WURDE EIN ARAMÄISCHES BARNABASEVANGELIUM

IN DER TÜRKEI GEFUNDEN ?

(c) DAS BARNABAS PROJEKT 2017

 

In der türkischen Zeitung Milliyet erschien am 27. Oktober 1984 folgender kleiner Artikel über den Fund eines Evangeliums in der Gegend von Hakkari (Südost-Anatolien):

 

ÜBERSETZUNG DER BILDUNTERSCHRIFT:

 

"Es wurde mitgeteilt, daß das in Hakkari sichergestellte 50 kg schwere Evangelium mit dem Priestergewand, das mit wertvollen Steinen verziert ist, zusammen mehrere Millionen Lira Wert sind." 

 

 

ÜBERSETZUNG DES ARTIKELS:

 

50 KG SCHWERES EVANGELIUM MIT GOLDE- NEM PRIESTERGEWAND GEFUNDEN

 

"HAKKARI. Einheiten der Finanzabteilung haben beim Nachgehen einer Information in Hakkari das von der christlichen Welt schon seit Jahren gesuchte mit Gazellenleder ummantelte 50 kg schwere Evangelium zusammen goldverzierten Gewändern, die von Priestern bei Zeremonien getragen wurden, sichergestellt. Der Geldwert der sichergestellten wertvollen Gegenstände wurde auf 100 Millionen Lira festgelegt. Die Einheiten der Hakkari Finanzabteilung haben das mit Gazellenleder ummantelte 50 kg schwere Evangelium, welches unter den annähernd 30 kleineren und größeren Evangelien, die als Ergebnis von viermonatigen Ermittlungen sichergestellt wurden, der Gemeinschaft der Nestorianer (“Nasturi”) zugeordnet. Die Einheiten der Finanzabteilung haben klargestellt, daß die abgefangenen Gegenstände im Stadtteil Kıran von Hakkari in dem zu Sait Seyidoğlu gehörenden Haus gefunden wurden, und daß zusammen mit dem Hausbesitzer zusätzlich Sıddık Yiğit, Aydın Çiftçi und Ahmet Akdoğan genannte Personen in Untersuchungshaft genommen wurden. Die Zuständigen haben veröffentlicht, daß die im Dorf Kırıkdağ in Hakkari gefundenen historischen Gegenstände dem in der Vergangenheit dort lebenden Nestorianern zugehörig war und mitgeteilt, daß zusammen mit dem Evangelium auch Kirchenglocken, Leuchten, von Priestern bei Zeremonien, ganz mit Gold verzierte Gewänder, Schirmmützen und oberflächlich mit Goldperlen verzierte Satteltaschen sichergestellt wurden."

 

Der Artikel bringt jenes nestorianische Evangelium noch nicht in Verbindung mit dem Barnabasevangelium. Dies geschah erst einige Zeit später, etwa in der Ausgabe der Zeitung Türkiye vom 25. Juni 1986 (vgl. Safiyya Linges (Übers.): Das Barnabasevangelium. Bonndorf: Turban Verlag 1994, 10). Noch später kamen immer mehr Gerüchte über dieses Buch in Umlauf, das sich angeblich fortan im Besitz der türkischen Regierung befand. Aus den Angaben des Milliyet-Artikels ist jedoch schon ersichtlich, daß es sich bei diesem Buch nicht um ein 2000 Jahre altes Manuskript handeln kann. Zunächst einmal besteht das auf dem Foto des Artikels erkennbare Buch offensichtlich nicht aus Papyrus. Darüber hinaus gab es zu Jesu Zeiten in Palästina noch gar keine Schriften in Codex- oder Buchform. Die Juden schrieben ihre Schriften auf Papyrusrollen. Da das "50 kg schwere Evangelium" laut Artikel einer nestorianischen Gemeinschaft entstammen soll, macht auch diese Tatsache die Vermutung, es handele sich um ein judenchristliches Evangelium, sehr unwahrscheinlich. Die Nestorianer lehnten zwar einige Dogmen der Mutterkriche ab, wie etwa die Bezeichnung Mariens als "Gottesgebärerin" und sahen in Jesus neben einer göttlichen Person auch eine menschliche Person wirksam. Ihre Dogmatik ist jedoch trotzalledem meilenweit von einer Position entfernt, welche man als judenchristlich bezeichnen könnte bzw. mit dem muslimischen Jesusbild  in Einklang bringen könnte.

 

Solange wir also keine wirklichen Belege über die Beschaffenheit jenes angeblich unter Verschluß gehaltenen Evangeliums geliefert bekommen, werden sich die Gerüchte, die darüber im Umlauf sind, nicht bestätigen können. Eine jener Personen, welche behaupten, sie hätten das Evangelium mit eigenen Augen gesehen und es stehe in ihm geschrieben, daß es Barnabas von eigener Hand angefertigt habe, und daß es die "vierte Kopie" seines Evangeliums sei, schickte uns als Beleg für seine Behauptungen lediglich das obige Foto des Milliyet-Artikels zu (–> "No comment"). Des weiteren behauptete diese Person, daß das im Westen überlieferte italienische Barnabasevangelium eine Fälschung sei. Das einzig wahre Barnabasevangelium liege unter Verschluß in der Türkei. Es sei das originale Indschil des Propheten Jesus und nicht wie die kanonischen Evangelien (und das italienische Barnabasevangelium) ein Bericht über das Leben Jesu. Dieser Behauptung sei entgegnet, daß die Muslime durch das im Westen Anfang des 18. Jhds. aufgetauchte italienische Manuskript des Barnabasevangeliums ja überhaupt erst Kenntnis von einem Evangelium des Barnabas bekamen. Ohne dieses italienische Manuskript wüßten sie rein garnichts von einem solchen und könnten auch nicht in dem antiken Barnabasevangelium, welches in den alten Kanonverzeichnissen erwähnt wird, das wahre Evangelium Jesu vermuten. Die Kenntnis darüber, daß das Barnabasevangelium mit der Lehre des Islams übereinstimmt, stammt ja gerade aus dem italienischen Manuskript. Mit anderen Worten: Die Vertreter einer solchen Theorie richten sich damit gegen das einzige Zeugnis, von dem wir überhaupt über dieses Evangelium eine nähere inhaltliche Kenntnis haben und sägen so an ihrem eigenen Ast. Das italienische und das spanische Manuskript des Barnabasevangeliums bilden daher bis auf weiteres den Ausgangspunkt einer jeden wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema.

 

 

EIN WEITERER FUND IM JAHRE 2012

 

Im Jahre 2012 sorgte ein weiterer Fund in der Türkei für Aufsehen. Auch viele europäische Medien berichteten über dieses Ereignis. So schrieb etwa die Berliner Zeitung am 26. Mai 2012 in ihrer Online-Ausgabe:

 

Das Buch mit den Schriften des Apostels, der 61 nach Christus auf Zypern starb, sei bei einer Razzia bei Schmugglern vor zwölf Jahren entdeckt worden und zwischen 1500 und 2000 Jahre alt.

 

 

 

 

Doch sehr bald wurde durch eine Sichtung allein der veröffentlichten Fotos dieses syrischen Buches deutlich, daß es sich nicht um das antike Barnabasevangelium handeln konnte. Denn diese Schrift enthält die Datierung „im Jahre unseres Herrn 1500“ (= 1500 n. Chr.) und den Schluß des Matthäusevangeliums mit der trinitarischen Taufformel (vgl. Mt 28,19f.), wie sie uns auch in der Peschitta, der syrischen Bibelübersetzung überliefert ist (vgl. Andreas Ismail Mohr: 1500 Jahre altes „Barnabas-Evangelium” in Ankara? 2012):

ܒܫܡ ܐܒܐ ܘܒܪܐ ܘܪܘܚܐ ܕܩܘܕܫܐ 

im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes"

 

Auch dieses Buch ist kein Papyrus und ist ein gebundenes Buch us Pergament, was ein Alter von 2000 Jahren definitiv aussschließt.