welche den Römern eine gefällige Antwort gegeben hatten, kamen zusammen und beratschlagten, wie man das Evangelium ersetzen könne, denn sie hatten keinen Zugang mehr zu ihm. So setzte sich die Meinung durch, dass ein Evangelium verfasst werden müsse. Sie sagten: "Die Thora besteht nur aus Geschichten über die Geburt und das Leben der Propheten. Wir werden ein Evangelium nach diesem Vorbild schaffen. Jeder von uns soll dasjenige, was er von den Worten des Evangeliums und was die Christen untereinander über Christus sprachen, in Erinnerung rufen." Dementsprechend schrieben einige ein Evangelium. Nach ihnen kamen andere, die ein anderes Evangelium schrieben. Auf diese Weise wurden eine Reihe an Evangelien verfasst. In ihnen fehlte jedoch ein Großteil dessen, was im eigentlichen Original zu finden war. Es waren welche unter ihnen, einer nach dem anderen, denen wahre Inhalte des Evangeliums bekannt waren, aber im Hinblick auf die Errichtung ihres Machtbereichs, bewahrten sie darüber Schweigen. Es gab nämlich keine Erwähnung des Kreuzes oder der Kreuzigung in ihm. Nach ihrer Auskunft gab es achtzig Evangelien. Ihre Anzahl schwand jedoch mit der Zeit, bis vier Evangelien übrig blieben, die vier Individuen zugeschrieben wurden. Jeder von ihnen machte ein Evangelium in seiner Zeit. Nach dem Ersten kam ein Zweiter, der sah, dass das Evangelium seines Vorgängers unvollständig war, und erstellte ein weiteres, das seiner Meinung nach richtiger war, und näher an der Wahrheit als die seiner Vorgänger.

Es gab unter diesen jedoch kein einziges Evangelium in der Sprache, die von Christus und seinen Jüngern gesprochen wurde, d.h. in hebräischer Sprache, der Sprache Abrahams, des Freundes Gottes, und der anderen Propheten, der Sprache, die von diesen gesprochen wurde, und in der die Bücher ihnen und den Kindern Israels von Gott offenbart wurden, und in der Er sie ansprach.

Denn sie [die Christen – D.E.] haben diese Sprache verlassen. Gelehrte Männer sagten zu ihnen: "Gemeinschaft der Christen, gebt die hebräische Sprache auf, welche die Sprache Christi und der Propheten vor ihm war – Friede sei auf ihnen – [72a] und nehmt euch andere Sprachen. Und so gibt es keinen Christen, der diese Evangelien aus einer religiösen Pflicht heraus in hebräischer Sprache rezitiert. Er tut dies aus einer List heraus, um der öffentlichen Bloßstellung zu entgehen.

Deshalb sagten die Leute zu ihnen: "Dieses Verlassen der ursprünglichen Sprache geschah, weil eure ersten Gefährten eine Täuschung in ihren Schriften beabsichtigten, indem sie solche Kniffe in der Zusammenstellung ihrer Lügen als Zitate gefälschter Autoritäten verwendeten, um ihre List zu verschleiern. Sie taten dies, weil sie nach Macht strebten. Denn zu jener Zeit waren die Hebräer Leute der Schrift und des Wissens. Dementsprechend veränderten diese Individuen die Sprache bzw. gaben sie ganz und gar preis, damit die weisen Männer ihre Lehren und Ziele nicht angreifen konnten. Denn wenn sie dies vermocht hätten, wären diese Individuen schon anfangs entblößt worden und hätten ihre Lehren nicht verfestigen und ihre Ziele nicht erreichen können. Deswegen verließen sie die hebräische Sprache und benutzten zahlreiche andere Sprachen, die nicht von Christus und seinen Jüngern gesprochen wurden. Diejenigen, welche diese Sprachen sprechen, sind nicht von den Leuten der Schrift und haben kein Wissen über Gottes offenbarte Bücher und seine Satzungen. Zu ihnen gehören die Römer, die Syrer, die Perser, die Armenier und andere Fremde. Dies wurde vollbracht durch die Täuschung und List dieser kleine Gruppe von Leuten, welche ihr unehrenhaftes Verhalten verstecken  und das Ziel ihrer Wünsche durch ihr Streben nach Macht erreichen wollten, wobei sie die Religion als ein Instrument nutzten.

Wenn dies nicht so gewesen wäre, hätten sie die Sprache Abrahams, seiner Kinder und des Christus benutzt, welche das Fundament bildeten und auf welche die Bücher hinabgesandt wurden. Um einen echten Beweis für die Kinder Israels und die ungläubigen Juden zu liefern, wäre es weit besser gewesen, dass sie in ihrer eigenen Sprache angesprochen worden wären und eine Diskussion mit ihnen in ihrer eigenen Sprache stattgefunden hätte, welche sie nicht hätten zurückweisen können. Wisse dies, es ist ein wichtiger Grundsatz.

Wisse – möge Gott sich deiner erbarmen –, dass diese drei Sekten [die Jakobiten, die Nestorianer und die Orthodoxen – D. E.] nicht daran glauben, dass Gott Jesus in der einen oder anderen Weise ein Evangelium oder Buch offenbart habe. Ihrer Ansicht nach schuf Christus die Propheten, offenbarte ihnen die Bücher und sandte ihnen Engel. Trotzalledem sind ihre Evangelien von vier verschiedenen Individuen verfasst, von dem jeder Einzelne ein eigenes Evangelium schrieb. Nach dem Ersten kam ein Zweiter, der nicht zufrieden mit dem Evangelium seines Vorgängers war und dafür hielt, dass sein eigenes Evangelium besser wäre. Diese Evangelien stimmen in manchen Dingen überein, in anderen unterscheiden sie sich jedoch. [72b] In manchen gibt es Passagen, die in den anderen nicht zu finden sind. Es gibt dort Geshichten über Leute – Männer wie Frauen – unter den Juden, den Römern und anderen Nationen, die dies und das taten und sagten. Es stehen dort viele Absurditäten, viele falsche und dumme Dinge, und viele offensichtliche Lügen und klare Widersprüche. Dies wurde bereits gründlich untersucht und auseinandergesetzt. Und wenn man es aufmerksam liest, wird man dieser Tatsache gewahr. Einige, aber wenige Aussprüche und Lehren Christi, sowie Information über ihn können auch dort gefunden werden.

Was die vier Evangelien betrifft, so wurde eines von Johannes geschrieben, und ein weiteres von Matthäus. Nach diesen beiden kam Markus, der mit ihren beiden Evangelien nicht zufrieden war. Danach kam Lukus, der wiederum mit den vorigen Evangelien nicht zufrieden war, und er stellte ein weiteres zusammen. Jeder dieser Männer war der Überzeugung, dass der jeweilige  Mann, der vor ihm ein Evangelium verfasste, einige Sachen korrekt wiedergab, andere jedoch verfälschte, und dass ein weiteres Evangelium größere Anerkennung durch eine korrektere Dastellung verdiene. Denn wenn sein Vorgänger darin erfokgrein gewesen wäre, hätte es keine Notwendigkeit für ihn gegeben, ein weiteres zusammenzustellen, das sich von demjenigen seines Vorgängers unterschieden hätte.

Keines dieser Evangelien ist ein Kommentar zu einem anderen. Es ist kein Beispiel dafür, dass jemand, der einem anderen nachfolgt, das Buch seines Vorgängers kommentiert, indem er zunächst einen Bericht darüber gibt, was sein Vorgänger gesagt hat, und dann seinen eigenen Kommentar dazu schreibt. Wisse dies: derjenige, der ein Evangelium verfaste, tat dies, weil er der Ansicht war, dass jemand anders an seiner Aufgabe gescheitert war.

Diese christlichen Sekten sind der Meinung, dass diese vier Evangelsten Gefährten Christi waren. Aber sie haben kein Wissen hierüber und keine diesbezüglichen Informationen. Sie stellennichts weiter als Vermutungen an. Denn Lukas erwähnt in seinem Evangelium, dass er Christus nie gesehen habe. Er sagt zu demjenigen Mann, für den er das Evangelium verfasste (denn er ist der letzte der Evangelisten): "Ich kenne dein Streben nach Güte, Wissen und Gehorsam, und ich schrieb dieses Evangelium, weil ich diese DInge weiß und denjenigen nahe war, welche dem Wort dienten und es sahen" [vgl. Lk 1,1–4, sehr freie Wiedergabe – D. E.] Zunächst sagt er hier klar und deutlich, dass er das Wort nicht selbst gesehen habe (sie bezeichnen Christus als "Wort"). Des weiteren behauptet er, dass er Menschen gesehen habe, die wiederum Christus gesehen hätten. Aber dass er sie gesehen habe, ist eine bloße Behauptung seinerseits. Wenn er wirklich wahrheitsliebend gewesen wäre, hätte er aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Informationen überhaupt kein Evangelium verfasst. Stattdessen behauptet er, dass sein eigenes Evangelium den vorigen sogar vorzuziehen sei.

[73a] Wenn die Christen diese Dinge in Erwägung zögen, würden sie wissen, dass ihre Evangelien keinerlei Nutzen für sie darstellen, und dass das von ihren Führern und den Verfassern der Evangelien behauptete Wissen in ihnen nicht enthalten ist, und dass es sich diesbezüglich eben so verhält, wie wir es darlegten. Es ist dies eine wohlbekanne Tatsache, auf welche hier Bezug genommen wird, nämlich dass sie die Religion Christi verlassen haben und sich den religiösen Lehren der Römer zuwendeten, indem sie den Nutzen würdigten und zu erreichen suchten, der aus ihrem Machtstreben und ihrem Reichtum erwächst.

pp. 70–73:

Excursus II


 

 Eduard Sachau (Hrsg.): Chronologie orientalischer Völker von Al-Beruni. Leipzig: Brockhaus 1878, 23:

 

 

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG:

 

Edward Sachau (Hrsg.): The Chronology of the Nations. An english version of the arabic text of the Athār-ul-bākiya of Albiruni. London: W. H. Allen & Co. 1879, 27

 

Everyone of the sects of Marcion, and of Bardesanes, has a special Gospel, which in some parts differs from the Gospels we have mentioned. Also the Manichaeans have a Gospel of their own, the contents of which from the first to the last are opposed to the doctrines of the Christians; but the Manichaeans consider them as their religious law, and believe that it is the correct Gospel, that its contents are really that which Messiah thought and taught, that every other Gospel is false, and its followers are liars against Messiah. Of this Gospel there is a copy, called, „The Gospel of the Seventy“, which is attributed to one Balāmis, and in the beginning of which it is stated, that Sallām ben ʿAbdallāh ben Sallām wrote it down as he heard it from Salmān Alfārisi. He, however, who looks into it, will see at once that it is a forgery; it is not acknowledged by Christians and others. Therefore, we come to the conclusion, that among the Gospels there are no books of the Prophets to be found, on which you may with good faith rely.