DIE APOKALYPSE ABRAHAMS


Le feu passant entre les morceaux lors de l'alliance de Dieu avec Abram (Den Haag, Museum Meermanno-Westreenianum, Manuskript 10 B 23, fol. 22r)
Le feu passant entre les morceaux lors de l'alliance de Dieu avec Abram (Den Haag, Museum Meermanno-Westreenianum, Manuskript 10 B 23, fol. 22r)

Die Kapitel 26–29 des Barnabasevangeliums handeln von der Kindheit Abrahams und haben viele Parallelen zu einer seltenen apokryphen jüdischen Schrift, der sogenannten "Apokalypse Abrahams". Paul Rießler schreibt in der Einleitung zu seiner deutschen Übersetzung:

Die nur in der altslavonischen Literatur erhaltene Schrift zerfällt deutlich in zwei Teile. Der erste Teil 1–8 erzählt Abrahams Bekehrung zum wahren Gottesglauben. Der zweite Teil 9–32 enthält Offenbarungen über die Zukunft des Abrahamstammes. Der Charakter des Buches ist, abgesehen von Kap. 29, dem Werk eines christlichen Ebioniten, ganz jüdisch. Ursprünglich war es wohl aramäisch geschrieben. Es dürfte Essenerkreisen entstammen. Darauf weist die Prädestinationslehre und die Engellehre sowie die Nichterwähnung der leiblichen Auferstehung. Die hohe Einschätzung des Abrahamopfers widerspricht nicht einem essenischen Ursprung. Denn die Essener waren im Prinzip gar keine Gegner der Opfer. Was sie bekämpften, war nur die sittlich verdächtige Priesterschaft (s. Jewish Encyclopaedia V 230). Das Buch steht der „Himmelfahrt des Isaias“ sehr nahe, ebenso dem „Testament des Abraham“ (s. G. H. Box, The Apocalypse of Abraham 1919, G. N. Bonwetsch in Studien zur Geschichte der Theologie und Kirche I 1898).

(Paul Rießler (Hrsg.): Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. Augsburg: Dr. B. Filser 1928, 1267)

 

Zur Zeit und Ort der Abfassung bemerkt Gerbern S. Oegema folgendes:

 

Die Abraham-Apokalypse (oder Apokalypse Abrahams) ist bisher in sechs vollständigen und vier fragmentarischen kirchenslawischen Handschriften, die nur die ersten acht Kapitel bieten, gefunden worden. [...] Die Apokalypse wird zwischen 70 und 100/150 n. d. Z. datiert, wobei Palästina als Entstehungsort genannt wird. Über den Sitz im Leben ist wenig bekannt. Die Bedeutung der Abraham-Apokalypse is mit der des IV. Esra und des 2. Baruch vergleichbar, denn alle drei nehmen die Zerstörung von Jerusalem als Ausgangspunkt ihrer literarischen Reflexion. Bei den 31 Kapiteln der Apokalypse ist zwischen einer Haggada über Abrahams Bekehrung zum wahren Gott (Kapitel 1–8) und einem Midrash über Gen 15,9–11 (Kapitel 9–31) zu unterscheiden.
(Gerbern S. Oegema: Der Gesalbte und sein Volk. Untersuchungen zum Konzeptualisierungsprozeß der messianischen Erwartungen von den Makkabäern bis Bar Koziba. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1994, 211f.)

 

Ü B E R S E T Z U N G :

 

[Quelle: Die Apokalypse des Abraham, übersetzt von Paul Rießler. In: Paul Rießler (Hrsg.): Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. Augsburg: Dr. B. FIlser 1928, 13–39)]

 

I

 

[1] Das Buch der Offenbarung Abrahams, des Therachsohnes und Enkels Nachors, des Serugsohnes und Enkels Reus, des Arphaxadsohnes und Enkels Sems, des Sohnes Noes und Enkels Lamechs, des Methusalemsohnes und Enkels Henochs, des Sohnes Jareds. [2] Am Tag, wo ich an meines Vaters Therach Göttern hobelte und an den Göttern Nachors, seines Bruders, da forschte ich, wer denn der starke Gott in Wahrheit sei, [3] ich, Abraham, zu jener Zeit, wo es mein Los gewesen, daß ich die Opferdienste meines Vaters Therach an seinen hölzernen und steinernen und goldenen und silbernen und ehernen und eisernen Göttern wohl verrichtete. [4] So ging ich einmal zu dem Dienste in den Tempel; da fand ich, daß der Steingott Merumat
vornüber war gefallen und zu des Eisengottes Nachon Füßen lag. [5] Bei diesem Anblick ward mein Herz verwirrt; denn ich bedachte es in meinem Sinn, daß ich allein nicht in der Lage wäre, an seinen Ort ihn wiederum zurückzubringen, weil er aus einem großen, schweren Stein bestand. [6] So ging ich hin und tat es meinem Vater kund. Er ging mit mir hinein. [7] Als wir ihn beide fortbewegten, um ihn auf seinen Platz zu stellen, [8] fiel ihm sein Kopf herab, solang ich ihn am Kopfe hielt.
[9]

Wie nun den Kopf des Merumat mein Vater sah, sagt er zu mir: Du, Abraham! [10] Ich sagte: Hier bin ich. [11] Er sprach zu mir: Hol aus dem Hause mir ein kleines Beil! Ich bracht es ihm. [12] Da hieb er einen andern Merumat aus einem andern Stein zurecht, doch ohne Kopf; dann setzte er den abgebrochenen Kopf ihm wieder auf, das andere von Merumat zerschlug er.

 

 

II

 

[1] Er machte noch fünf andere Götter und gab sie mir und wies mich an, sie auf den Straßen zu verkaufen. [2] Ich sattle meines Vaters Esel und leg sie drauf. [3] So ging ich in die Herberg zum Verkauf. Da zogen mit Kamelen Kaufleute aus Fandana in Syrien hin nach Ägypten, um dort Papyrus aus dem Nil zu kaufen. [4] Ich kam mit ihnen ins Gespräch. [5] Und da schreit eines der Kamele; der Esel schrickt zusammen und läuft davon und wirft die Götter ab, und drei davon zerbrechen, nur zweie bleiben ganz. [6] Wie nun die Syrer sahen, ich habe Götter, da sprachen sie zu mir: „Weswegen sagtest du uns nicht, du habest Götter? Dann hätten wir sie eingehandelt, bevor der Esel des Kameles Schrei vernommen. So wären sie nicht hin. [7] Nun gib uns wenigstens die andern Götter! Wir zahlen dir gemessenen Preis für die zerbrochenen Götter, desgleichen für die ganz gebliebenen.“ [8] Ich aber hatte mich im Herzen tief bekümmert, wie ich den Kaufpreis meinem Vater bringen könnte. [9] Die drei zertrümmerten warf ich dort in den Gurfluß und sie versanken in die Tiefe. Und fortan waren sie nicht mehr.

 

 

III

 

[1] Als ich noch auf dem Wege ging, da ward mein Herz in mir verwirrt,
mein Sinn beunruhigt. [2] Ich sprach in meinem Herzen: Was ist das für ein böses Tun, das da mein Vater tut? [3] Ist nicht vielmehr er seiner Götter Gott? Denn durch sein Meißeln, Drechseln, durch seine Kunst entstehen sie. Ja, sollten sie nicht meinen Vater anbeten, da sie doch nur sein Machwerk sind? [4] Was liegt doch für ein Wahn in meines Vaters Werken? [5] Es fiel ja Merumat und konnte in dem eignen Tempel nimmer sich erheben; ich selbst vermochte nicht, ihn zu bewegen, bis daß mein Vater kam und so wir beide ihn bewegten. [6] Und da wir noch zu schwach, so fiel von ihm sein Kopf herab. Er setzte ihn auf einen andern Steingott, den er verfertigt ohne Kopf. [7] Die übrigen fünf Götter wurden von dem Esel auch zertrümmert; sie konnten weder selbst sich retten noch auch dem Esel Böses tun, obgleich er sie zertrümmert hatte; noch kamen ihre Trümmer aus dem Fluß. [8] Ich sprach in meinem Herzen: Wenn es sich so verhält, wie kann dann meines Vaters Götze Merumat wohl einen Menschen retten oder eines Menschen Bittgebet erhören oder ihn belohnen, da er doch eines fremden Steines Kopf besitzt und selbst aus einem andern Stein gefertigt ist?

 

 

IV

 

[1] Als ich so dachte, gelangte ich in meines Vaters Haus; dann tränkte ich den Esel, gab ihm Heu und nahm das Geld und gab es meinem Vater Therach. [2] Bei seinem Anblick ward er froh und sprach: Gesegnet bist du, Abraham, von meinen Göttern; weil du der Götter Kaufpreis brachtest, war meine Arbeit nicht vergeblich. [3] Ich sprach zu ihm: Mein Vater Therach, höre! Die Götter sind von dir gesegnet. Du bist ja ihnen Gott; denn du hast sie gemacht. Ihr Segen ist Verderben und ihre Hilfe eitel. Die selber sich nicht helfen konnten, wie können sie dir helfen oder Segen mir verleihen? [4] Ich war in dieser Sache dir von Nutzen, weil ich durch meine Klugheit dir Geld von den zerbrochenen Götzen brachte. [5] Als er mein Wort vernahm, erzürnte er sich heftig über mich, dieweil ich gegen seine Götzen harte Worte ausgesprochen.

 

 

 V

 

[1] Ich ging hinaus und dachte über meines Vaters Ärger nach; alsdann rief mich mein Vater: „Abraham!“ [2] Ich sagte: Hier bin ich. [3] Er sprach: Lies jetzt die Späne von dem Holze auf, woraus ich tannene Götter fertigte, bevor du kamst! Mach mir damit ein Mittagessen fertig! [4] Als ich des Holzes Späne sammelte, fand ich darunter einen kleinen Gott, der in dem Kehrichte zu meiner Linken lag und auf der Stirn geschrieben trug: „Gott Barisat“. [5] Ich aber sagt es meinem Vater nicht, daß bei den Spänen ich den Holzgott Barisat gefunden hätte. [6] Als ich die Späne in das Feuer legte, um meinem Vater Speise zu bereiten, und als ich gehen wollte, der Speise wegen anzufragen, da stelle ich den Barisat ans angefachte Feuer und sag zu ihm: [7] Gib Obacht, Barisat, auf daß das Feuer bis zu meiner Ankunft nicht verlösche! Erlischt es aber, dann blas es an, damit es wieder brenne! [8] So ging ich weg und tat, was ich gewollt. [9] Bei meiner Rückkehr fand ich auf den Rücken Barisat gefallen und seine Füße eingehüllt in Feuer und fürchterlich verbrannt. [10] Ich sah’s und brach in Lachen aus und sprach bei mir: Du kannst ja prächtig, Barisat, das Feuer anzünden und Speise kochen. [11] Und während ich so bei mir sprach und lachte, verbrannte jener langsam in dem Feuer und ward zu Asche. [12] Dann brachte ich die Speise meinem Vater; er aß. [13] Ich gab ihm Wein und Milch; er trank und ward erfreut und lobte seinen Götzen Merumat. [14] Ich sag zu ihm: O Vater Therach! Preis doch nicht deinen Götzen Merumat! Rühm ihn doch nicht! Preis vielmehr deinen Götzen Barisat! Er warf sich selbst zum Kochen deiner Speise in das Feuer, dieweil er dich mehr liebt. [15] Er fragte mich: Wo ist er jetzt? [16] Ich sprach: Er ist zu Asche in der Feuersglut verbrannt und ward zu Staub. [17] Er sprach: Groß ist die Macht des Barisat. Ich mache heute einen andern
und morgen macht er meine Speise.

 

 

VI

 

[1] Als ich nun, Abraham, solch Worte meines Vaters hörte, da lachte ich in meinem Sinn; dann seufzte ich in meiner Seele voller Zorn und Ärger. [2] Ich sprach: Wie kann denn das von meinem Vater Angefertigte, von Hand gemachtes Bildwerk, ihm Hilfe leisten? [3] Ja, ist’s denn so? Ist unser Geist der Unvernunft und Torheit unterworfen?
Und doch ist unser Leib der Seele, dem Geist die Seele untertan! [4] Ich dachte: Einmal gebührt sich’s, Übles zu erdulden. So will ich meinen Sinn auf Reines richten und offen vor ihn legen, was ich denke. [
5] Ich sprach: O Vater Therach! Wem du von diesen Gotteslob erweisen magst,
du bist auf jeden Fall in deinem Sinne unvernünftig. [6] Sieh, deines Bruders Haran Götter, die in dem heiligen Tempel stehen, sind weit verehrungswürdiger, als deine.
[7] Denn siehe, Zucheus, deines Bruders Haran Gott verdient weit größere Verehrung als hier dein Götze Merumat; er ist aus Gold ja angefertigt, das bei dem Volke hochgewertet ist. [8] Wird er an Jahren alt, so wird er umgeschaffen. Doch wenn dein Götze Merumat sich ändert oder gar zerbricht, dann wird er nicht erneuert; er ist aus Stein. [9] Gerade so ist’s mit dem Götzen Joavon. [10] Der Barisat jedoch verbrannte in dem Feuer und ward zur Asche und ist nicht mehr. [11] Du sagst: Ich mache heute einen andern, der morgen meine Speise mir bereitet. [12] Er kam vollständig um.

 

 

VII

[1] Fürwahr, verehrungswürdiger als die Gebilde alle ist das Feuer; denn manches, was sonst niemand unterworfen ist, fällt ihm anheim,
und Dinge, leicht verderblich, sie dienen seinen Flammen zum Gespött. [
2] Jedoch verehrungswürdiger ist noch das Wasser, weil es das Feuer überwindet und auch den Durst der Erde stillt. [3] Ich heiß auch dies nicht Gott; es ist der Erde unterworfen, worunter sich das Wasser neigt. [4] Die Erde nenne ich verehrungswürdiger, dieweil sie die Natur des Wassers überwindet. [5] Ich heiß auch sie nicht Gott, dieweil sie durch die Sonne ausgetrocknet wird und auch den Menschen zum Bebauen dient. [6] Verehrungswürdiger noch als die Erde nenne ich die Sonne; das ganze Weltall macht sie hell mit ihren Strahlen. [7] Auch diese nenne ich nicht Gott, dieweil ihr Lauf durch Nacht und Wolken wird verdunkelt. [8] Doch auch den Mond und die Gestirne nenne ich nicht Gott weil sie zu ihrer Zeit durch Nacht ihr Licht verdunkeln. [9] Hör dies, mein Vater Therach, daß ich dir kundtue den Gott, der alles schuf,
nicht die, die wir für Götter halten! [10] Wo ist er denn? Was ist er doch? Wer rötete den Himmel, vergoldete die Sonne und machte hell den Mond und die Gestirne? [11] Wer trocknete die Erde aus inmitten vieler Wasser? Wer setzte dich selbst in die Welt? Wer suchte mich in der Verwirrung meines Sinnes? [12] Möcht Gott sich durch sich selbst uns offenbaren!

 

 

VIII

 

[1] Und als ich dies zu meinem Vater Therach sprach, im Hofe meines Hauses, [2] da fiel die Stimme eines Starken von dem Himmel in einem Feuerwolkenbruch und rief: Abraham! Abraham! [3] Ich sagte: Hier bin ich. [4] Er sprach: Du suchst den Gott der Götter, den Schöpfer in deines Herzens Sinn. Ich bin es. [5] Geh fort von deinem Vater Therach!

Verlaß das Haus, daß nicht auch du den Tod in deines Vaterhauses Sünden findest! [6] Ich ging hinaus. [7] Noch war ich nicht zur Tür des Hofs gekommen, kam eines großen Donners Schall, und Feuer fiel vom Himmel, und dies verbrannte ihn, sein Haus und alles drin bis auf den Grund an vierzig Ellen. –

 

 

IX

 

[1] Alsdann kam eine Stimme; sie sprach mich zweimal an: Abraham! Abraham! [2] Ich sagte: Hier bin ich. [3] Er sprach: Ich bin es. Hab keine Angst! Denn ich bin vor den Welten, ein starker Gott, der einst das Licht der Welt geschaffen, [4] Ich bin dein Schild; ich bin dein Helfer. [5] Geh hin und nimm mir eine dreijährige junge Kuh und eine dreijährige Ziege, ein dreijähriges Schaf und eine Turteltaube und eine andere Taube! Bring mir ein reines Opfer dar! [6] In diesem Opfer leg ich dir die Weltenalter vor und tu dir das Verschwiegene kund. Du schauest Großes, was du bisher nicht geschaut, weil du es liebtest, mich zu suchen, und ich dich meinen Freund benannte. [7] Doch hüte dich vor jeder Speise, die aus dem Feuer kommt, vorm Weintrunk und der Ölsalbung, bis vierzig Tage! [8] Alsdann leg mir das Opfer vor, das ich dich hieß, an jenem Ort, den ich dir zeigen will, auf einem hohen Berg! [9] Dann zeig ich dir die durch mein Wort geschaffnen, eingesetzten Zeiten, und also tue ich dir kund, was über die noch kommen wird,
die in dem menschlichen Geschlechte Böses oder Gutes tun.

 

 

 X

 

[1] Als ich die Stimme hörte, die solche Worte zu mir sprach, sah ich bald hierhin und bald dorthin. [2] Nicht eines Menschen Atem war’s, und so erschrak mein Geist, und meine Seele floh aus mir. Ich wurde wie ein Stein und fiel zu Boden, weil ich nicht mehr zum Stehen Kraft besaß. [3] Und wie ich mit dem Antlitz auf dem Boden liege, hör ich des Heiligen Stimme reden: [4] Geh, Jaoel, in meines unaussprechlichen Namens Kraft! Heb jenen Mann mir auf! Laß ihn von seinem Zittern sich erholen! [5] Da kommt zu mir der Engel, den Er zu mir gesandt, in eines Mannes Ähnlichkeit, faßt mich bei meiner Rechten, stellt mich auf meine Füße und spricht: [6] Abraham! steh auf! Freund Gottes, der dich liebgewonnen! Laß dich von Menschenangst nicht mehr umfangen! [7] Ich bin zu dir gesandt, um dich zu stärken, zu segnen dich im Namen Gottes, der dich so liebgewonnen, des Schöpfers Himmels und der Erden. [8] Sei mutig! Eil zu Ihm! [9] Ich hab den Namen Jaoel von Ihm, der auch noch das bewegt, was mit mir auf der siebten Fläche unterm Firmamente ist. Ich habe Macht durch jenen unaussprechlichen Namen, der in mir wohnt. [10] Ich muß auch Seinem Wort gemäß verhindern, daß sich die cherubinischen Lebewesen drohend aufeinander stürzen, und Seine Träger muß ich im Gesange unterrichten, in dem Gesang der siebten Nachtstunde der Menschen. [11] Ich bin auch um der Zügelung des Leviatans willen da. Das Drohen und der Angriff jeglichen Reptils steht unter meiner Aufsicht. [12] Ich bin auch dazu da, den Hades aufzulösen, den zu zerstören, der auf Tote starrt. [13] Ich bin es, dem befohlen ward, auch deines Vaters Haus, zugleich mit diesem, anzuzünden, weil er Verehrung Toten zollte. [14] Ich bin gesandt zu dir, jetzt dich zu segnen sowie das Land, das dir der Ewige, zu dem du riefst, bereitet; um deinetwillen lenkte ich zur Erde meinen Weg. [15] Abraham! Steh auf! Geh ohne Furcht! Sei fröhlich und erfreue dich! Ich bin mit dir; denn ewige Ehre wurde dir vom Ewigen bereitet. [16] Geh und vollziehe die gebotenen Opfer! [17] Ich bin ja dazu ausersehen, mit dir zu sein sowie mit dem Geschlecht, das dir entstammt. Und mit mir segnet Michael dich ewiglich. [18] Sei guten Mutes! Geh!

 

 

XI

 

[1] Und so erhob ich mich; da sah ich den, der mich an meiner Rechten faßte und mich auf meine Füße stellte. [2] Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen und sein Gewand dem Purpur; ein golden Zepter war in seiner Rechten. [3] Er sprach zu mir: Abraham! Ich sagte: Hier bin ich, dein Diener. [4] Er sprach: Nicht schrecke dich mein Blick, noch meine Rede, damit nicht deine Seele in Verwirrung komme! [5] Nun komm mit mir! Ich geh mit dir, dir sichtbar bis zum Opfer; doch nach dem Opfer bin ich unsichtbar für immer. [6] Sei guten Muts und komm!

 

 

 XII

 

[1] So gingen wir, wir zwei zusammen, vierzig Tag und Nächte. Ich aß kein Brot und trank kein Wasser, weil meine Speis es war, den Engel, der bei mir, zu schauen, und seine Rede war mein Trank. [2] So kamen wir zum Gottesberg, dem hochberühmten Horeb. [3] Ich sprach zum Engel: O du, des Ewigen Sänger! Ich hab bei mir kein Opfer; noch seh ich auf dem Berge einen Altar. Wie kann ich da ein Opfer bringen? [4] Er sprach zu mir: Blick in die Runde! [5] Da seh ich mich ringsum, da folgt uns alles das befohlene Opfertier, die junge Kuh, die Ziege und das Schaf, die Turteltaube und die andere Taube. [6] Der Engel sprach zu mir: Abraham! Ich sagte: Hier bin ich. [7] Er sprach zu mir: Schlacht alles dies! Zerteil die Opfertiere in zwei Hälften! Leg sie einander gegenüber! Die Vögel aber sollst du nicht zerschneiden. [8] Gib sie vielmehr den Männern, die ich dir zeigen werde, wie sie dich hier umstehen; sie sind ja auf dem Berge der Altar, um hier dem Ewigen ein Opfer darzubringen. [9] Gib mir jedoch die Turteltaube und die andere Taube! Ich will auf Vogelflügeln ja hinaufsteigen, und laß dich schauen Himmel, Erde, Meer, den Abgrund und die Unterwelt und Edens Garten, seine Flüsse, die ganze Welt und ihren Kreis in ihrer Fülle;
du wirst in alles schauen.

 

 

 XIII

 

[1] Und ich tat alles nach des Engels Wort und gab den Engeln, die zu uns gekommen, die zerteilten Tiere; die Vögel aber nahm der Engel Jaoel. [2] Ich warte auf das Abendopfer. [3] Da läßt ein unrein Flügeltier sich auf die Leiber nieder, und ich vertreibe dies. [4] Da sprach der unreine Vogel zu mir: Was tust du, Abraham, auf jenen heiligen Höhen, wo man nicht ißt, noch trinkt, und wo es keine Menschenspeise gibt, wo vielmehr jene in dem Feuer jeglich Ding vernichten und selber dich verbrennen? [5] Verlaß den Mann bei dir und flieh! Denn, wenn du auf die Höhen gehst, vernichten sie dich dort. [6] Als ich den Vogel reden hörte, sprach ich zum Engel: Was ist doch dies, mein Herr? [7] Er sprach: Es ist dies die Gottlosigkeit; es ist dies Azazel. [8] Dann sagte er zu ihm: Schmach über dich, du Azazel! [9] Denn Abrahams Teil ist in dem Himmel, das deine aber auf der Erde. [10] Dieweil du diese auserwählt und sie zur Wohnung deiner Unreinheit bevorzugt hast, deswegen machte dich der ewig starke Herr zu einem Erdbewohner und durch dich jeden bösen Geist der Lüge und durch dich Zorn und Anfechtung für die Geschlechter der Gottlosen. [11] Denn Gott, der Ewige, der Mächtige, ließ es nicht zu, daß der Gerechten Leiber deinen Händen ausgeliefert würden; es sollte nur durch sie das Leben der Gerechten und die Vernichtung Unreiner gesichert werden. [12] Hör, guter Freund! Laß dich von mir beschämen! [13] Denn du besitzest nicht die Macht, die Frommen alle zu versuchen. [14] Weich nur von diesem Mann! Du kannst ihn nicht verführen, da er dein Feind und auch der Feind all derer, die dir folgen und lieben, was du willst. [15] Denn siehe, das Gewand, das dir im Himmel eigen war, ist ihm zurückgelegt,
und die Verwesung, die ihm eignete, ging auf dich über.

 

 

 XIV

 

[1] Der Engel sprach zu mir: Abraham! Ich sagte: Hier bin ich, dein Diener. [2] Er sprach: Erkenn von jetzt an, daß der Ewige dich auserwählt, er, den du liebst! [3] Sei guten Muts! Üb die Gewalt, soviel ich dir gebiete, jetzt gegen diesen, der die Wahrheit schmäht! [4] Ja, sollt ich den nicht schmähen dürfen, der auf die Erde die Geheimnisse des Himmels ausgestreut und der sich gegen den Allmächtigen empört? [5] Sag ihm:Werd du die Glutkohle des Ofens auf der Erde! Geh, Azazel, jetzt in der Erde unbetretbare Gefilde! [6] Dein Erbteil ist es, zu regieren über die, die bei dir sind, die mit den Sternen und den Wolken einst geboren wurden, und über Menschen, deren Teil du bist, die durch dein Dasein existieren; Gerecht tun ist ja deine Feindschaft. [7] Verschwind von mir um deiner Verdammnis willen!“ [8] Und so gebrauchte ich die Worte, die mich der Engel lehrte. [9] Er sprach: Abraham! Ich sagte: Hier, dein Diener. [10] Der Engel sprach zu mir: Ach, gib ihm keine Antwort! Denn über diese, die ihm Antwort geben, gab diesem Gott Gewalt. [11] Da sprach ein zweites Mal zu mir der Engel: Jetzt gib ihm keine Antwort mehr, so vieles er zu dir auch reden mag, damit sein Wille nicht sich auf dich stütze! [12] Es gab ihm ja der ewig Starke einen starken Willen. Antwort ihm nicht! [13] Ich tat das mir vom Engel Anbefohlene und, mocht er noch soviel zu mir auch reden, ich gab ihm schlechterdings nicht Antwort.

 

 

 XV

 

[1] Und es geschah bei Sonnenuntergang; da gab es Rauch, wie Rauch aus einem Ofen. [2] Die Engel, die des Opfers Teile hatten, sie stiegen von des rauchenden Ofens Spitze auf. [3] Mich nahm der Engel mit der rechten Hand und setzte mich der Taube auf den rechten Flügel; er selber setzte sich der Turteltaube auf den linken. Es waren diese Tauben nicht geschlachtet und nicht zerschnitten worden. [4] So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. [5] Dann stiegen wir hinauf so, wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament befestigt war. [6] Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen,
ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer, darinnen eine Schar, ja eine große Schar von mächtigen Gestalten, die alle sich an Aussehen und Gestalt beständig ändern, die laufen, sich verändern, anbeten und Worte rufen, wie ich sie nicht kannte.

 

 XVI

 

[1] Ich sprach zum Engel: Warum hast du mich jetzt hierhergebracht? Ich kann ja gar nichts sehen; denn ich bin schwach geworden; mein Geist ist von mir fort. [2] Er sprach zu mir: Bleib bei mir! Hab keine Angst! Und der, den du jetzt schaust, wie er gerade auf uns zukommt,
mit lauter Stimme rufend: „Der Herr ist heilig, heilig, heilig“, das ist der Ewige, der dich so liebgewonnen. [3] Ihn selber aber siehst du nicht. [4] Doch laß nicht deinen Geist durch jenes laute Rufen Schwäche überkommen! Ich bin bei dir, um dich zu stärken.

 

 

XVII

 

[1] Und während er noch sprach, da kam ein Feuer gegen uns ringsum, und eine Stimme war in diesem Feuer der Stimme vieler Wasser ähnlich, gleichwie des Meeres Tosen in der Brandung. [2] Der Engel neigt mit mir sein Haupt zur Anbetung. [3] Ich aber wünsche auf die Erde niederwärts zu fallen; der hohe Ort, worauf wir standen, bald stand er aufrecht da; bald aber drehte er sich abwärts. [4] Er sprach: Bet an, o Abraham, und sprich das Lied, das ich dich lehrte! Es war ja keine Erde mehr vorhanden, um drauf zu fallen. [5] So betete ich an und sprach das Lied, das er mich lehrte. [6] Er sagte: Red, ohne aufzuhören! Und als ich’s vortrug, trug selber er das Lied gemeinsam mit mir vor: [7] Ewiger, Mächtiger, Heiliger, Gott, Alleinherrscher! [8] Du durch dich selbst Gewordener, Unverweslicher, Unbefleckter, Ungewordener, Makelloser, Unsterblicher, Selbstvollkommener, Selbstleuchtender! [9] Vaterloser, Mutterloser, Unerzeugter, Erhabener, Feuriger, Einziger! [10] Menschenliebender, Gütiger, Mildtätiger, du um mich Eifernder, wahrhaft Geduldiger! [11] Eli, das heißt „mein Gott“, du Ewiger, Starker, Heiliger, Sabaot, du Herrlichster El, El, El, El, Jaoel! [12] Du bist’s, den meine Seele liebte. O Ewiger, Beschützer, leuchtend wie das Feuer! Du, dessen Stimme wie der Donner ist und dessen Blick dem Blitze gleicht, Allsehender, der die Gebete derer, die dich ehren, annimmt und sich von Bitten solcher abwendet, die Hindernisse schaffen durch Hindernisse ihrer Aufreizungen! [13] Du, der den Wirrwarr in der Welt auflöst, den Wirrwarr, der in der verderbten Welt von Bösen und Gerechten ausgeht! Denn du erneuerst der Gerechten Welt. [14] O Licht, das vor dem Morgenlicht auf deine Kreaturen scheint, so daß es Tag auf Erden wird! [15] In deinen Himmelswohnungen bedarf es keines andern Lichtes als nur der unsagbaren Lichterscheinung deines Angesichtes. [16] Nimm mein Gebet doch an! Freu dich an ihm und an dem Opfer, das du dir selbst durch mich bereitet, der ich dich suchte! [17] Nimm mich in Gnaden an!

Zeig mir! Lehr mich! Tu deinem Diener kund, soviel du mir verheißen hast!

 

 

 XVIII

 

[1] Noch singe ich das Lied, hebt sich empor das Feuer, das auf der Feste war. [2] Ich hörte eine Stimme gleich dem Meeresbrausen, und durch des Feuers reiche Fülle hörte sie nicht auf. [3] Und wie das Feuer, in die Höhe steigend, sich erhebt, erblick ich unterm Feuer einen Feuerthron und rings um ihn Vieläugige, die jenes Lied vortragen, und unterm Thron vier Feuerlebewesen singen. [4] Ihr Aussehen war eines; ein jegliches von ihnen hatte vier Gesichter. [5] Und also sahen ihre Angesichter aus: Das eine war das eines Löwen; das eines Menschen war das andere, das eines Stieres, das eines Adlers. [6] Vier Häupter saßen auf den Leibern, so daß die vier Geschöpfe sechzehn Köpfe hatten. Sechs Flügel hatte jegliches, an Schultern, Seiten, Lenden. [7] Die beiden Flügel an den Schultern decken ihre Angesichter, die beiden Flügel an den Lenden ihre Füße; die beiden Mittelflügel breiten sie beim Vorwärtsfliegen aus. [8] Als sie das Lied beendigt, da blickten sie einander an und drohten sich. [9] Wie nun der Engel, der bei mir es sah, daß sie sich gegenseitig drohten, verließ er mich und lief zu ihnen hin und wendete das Antlitz eines jeden Lebewesens vom gegenüberstehenden Gesicht, daß sie nicht ihre drohenden Gesichter gegenseitig sähen. [10] Er lehrte sie das Lied des Friedens, der in dem Ewigen seinen Ursprung hat. [11] Wie ich allein so steh und schau, erblick ich hinter jenen Lebewesen einen Wagen, der Feuerräder hatte,
ein jedes Rad voll Augen ringsherum [12] und auf den Rädern war ein Thron, den ich erblickte, und dieser war bedeckt mit Feuer, und Feuer floß ringsher um ihn; es war ein unbeschreiblich Feuer auch um eine Feuerschar. [13] Da hör ich seine heilige Stimme, wie eines Mannes Stimme.

 

 

XIX

 

[1] Und eine Stimme kam zu mir, gerade aus des Feuers Mitte. Sie sprach: Abraham! Abraham! [2] Ich sprach: Hier bin ich, Herr. [3] Er sprach: Beschaue jetzt die Flächen unterm Firmament, worauf du stehst! Sieh, wie auf keiner einzigen Fläche, noch irgendwo ein anderer ist, als Er, den du gesucht oder der dich liebgewonnen! [4] Wie Er noch spricht, tun sich die Flächen auf und unter mir der Himmel. [5] Und auf dem siebten Firmament, worauf ich stand, sah ich ein Feuer ausgebreitet und Licht und Tau und eine Menge Engel und eine Pracht von unsichtbarer Herrlichkeit war über jenen Lebewesen, die ich sah;
doch irgend jemand andern sah ich nicht daselbst. [6] Ich schaute von dem Berg, worauf ich stand, nach unten auf die sechste Fläche und sah dort eine Menge Engel, Geister ohne Leiber, die den Befehl der Feuerengel im siebten Firmament vollzogen, auf dem ich, über ihnen schwebend, stand. [
7] Auf diesem Firmament gab’s keine anderen Kräfte von irgendeiner anderen Gestalt, als reine Geisterengel, der Kraft vergleichbar, die ich beim siebten Firmamente sah. [8] Er hieß das sechste Firmament hinwegnehmen. [9] Da sah ich auf dem fünften Firmament, wie Sternenmächte die Befehle ausführen; dabei gehorchten ihnen selbst der Erde Elemente.

 

 

 

XX

 

[1] Der Ewige, der Starke, sprach zu mir: Abraham! Abraham! [2] Ich sagte: Hier bin ich. [3] Er sprach: Beschau von oben doch die Sterne, die unter dir sich finden! Zähl sie für mich und künd mir ihre Zahl! [4] Ich sprach: Wann kann ich das? Ich bin ein Mensch von Staub und Asche. [5] Er sprach zu mir: Der Zahl und Kraft der Sterne gleich will ich nun deinen Stamm zu einer Nation und einem Volke machen, mir ausgesondert in dem Erbteil, das ich mit Azazel gemeinsam teile. [6] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Es mög vor dir mein Diener reden! Und laß nicht gegen deinen Auserwählten deinen Zorn entbrennen! [7] Bevor du mich heraufgeführt, hat Azazel auf mich gescholten. [8] Wie nun, da er nicht vor dir ist, hast du dich selbst mit ihm verständigt?

 

 

XXI

 

[1] Er sprach zu mir: Schau unter deine Füße auf das Firmament! Erkenn auf dieser Fläche jetzt die dargestellte Schöpfung, die Kreaturen, die in ihr, und die für sie bereitgestellte Welt! [2] Ich schau hinab und seh sechs Himmel, und alles, was darin, daselbst die Erde auch und ihre Früchte und alles, was sich drauf bewegte, und ihre Geister und ihrer Menschen Kraft und ihrer Seelen gottlos Tun und ihre rechten Handlungen und ihrer Werke Anfänge, [3] die untern Regionen, die Verdammnis drin, den Abgrund, seine Peinen. [4] Ich sah daselbst das Meer und seine Inseln, die Tiere, seine Fische, den Leviathan, sein Gebiet, sein Lager, seine Höhlen, die Welt, die auf ihm lag, sein Treiben
und die Zerstörungen der Welt um seinetwillen. [
5] Dort sah ich Ströme, ihre Quellen, ihre Kreise. [6] Dort sah ich Edens Garten, seine Früchte, die Quelle jenes Stroms, der daraus floß, [7] die Bäume, ihre Blüten, die richtig Handelnden. [8] Ich sah auch ihre Speise drin und ihre Seligkeit. [9] Ich sah dort eine große Schar von Männern, Weibern, Kindern, die eine Hälfte auf des Bildes rechter Seite, die andere auf der linken.

 

 

 

XXII

 

[1] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Was ist dies Bild der Kreaturen? [2] Er sprach zu mir: Dies ist mein Wille zu dem Seienden im Ratschlusse; es war vor meinem Angesicht wohlgefällig; alsdann befahl ich ihnen durch mein Wort. [3] So ward, was immer ich zum Sein bestimmte, und was in diesem Bild zuvor entworfen war, das stand vor mir, bevor es noch ins Dasein trat, wie du gesehen. [4] Ich sprach: Herrscher, Starker, Ewiger! Wer ist die Schar in diesem Bilde auf der einen und auf der andern Seite? [5] Er sprach zu mir: Die auf der linken Seite, das ist die Masse der zuvor gewesenen Geschlechter und der nach dir noch Kommenden; die einen sind bestimmt für das Gericht und für die Wiederherstellung, die andern für die Rache und das Verderben an dem Weltenende. [6] Die auf der rechten Seite sind das Volk, das ich mir ausgesondert aus den Völkern, die Azazel gehören. [7] Die sind’s, die ich bestimmt, aus dir geboren zu werden und die den Namen meines Volkes tragen.

 

 

XXIII

 

[1] Nun sieh noch in dem Bild, wer der ist, der Eva einst verführte, und was die Frucht des Baumes war! Du sollst auch wissen, was noch werden und wie es deinem Stamm beim Volk am End der Weltzeit noch geschehen wird! [2] Und was du nicht verstehen kannst, will ich dir offenbaren; denn du bist meinem Angesichte wohlgefällig; ich will dir sagen, was hier in meinem Herzen aufbewahret ist. [3] Ich schaute wieder auf das Bild, und meine Augen liefen zu dem Garten Edens. [4] Ich sah dort einen Mann, sehr groß und furchtbar breit und unvergleichlich aussehend, wie er ein Weib umarmte, an Aussehen und Wuchs dem Manne gleich. [5] Sie standen beide unter einem Baume Edens, und dieses Baumes Frucht glich einer Weintraube, und hinterm Baume stand ein schlangengleiches Wesen das Hände und Füße wie ein Mensch besaß und an den Schultern Flügel, an seiner Rechten sechs und sechs an seiner Linken. [6] Die Traube hielten sie in ihrer Hand und beide aßen sie, wobei sie sich umarmten, wie ich sah. [7] Ich frug: Wer sind die, die gegenseitig sich umarmen? Oder wer ist der, der zwischen ihnen steht? Oder was ist das für eine Frucht, die sie verzehren? Ewiger, Starker, Einziger! [8] Er sprach: Das ist die Menschenwelt, ja dies ist Adam, und dies ist ihr Begehr auf Erden. [9] Und das ist Eva. Doch der, der zwischen ihnen steht, bedeutet die Gottlosigkeit; ihr Unterfangen endet mit Verderben, mit Azazel. [10] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Warum verliehst du solche Macht, das menschliche Geschlecht in seinen Werken auf der Erde zu verderben? [11] Er sprach zu mir: Die Böses wollen – wie sehr haß ich’s bei denen, die es tun, die übergab ich seiner Macht, daß sie ihn lieben müssen. [12] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Weswegen wolltest du, daß es so sei, daß in der Menschen Herzen Böses so verlangt wird? [13] Denn du erzürnst dich über das von dir Gewollte bei dem, der tut, was keinen Nutzen bringt in deiner Welt.

 

 

XXIV

 

[1] Er sprach zu mir: Ich zürne den Nationen deinetwegen und wegen deines Volkes, das nach dir ausgesondert wird, so, wie du in dem Bild die Last erblickest, die sie bedrückt. [2] So zeig ich dir, was kommen wird, wie vieles in den letzten Tagen noch geschieht. [3] Schau alles das jetzt in dem Bild! [4] Ich schaute hin und sah dort das vor mir Gewesene in der Schöpfung. [5] Ich sah den Adam, bei ihm die Eva, mit ihnen auch die schlauen Widersacher und Kain, der durch den Widersacher Ungesetzliches verübt, [6] und den erschlagenen Abel und das Verderben, das durch den Ruchlosen auf ihn gekommen. [7] Dort sah ich auch die Unkeuschheit und die, die sie begehrten, und die Befleckung, ihre Eifersucht und der Verderbnis Feuer in der Erde tiefsten Teilen. [8] Ich sah daselbst den Diebstahl und die, die zu ihm eilten, und ihrer Strafe Anordnung und das Gericht des großen Gerichtshofes. [9] Dann sah ich nackte Männer mit ihren Stirnen gegeneinander, und ihre Schande, ihre gegenseitige Leidenschaft
und ihre Strafe. [10] Ich sah daselbst die Gier, in ihrer Hand das Haupt von jeder Übertretung, ihr Schweigen, ihre Wüste, dem Verderben überliefert.

 

 

XXV

 

[1] Ich sah daselbst das Bild des Eifergötzen, wie ein von Holz gemachtes Werk, so, wie mein Vater solche machte. [2] Sein Standbild war ein glänzend Erz, vor ihm ein Mann in Anbetung; ihm gegenüber ein Altar, darauf ein Knabe vorm Angesicht des Götzen abgeschlachtet. [3] Ich fragte ihn: Was ist das für ein Götze? Was ist doch der Altar? Wer sind die, die geopfert werden? Wer ist der Opferer? [4] Was ist der Tempel, den ich sehe, daß er an Kunst so herrlich ist? Denn seine Schönheit gleicht der Herrlichkeit, die unter deinem Throne sich befindet. [5] Er sagte: Hör, Abraham! Das, was du siehst, der Tempel, der Altar, die Schönheit, bedeutet mir das Priestertum des Namens meiner Herrlichkeit, worin ein jegliches Gebet von Menschen wohnt, sowie das Aufstehen von Königen und Propheten und was an Opfern ich bestimme für mein Volk, das dir entstammen wird. [6] Jedoch das Standbild, das du schautest, ist mein Zorn, zu dem das Volk, das dir entstammt, mich reizt. [7] Der Mann jedoch, den du als Schlächter sahst, ist der, der zu den mörderischen Opfern reizt; sie sind ein Zeugnis mir fürs Endgericht, grad an der Schöpfung Anbeginn.

 

 

 XXVI

 

[1] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Weswegen hast du’s angeordnet, daß es so sollte sein? Und dann machst du es offenkundig. [2] Er sprach zu mir: Hör, Abraham! Versteh, was ich dir sage! Gib Antwort mir, wenn ich dich frage! [3] Weshalb beachtete dein Vater Therach deine Stimme nicht und ließ nicht ab von teuflischer Abgötterei, bis daß er unterging, mit ihm sein ganzes Haus? [4] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! Das kam daher, daß er gar nicht gesonnen war, mich anzuhören; jedoch auch ich bin seinen Werken nicht gefolgt. [5] Er sprach zu mir: Hör, Abraham! Wie deines Vaters Wille in ihm ist und wie dein Wille auch in dir, so steht in mir auch meines Willens Ratschluß für alle Zukunft schon bereit, bevor du sie nur kennst, und eh du noch das Künftige mit deinen Augen schaust. [6] Wie die aus deinem Stamme werden sein, das schau im Bilde!

 

 

 XXVII

 

[1] Ich schaute hin und sah. Da schwankte jenes Bild und von der linken Seite ging von ihm das Volk der Heiden aus; es plünderte die aus, die auf der rechten Seite, die Männer, Weiber, Kinder. [2] Die einen schlachteten sie ab, die anderen behielten sie bei sich. [3] Ich sah, wie sie zu ihnen durch vier Tore liefen, wie sie das Heiligtum verbrannten und heilige Dinge drinnen raubten. [4] Ich sprach: Ewiger, Einziger! Das Volk, das mir entstammt und das du angenommen hast, wird von den Heidenhorden ausgeplündert. [5] Die einen töten sie; die andern halten sie als Fremde fest. Das Heiligtum verbrennen sie mit Feuer; die schönen Sachen drinnen rauben und zerstören sie. [6] Ewiger, Starker, Einziger! Es mögen jetzt vorübergehen der Bosheit Werke, in Frevelmut vollbracht! Nun aber zeig mir lieber die, die das, was du gebietest, tun in Werken der Gerechtigkeit! Du kannst ja dieses tun. [7] Er sprach zu mir: Die Zeit der Rechtlichkeit kommt ihnen ja zuvor durch Vorbilder von Königen und frommen Menschen. Ich habe sie zuvor geschaffen, daß einige davon bei ihnen herrschten. [8] Von diesen aber gehen Männer aus, die nur für ihren Nutzen sorgen. Das habe ich dir gezeigt und das hast du geschaut.

 

 

 

  XXVIII

 

[1] Ich sprach: Starker, Ewiger, Einziger! Durch deine Kraft Geheiligter! [2] Sei gnädig meiner Bitte! – Denn deshalb hast du mich heraufgeführt. – Nun offenbare mir! [3] Da du auf deine Höhe mich heraufgeführt, so tu mir dieses kund, mir, deinem Liebling, soviel ich dich auch frage! Trifft das, was ich gesehen, sie auf die Länge? [4] Da zeigte Er mir seines Volkes Masse und sprach zu mir: Durch vier der Tore, wie du sahst, werd ich durch sie herausgefordert, und meine Rache findet auch darin für ihre Taten statt. [5] Denn in dem vierten Tor von hundert Jahren und von einer Weltenstunde – auch sie bedeutet hundert Jahre –
wird bei den Heiden Unheil herrschen.

 

 

 

  XXIX

 

[1] Ich sprach: Ewiger, Mächtiger, Einziger! Und wieviel Zeit bedeutet eine Weltenstunde? [2] Er sprach: Zwölf Stunden habe ich bestimmt für dieses schlimme Weltenalter, auf daß es in der Heidenwelt regiere und in deinem Stamm. Bis an der Zeiten Ende wird es sein, wie du gesehen. [3] Berechne und versteh! Beschau das Bild! – [4] Ich sah und schaute einen Mann, der von der Heiden linken Seite kam, und Männer, Frauen, Kinder, sie gingen von der Heiden Seite aus, gar viele Scharen, die Ihn anbeteten. [5] Noch schaue ich; da kamen von der rechten Seite viele und einige von ihnen schmähten jenen Mann und andere schlugen ihn; doch andere beteten ihn an. [6] Ich sah, wie diese ihn anbeteten. Da lief auch Azazel heran und betete ihn an und küßte ihm das Angesicht; dann kehrte er sich um und stellte hinter ihm sich auf. [7] Ich sprach: Ewiger, Mächtiger, Einziger! Wer ist doch der geschmähte und geschlagene Mann, der von den Heiden und von Azazel gleich angebetet ward? [8] Er sprach: Hör, Abraham! Der Mann, den du geschlagen und geschmäht erblicktest und wieder angebetet, das ist die Milderung, die deinem Stammvolk von den Heiden in jenen letzten Tagen zugestanden wird, in dieser zwölften Stunde des gottlosen Weltzeitalters. [9] Doch in dem zwölften Jahre meines Endzeitalters, da stell ich diesen Mann aus deinem Stamme auf, den du aus meinem Volk entspringen sahest. [10] Ihm folgen alle und solche werden sich vereinen, wie von mir selbst gerufen, gerade die, die sich in ihren Plänen ändern. [11] Du sahest, daß von des Bildes linker Seite viele ausgehen; sie deuten an, daß von den Heiden viele auf ihn hoffen, [12] und die du sahst von deinem Stamme auf der rechten Seite, die einen schlagend und beschimpfend, die anderen ihn anbetend, bedeuten: Es werden sich an ihm viel ärgern. [13] Er aber prüft aus deinem Stamm die, die ihn angebetet, in jener zwölften Stund des Endes, um der Gottlosigkeit Zeitalter abzukürzen. – [14] Bevor der Frömmigkeit Zeitalter mit dem Wachstume beginnt, kommt über die gesetzeslosen Heiden mein Gericht durch deines Stammes Volk, das ich mir ausgesondert. [15] In jenen Tagen bring ich über alle Kreatur des Erdkreises zehn Plagen durch Unglück, Krankheit, Herzenskummer. [16] So vieles bring ich über alle menschlichen Geschlechter, der Aufreizung und der Verderbnis der Geschöpfe wegen, womit sie mich erzürnt. [17] Aus deinem Stamme bleiben fromme Männer übrig in einer Anzahl, die bei mir geheim gehalten wird; sie eilen dann in meines Namens Herrlichkeit zu dem zuvor für sie bereitgestellten Ort, den du im Bild verwüstet sahest. [18] Sie werden leben und gefestigt werden durch Opfer und durch Gaben der Gerechtigkeit und Wahrheit im Zeitalter der Frommen. [19] Sie werden über mich sich immer freuen und werden die verderben, die sie verderbt, und schmähen, die sie geschmäht. [20] Und denen, die sie einst gelästert, speien sie ins Angesicht, ja ihnen, die auch ich verspotte. Sie aber schauen mein Angesicht und freuen sich mit meinem Volk und nehmen diese auf, die sich zu mir in Reue kehren. [21] Sieh, Abraham, was du geschaut, und hör, was du gehört! [22] Erkenn, was du erkannt! Geh hin zu deinem Erbteil! Ich bin mit dir für immer.

 

 

  XXX

 

[1] Als er noch redete, befand ich mich schon auf der Erde. [2] Ich sprach: Ewiger, Starker, Einziger! [3] Schon bin ich nicht mehr in der Herrlichkeit, worin ich droben war, und was mein Herze zu erkennen sucht, verstand ich nicht. [4] Er sprach zu mir: Was du in deinem Herzen so begehrtest, das sag ich dir, dieweil du dich bemühtest, die zehn der Plagen zu erblicken, die ich der Heidenwelt bereite und sie zuvor bereitete, bei dem Vorübergehen der zwölften Stunde auf der Erde. [5] Hör! Was ich dir verrate, wird so sein: Das Erste ist das Unglück großer Trockenheit, das Zweite Feuersbrünste vieler Städte, [6] das Dritte fürchterliche Viehseuchen, das Vierte Hunger in der Welt und ihrem Volk; das Fünfte ist Verstörung unter ihren Herrschern, Erdbeben, Schwert. [7] Das Sechste ist des Hagels und des Schneees Masse, das Siebente das Grab in wilden Tieren, das Achte Ablösung des Unterganges durch Hunger und durch Pest; das Neunte ist des Schwertes Züchtigung und Flucht ins Elend, das Zehnte Donner, Stimmen und zerstörend Erdbeben.

 

 

  XXXI

 

[1] Und dann will ich in die Trompete aus den Lüften stoßen und meinen Auserwählten senden, der in sich alle meine Stärke trägt, im gleichen Maß. [2] Er ruft dann mein verhöhntes Volk aus allen Nationen her, und ich verbrenne ihre Schmäher und ihre Herrscher dieser Welt. [3] Ich gebe die, die mich mit Spott bedeckt, auch der Verhöhnung in der künftigen Weltzeit preis. [4] Denn ich bestimmte sie zur Speise für der Hölle Feuer und dazu, daß sie unaufhörlich durch die Lüfte fliegen, in jener unterirdischen Welt, den Leib mit Würmern angefüllt. [5] An ihnen schauen die Gerechtigkeit des Schöpfers die, die meinen Willen sich erwählten, und die, die offen meine Gebote hielten. [6] Sie werden jubeln und frohlocken des Unterganges der Männer wegen, die mich verließen, und die den Götzen nachliefen und ihren Mordtaten. [7] Sie sollen in dem Leib des bösen Wurmes Azazel verwesen und in dem Feuer aus der Zunge Azazels verbrennen. [8] Ich hoffte ja, sie kämen noch zu mir; sie aber schenkten mir nicht ihre Liebe. [9] Den Fremden lobten sie vielmehr und hingen dem an, dem sie nicht zugeteilt. [10] Dafür verließen sie den mächtigen Herrn.

 

 

  XXXII

 

[1] Deshalb hör, Abraham, und schau! Es zieht mit dir dein siebentes Geschlecht. [2] Sie gehen in ein fremdes Land; dort wird man sie zu Sklaven machen und ihnen Übles tun, wie wenn’s nur eine Stunde wär
im bösen Weltenalter. [3] Ich aber richte jenes Volk, dem sie als Sklaven dienen.