Seite aus dem spanischen Manuskript (18. Jhd.)
Seite aus dem spanischen Manuskript (18. Jhd.)

Das spanische Manuskript des Barnabas-evangeliums ist eine Handschrift aus dem 18. Jhd., hat aber nachweislich ältere Vorfahren. Denn die erste schriftliche Erwähnung einer vermulich spanischen Version finden wir in einem Brief des in Spanien lebenden Tunesiers Ibrahim al-Taybili von 1634, welcher nun in der Nationalbibliothek Madrid (Nr. 9653) liegt (vgl. Mikel de Epalza: Le milieu hispano-moresque de l’evangile islamisant de Barnabé (XVIe-XVIIe siècle). In: Islamochristiana 8 (1982), 176). Die nächste Erwähnung einer spanischen Version finden wir erst wieder im Vorwort zur englischen Koranübersetzung des Orientalisten George Sale von 1734, der im Besitz eines Exemplars des spanischen Barnabasevangeliums war. Er beschreibt sein Exemplar folgendermaßen:

 

The book is a moderate quarto, in Spanish, written in a very legible hand, but a little damaged towards the latter end. It contains two hundred and twenty-two chapters of unequal length, and four hundred and twenty pages; and is said, in the front, to be translated from the Italian, by an Arragonian Moslem, named Mostafa de Aranda. (vgl. George Sale (Übers.): The Koran: or, Alcoran of Mohammed. London: William Tegg & Co, 1877, ix.)

 

George Sale nennt hier den Übersetzer der spanischen Version: Mustafa de Aranda. Dieser wird zusammen mit Ibrahim al-Taybili in einem anderen Brief eines gewissen Bejarano (Ahmad al-Hagari) erwähnt (Nationalbibliothek Madrid, Nr. 4953) (vgl. Mikel de Epalza: Le milieu hispano-moresque de l’evangile islamisant de Barnabé (XVIe-XVIIe siècle). In: Islamochristiana 8 (1982), 172).  Dieser Brief datiert auch in die Zeit des oben erwähnten Briefes von Ibrahim al-Taybili. Mustafa de Aranda muss also ein Zeitgenosse jenes Ibrahim al-Taybili gewesen sein. Die Übersetzung aus dem Italienischen fand daher vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jhds. statt. Zeitweilig wurde die These vertreten, dass das spanische Manuskript die ursprüngliche Version gewesen sei, die um 1600 von einem spanischen Mauren angefertigt wurde (vgl. Luis F. Bernabé Pons: El texto morisco del Evangelio de San Bernabé, 11–48). Das  ein Mann unter dem Namen Mustafa de Aranda existiert hat, ist durch den genannten Brief zumindest eindeutig belegt, ob er wirklich der Übersetzer war, bleibt hier jedoch offen. Den eindeutigen Beweis, dass die spanische Version tatsächlich eine Übersetzung aus dem Italienischen sein muss, lieferte  Jan Joosten (The Gospel of Barnabas and the Diatessaron) durch den Vergleich beider Textversionen. Joostens Beweis ist kurz und auf den Punkt:

 

 

Die ersten Herausgeber des Barnabasevangeliums entdeckten, dass der italienische Text dreimal mit dem Satz "dei falsi e bugiardi" („falsche und lügende Götter“) auf Dantes Inferno anspielt. Dieser Verweis auf Dante ist im spanischen Text weniger ausgeprägt: während das zweite Beispiel in Kap 78 korrekt mit "los dioses falsos y mentirosos" wiedergegeben wurde, ist das erste Beispiel in Kap 23 zu "los dioses mentirosos" verkürzt und das dritte in Kap 217 (Kap. 218 im spanischen Text) ganz ausgelassen und teilweise durch einen anderen Text ersetzt worden. Zeigt die Übereinstimmung der zwei Handschriften in Kap 78 zunächst, dass die Anspielung auf Dante zur Originalschrift gehört, so deuten die anderen beiden Vorkommen im italienischen Manuskript auf eine größere Nähe des letzteren zum Originaltext hin. Wenn aber der spanische Text eine Übersetzung aus dem Italienischen darstellt, dann kann das Original schwerlich aus einem spanischen Umfeld stammen.

(vgl. Joosten, 74f.)

 

George Sale (1697–1736)
George Sale (1697–1736)

Mit dem Tode George Sales verschwand das spanische Evangelium und galt seitdem als verschollen. Die sensationelle Wiederentdeckung einer spanischen Version in der Fisher Bibliothek der Universität Sydney geschah im Jahre 1976 durch J. E. Fletcher (vgl. auch Fletchers Beschreibungdes Manuskripts in seinem Artikel The Spanish Gospel of Barnabas. In: Novum Testamentum 18 (1976), 314-320). Er fand damals zwar nicht dasjenige Manuskript, das Sale besessen hatte, aber eine Abschrift desselben. Dies belegt eine Notitz auf der Vorderseite des Manuskripts, welche lautet:

 

Transcribed from ms (manuscript) in possession of Revd Mr. Edm. Callamy who bought it at the Decease of Mr. George Sale 17.. and now gave me at the Decease of Mr. John Nickolls 1745 (signed) “N. Hone” (vgl. Fletcher, 317)

 

Wie die Schrift von England nach Australien kam, ist leider nicht bekannt. Sie wurde in einer Bücherkiste gefunden, die einst im Besitz von Charles Nicholson (1808–1903), dem ersten Kanzler der Universität Sydney, war. Der Religionsphilosoph und Erforscher des Barnabasevangeliums Rod Blackhirst von der La Trobe Universität in Melbourne äußerte in einem Interview folgende Vermutung:

 

Vielleicht hat Charles Nicholson damals diese Kisten voller Bücher in Europa angekauft und nach Australien verschiffen lassen und einige dieser Boxen sind bis in die 1970er Jahre nie geöffnet worden.