EINE SYRISCHE HERKUNFT DES BARNABASEVANGELIUM ?

von Daniel Alexander Erhorn 2018


Shlomo Pines
Shlomo Pines

Im Jahre 1966 stellte der israelische Orientalist Shlomo Pines eine weitestgehend ignorierte Hypothese über den Ursprung des Barnabasevangeliums auf.1 Wegen seiner judenchristlichen Prägung hielt Pines die Schrift, wie schon John Toland,2 für die muslimisch bearbeitete Rezension eines ursprünglich ebionitischen Evangeliums.3 Das mittelalterliche italienische Manuskript des Evangeliums sei, so Pines, der Nachfahre eines älteren orientalischen Originals. Die bisherige Annahme der Forschung, das Evangelium stelle ein im Mittelalter angefertigtes „original (or virtually an original) work“ ohne eine vorausgehende Redaktionsgeschichte dar, hält Pines für „one-sided“, weil sie die „complexity of the work“ nicht berücksichtige.4 Pines wurde bei seiner Suche nach vormittelalterlichen Notizen über das Barnabasevangelium in der Schrift Athār-ul-bākiya des muslimischen Universalgelehrten Abū ar-Raiḥān Muḥammad bin Aḥmad al-Bīrūnī (973–1048) fündig, der ein von den Manichäern benutztes Evangelium erwähnt, das ihm ebenfalls in einer muslimischen Bearbeitung bekannt war:

 

 

 

Everyone of the sects of Marcion, and of Bardesanes, has a special Gospel, which in some parts differs from the Gospels we have mentioned. Also the Manichaeans have a Gospel of their own, the contents of which from the first to the last are opposed to the doctrines of the Christians; but the Manichaeans consider them as their religious law, and believe that it is the correct Gospel, that its contents are really that which Messiah thought and taught, that every other Gospel is false, and its followers are liars against Messiah. Of this Gospel there is a copy, called, „The Gospel of the Seventy“, which is attributed to one Balāmis, and in the beginning of which it is stated, that Sallām ben ʿAbdallāh ben Sallām wrote it down as he heard it from Salmān Alfārisi. He, however, who looks into it, will see at once that it is a forgery; it is not acknowledged by Christians and others.5

 

 

Al-Bīrūnī nennt hier einen gewissen „Balāmis“ (بلامس) als Verfasser der Schrift, dessen sonst unbekannten Namen Pines als eine mögliche verderbte Form des Namens „Barnabas“ konjiziert. Pines weist darauf hin, daß die Manichäer ein ebionitisches Evangelium benutzten, nämlich das schon bei Origenes und Hieronymus erwähnte „Evangelium der Zwölf“ bzw. „Evangelium der Zwölf Apostel“,6 wie uns der melchitische Bischof von Harran, Theodor Abu Qurra in der zweiten Hälfte des 8. Jhds. überliefert. Der Bischof berichtet weiter, daß die Manichäer von diesem „Evangelium, das die zwölf Apostel geschrieben haben“ als dem einzig „wahren Evangelium“ sprachen – eine Formulierung, die auch das Barnabasevangelium verwendet.7 Eine von Pines bei Abd al-Jabbar entdeckte judenchristliche Quelle erwähnt ebenfalls, daß Mani von sich behauptete, im Besitz des „wahren Evangeliums“ und des „Gesetzes Christi“ zu sein, das u. a. das Verbot von Opfern und Fleischgenuß anordnete – zwei Einschränkungen, die zu den wesentlichen Charakteristika des ebionitischen Glaubens gehörten.8 Tatsächlich betont das Barnabasevangelium, wie auch das Ebionäerevangelium9 oder die Pseudoklementinen,10 an mehreren Stellen eine gegenüber den kanonischen Evangelien gesteigerte Opferkritik.11 Die Entdeckung des Kölner Mani-Kodex im Jahre 1969 bestätigte Pines’ Vermutung insofern indirekt, als Mani tatsächlich aus einem stark geprägten judenchristlichen Umfeld stammte, wurde er doch, wie uns der Kodex berichtet, seit dem vierten Lebensjahr in der judenchristlichen Gemeinschaft der Elkesaiten erzogen.12

 

 

Angeregt durch Pines’ Hypothese, veröffentlichte der französische Orientalist Marc Philonenko im Jahre 1974 einen Artikel über eine essenische Legende im Barnabasevangelium, die auch im Talmud ihre Spuren hinterließ.13 Diese Legende sei, so Philonenko, im Barnabasevangelium sogar ursprünglicher überliefert als im Talmud. Dabei sei es keineswegs so, „que l’Évangile de Barnabas a connu le Talmud – ce qui serait déjà un résultat –, mais qu’il a conservé une tradition authentiquement essénienne qui sera reprise et adaptée dans le Talmud de Babylone.“14 Auch fand Philonenko einen Hinweis auf eine syrische Herkunft im Barnabasevangelium. In Kapitel 22 wird in dem Zitat von 1 Sam 17,34 neben Löwe und Bär auch noch der Wolf erwähnt. Nun sind im Syrischen die Worte „Wolf“ (abAD dībo) und „Bär“ (abD debo) sehr ähnlich und leicht zu verwechseln. Man müsse also annehmen, so Philonenko, daß die doppelte Erwähnung von „Wolf“ und „Bär“ das Ergebnis einer syrischen lectio confluans bildet, welche die ursprüngliche hebräische Lesart mit der falschen syrischen zu harmonisieren suchte. Weitere Spuren einer solchen Lesart finden sich auch im Testament des Gad 1,3 und in der georgischen Version der Abhandlung des Hippolyt über David und Goliath 11,4.15 Das Samuelzitat stammt daher mit Sicherheit nicht aus der Vulgata. Mit dieser aramai-sierenden Lesart lieferte Philonenko den bisher einzigen handfesten Beleg für ein syrisches Milieu des Evangeliums, der Pines’ Annahme eines orienta-lischen Ursprungs der Grundschrift textkritisch untermauern könnte.

Es gibt jedoch noch weitere ähnliche Beispiele solcher syrischen Doppelungen. In Kapitel 99 wird berichtet, daß sich Jesus „in einen verlassenen Teil der Wüste in Tiro in der Nähe des Jordans“ zurückgezogen habe (ritirato iessu im parte del disserto chaua in tiro apresso il giordano).1 Hinter diesem unbekannten Ort könnte das syrische Wort tura, das sowohl die Bedeutung “Berg” als auch “wüste Gegend”) hat, stecken. Wie in dem von Philonenko angeführten Samuelzitat, begegnet uns erneut eine seltsame Doppelung. Denn “in einen verlassenen Teil der Wüste” gibt eine der beiden Bedeutungen den syrischen Begriffes tura (“wüste Gegend”) wieder.

 

Eine dritte Doppelung dieser Art findet sich in Kapitel 7, wo die drei Magier ihre Geschenke an den Jesusknaben entrichten. Während uns Mt von „Gold, Myrrhe und Weihrauch“ berichtet, finden wir im GB von diesen dreien nur das „Gold“ (oro). Die anderen beiden Geschenke werden hingegen mit „aromatische Dinge“ (chose aromatice) und „Silber“ (argento) beschrieben. Wie aber könnte es zu der auffälligen Variante „Silber“ gekommen sein? Tatsächlich könnte die syrische Sprache auch an dieser Stelle eine mögliche Lösung bereitstellen. Das syrische Wort für „aromatische Dinge“ amsB (besmaʾ). Andererseits ist das syrische Wort für „Silber“ amas (seʾmaʾ). Verbunden mit der syrischen Präposition “mit“ (B, be) erhalten wir amasB, das der Formulierung „mit Silber“ (con argento) des Barnabasevangeliums exakt entspricht. amsB (besmaʾ) und amasB (beseʾmaʾ) unterscheiden sich hierbei nur durch ein eingefügtes a (ʾolaf). Auch hier findet sich also eine mysteriöse Doppelung, „aromatische Dinge mit Silber“, die sich aus der syrischen Sprache herleiten läßt.

 

 

 


1 Vgl. Shlomo Pines: The Jewish Christians of the early centuries of Christianity according to a new source. Jerusalem: The Israel Academy of Sciences and Humanities Proceedings 1966.

 

2 Vgl. John Toland: Nazarenus, or, Jewish, gentile, and Mahometan Christianity : containing the history of the antient Gospel of Barnabas, and the modern Gospel of the Mahometans. London, 1718. Neu erschienen in: Gesine Palmer: Ein Freispruch für Paulus. John Tolands Theorie des Judenchristentums. Mit einer Neuausgabe von Tolands ,Nazarenus’ von Claus-Michael Palmer (ANTZ 7). Berlin: Institut Kirche und Judentum 1996.

 

3 Vgl. Pines: ebd., S. 71.

 

4 Ebd., S. 70.

 

5 Edward Sachau (Hrsg.): The Chronology of the Nations. An english version of the arabic text of the Athār-ul-bākiya of Albiruni. London: W. H. Allen & Co. 1879, S. 27.

 

6 Vgl. Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen I, S. 300 und S. 303.

 

7 So schon im Titel „Wahres Evangelium Jesu, genannt Christus, eines neuen Propheten, von Gott der Welt gesandt gemäß dem Bericht des Barnabas, seines Apostels“, aber auch in EvBarn LII, LVIII, LXXII f., XCVII, CCXI.

 

8 Vgl. Pines, S. 66.

 

9 Vgl. Epiphanius‘ Zitat aus dem Ebionäerevangelium: „Ich kam, die Opfer aufzuheben; und wenn ihr nicht aufhört zu opfern, wird der Zorn nicht von euch weichen“ (Epiphanius: Panarion 30,16,4).

 

10 Vgl. Rec 1,37,2

 

11 Vgl. EvBarn XXXII und LXVI–LXVII (Pines, S. 72). Auch wird – was Pines nicht erwähnt – in der Geburtsgeschichte des Barnabasevangeliums die Darstellung Jesu im Tempel (vgl. Lk 2,21–38) ausgelassen, welche die Opferung von zwei Turteltauben beinhaltet (vgl. Lk 2,23f.).

 

12 Vgl. Ludwig Koenen/Cornelia Römer (Hrsgg.): Der Kölner Mani-Codex. Über das Werden seines Leibes. Kritische Edition. Opladen: Westdeutscher Verlag 1988.

 

13 Vgl. Marc Philonenko: „Une tradition essénienne dans l’Évangile de Barnabas“. In: Mélanges d’histoire des réligions offerts à Henri-Charles Puech. Paris: Presses Universitaires de France 1974, S. 191–195.

 

14 Ebd., S. 195

 

15 Ebd., S. 192 (Fußnote 2).

16 Der hier erwähnte Ort “Tiro” gab den Forschern seit jeher Rätsel auf. Die Raggs kommentieren diese Stelle lediglich mit den Worten: “Text obscure” (Raggs, 229, n. 2). Cirillo vermutete wiederum, dass hier das neu-lateinische ad Tyram (unmittelbar, vgl. das altfranzösische à Tire) zugrundeliege (Cirillo/Frémaux, 395, n. 2; vgl. du Cange, et al., Glossarium mediae et infimae latinitatis, éd. augm., Niort: L. Favre, 1883-1887, t. 8, col. 220b. http://ducange.enc.sorbonne.fr/TYRA), so daß der ursprüngliche Text “unmittelbar in der Nähe des Jordans” gelautet habe. Rodney Blackhirst wollte Tiro mit dem bei Josephus erwähnten, jenseits des Jordan gelegenen Tyrus (heute Iraq al-Amir in Jordanien) irdentifizieren.