D I E   G E S C H I C H T E   D E S   I T A L I  E N I S  C H E N   M A N U S K R I P  T S


 Johann Friedrich Cramer, ehemaliger Hauslehrer des preußischen "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I., erwarb Anfang des 18. Jhds. während seiner Tätigkeit als Botschafter des preußischen Königs in Amsterdam das italienische Manuskript des Barnabasevangeliums "aus der Bibliothek einer Amsterdamer Persönlichkeit von hohem Ansehen, der große Stücke auf diese Schrift hielt". Wer diese Person war, wird jedoch in keiner der uns zur Verfügung stehenden Quellen berichtet.  Luigi Cirillo glaubte diese Person in Cristopher Sandius (1644–1680) gefunden zu haben, der ebenfalls Preuße war und in Amsterdam im Exil lebte. Sandius gehörte dem Unitarismus oder Anti-Trinitarismus an, einer heute nahezu ausgestorbenen protestantischen Bewegung, welche, wie die frühchristlichen Arianer, Jesu Göttlichkeit und somit die Trinitätslehre ablehnte. Sandius sah im Arianismus den Höhepunkt der Kirchengeschichte.

Titelseite aus Sandius´ "Kern der Kirchengeschichte" von 1669
Titelseite aus Sandius´ "Kern der Kirchengeschichte" von 1669

Eine der wenigen Quellen zu Cramers Lebenslauf sind Johann Friedrich Juglers Beyträge zur juristischen Biographie. Oder genaurer litteratische und critische Nachrichten von dem Leben und den Schriften verstorbener Rehtsgelehrten auch Staatsmänner, welche sich in Europa berühmt gemacht haben, Band V. Leipzig: Paul Gotthelf Kummer, 1777, wo es auf den Seiten 170ff. heißt:

 

Vielen meiner Leser suche ich jetzt einen ziemlich vergessenen Mann wieder ins Gedächtnis zu bringen, einen Gelehrten, dessen widriges Schicksal ich oft mitleidig beklagt habe.

Cramer war ein Franke, und zu Steinfurt ungefähr 1664 geboren; denn das eigentliche Jahr zu erforschen ist mir unmöglich gewesen. Die Universitätsstudien ließ er sich zu Altorf und Leipzig sehr angelegen sein, worauf er zum Instructor eines jungen Markgrafen zu Brandenburg-Onolzbach bestellt wurde, vermutlich des Prinzen Christian Albrecht, welcher 1691 bei der Rückreise aus den vereinigten Niederlanden zu Frankfurt am Main starb. Als dies Geschäfte sein Ende erreicht hatte, sollte er Professor der Geschichte, Beredsamkeit und Griechischen Sprache zu Duisburg werden, weshalben vom kurbrandenburgischen Hofe das Patent bereits ausgefertiget war. Er ließ aber einen Lehrstuhl sogleich fahren, welcher damals, den Statuten der Universität gemäß, ein Mitglied der reformierten Religion erforderte, und diese wollte er gegen die lutherische nicht vertauschen. Die im Jahre 1756 gedruckten Akten von dem hundertjährigen Jubelfeste dieser hohen Schule erteilen Seite 109 davon Nachricht. Um das Jahr 1694 bekam er dafür die Aufsicht über die Studien des Kursprinzen, Friedrich Wilhelms, zu Berlin, nebst dem Charakter eines kurfürstlichen Rats. Hier legte er jedoch den Grund zu seinem nachfolgenden Unglücke. Der junge Herr konnte ihn nicht leiden. Vielleicht war er nicht Hofmann, nicht behutsam genug, in einem so delikaten Posten seine Rolle dergestalt zu spielen, dass er des Prinzen ganze Zuneigung gewinnen möchte. Solche Umstände scheinen Cramern bewogen zu haben, 1697 nach Wien zu gehen, wo er den Prozess der höchsten Reichsgerichte, genauer kennenlernte. Er brachte damit ein paar Jahre zu, und nahm alsdann 1699 zu Altorf den Lizentiatentitel in den Rechten an.

Wenige Zeit darauf erhielt er eine wirkliche Ratsbedienung bei der damals zu Halle befindlichen Regierung des Herzogtums Magdeburg. Die achthundert Taler aber, welche ihm jährlich für seine Arbeit bestimmt waren, wurden hernach auf fünfhundert gesetzt, und endlich ihm zu Amsterdam die Verrichtungen eines Königl. Preußischen Residenten aufgetragen. Er selbst gab vor, der Hof habe ihn in der Absicht dahin geschickt, dass er die Geschichte des ersten Königs, Friedrich, aus Münzen beschreiben sollte. Andere hingegen machten ihn zum Spion, und verfolgten ihn bei jeder Gelegenheit. Unter diesen ist auch Peter Burmann gewesen, wie Jacob Burckhard meldet, welcher Cramern 1708 mehr als einmal gesprochen hat. Im Jahre 1713 verließ der König Friedrich das Zeitliche, und nun verschwand mit diesem sein ganzes Glück. Der Nachfolger, Friedrich Wilhelm, zeigte die Wirkung der Ungnade gegen ihn dadurch aufs deutlichste, dass er ihm den bisherigen Gehalt entzog. Niedergedrückt von einer ziemlichen Last der Schulden, die er ohne Zweifel erst während der Staatsbedienung gemacht hatte, oder vielmehr hatte machen müssen, begab er sich nach dem Haag. Hier lebte er fast zwei Jahre im Privatstande, jedoch kreditlos, folglich bei der kläglichsten Zerrüttung seines Hauswesens, und endigte am 27. Februar 1715 die elende Laufbahn, wozu ihn eine höhere Gewalt gleichsam verurteilt hatte.

Historie, Numismatie, und überhaupt die schönen Wissenschaften sind diejenigen Fächer, welche er am besten kannte. Doch war er in der Rechtsgelehrsamkeit, besonders der praktischen, ebenfalls gar wohl geübt. Seine schriftstellerische Bemühungen, so wenig derselben auch aufzuweisen sind, haben ihm gleichwohl ein Denkmal gestiftet, welches immer dartun wird, wie viel sein Genie hätte leisten können, wenn es auf einem fruchtbaren Boden fortgewachsen wäre. Außer einigen Schriften, die er in lateinischer Sprache zierlich und mit Annehmlichkeit abzufassen wusste, erwarb er sich durch Übersetzungen, oder Ausgaben, Fremder einiges Verdienst. Hier ist alles, was ich davon zu sagen habe.

Man sehe desselben Commentarium de vita sua, welche zu Halle 1748 seinem Bücherverzeichnisse in 8. angehängt worden ist, S. 54.

Originalseite des italienischen Manuskripts mit arabischen Randglossen
Originalseite des italienischen Manuskripts mit arabischen Randglossen

Im Eintrag des italienischen Manuskripts in der Österreichischen National-bibliothek in Wien heißt es:

 

In Amsterdam von Johann Friedrich Cramer erworben und 1709 an John Toland ausgeborgt, 1713 als Geschenk an Prinz Eugen gekommen.

 

Als Cramer das Manuskript des Barnabasevangeliums im Jahre 1713 an Prinz Eugen von Savoyen verschenkte, schrieb er eine lateinische Widmung auf die ersten freien Seiten des Büchleins [Übersetzung: Daniel Erhorn, 2015]:

 

Serenissimo

Sabavdiae Principi

EVGENIO

Heroi invicto, Musarum

Herculi

 

Hoc Evangelium Muhammedanum, quod BARNABAE Apostoli Nomen prae se fert. In Italicum sermonem, compluribus abhinc seculis, uti carateris ductus et vetustae orthographiae ratio ostendit, | conversum; quod Evangelium, sive Arabice sive alia lingua, et si quis conjecturae locus est, a Sergio Monacho Nestoriano, uno e tribus illis ALCORANI architectis compositum, adhuc videre nemini Christianorum licuit: quamvis hi illud perquirere et inspicere omni ope niterentur: at tandem | ejusmodi Evangelium quo Muhammedani, tantopere gloriantur, ne existere quidem suspicari coeperint: Hunc, inquam, Codicem, manu satis eleganti exaratum, et, sicuti constat, VNICUM: Vt esset Bibliothecae quam Princeps Incomparabilis, libris rarissimis, seu typis, seu manu descriptis refertis-simam, construendam, regio et animo et sumptu, suscepit, | non postremum orna- mentum: Et simul suae in immortale MAXIMI HEROIS Nomen perpetuae obser-vantiae, pietatis, ac devotissimi pectoris qualecumque Monumentum:

 

L.   M.   Q.

D.   D.   D.

 

IOANNES FREDERICUS CRAMERUS

HAGAE COMITIS a. d. xx Iunii

 

| CIƆ IƆ CCXIII.

Johann Friedrich Cramers Widmung im Original
Johann Friedrich Cramers Widmung im Original

Seiner Durchlaucht,

dem Prinzen von Savoyen,

EUGEN,

dem unbesiegbaren Helden,

Herkules der Musen,

 

ist dieses mohammedanische Evangelium, dem der Name des Apostels Barnabas vorangestellt ist, zugeeignet. Es ist vor einigen Jahrhunderten ins Italienische übersetzt worden, worauf die benutzte Schriftform und die altertümliche Recht-schreibung hindeuten. Das Evangelium ist – auch wenn dies lediglich eine Vermutung ist – entweder auf Arabisch oder in einer anderen Sprache von dem nestorianischen Mönch Sergius,1 einem jener drei Urheber des Korans, zusammengestellt worden. Bis heute bekam es noch kein Christ zu sehen, obgleich sie mit allen Mitteln versuchten, es zu finden und einzusehen, so dass sie schließlich dieses von den Mohammedanern so sehr gepriesene Evangelium, ver- dächtigten, gar nicht zu existieren. Dieses Buch entstammt – das möchte ich betonen – einer feinen Hand, und ist, wie es aussieht, ein Unikat: Da Ihr, unvergleichlicher Herrscher, eine Bibliothek habt bauen las- sen, die mit sehr seltenen sowohl gedruckten als auch handgeschriebenen Büchern ange- füllt ist, wäre (dieses Evangelium) hierfür wohl nicht der schlechteste Schmuck: und zugleich Eurem, des größten Helden, un- sterblichen Namen ein würdiges Denkmal meiner ununterbrochenen Ehrerbietung, Treue und der Ergebenheit meiner Seele an Euch:

 

Bereitwillig und verdientermaßen

als ein Geschenk gewidmet und gegeben, 

Johann Friedrich Cramer,

 

den Haag, im Jahre des Herrn 20. Juni 1713.

 


1 Der Mönch Sergius ist sowohl in christlichen als auch in muslimischen Quellen unter dem Namen Bahira bekannt. Er begegnete dem Propheten Muhammad, als dieser im Alter von 12 Jahren mit einer Karawane auf dem Weg nach Damaskus war. Er gilt dem Christentum bereits seit dem 7. Jhd.  (vgl. Johannes von Damaskus: Quelle der Erkenntnis) als häretischer Christ, der entweder dem nestorianischen oder dem arianischen Glauben anhing. und von dem der Prophet Muhammad nach christlicher Vorstellung sein Wissen über das Alte und Neue Testament gehabt haben soll.