GEOGRAPHISCHE FEHLER

IM BARNABASEVANGELIUM ?

(c) DAS BARNABAS PROJEKT


Immer wieder wurde von christlich-apologetischer Seite die Behauptung aufgestellt, das Barnabasevangelium enthalte schwer-wiegende geographische Fehler. Erstmalig behaupteten dies Lonsdale und Laura Ragg in ihrer italienisch-englischen Ausgabe des Barnabasevangeliums von 1907:

 

Dieser "Apostel", der mit seinem Meister quer durch das gesamte Palästina von Damaskus und und Caesarea Philippi bis zum Berg Sinai reiste, ist offenbar der Ansicht, daß man mit dem Schiff von Nazareth nach Jerusalem segeln kann, und seine Schilderung deutet eine solche Reise sogar von Nazareth nach Jerusalem an.

(L. & L. Ragg: The Gospel of Barnabas, xxi (Introduction); vgl. auch Christine Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners, 256)

 

Doch schauen wir uns die beiden von den Raggs erwähnten Stellen genauer an.

 

 

1. Mit dem Schiff nach Nazareth ?

 

Die Aussage, daß Jesus am See Genezareth ein Schiff in Richtung Nazareth nimmt, findet sich in Kapitel 20 des Barnabasevangeliums:

 

Jesus ging zum See von Galiläa und nahm ein Schiff in Richtung Nazareth, seiner Stadt.

 

Jesus und seine Jünger im Boot auf dem See Genezareth (Relief, Vatikan)
Jesus und seine Jünger im Boot auf dem See Genezareth (Relief, Vatikan)

Der australische Religionsphilosoph Rodney Blackhirst kommentiert hierzu folgendes:

 

Wir haben keine Kenntnis darüber, wo ein Ort namens Nazareth überhaupt lokalisiert war. Es gibt keine Aufzeihchnungen über einen solchen Ort außerhalb des Neuen Testaments. Seine heute angenommene Lokalisierung wurde erst Jahrhunderte später im 4./5. Jhd. n. Chr. von Kaiserin Helena festgelegt [der Mutter Kaiser Konstanins]. Tatsächlich ist es höchst wahrhscheinlich, daß die ganze Erwähnung einer solchen Stadt ein falsches Verständnis einer Tradition war, die Jesus einen "Nazarener" nannte (und er deswegen aus einem Ort stammen müsse, der "Nazareth" geheißen habe – eine falsche Etymologie). Zu behaupten, daß der Autor des Barnabasevangeliums nicht wußte, wo Nazareth lag, ist daher kein Argument, weil auch sonst niemand sicher weiß, so es wirklich gelegen hat. Vielmehr begeht das Barnabasevangelium diesen "Fehler", indem es der biblischen Unsicherheit folgt, ob Jesus in Nazareth oder Kapernaum lebte.

(Entnommen im Jahre 2003 von Blackhirsts Homepage über das Barnabasevangelium, die mittlerweile offline ist. Dier damalige Link lautete: http://www.bendigo.latrobe.edu.au/sae/arts/barnabas/Entry.html)

 

Die Information, daß Jesus sowohl in Nazareth als auch in Kapernaum lebte, findet sich in Mt 4,13:

 

Und er verließ Nazareth und kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt, in dem Gebiet von Zabulon und Nephtalim.

 

Einige Kapitel später heißt es dann genau wie im Barnabasevangelium:

 

Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt. (Mt 9,1)

 

Nachdem Jesus zuvor von Kapernaum an das gegenüberliegende Ufer des Sees gefahren ist, fährt er nun mit dem Schiff in "seine" Stadt Kapernaum zurück.

Wenn im Barnabasevangelium also berichtet wird, daß Jesus zum See Genezareth ging und ein Schiff nahm, um in "seine" Stadt zu fahren, so liegt es nahe anzunehmen, daß hier ursprünglich gar nicht Nazareth, sondern Kapernaum gemeint war, das ja am Ufer des Sees liegt. Es ist durchaus denkbar, daß ein späterer Kopist, Übersetzer oder Redaktor des Barnabasevangeliums an dieser Stelle die ungenaue Formulierung "seine Stadt" durch den Zusatz "Nazareth" (falsch) konkretisierte, in dem festen Glauben, daß diese Stadt gemeint sein müsse. Die geographische Unkenntnis könnte daher genauso gut bei einer anderen Person als dem Autor des Evangeliums liegen.

 

 

2. Exkurs: Geographische Widersprüche in der Bibel ?

 

Schauen wir uns doch einmal an, ob es in den kanonischen Evangelien mit der geographischen Exaktheit besser steht. In der Erzählung von der Heilung des besessenen Geraseners (vgl. Mt 8,28–34; Mk 5,1–20; Lk 8,26–39) berichten uns alle drei synoptischen Evangelien, daß Jesus in Kapernaum ein Schiff besteigt und ans gegenüberliegende Ufer segelt, um in das Land der Gerasener bzw. Gadarener zu gelangen. Dort angekommen, begegnet ihm ein Besessener (so Mk; nach Mt und Lk zwei Besessene). Jesus zwang die Dämonen, den Besessenen zu verlassen und erlaubte ihnen, in eine Schweineherde zu fahren, worauf sich die Tiere zu Tausenden in den See stürzen.

Doch so, wie die Evangelien uns diese Geschichte präsentieren, kann sie bei Berücksichtigung der örtlichen geographischen Gegebenheiten nicht stattgefunden haben. Denn die Stadt Gerasa liegt etwa 50 km vom See Genezareth entfernt. Sollten die Schweine etwa von ihren Dämonen derart aufgebracht worden sein, daß sie einen guten Marathonlauf hinlegten, um sich dann schließlich in den See zu stürzen?

Auch christliche Theologen zweifeln an der Glaubwürdigkeit dieser Darstellung. Auf der Webseite der katholisch-theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München lesen wir folgenden Kommentar zu dieser Stelle:

 

Nun begegnet an dieser Stelle aber eine gewisse Schwierigkeit. Zu Beginn hieß es, Jesus sei ins Land der Gerasener gekommen (5,1). Die Stadt Gerasa liegt ungefähr 50 km vom See Genezareth entfernt - das nächste Gewässer, das als »Meer« in Frage kommt. Das zu Gerasa gehörende Gebiet reichte keinesfalls bis zum See. Selbst wenn man äußerst leistungsstarke Tiere voraussetzt, ist der Weg zu weit, zumal ja auch die Schweinehirten das Ende ihrer Herde berichten können (5,14.16).

 

Der Autor erklärt sich diese Ungereimtheit nun mit der Annahme, daß die Geschichte nachträglich um den Zusatz mit der Schweineherde ergänzt wurde, und nicht ursprünglich zur Erzählung gehörte.

 

Schauen wir uns diese Erzählung in der Version des Barnabasevangeliums an, so finden wir hier diese geographische Ungereimtheit erstaunlicherweise nicht (vgl. EvBarn Kapitel 21). Hier trifft Jesus in Kapernaum auf jenen Besessenen, das ja direkt am See Genezareth liegt, so daß ein Sturz der Tiere in den See völlig plausibel erscheint.

 

 

3. Mit dem Schiff von Nazareth nach Jerusalem ?

 

Das zweite von den Raggs angegebene Beispiel findet sich in den Kapiteln 143–152 des Barnbasevangeliums. Jesus geht im 143. Kapitel nach Nazareth, wo er eine Reihe von Lehrreden im Haus des Zachäus hält. Als diese beendet waren, heißt es in Kapitel 151:

 

Danach bestieg Jesus ein Schiff ...

 

Wir halten zunächst fest, daß hier nicht ausdrücklich gesagt wird, daß er dieses Schiff in Nazareth besteigt.

 

Dann folgt im weiteren Verlauf des Kapitels eine Lehrrede Jesu an seine Jünger. Das 152. Kapitel beginnt dann mit den Worten:

 

Jesus gelangte nach Jerusalem ...

 

Durch diese Worte wird eine völlig neue Erzählung eingeleitet, die zeitlich nicht unbedingt direkt an das vorherige Kapitel anschließt, wie das auch bei anderen Erzählungen des Evangeliums der Fall ist.  Mit anderen Worten: Daß Jesus in Kapitel 151 ein Schiff besteigt, steht in keinerlei Zusammenhang zu der Aussage von Kapitel 152, daß er nach Jerusalem kam. Nirgendwo steht geschrieben, daß Jesus nach Jerusalem segelte. Wir lesen nur, daß er irgendwann nach dem Gespräch auf dem Schiff nach Jerusalem kam (pervenuto). Er könnte durchaus auch einen Teil des Weges auf dem Landweg zurückgelegt haben.