Das Barnabasevangelium enthält eine erstaunliche Anzahl an sogenannten "westlichen" Lesarten. Der "westliche Text" des Neuen Testaments ist eine etwas irreführende Bezeichnung, weil er suggeriert, daß der Ursprung dieser Textform im Westen liegt. Er wurde so genannt, weil er vor allem bei Evangelienzitaten von westlichen Autoren des zweiten Jahrhunderts n. Chr. verwendet wurde. Er wird daher von dem Establishment der neutestamentlichen Textkritik gerne als westliche Lokaltradition abgetan. In Wirklichkeit bildet dieser Text jedoch eine gegenüber den kanonischen Evangelientexten ursprünglichere Textform. Denn der kanonische Text ist erst ab etwa 200 n. Chr. bezeugt, während alle christlichen Autoren des 2. Jhd. nach dem "westlichen" Text zitieren. Der westliche Text steht zeitlich also zwischen dem kanonischen Text und der apostolischen Zeit. Schon Johann Gottfried Eichhorn vermutete den Ursprung der "westlichen" Textform in dem heute verschollenen Hebräerevangelium, das bei Judenchristen in Gebrauch war. William Petersen vermutete, daß Justin der Märtyrer aus diesem Evangelium um etwa 150 n. Chr. zitierte, das er "Erinnerungen der Apostel" nannte. Dieses Evangelium war eine sogenannte Evangelienharmonie, weil es Texte umfaßte, die wir später in allen drei synoptischen Evangelien (also Markus, Matthäus und Lukas) wiederfinden, jedoch in einer archaischeren Form als die, die uns in der Manuskripttradition begegnet. Wir wissen nicht, wer der Autor dieser Harmonie war und wo sie zusammengestellt wurde. Es ist möglich, daß Justin sie in Rom gefunden hat. Es ist aber auch denkbar, daß er sie vom Orient nach Rom mitgebracht hat, denn Justin stammte aus dem samaritanischen Nablus. Bei ihrer Zusammenstellung verwendete ihr anonymer Autor Evangelientexte, die sich manchmal stark von denen unterscheiden, die in unseren kanonischen Evangelien bezeugt sind. Diese Harmonie wurde in einer etwas überarbeiteten und vervollständigten Version für die Abfassung einer syrolateinischen Harmonie verwendet. In griechischer Sprache verfaßt, wurde sie sehr früh ins Lateinische übersetzt, um sich im Westen zu verbreiten. Spuren von ihr finden wir in den Manuskripten der alten lateinischen Bibelübersetzung. Im Mittelalter bildete sie die Vorlage für die pepysianische Harmonie, eine mittelenglische Evangelienharmonie, und die ältesten Schichten anderer mittelalterlicher Harmonien (vor allem die niederländischen und italienischen). Justins Harmonie wurde auch von Tatian um 175 n. Chr. rezipiert, überarbeitet, vervollständigt und ins Syrische übersetzt. Dies Werk wurde unter dem Namen „Diatessaron“ bekannt und von Epiphanius mit dem Hebräerevangelium identifiziert (vgl. Epiphanius, Panarion XLVI). Wir haben nur eine arabische Übersetzung eines syrischen Textes, der zuvor fast vollständig nach der syrischen Standardbibel, der Peshitta, überarbeitet worden war. 

Das Diatessaron gelangte in einer lateinischen Version unter tiefgreifenden Veränderungen in den Westen. Im 5. Jahrhundert ersetzte Victor von Capua den ursprünglichen lateinischen Text durch den lateinischen Standardtext der Vulgata.

Die englische Harmonie (Pepys) bewahrte trotz ihrer Glossen, ihrer paraphrasierenden Übersetzung, ihrer textlichen Vereinfachung (insbesondere bei den Reden Jesu), der Umsetzung bestimmter (vor allem johanneischer) Perikopen einen Widerhall der syro-lateinischen Harmonie am besten, von der es grundsätzlich abhängt. Die anderen Harmonien übernahmen zumeist jene lateinische Sequenz, die von Tatians Diatessaron herrührt. Im Detail haben auch diese Texte jedoch mehr oder weniger Spuren der syro-lateinischen Harmonie bewahrt.

Diese Tatsachen sind für die Textgeschichte der Evangelien von großer Bedeutung. Wir haben oben gesagt, daß Justins Harmonie aus Evangelientexten besteht, die sich von denen unserer kanonischen Evangelien unterscheiden. Folglich sind alle Texte (mittelalterliche Harmonien, alte patristische Zitate) von Justins Harmonie abhängig, insofern sie von Tatians Diatessaron einerseits und der syro-lateinischen Harmonie andererseits abhängen, und sind daher ein Widerhall der präsynoptischen Evangelientexte, die in Justins Harmonie bezeugt wird. Auch der ganze Problemkomplex des sogenannten „westlichen“ Textes könnte so teilweise seine Lösung finden, indem die Varianten dieses „westlichen“ Textes nur ein Widerhall des Textes jener ursprünglichen Harmonien, also Justins Harmonie, der syro-lateinischen Harmonie oder Tatians Diatessaron, darstellen.