JÜDISCHE UND JUDENCHRISTLICHE ELEMENTE IM BARNABASEVANGELIUM


[Entnommen aus: Christine Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. Christlich-Muslimische Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, dargestellt am Beispiel der Auseinandersetzung um Karl Gottlieb Pfanders ‘mizan al-haqq‘ und Rahmatullah Ibn Halil al-‘Utmani al-Kairanawis ‘izhar al-haqq‘ und der Diskussion über das Barnabasevangelium. Islamkundliche Untersuchungen 162. Klaus Schwarz Verlag: Berlin 1992, 324–328.]

 

Shlomo Pines 1966

Shlomo Pines (1917–1990)
Shlomo Pines (1917–1990)

Shlomo Pines (geb. 1917), seit 1971 Professor für vergleichende Religionswissenschaft an der "Hebrew University", Jerusalem mit den besonderen Forschungsschwerpunkten des Juden- und Christentums in der Zeit um die Geburt Christi, war durch David Flusser, ein Experte auf dem Gebiet der frühen Kirchengeschichte, der sich mit John Tolands Ausführungen zum Phänomen der "Ebioniten" in dessen "Nazarenus" beschäftigt hatte, auf das Barnabasevangelium aufmerksam geworden und griff den Gedanken von einer frühen Urschrift des Textes in seiner Abhandlung "The Jewish Christians of the Early Centuries of Christianity According to a New Source" im Jahr 1966 auf.

Pines kritisierte speziell die in der englischen Edition aus dem Jahre 1907 vertetene Auffassung, daß es sich bei dem italienischen Manuskript um das Original des Werkes oder um ein mit dem Original sehr stark verwandtes Manuskript handeln müsse. Er stimmte mit John Toland vielmehr dahingehend überein, dass er "ebionitische Elemente" im Barnabasevangelium vermutete, sowie darüber, daß gewisse Textpassagen nicht muslimischen, sondern vielmehr jüdisch-christlichen Ursprungs sein müssen und an die sog. "Pseudo-Cementinen", dem ältesten, vollständig erhaltenen christlichen Roman über die Bekehrung des Römers Clemens zum Christentum aus frühchristlicher Zeit, anklingen.

Pines war zwar auch keine Erwähnung des Barnabasevangeliums in der muslimischen Apologetik vergangener Jahrhunderte bekannt, er vermutete jedoch, daß es im islamischen Bereich eine Art "Vorform" des Barnabasevangeliums gegeben habe. Das schloß er aus einer Erwähnung einer Rezension eines manichäischen Evangeliums bei al-Bīrūnī, dessen Verfassername ("B.lām.s") seiner Ansicht nach an den Namen "Barnabas" anklingt. Da die Manichäer ein ebionitisches Evangelium verwendet hätten, das hinsichtlich seines Opferverständnisses mit manchen Passagen des Barnabasevangeliums übereinstimme und al-Bīrūnī zwischen diesem ebionitischen und der Rezension des manichäischen Evangeliums eine Verbindung erkenne, folgerte Pines:

 

"... it is, I think, a teneble hypothesis that the Gospel of B.lām.s (=die Rezension des manichäischen Evangeliums, C. S.) may have been an earlier form of the Gospel of Barnabas. In view of the pecularitie of the Arabic script, the possibility of the transformation of an Arabic form of the name of Barnabas into B.lām.s can be envisaged."

 

 

Marc Philonenko 1974

Marc Philonenko (* 1930, franz. Orientalist und Religionswissenschaftler)
Marc Philonenko (* 1930, franz. Orientalist und Religionswissenschaftler)

1974 meldete sich ein Vertreter der Hypothese einer frühchristlichen Wurzel des Barnabasevangeliums zu Wort. Marc Philonenko glaubte, Anklänge an die frühchristliche Essener-Sekte im Barnabas-evangelium entdeckt zu haben. Das Barnabasevangelium, so Philonenko, weise auf Kenntnisse des Talmud hin. Es konserviere eine echte Essener-Tradition, die später im Talmud weiter aufgegriffen wurde. [vgl. Marc Philonenko: Une Tradition Essénienne dans lʾ"Évangile de Barnabas", in: Mélanges dʾhistoire des religions offerts à Henri-Charles Puëch. Paris 1974, 191–195]

 

Luigi Cirillo 1971

 

Ein weiteres Beispiel für ein Plädoyer zugunsten einer weiter in die Vergangenheit zurückreichenden Textgeschichte des Barnabasevangeliums über die gegenwärtig vorhandenen Manuskripte hinaus ist Luigi Cirillo, der sich zunächst 1971, dann aber vor allem im Kommentar zu der 1977 zusammen mit Michel Frémaux herausgegebenen Edition und Übersetzung des Barnabasevangeliums auf Französisch für einen "primitiven Kern" des heutigen Textes ausgesprochen hat.

Aufgrund bestimmter Stilmittel und inhaltlicher Elemente vermutete Cirillo, daß das Barnabasevangelium auf die "Pseudo-Clementinen" (s.o.) zurückginge und maß damit dem Text ein hohes Alter und großen historischen Wert bei. Er trat für die Entstehung eines Kerns des Barnabasevangeliums in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ein. Durch die Zerlegung des Barnabasevangeliums in einzelne Schichten glaubte Cirillo, beim Inhalt dieses seiner Auffassung nach "jüdisch-christlichen Evangeliums mit gnostischer Tendenz" zwischen einem "primitiven Kern", dem christlichen Milieu mit gnostischen Einflüssen und späteren muslimischen Schichtungen unterscheiden zu können.