TATIANS DIATESSARON

von Luigi Cirillo


[Aus dem Französischen von Daniel Erhorn. Quelle: Luigi Cirillo/Michel Frémaux: L’Évangile de Barnabé. Recherches sur la composition et l’origine. Texte et Traduction. Paris: Èditions Beauchesne 1977, 185–205]

 

 

Anfang des Diatessarons aus Codex Sangallensis 56 in lat.-althochd. Parallelübersetzung (um 830 n. Chr.)
Anfang des Diatessarons aus Codex Sangallensis 56 in lat.-althochd. Parallelübersetzung (um 830 n. Chr.)

I. Tatian und das Diatessaron

In der Geschichte des Urchristentums verbindet man mit dem Namen Tatians die bedeutende Leistung einer Harmonisierung der vier kanonischen Evangelien zu einem fortlaufenden Bericht, welchem die griechischen Christen den Namen „Diatessaron“ gaben. Doch trotz der großen Bedeutung des Tatian für die christliche Kultur des zweiten Jahrhunderts hat die Geschichte nichts als einige wenige Hinweise auf seine Person bewahrt. Unsere Informationen sind begrenzt:

 

 

–– in einer direkter Quelle, den Reden an die Griechen, der einzigen Schrift des Tatian, welche uns überliefert ist;

 

–– in einigen alten griechischen und lateinischen Häresiologien;

 

–– in der Diatessaron-Tradition selbst, die wir bei Autoren der syrischen Kirche finden.

 

Die Reden an die Griechen ist die einzige Schrift, welche es uns erlaubt, das spirituelle Profil des Tatian zu erfassen. Er berichtet uns, dass er gebürtig aus Ost-Syrien stamme, aber auch im Umfeld griechischer Kultur groß geworden sei. Nach einer Zeit ausgiebigen Reisens ließ er sich für eine gewisse Zeit in Rom nieder, wo er auf Justin traf. Letzteren bezeichnete Tatian als »höchst wunderbar: θαυμασιώτατος« und es besteht kein Zweifel daran, dass er durch dessen Einfluss zum Christentum konvertierte. Er ließ die heidnische Kultur hinter sich, seit er entdeckte, „wer Gott sei und was sein Werk“. Er schien das Christentum als „eine Weisheit“ zu betrachten, eine Art Philosophie. Deswegen bemühte er sich, seine alte Kultur abzuschütteln.

 

Tatian bezieht sich nirgends direkt auf sein Diatessaron. Wir können jedoch in seinen Reden das Prinzip, welches ihn zu seiner Harmonisierung der evangelischen Texte inspirierte, aufspüren. In Kapitel 32 stellt Tatian der Einheit des christlichen Glaubens die Widersprüchlichkeit der griechischen Philosophie gegenüber. So können wir begreifen, wie die Vielfalt der Evangelien ihm wie ein Hindernis für das Konzept einer Einheit des Christentums erscheinen konnte. Entsprechend setzte er alle seine Leidenschaft daran, die Unterschiedlichkeit der vier Evangelien zu einem harmonisierten Buch, dem Diatessaron, zu vereinheitlichen.

 

 

Die griechischen und lateinischen Zeugnisse

 

 

1. Irenäus von Lyon: Adversus Haereses. I, 28, 1

 

 

 

Irenäus bildet den Ausgangspunkt der Überlieferungen über Tatian. In den Kapiteln, welche der Erwähnung des Tatian vorausgehen, stellt Irenäus die Verfechter der Gnosis als »die Quelle und den Ursprung aller Häresien« dar (Adv. Haeres I, 22). Er zitiert Simon Magus, Menander, Saturninus und Basilides, Karpokrates, Kerinthos und schließlich Cerdon und Marcion (I, 23–27). Dann am Anfang von Kapitel 28 ergänzt Irenäus: »Viele Häresien sind aus den Vorgenannten schon entsprossen«. Es scheint also, als ob für Irenäus alle Häresien trotz ihrer neuen Benennungen der Gnosis entstammen. So führt Irenäus z. B. Tatian und die Enkratiten als eine Häresie an, welche unmittelbar an Saturninus und an Marcion anknüpft:

 

 

 

So stammen beispielsweise von Saturninus und Marcion die sogenannten Enkratiten oder Enthaltsamen, welche die Pflicht der Ehelosigkeit verkünden. Damit verwerfen sie die alte Einrichtung Gottes und klagen den ungerechterweise an, der Mann und Weib zur Erhaltung des Menschengeschlechtes geschaffen hat. Ihre sogenannten Seelischen also, welche die Ehelosigkeit eingeführt haben, sind undankbar gegen Gott, der alles gemacht hat. Tatian, der Schüler Justins, brachte diese Gotteslästerung auf. Solange er bei Justin war, hat er nichts Derartiges gelehrt; erst nach dessen Märtyrertode trennte er sich von der Kirche, wollte als großer Lehrer gelten, wurde hochmütig und aufgeblasen, als ob er etwas besseres als die andern wäre, und stellte seine Sonderlehren auf. Nun erdichtete er sich ähnlich wie die Valentinianer Äonen und erklärte ähnlich wie Marcion und Saturninus Ehe wie Unzucht als gleich verderblich. Aus sich selbst aber behauptete er, auch Adam sei nicht gerettet worden.

 

 

 

In diesem Text müssen wir klar zwischen zwei Informationen unterscheiden, derjenigen über die Enkratiten und derjenigen über Tatian. Irenäus wusste, das Tatian Schüler Justins war und nach dessen Tode wurde Tatian ein Abtrünniger und Gründer einer eigenen Schule. Diese Detailinformation wird von Eusebius, Hist. Eccl. V, XIII, 1 bestätigt, wo von Rhodon gesagt wird, dass er Schüler des Tatian war. Aber Irenäus wird noch etwas präziser und unterstreicht, dass Tatian bei Valentinus die Lehre der Äonen entlehnte, und von Marcion und Saturninus die Ablehnung der Ehe, und dass er aus sich selbst heraus Adams Erlösung bestreitet. Diesbezüglich entwickelt Irenäus an anderer Stelle, Adv. Haeres. III 23, 8, die Idee von Adams Erlösung, der nach seiner Sünde durch den Sieg des Messias über den Dämon wiederbelebt wird:

 

 

 

Es lügen also alle, die Adams Rettung bestreiten, indem sie immer sich selbst vom Leben ausschließen, weil sie nicht glauben, dass das verlorene Schaf gefunden ist. Wäre es aber nicht gefunden, dann wäre ja immer noch das ganze Menschengeschlecht in der Verdammnis. Lügnerisch also ist der, welcher diese Lehre oder vielmehr diese Unwissenheit und Blindheit zuerst aufgebracht hat, der Tatian, der zwar zum Kompendium aller Häresien geworden ist, wie wir gezeigt haben, dies aber aus sich selbst erfunden hat, um vor den andern etwas Neues beizubringen. Leeres spricht er, glaubensleere Hörer sammelt er um sich, trachtet nach dem Rufe eines Lehrers und bedient sich beständig des Paulinischen Wortes: "In Adam sterben wir alle" (1 Kor 15,22), übersieht aber, dass "wie die Sünde überhand nahm, auch die Gnade überschwenglich wurde" (Röm 5,20).

 

Wie bereits in Buch I, 28 präsentiert Irenäus Tatian hier als den ersten Autor, welcher die Erlösung Adams zurückwies. In diesem zweiten Text betont er Tatians Vorgehensweise: von den biblischen Texten akzeptiert er nur jene, die seine Lehre bestätigen, die anderen verwirft er. In dieser Weise bedient er sich 1 Kor 15,22 und ignoriert Röm 5,20. Aber seltsamerweise übermittelt Irenäus nur gewisse Lehren des Tatian, ohne jeglichen Verweis auf dessen Schriften. Erst Eusebius bezieht sich als erster unter den griechischen Autoren auf konkrete Schriftzeugnisse des Tatian.

 

 

2. Eusebius von Cäsarea: Historia Ecclesiastica IV, XXIX, 4–7

 

In den Paragraphen 2–3 schreibt Eusebius nach einem wörtlichen Zitat aus Irenäus, Adv. Haeres. I, 28, 1:

 

Etwas später brachte ein Mann namens Severus in die erwähnte Sekte noch mehr Leben und wurde Anlass, dass ihre Anhänger Severianer genannt wurden. Diese benützen das Gesetz, die Propheten und die Evangelien, wobei sie allerdings den Inhalt der heiligen Schriften eigenartig auslegen. Den Apostel Paulus beschimpfen sie und seine Briefe lehnen sie ab; auch die Apostelgeschichte nehmen sie nicht an. Ihr erster Stifter Tatian verfasste eine Art Kompilation und Vereinigung der Evangelien, von deren Anordnung ich nichts weiß, und nannte das Werk Diatessaron (τὸ διὰ τεσσάρων). Es ist bei manchen noch heute erhalten. Man sagt auch, dass er es gewagt haben soll, einige Sätze des Apostels zu umschreiben, um die Ausdrucksweise zu verbessern. Tatian hinterließ eine große Zahl von Schriften. Den größten Ruhm genießt bei vielen seine Schrift An die Hellenen. Er greift darin auf die alten Zeiten zurück, um zu zeigen, dass Moses und die Propheten der Hebräer älter sind als alle berühmten Männer der Hellenen. Tatsächlich scheint diese Schrift das schönste und nützlichste von allen Werken Tatians zu sein.

 

Dieser Text handelt zunächst von Severus und den Severianern, dann von den Werken Tatians. Eusebius sagt über Severus, dass er nach Tatian kam und die Häresie noch weiter ausbaute, und dass die Severianer nach ihm benannt worden seien. Gleichwohl erkannte Eusiebius in Tatian den ersten Stifter der Severianer (πρότερος αὐτῶν ἀρχηγός). Eusebius skizziert in groben Zügen ihren biblischen Kanon: als altes Testament gilt ihnen das »Gesetz« und die »Propheten« und als neues Testament die Evangelien, aber sie lehnen sowohl die Apostelgeschichte als auch die Briefe des Paulus ab. Was die severianische Auslegung der biblischen Schriften betrifft, bleibt Eusebius jedoch sehr knapp und merkt lediglich an, dass sie diese „eigenartig“ (ἰδίως) auslegten.

 

Von den zahlreichen Schriften des Tatian erwähnt Eusebius nur das Diatessaron und die Rede an die Griechen. Bezüglich des Diatessaron sagt er, es wäre eine Kompilation und Vereinigung (συνάφεια καὶ συναγωγή) der Evangelien gewesen und dass es zu seiner Zeit noch zirkulierte (εἰς ἔτι νῦν). Der Historiker bekennt jedoch seine eigene Unkenntnis hinsichtlich der genauen Inhalte des Werkes, wenn er schreibt: er wisse nicht, auf welche Weise (οὐκ οἶδ´ὄπως) die einzelnen Abschnitte der Evangelien angeordnet seien.

 

Schließlich wiederholt Eusebius, dass er erfahren habe (φασί), dass Tatian sich erlaubte, gewisse Formulierungen der Paulusbriefe zu verändern. Aber in diesem Punkt ist die Interpretation dieser Stelle ohne weitere Informationen schwierig.

 

In seiner lateinischen Übersetzung der Historia Ecclesiastica überträgt Rufin die eusebische Formulierung Diatessaron mit euangelium unum ex quattuor, woraus hervorgeht, dass Rufin die tatianische Kompilation als ein einziges Evangelium betrachtete, das aus den vier Evangelien zusammengesetzt war.

 

  1. Epiphanius von Salamis: Panarion (Adversus Haereses) XLVI

Epiphanius berichtet zuerst über Severus und die Severianer (Adv. Haer. XLV), dann über Tatian (Adv. Haer. XLVI) und schließlich über die Enkratiten (Adv. Haer. XLVII). Es ist ersichlich, dass es sich bei den Quellen des Epiphanius über diese drei Häresien um die zitierten Textstellen des Irenäus und des Eusebius handelt:

 

Ein gewisser Tatian, der entweder zur selbigen Zeit wie sie [die Severianer] oder nach ihnen lebte, begründete als ihr Nachfolger seine eigene unsinnige Lehre. Am Anfang verkehrte er wegen seiner Vertrautheit mit der griechischen Kultur und Bildung mit dem Philosophen Justin, einem Heiligen und Gottgefälligen, der vom Samaritanertum zum Glauben an Christus übertrat. […] Aber als Justin starb war es, als ob ein ein Blinder, der einen Führer benötigte, seinen Geleitschutz verlor und so wegen seiner Blindheit an einen Abgrund geriet und in den Tod stürzte. So verhielt es sich mit Tatian. Er war, wie die auf uns gekommene Tradition uns mitteilt, syrischen Ursprungs, gründete seine Schule jedoch in Mesopotamien, ungefähr im zwölften Jahr des Kaisers Antoninus, welcher »der Fromme« genannt wurde. Nach dem Tod des heiligen Justin verließ er Rom und lebte fortan im Orient, wo er in Irrtümer verfiel und Aeonen, gewisse Prinzipien und Emanationen lehrte, ähnlich jenen in den Mythen des Valentinus. Er verbreitete seine Lehre vor allem zwischen Antiochien bei Daphne und Kilikien, speziell in Pisidien. Von ihm haben die so genannten Enkratiten ihr Gift gleichsam in seiner Nachfolge bekommen. Man sagt, dass das Diatessaron, das manche „gemäß den Hebräern“ nennen, von ihm geschrieben wurde.

 

Durch diesen Text lassen sich zwei Aspekte präzisieren:

 

–– wann und wo Tatians Häresie entstand und sich verbreitete

–– die Beschaffenheit des Diatessarons.

 

a) Epiphanius datiert die Entstehung der tatianischen Häresie nach den Tod des Justin und gibt für die Gründung seiner Schule das zwölfte Regierungsjahr des Antoninus an. Nun entspricht aber das zwölfte Jahr des Antoninus dem Jahre 149–150 n. Chr., in dem Justin noch lebte. Andererseits setzt Eusebius in seiner Chronik die Häresie des Tatian im zwölften Regierungsjahr von Mark Aurel (172–173 n. Chr.) an und bemerkt: »Tatianus haereticus agnoscitur a quo Encratitiae«. Aus diesem Grund hat Theodor Zahn den Text des Epiphanius korrigiert und sah hier eine Verwechslung zwischen dem zwölften Jahr des Antoninus und dem zwölften Jahr Mark Aurels. Wir können also festhalten, dass Tatian seine Schule nach dem Tod des Justin, etwa im Jahre 172–173 n. Chr., in Mesopotamien gründete (τὸ δὲ αὐτοῦ διδασκαλεῖον προεστήσατο). Seine Häresie hat sich dann von Antiochien bis in die Regionen von Kilikien und Pisidien verbreitet.

 

b) Was das Diatessaron angeht, so scheint die Bemerkung des Epiphanius verwirrend. Er bemerkt, dass »manche« das Diatessaron »Evangelium nach den Hebräern« genannt hätten. Aber dies verwunder insofern nicht, als dieser Abschnitt von dem Verb »λέγεται« (»Man sagt«) eingeleitet wird, was darauf hindeutet, dass der Autor keine direkte Kenntnis des Diatessarons hatte.

 

 

4. Theodoret von Kyrrhos: Haereticarum fabularum compendium, I, 20

 

Nachdem Theodoret Tatian als Schüler Justins und als Leiter einer härestischen Schule nach dem Tod seines Meisters vorgestellt hat, berichtet er uns über die Evangelienharmonie des Tatian wie folgt:

 

Dieser stellte auch ein Evangelium, welches man Diatessaron nennt, zusammen, in dem er die Genealogien und alles, was darauf hindeutet, dass unser Herr dem Fleische nach aus dem Hause Davids stammt, gestrichen hat. Dieses Evangelium benutzen nicht nur seine Anhänger, sondern auch solche, welche der apostolischen Lehre folgen, weil sie die Verderbtheit des Werkes nicht einräumen, sondern es benutzen, weil es übersichtlicher ist. Ich selbst habe mehr als 200 Exemplare in den Kirchen der Umgebung entdeckt, welche dort hoch geschätzt werden. Diese habe ich eingesammelt und beiseite geschafft (ἀπεθέμην) und an ihrer Stelle die Evangelien der Evangelisten eingeführt.

 

Von den bisher zitierten Autoren ist Theodoret der erste, der eine direkte Kenntnis des Diatessarons hat, und wir erfahren, dass Tatian zwei Dinge aus den kanonischen Evangelien entfernte:

 

a) die Genealogien Christi (Mt 1,1–17 und Lk 3,32b–38);

 

b) alle Texte, die eine davidische Abstammung Christi »dem Fleische nach« enthalten.

 

Auch bezeugt Theodoret, dass zu seiner Zeit (im 5. Jhd. n. Chr.) nicht nur die Häretiker, sondern auch die Orthodoxen die Evangelienharmonie des Tatian benutzten. Der Autor deutet zusätzlich an, dass die syrischen Kirchen in der Region um Kyrrhos es in ihrer Liturgie verwendeten. Theodoret selbst fand über 200 Exemplare, welche er einsammelte, um sie durch die einzelnen Evangelien zu ersetzen: »die Evangelien der Evangelisten«. Unglücherweise ist dieser Akt des Bischofs Theodoret einer der Gründe gewesen, warum dieses tatianische Werk verloren ging.

 

Die restlichen griechischen und lateinischen Zeugnisse: Elenchos VIII, 16 und X, 18; Ps-Tertullian, Adversus omnes haereses, 7; Philastrus, Diversarum haereseon liber, 48 und Hieronymus, De Viris, 29 vermitteln uns keine relevanten Zusätze zum Leben und Werk des Tatian.

 

 

Die syrische Zeugnisse

 

Zwar geben die syrischen Zeugnisse der Person Tatians wenig Raum, berichten aber dafür mehr über den Text des Diatessarons selbst.

 

Wir wollen die folgenden vier erwähnen:

 

–– Die Zitate aus dem Diatessaron in den Homilien des Aphrahat (auf syrisch) aus den Jahren 337–345 n. Chr.

 

–– Der syrische Diatessaronkommentar des Ephraem (gestorben 373 n. Chr.).

 

–– Der Beschluss des Rabbula, Bischof von Edessa (412–435 n. Chr.), der anordnete, dass in allen Kirchen nur die vier kanonischen Evangelien gelesen werden dürfen.

 

–– Dionysius Bar Salibi, monophysitischer Bischof von Amida (= Diyarbakir), am Tigris in Mesopotamien, der im 12. Jhd. n. Chr. lebte, erwähnt, dass das Diatessaron des Tatian mit dem Prolog des Johannesevangeliums begann: „Am Anfang war das Wort“ (Joh 1,1).

 

 

Schließlich erwähnt Tatian in seinen Reden an die Griechen seine exegetische Arbeit einer Harmonisierung der vier Evangelien an keiner Stelle. Auch müssen wir feststellen, dass Irenäus von Lyon nirgends vom Diatessaron spricht. Die ersten Zeugnisse über die Evangelienharmonie sind erst im 4. Jhd. bei Aphrahat, Ephraem und Eusebius von Cäsarea zu finden. Die angeführten Aussagen bieten jedoch weder genaue Angaben über Ort und Zeit der Abfassung des Diatessaron, noch über die Sprache, in der es abgefasst wurde (Griechisch oder Syrisch?). Dieses Schweigen lässt Raum für verschiedenste Intpretationsansätze. Immerhin gibt uns die Diatessarontradition gewisse Hinweise auf dessen Beschaffenheit, seinen Inhalt und seine Verwendung. Die Beschaffenheit des Diatessarons ist schon in der griechischen Bezeichnung angedeutet: τὸ διὰ τεσσάρων. Dieser zuerst von Eusebius benutzte Begriff wird auch von Epiphanius und Theodoret von Kyrrhos wieder aufgegriffen, hier in dieser vollständigeren Form: τὸ διὰ τεσσάρων εὐαγγέλιον. Diese griechischen Worte verraten, dass Tatian mit seiner Arbeit die vier kanonischen Evangelien so geschickt kombinierte, dass er ein einziges Evangelium erhielt, welches das Leben Jesu in einer fortlaufenden Erzählung wiedergab.

 

Was das evangelische Material betrifft, und auf welche Weise Tatian dieses anordnete, sind unsere Informationen indes sehr spärlich. Von Dionysius Bar-Salibi wissen wir, dass Tatian das Diatessaron mit dem Johannesprolog beginnen ließ. Theodoret wiederum verrät uns, dass er die Stammbäume Christi und all diejenigen Stellen, die eine Abstammung Jesu von David andeuteten, entfernte. Auch kennen wir durch das Zeugnis des Irenäus die Eigenart des Tatian, sich dasjenige aus den evangelischen Texten herauszusuchen, was zu seinem Nutzen war.

 

Die praktische Verwendung des Diatessarons ist schließlich vor allem von Theodoret und Eusebius von Cäsarea bekannt. Theodoret bezeugt, dass das Diatessaron noch im fünften Jahrhundert in der Liturgie der Kirchen in der Umgebung von Antiochien benutzt wurde. Dieser liturgische Gebrauch in der syrischen Kirche erklärt, warum die wichtigsten auf uns gekommenen Zeugnisse für den Ursprungstext des Diatessarons in syrischer Sprache abgefasst sind.

 

Es sei bemerkt, dass die zitierten Texte das Diatessaron nicht mit jener häretischen Gruppierung der tatianischen Schule verknüpfen. Obwohl Eusebius sagte, dass die Severianer die Häresie des Tatian aufnahmen, zählt es nicht zu ihren Heiligen Schriften. Ganz im Gegenteil, Eusebius sagt ausdrücklich, dass die Severianer die Evangelien in getrennter Form benutzten.

Wann und aus welchem Grund hat Tatian das Diatessaron zusammengestellt? War es zur Zeit, als sein Glaube noch orthodox war, oder später, als er der Häresie verfiel? War das Diatessaron für die große Mutterkirche oder einen kleinen Zirkel von Häretikern bestimmt? Dies sind immer noch wichtige Fragen, die wir zum gegenwärtigen Stand der Untersuchung noch nicht hinreichend beantworten können. Aber was es auch immer mit diesen Problemen auf sich hat: es ist sicher, dass das Diatessaron sich überall verbreitete und dass die orthodoxen Kirchen es benutzten. Erst im fünften Jahrhundert wird sein Verbot vor allem durch die Entscheidungen des Rabbula von Edessa und des Theodoret von Kyrrhos bezeugt: ein Verbot, das das Verschwinden der Originalmanuskripte des tatianischen Diatessarons plausibel erklärt.

 

 

 

II. Die diatessaronischen Zeugen

 

Bis auf ein mögiches Fragment in griechischer Sprache, das den Ausgrabungen von Dura-Europos entstammt, hat uns das Altertum kein einziges ursprüngliches Exemplar des Diatessarons, wie es von Tatian geschrieben wurde, überliefert. Der zeitlich nächste Zeuge ist der in Predigtform geschriebene, syrische Diatessaronkommentar des Ephraem. Dieser wird im folgenden durch das Kürzel EC bezeichnet.

Diatessaron(?)-Fragment Nr. 24 von Dura-Europos (3. Jhd. n. Chr.)
Diatessaron(?)-Fragment Nr. 24 von Dura-Europos (3. Jhd. n. Chr.)

Was die anderen Zeugen betrifft, so ist die Forschung nicht in der Lage, ihre Beziehung zum Original des Tatian exakt zu bestimmen:

  • Das Diatessaron in arabischer Übersetzung aus dem 11. Jahrhundert. Kürzel: Darab

  • Das Diatessaron auf Persisch aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Kürzel: Dpers

  • Das Diatessaron auf Lateinisch aus dem Codex Fuldensis, dem Text zufolge kurz vor 546 durch Viktor, den Bischof von Capua, und in seinem Auftrag übersetzt. Kürzel: Dlat. Mehr oder weniger abhängig von dem Text des Codex Fuldensis entstanden im Mittelalter einige weitere Evangelienharmonien:

  • Das Diatessaron von Lüttich auf Niederländisch, geschrieben um das Jahr 1300. Kürzel: Dlüt

  • Das venezianische Diatessaron, auf Altitalienisch mit venezianischem Dialekt, erhalten im Codex Marcianus 4975 in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig. Der Codex ist auf Pergament geschrieben undt 134 Folianten enthält, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Kürzel: Dven

  • Das toskanische Diatessaron, heute auf Altitalienisch des 14. Jahrhunderts, aber in einem Dialekt, der für Mittelitalien charakteristisch ist. Es ist in mehreren Manuskripten erhalten, die sich in verschiedenen nordmittelitalienischen Bibliotheken befinden. Kürzel: Dtos

    Das Dven und das Dtos sind eine Übersetzung einer lateinischen Vorlage.

  • Das „Leben Jesu“, das eine Diatessaronstruktur aufweist, in Mittelhochdeutsch verfasst.

1. Es ist sicher, dass sich Elemente einer Diatessaron-Struktur in der Gestaltung des Barnabasevangeliums finden lassen:

 

a) Am Anfang fehlt Jesu Genealogie, wahrscheinlich nach der orientalischen Tradition.

 

b) Im Abschnitt über die Kindheit ist der Text über die ,Magier‘ zwischen die Darbietung Jesu im Tempel und die Wallfahrt nach Jerusalem gestellt; gemäß der orientalischen Tradition und entgegen der Anordnung der Texte im Dven und dem Dtos;

 

c) Im ersten Teil ist der Text aus Joh 2 in „Kana“ zu Beginn seiner Sendung, gemäß der orientalischen Tradition und gemäß dem Dven;

 

d) Im zweiten Teil sind die beiden Texte aus Lk 9,52–55 (die Zurückweisung Jesu in einem samaritanischen Dorf) und Joh 4 (die Begegnung mit der Samaritanerin) in der Mitte von Jesu Sendung situiert, gemäß der orientalischen Tradition und dem Dpers;

 

e) Wahrscheinlich sind die Kapitel nach der Reihenfolge 5–4–6 umgestellt;

 

f) Im dritten Teil ist die Anordnung von Joh 9 (Die Heilung des Blindgeborenen), Joh 3 (Nikodemus) und Joh 11 (Lazarus) an den Schluss der Tätigkeit Jesu, aber vor seinen Einzug nach Jerusalem, gestellt, gemäß der Tradition der orientalischen Zeugen. Die Aufeinanderfolge der drei Texte im Barnabasevangelium entspricht ziemlich genau derjenigen des  Dpers;

 

g) Das Mahl bei Simon und die Salbung Jesu durch Maria finden nach dem Einzug in Jerusalem statt, entgegen der Anordnung der orientalischen Harmonien und auch entgegen der persischen Harmonie, aber gemäß der Anordnung, die man im Dlat, dem Dven und dem Dtos findet;