DER WAHRE TEXT DES

NEUEN TESTAMENTS

 

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Die heutige Bibelforschung stützt sich auf die Ergebnisse des "Instituts für neutestamentliche Textforschung (INTF)" der Universität Münster und deren Textedition des griechischen neutestamentlichen Textes, das sogenannte "Novum Testamentum Graece" (in Fachkreisen auch kurz "Nestle-Aland" genannt).

Einer der Begründer dieser Textedition, Prof. Kurt Aland, erhielt im Jahre 1979 im Rahmen eines Berichtes über das Münsteraner Instituts und das ihm angeschlossene Bibelmuseum von einer Reporterin eine abschließende Frage, mit der er wohl nicht gerechnet hatte, und die ihn sichtlich aus dem Konzept brachte (siehe unten im Video ab 12min:19sek bis Schluß):

 

 

REPORTERIN: „Könnte es passieren – und das wäre dann vielleicht der Schrecken des gläubigen Bibel-Lesers –, dass irgendwann einmal die Textkritik zu der Erkenntnis käme, daß die Bibel, wie wir sie bis jetzt kennengelernt haben, garnicht mehr so stimmt?“

 

PROF. ALAND: „Sie meinen, daß der Text der Bibel nicht mehr so stimmt?“

 

REPORTERIN: „Ja.“

 

PROF. ALAND: „Nein, nein. Ein Beispiel: Früher, im 19. Jhd., stammten die ältesten Handschriften ,die man kannte, aus dem 4. Jhd. Als dann jenes Stück aus dem Johannesevangelium auf Papyrus um 125 [n. Chr.] gefunden wurde, war das eine gewaltige Sensation. Aber es zeigte sich alsbald, daß dieser Text mit dem des 4. Jhds. und der späteren Handschriften voll übereinstimmt. Wie ich schon sagte, der neue Standardtext [des Instituts] kommt dem Original so nahe wie möglich. Da besteht keinerlei Anlaß zur Sorge. Falls irgendwo solche Behauptungen aufkommen sollten, sind sie entweder Spekulation oder bösartige Erfindung.“

 

 

Diese letzten Äußerungen von Prof. Alands bedürfen einiger Bemerkungen. Zunächst einmal legt der berühmte Textforscher in diesen Sätzen eine auffällige emotionale Ausdrucksweise an den Tag. So rutscht ihm heraus, daß es "keinerlei Anlaß zur Sorge" gebe, wo man eigentlich von einem Wissenschaftler die Aussage erwarten würde, daß es an den Forschungen seines Institus "keinerlei Zweifel" gebe. Es scheint ihm jener "Schrecken" innezuwohnen, den die Reporterin zuvor für das Eintreten der Tatsache erwähnte, daß sich der Text des Neuen Testaments als nicht übereinstimmend mit der Ausgabe des Instituts erweisen würde. Diese mitschwingende Angst steigert sich noch einmal in der polemischen Aussage des letzten Satzes, daß "solche Behauptungen [...] entweder Spekulation oder bösartige Erfindung" seien.

 

Mittlerweile hat sich herausgestellt, daß die unterschwellige Angst von Prof. Aland tatsächlich begründet ist, und diese Behauptung alles andere als eine "bösartige Erfindung". Denn die im Interview von Prof. Aland erwähnte Datierung des Papyrus P52 auf 125 n. Chr. wird von der neuesten Textkritik stark bezweifelt. So ordnet etwa Brent Nongbri von der Yale University in zwei Studien von 2005 und 2014 die ältesten Papyri P52 und P66 in den Zeitraum vom späten 2. Jhd. bis zum 4. Jhd. ein (vgl. Brent Nongbri: "The Use and Abuse of P52: Papyrological Pitfalls in the Dating of the Fourth Gospel", Harvard Theological Review 98:1 (2005), 23–48; ders.: “The Limits of Palaeographic Dating of Literary Papyri: Some Observations on the Date and Provenance of P. Bodmer II (P66),” Museum Helveticum 71 (2014): 1-35). Andere Forscher eines wohl kleinen, aber angesehenen Forschungskreis – z.B. William Petersen († 2006) – vermuten entgegen Kurt Aland nicht im alexandrinischen Text, sondern in dem sogenannten "westlichen" Text den ursprünglichen Text des Neuen Testaments. Der Ursprung dieses "westlichen" Textes könnte mithin im früh verschollenen hebräischen Evangelium liegen, wie übringens bereits Johann Gottfried Eichhorn – damals zwar noch ohne hinreichende Beweise, aber dafür mit einer umso bemerkenswerteren Intuition – vermutete (vgl. Eichhorn: Einleitung in das Neue Testament, 22f.).

 

Die Reporterin hat also damals aus heutiger Sicht mit ihrer Frage voll ins Schwarze getroffen. Der "Schrecken des gläubigen Bibel-Lesers" und man könnte ergänzen: "Bibelforschers" ist mittlerweile dabei, einzutreten.