EIN UIGURISCHES FRAGMENT

(c) DAS BARNABAS PROJEKT 2017


In einem christlichen Fragment eines uigurischen Textes, "der vielleicht aus dem Syrischen übersetzt ist und in Bulayiq im Norden von Turfan gefunden wurde" (Schneemelcher: NT Apokryphen I, 305), enthält u.a. Aussprüche des Lukas und des Zachäus. Es findet sich in ihm  aber auch ein unvollständiger Ausspruch, dessen Urheber durch den fehlenden Anfang nicht mehr ermittelt werden kann. Dieser unvollständige Ausspruch hat interessante Parallelen zu einer Stelle des Barnabasevangeliums:

 

Barnabasev., Kap. 90:

 

... und der sicherste Weg wird sein, das ‚Warum‘ zu lassen angesichts dessen, daß das ‚Warum‘ die Menschen aus dem Paradies vertrieb und Satan von einem überaus schönen Engel in einen schrecklichen Teufel verwandelte.“ […] Das ‚Warum‘ ist vielmehr das Tor zur Hölle.

 

 

 

Uigurisches Fragment:

 

...o mein Sohn! (dein?) Weg (übel?) ist er. Jetzt du Gottes (Gebot) höre! Gehe nicht auf diesem Wege! Darum wenn du ohne zu hören gehest, in die große Grube (das Feuer?) wirst du fallen! Wenn du ,Warum‘ sagst: der böse Feind dich belauernd steht er, zu vernichten sinnet er dich!“

 

 


(vgl. A. von le Coq: Ein christliches und ein manichäisches Manuskriptfragment. In: Sitzungsberichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften. Jahrgang 1909. Zweiter Halbband. Juli bis December. Berlin: Verlag der königlichen Akademie der Wissenschaften 1909, 1205f.)

 

Obwohl der Wortaut beider Stellen sehr verschieden ist, können doch einige bemerkenswerte Parallelen festgestellt werden. Als erstes fällt die Warnung vor dem ,Warum‘ ins Auge, welche in beiden Stellen formuliert wird. Außer in diesen beiden Texten gibt es keine vergleichbare Formulierung in der christlichen Tradition. Auch der Begriff "Weg" wird in beiden Aussprüchen benutzt. Des weiteren das "Fallen in die Grube" bzw. der "Fall aus dem Paradies" sowie "der böse Feind" bzw. der "Teufel". Es wäre durchaus denkbar, daß beide Texte trotz ihres abweichenden Wortlauts im Detail auf ein- und denselben Ursprung zurückgehen, wenn man bedenkt, daß beide Texte in diesem Fall eine sehr lange Überlieferungsgeschichte hinter sich hätten, welche sich jeweils über mehrere Sprachstufen zöge. Ist der unvollständige Ausspruch, dessen Urheber man aufgrund des fehlenden Anfangs nicht kennt, womöglich ein Ausspruch aus dem Barnabasevangelium, der in die uigurisch-christliche Spruchsammlung aufgenommen wurde?