EIN PROPHET  NACH  JESUS  ?


 

Das Barnabasevangelium berichtet uns von einem Jesus, der seine Messianität leugnet, um einen Messias nach sich anzukündigen, ähnlich wie dies von Johannes dem Täufer in Joh 1,19–26 berichtet wird. Eine solche Messiasvorstellung kennen wir weder aus dem Christentum noch aus dem Islam. Für die Christen ist der Messias in Jesus gekommen und auch der Koran kennt Jesus als "den Messias" (al-Masih). Die Frage nach dem "Sitz im Leben" dieses außergewöhnlichen Messiasbegriffs konnte bis heute von der Forschung nicht befriedigend geklärt werden.

 

 

 

Der jüdische Messiasbegriff

 

Das Judentum fast den Begriff "Messias" viel weiter als das Christentum. Die Hohepriester (und später Priester generell) sowie die Könige Israels wurden gesalbt und waren somit "Gesalbte" (vgl. Ri 9,8; 1.Sam 16,13; Ex 29; Lev 4,3; Ps 2; Ps 72; 1.Sam 24,7; 26,9). Sogar den persischen König Kyros nennt Deuterojesaja einen „Gesalbten“, da er als Werkzeug Gottes den Jerusalemer Tempel wieder aufbaute (vgl. Jes 45,1).

In den Schriftrollen aus Qumran werden neben dem „Propheten wie Mose“ zwei zukünftige Gesalbte, "die Gesalbten Israels und Aarons" angekündigt (vgl. 1QS IX 11). Die Damaskusschrift faßt die beiden Gesalbten in einen zusammen und spricht von dem „Gesalbten (Sing.) Israels und Aarons (vgl. CD XII 23f.; XIV 19; XIX 10f.; XX 1). Im vierten Testimonium der Testimonia aus Qumran gesellt sich zu diesen dreien noch ein kriegerischer Messias aus dem Stamm Ephraim – eine Tradition, die sich in Form der „vier Werkleute“ aus Sach 1,20 in der rabbinischen Auslegung bis ins Mittelalter weiterverfolgen läßt (vgl. 4 Q test 21–30; David C. Mitchell: Rabbi Dosa and the Rabbis differ: Messiah ben Joseph in the Babylonian Talmud. In: Alan J. Avery-Peck (Hrsg.): The Review of Rabbinic Judaism: Ancient, Medieval, and Modern. Volume 8. Leiden: Brill 2005, 77–90). Überhaupt werden die jüdischen Propheten allgemein in den Schriftrollen vom Toten Meer als „Gesalbte“ bezeichnet.

Der Messiasbegriff war also im Judentum zur Zeit Jesu keineswegs von der homogenen Natur, zu der er unter dem Einfluß des Christentums wurde. Letzte Reste seiner vormaligen Heterogenität finden wir im vierten Jahrhundert bei Ephraem dem Syrer bezeugt, der Johannes den Täufer neben Jesus in seinem Diatessaronkommentar einen „Gesalbten“ nennt:

 

Was auch immer sie ihn auf welche Weise auch immer fragten – er (sc. Johannes) sagte: ,Ich bin nicht der Gesalbte, nicht Elija und kein Prophet, sondern die Stimme‘ (Joh 1,20–23), damit er sich nicht selbst Johannes oder einen Menschen oder einen Propheten nenne, obwohl er einer war und ein neuer Elija und Gesalbter.

(vgl. Ephraem: Kommentar zum Diatessaron)

 

Für ein ausführliches Studium dieses Themas vgl. Stefan Schreiber: Gesalbter und König. Titel und Konzeptionen der königlichen Gesalbtenerwartung in frühjüdischen und urchristlichen Schriften. Berlin, de Gruyter 2000.

Die Salbung König Davids durch Samuel (Wandmalerei in der Synagoge von Dura)
Die Salbung König Davids durch Samuel (Wandmalerei in der Synagoge von Dura)

 

 

Das Messiasgeheimnis

 

Was die Leugnung der Messianität angeht, so hat sie in einem besonderen Phänomen innerhalb der synoptischen Evangelien der Bibel eine gewisse Entsprechung: dem sogenannten "Messiasgeheimnis".

Besonders innerhalb des Markusevangeliums lesen wir, wie Jesus immer wieder vor der öffentlichen Bekundung seiner Messianität an einsame Orte entflieht bzw. diejenigen, welche seine Wunder öffentlich kundtun, zum Schweigen auffordert. Im Online-Lexikon der Deutschen Bibelgesellschaft bemerkt der Autor des Artikels "Messiasgeheimnis" über diese eigentümliche Tatsache:

 

Das Markusevangelium will eigentlich Heidenchristen Jesus als Messias und Sohn Gottes in seinem Wirken und Lehren sowie in seinem Leiden nahebringen. Gerade deswegen ist der Leser befremdet von der anscheinend widersprüchlichen Darstellung der Hauptperson, die sich in ihrem Wesen zugleich offenbart und verhüllt.

 

Dieses widersprüchliche Bekenntnis findet in dem sogenannten "Bekenntnis des Petrus" seinen dramatischen Höhepunkt, wenn Petrus die Messsanität Jesu bekennt und dieser ungewohnt harsch reagiert:

 

Und er bedrohte sie, daß sie niemand von ihm sagen sollten. (Mk 8,30)

 

Während Lukas diese Drohung noch bewahrte, ihr aber die Erklärung beifügte, daß Jesus seine Messianität erst nach seiner Auferstehung öffentlich machen wollte (vgl. Lk 9,22), hat Matthäus den Schweigebefehl des Markus gleich ganz gestrichen und dafür folgende Antwort Jesu eingefügt (Mt 16,17):

 

Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.

 

Im Barnabasevangelium findet sich die bei Markus und Lukas formulierte Drohung in einer noch gesteigerten Form. Hier befiehlt Jesus seinen Jüngern nicht nur, daß sie darüber schweigen bewahren sollten, sondern leugnet seine Messianität auch ausdrücklich ab (EvBarn Kap. 70):

 

Petrus antwortete: „Du bist Christus, der Sohn Gottes.“ Da wurde Jesus zornig und schalt ihn voller Zorn und sagte: „Fort und hinweg von mir, denn du bist der Teufel und versuchst, mir zu schaden!“ Und er drohte den Elfen und sagte: „Wehe euch, wenn ihr dies glaubt, denn ich habe von Gott einen großen Fluch erwirkt gegen jene, die dies glauben.“

 

 

 

Der Paraklet

 

1. Die Identifizierung des Parakleten mit Muhammad

 

Der Koran teilt uns in Sure 61, Vers 6 mit, dass Jesus einen Gesandten nach ihm angekündigt habe:

 

Und als ʿĪsā, der Sohn Maryams, sagte: „O Kinder Isrāʾīls, gewiss, ich bin Allahs Gesandter an euch, das bestätigend, was von der Thora vor mir (offenbart) war, und einen Gesandten verkündend, der nach mir kommen wird: sein Name ist Amad. Als er nun mit den klaren Beweisen zu ihnen kam, sagten sie: Das ist deutliche Zauberei.

 

Der hier von Jesus verkündete Gesandte mit dem Namen "Ahmed" deutet auf den Propheten Muhammad hin, der von sich selbst in einem Hadith auch als "Ahmed" sprach (überliefert bei Muslim):

Muammad ibn Dschubair ibn Mutʿim (Möge Gottes Wohlgefallen auf ihm sein) berichtet von seinem Vater, dass der Prophet (Gott segne ihn und schenke ihm Frieden) sagte:
Ich habe folgende Namen: Ich bin Muhammad, und ich bin Ahmad [...]

إِنَّ لِي أَسْمَاءً: أَنَا مُحَمَّدٌ، وَأَنَا أَحْمَدُ

 

Nun bringt die muslimische Tradition seit frühester Zeit eine Stelle des Johannesevangeliums mit dem oben zitierten Koranvers 61,6 in Verbindung. Der muslimische Geschichtsschreiber Muammad Ibn Isāq (704–767 n. Chr.) schreibt in seiner Biographie des Propheten Muammad:

 

Zu den Prophezeiungen, die, wie ich erfahren habe, Jesus, der Sohn Mariens, im Evangelium, das für die Christen von Gott zu ihm kam, über den Propheten gemacht hat, gehört das, was der Apostel Johannes nach dem Testament Jesu im Evangelium schrieb, nämlich, dass Jesus sprach [vgl. Joh 15,23–27]:

 

Wer mich hasst, der hasst auch den Herrn. Hätte ich unter ihnen nicht die Werke getan, die vor mir kein anderer tat, hätten sie keine Sünde. Aber von nun an sind sie stolz und glauben, dass sie mich und den Herrn besiegen. Aber es muss erfüllt werden das Wort, das im Gesetz steht: "Sie hassten mich ohne Grund!" [Ps 69,5] Wenn aber Munḥammanā gekommen sein wird, den Gott euch senden wird aus der Gegenwart des Herrn, und der Geist der Wahrheit, der vom Herrn ausgegangen sein wird, dann wird er Zeugnis geben von mir, und auch ihr werdet Zeugnis geben, weil ihr von Anfang an bei mir ward. Darüber habe ich zu euch gesprochen, damit ihr nicht klagt.

 

Munammanā (المنحمنا) bedeutet auf Syrisch Muammad, auf Griechisch ist es Paraklit (البرَقْلِيطس).

 

(vgl. Ibn Isāq, Muammad: Das Leben des Propheten. Aus dem Arab. übertr. und bearb. von Gernot Rotter. Kandern: Spohr Verlag, 44)

 

Wenn Ibn Isāq hier von "Syrisch" (السريانية) spricht, meint er Aramäisch. Die Evangelienvorlage, welche er hier benutzt hat, war nachweislich in christlich-palestinensischem Aramäisch verfaßt (vgl. Sean W. Anthony: Muammad, Menaem and the Paraclete: New light on Ibn Isāqʾs (d. 150/767) Arabic version of John 15:23–16:1. In: Bulletin of SOAS 79,2 (2016)), das dem galiläischen Aramäisch, der Muttersprache Jesu, am nächsten verwandt ist. Denn nur in diesem Dialekt bedeutet  Mnamanaʾ wie das griechische Paraklit "Tröster". Es leitet sich von der Wurzel nm ab, welche "trösten", "ermutigen", "unterstützen" oder "aufrichten" bedeutet (vgl. hier). Im syrisch-aramäischen Dialekt meint es im religiösen Kontext dagegen "auferstehen". Die "Auferstehung"  nūḥamāʾ  ist in der syrischen Übersetzung des Neuen Testaments, der Peschitta, in Joh 11,24 und 11,25 bezeugt. Mnamanaʾ ist demnach das palestinensisch-aramäische Pendant zum griechischen παράκλητος (parákletos), das in der griechischen Version von Joh 15,26 als Bezeichnng für den von Jesus angekündigten "Geist der Wahrheit" benutzt wird.

παράκλητος (parákletos) leitet sich von dem griechischen Verb παρακαλέω ab, was wörtlich übersetzt "herbeirufen", dann im übertragenen Sinn "zu Hilfe rufen" bedeutet. Mit "Paraklet" wurde im Griechischen vornehmlich ein Fürsprecher vor Gericht, also ein Anwalt verstanden. In deutschen Bibelübersetzungen findet man den Parakleten als "Beistand", "Helfer", "Fürsprecher" oder auch "Tröster" (Luther) übersetzt (zu Luthers Zeiten hatte das Wort "trösten" auch die Bedeutung "ermutigen").

Die hebräische Entsprechung von Mnamanāʾ ist Menaem, "Tröster", und wird von Aquila und Theodotion in ihren griechischen Übersetzungen des Alten Testaments mit παράκλητος (parákletos) wiedergegeben, etwa in Hiob 16,2 in der Pluralform. Zudem ist Menaem ein jüdischer Messiastitel (vgl. Otto Betz: Der Paraklet. Leiden: Brill 1963, 140; Sean W. Anhony: ebd.).

In der vorislamischen Periode Palestinas wurde der Messias in jüdischen Hymnen als Menaem erfleht:

 

Schicke uns den Mann, der Menaem heißt!

Rache wird von ihm hervorsprießen.

Lass ihn in unseren Tagen kommen,

Und möge die Macht auf seinen Schultern ruhen.

 

Ibn Ishaqs Identifizierung des aramäischen Mnamanaʾ mit dem griechischen Parakletos ist also, wie sich gezeigt hat, völlig korrekt. Er irrt sich jedoch in seiner Gleichsetzung dieses aramäischen Begriffes mit dem arabischen Muammad ("Gepriesener"). Die arabische Wurzel حمد (md, "preisen") entspricht der hebräischen/aramäischen Wurzel md ("begehren", "lieben"). Hieran wird deutlich, daß Ibn Isāq vermutlich keine Kenntnisse des Aramäischen besaß. Diese Ansicht wird auch von der Forschung vertreten, wobei einige Forscher in seinem Großvater einen Aramäisch sprechenden Christen vermuten (vgl. Sean W. Anthony: ebd.). Er identifizierte die beiden Begriffe vermutlich allein aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit Mmd <–> Mnmnʾ. Hieraus folgt aber auch, daß er das Wort Mnamanāʾ tatsächlich aus einer syrischen Version des Johannesevangeliums (oder einer sekundären christlichen Quelle) entnommen hat, da er die Identifizierung der Begriffe Mnamanāʾ und Parakletos aufgrund seiner mangelnden Aramäischkenntnisse nicht selbst hätte vollziehen können.

 

Rudolf Bultmann bemerkt über die Gestalt des Parakleten:

 

Es ist deutlich, daß der Ev[an]g[e]list die Gestalt des Parakleten aus seiner Quelle übernommen und sie im Sinne der christlichen Tradition als ἅγιον πνεῦμα [= Heiliger Geist] interpretiert hat. [...] Deutlich ist zufolge [Joh] 14,16, daß die Quelle die einander folgenden Sendungen der beiden Parakleten, Jesu und seines Nachfolgers, lehrte. Weder aus der christlichen Tradition noch aus seinen eigenen Intentionen hätte der Ev[an]g[e]list zu einer solchen Verdoppelung der Gestalt des Offenbarers kommen können [...]. Ihren Ursprung aber kann diese Gestalt nur in einem Anschauungskreis haben, in dem die Offenbarung nicht auf einen geschichtlichen Träger exklusiv konzentriert, sondern auf verschiedene einander folgende Boten verteilt war bzw. sich in ihnen wiederholte. Diese Anschauung aber begegnet vielfach in der [...] Gnosis; sie findet sich in den Pseudo-Klementinen, bei den Mandäern und sonst und ist im Mandäismus systematisch entwickelt worden.

(Rudolf Bultmann: Das Evangelium des Johannes. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht  101968, 437)

 

 

2. Paraklet oder Periklyt?

 

Ein  anderer heute bei muslimischen Autoren beliebter Ansatz vermutet hinter dem Begriff  Parakletos ein ursprüngliches Periklytos. Wie die gekennzeichneten Buchstaben zeigen, kann aus dem ersten Wort durch Änderung dreier Vokale das letztere entstehen (a-a-e --> e-i-y). Periklytos hat eine sehr ähnliche Bedeutung wie das in Sure 61,6 erwähnte "Ahmed". Periklytos bedeutet wörtlich "über den man spricht", und dann in übertragener Bedeutung "weithin berühmt", und rückt so in unmitelbare Nähe zu "Ahmed", dem "Hochgepriesenen".

Die Laune des Schicksals wollte es, dass nicht die Muslime, sondern ein katholischer Ordenspriester namens Ludovico Marracci (1612–1700) im Kommentar zu seiner lateinischen Koranübersetzung (Refutatio Alcorani : In qua ad Mahumetanicae superstitionis radicem securis apponitur & Mahumetus ipse gladio suo iugulatur. Patavii: Typographia Seminarii 1698, 26f.) zuerst auf diese bemerkenswerte Entsprechung aufmerksam machte – wohlgemerkt, um die muslimische Ausdeutung des johanneischen Parakleten zu widerlegen. Er schreibt in harscher christlicher Polemik:

[Zu Sure 61, Vers] 6: "Sein Name ist Ahmed". Mahomet wurde mit zweierlei Namen benannt: أحمد Ahmad und محمد Mohammad, beide mit fast gleicher Bedeutung. Ersterer bedeutet nämlich "der Gepriesenste", letzterer wiederum "der Gepriesene". Aber keiner von beiden passt zu solch einem gottlosen Menschen, dem tadelnswertesten unter allen Sterblichen. Ich vermute, dass irgendein griechischsprachiger Abtrünniger davon überzeugt war, dass Mahomet der Heilige Geist sei, den Christus verheißen hat, der dort nicht παρακλητος "Paraklet" genannt worden sei, d.h. "Fürsprecher" oder "Tröster", sondern περικλυτος "Periklyt", d.h. "sehr berühmt" und "gefeiert", was hinreichend mit dem Namen "Ahmed", dem "Gerpiesensten", übereinstimmt.

Hierzu ist aus textkritischer Sicht folgendes zu bemerken. Der Begriff Periklytos wird im Neuen Testament oder den griechischen Kirchenvätern nie benutzt. Er taucht fast ausschließlich bei den alten griechischen Dichtern (vor allem Homer) auf und ist für die Zeit Jesu nur an einer einzigen Textstelle bei dem griechischen Geschichtsschreiber Dionysos von Harlikarnassos in dessen Werk Antiquitates Romanae (VII,72) belegt (vgl. hier).

 

3.  Heterodoxe christliche Parakletenerwartungen

 

Ein berühmter lutherischer Kirchenhistoriker des 18. Jhds., Johann Lorenz Mosheim, berichtet uns über zwei prophetische Gestalten des 2. und 3. Jhd. n. Chr., die sich für den von Jesus verkündeten Parakleten hielten:

 

Montanus unterschied den Paracletus, der den Aposteln von Christo verheißen war, von dem über sie ausgegossenen heiligen Geiste, und hielt dafür, daß ein göttlicher Lehrer unter dem Namen des Paracletus von Christo angezeigt worden, der einige Stücke der Religion, welche unser Heiland übergangen habe, ergänzen, und andere, die aus guten Gründen nur unvollkommen vorgetragen wären, deutlicher erklären würde. Und diesen Unterschied machte Montanus nicht allein: denn auch andere Lehrer der Christen hielten dafür, dass der Paracletus, dessen Ankunft Christus versprochen hatte, von dem heiligen Geist unterschieden und ein göttlicher Gesandte wäre. Im dritten Jahrhundert erklärte Manes [=Mani] die Verheißung Christi von dem Paracletus auf gleiche Art und rühmte sich, daß er derselbe Paracletus wäre.

 

Mosheim verknüpft diese Traditionslinie nun direkt mit dem Islam:

 

Und wem ist unbekannt, daß Mahumed nicht anders geurtheilet und die Worte Christi von dem Paracletus auf sich gezogen habe?

 (J. A. Ch. von Einem (Hrsg.): J. L. Mosheims vollständige Kirchengeschichte des Neuen Testaments, aus dessen lateinischen Werken frey übersetzt, Bd. I Leipzig: Weygand, 1769, 462)

 

Wohingegen über Montanus außer einigen wenigen Zitaten nichts überliefert ist, gibt es über den Propheten Mani (216–276 n. Chr.) etwas mehr zu berichten. Eusebius schreibt in seiner Kirchengeschichte (VII, 31,1) über ihn:

 

Bald gab er sich selbst, aufgeblasen in seinem Wahnsinn, als den Parakleten und den Heiligen Geist aus, bald erwählte er wie Christus zwölf Jünger zu Genossen seiner Neuerung.

 

τοτὲ μὲν τὸν παράκλητον καὶ αὐτὸ τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον αὐτὸς ἑαυτὸν ἀνακηρύττων καὶ τυφούμενός γε ἐπὶ τῇ μανίᾳ, τοτὲ δέ, οἷα Χριστός, μαθητὰς δώδεκα κοινωνοὺς τῆς καινοτομίας αἱρούμενος

 

Augustinus, der vor seiner Konversion zum Christentum selbst einige Jahre lang Anhänger des Manichäismus war, zitiert in seiner Streitschrift Contra Felicem Manichaeum (I, 9) aus einem Werk des Manichäers Felix:

 

Wir haben ihn [Mani] angenommen, gemäß dem, was Christus gesagt hat: 'Ich sende euch den Heiligen Geist' (Joh16,7). Auch Paulus ist gekommen, und auch er selbst hat gesagt, dass er kommen soll, und nachher ist niemand gekommen; daher haben wir Mani angenommen. Und weil Mani gekommen ist und uns durch seine Predigt den Anfang, die Mitte und das Ende gelehrt hat, [so] hat er uns belehrt über den kunstvollen Bau der Welt, [...] er hat uns über den Lauf der Sonne und des Mondes belehrt: Weil wir dieses bei Paulus nicht gehört haben und auch nicht in den Schriften der übrigen Apostel, glauben wir dies, dass er selbst der Paraklet ist.

 

[Übersetzung nach Thomas Freibott: Augustinus und der Manchäismus.  (Diplomarbeit) Wien 1996, 66]

[...] suscepimus eum secundum quod Christus dixit: Mitto vobis Spiritum sanctum. Et Paulus venit et dixit quia et ipse venturus est, et postea nemo venit; ideo suscepimus Manichaeum. Et quia venit Manichaeus, et per suam praedicationem docuit nos initium, medium et finem; docuit nos de fabrica mundi, quare facta est, et unde facta est, et qui fecerunt; docuit nos quare dies et quare nox; docuit nos de cursu solis et lunae; quia hoc in Paulo non audivimus, nec in ceterorum Apostolorum scripturis; hoc credimus, quia ipse est Paracletus. 

 

Nach dem persischen Universalgelehrten Abū Raiḥān Bīrūnī (973–1048 n. Chr.) soll Mani sich zudem – wie der Prophet Muhammad – als "Siegel der Propheten" bezeichnet haben. Er sah sich als die letzte Inkarnation des "wahren Propheten" (siehe §4.), dem nach der judenchristlichen Lehre, wie sie uns in den klementinischen Schriften überliefert ist, seit Adam viele Propheten vorausgingen.

 

Diese Bezeugung der Erwartung eines die Reihe der Gottgesandten abschließenden Propheten, den Jesus als Parakleten angekündigt hat, deutet darauf hin, dass eine in gewissen christlichen Gruppen lebendige Tradition der Erwartung dieses Propheten im Zeitraum zwischen Jesus und Muhammad im Nahen Osten vorhanden war.

 

 

5. Das Consolamentum der Katharer

 

Die mittelalterlichen Katharer, die vermutlich eine Spätform des Manichäismus waren, tauften die Gläubigen nicht mit Wasser, sondern mit der Geisttaufe, das sogenannte "Consolamentum" (Tröstung), die Taufe durch Handauflegen.

Die Katharer lehnten wie die Manichäer die Wassertaufe ab. Grund hierfür ist laut Mani folgender Ausspruch Johannes des Täufers im Evangelium: "Ich zwar habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit Heiligem Geiste taufen." (Mk 1,8 parr.) Offenbar hat Mani diesen Ausspruch nicht auf Jesus bezogen, sondern auf den von Jesus angekündigten Parakleten, für den Mani sich selbst hielt. Der Name der Geisttaufe bei den Katharern ("consolamentum") deutet auf die Taufe des Parakleten (lat. "consolator") hin. Kündigte also Johannes mit seinen Worten "Es kommt nach mir, der stärker ist als ich" (Mk 1,2 parr.) nicht Jesus, sondern den Parakleten an? Oder hatte ursprünglich Jesus diese Worte gesprochen?

Im Evangelium des Marcion, das älter ist als das Lukasevangelium, soll zumindest genau das gestanden haben, wie Epiphanius schreibt:

 

Er (Marcion) hatte aber (in bezug auf Jesus) wie in Bezug auf Johannes: Er selbst ist es, über den geschrieben steht: Siehe, ich werde meinen Gesandten vor Deinem Angesicht hersenden.

 

εἶχε γὰρ ὡς πρὸς Ἰωάννην (9) Αὐτός ἐστι περὶ οὗ γέγραπται· ἰδού, ἀποστέλλω τὸν ἄγγελόν μου πρὸ προσώπου σου.

(Epiphanius: Panarion 11,8b–9)


Interessanterweise ist dies genau das, was Jesus auch im Barnabasevangelium sagt (Kapitel 42; vgl. Joh 1,19–28):

 

Da sagte Jesus: „Ich bin eine Stimme, die durch ganz Judäa ruft, und sie ruft: ‚Bereitet den Weg für den Gesandten des Herrn‘, so wie es bei Jesaja geschrieben steht.“
Sie fragten: „Wenn du weder der Messias noch Elias bist, noch irgendein Prophet, warum predigst du neue Lehre und machst, daß man dich für größer hält als den Messias?“
Jesus antwortete: „Die Wunder, die Gott durch meine Hände wirkt, zeigen, daß ich das spreche, was Gott will, und ich lasse mich wahrhaftig nicht für den halten, von dem ihr sprecht. Denn ich bin nicht würdig, dem Gesandten Gottes die Bänder seiner Beinkleider oder die Schuhriemen zu lösen, ihm, den ihr ‚Messias‘ nennt, der vor mir erschaffen wurde und nach mir kommen wird, die Worte der Wahrheit zu bringen. Sein Glaube wird kein Ende haben.

 

 

Der "Heilige Geist"

 

Jesus selbst nennt im Johannesevangelium den Parakleten den "Heiligen Geist" (Joh 14,26) bzw. den "Geist der Wahrheit" (16,13). Doch was ist der Heilige Geist? Was verstand man damals unter diesem Begriff? Der "Heilige Geist" begegnet uns im Neuen Testament im Zusammenhang mit der Taufe Jesu, wo der Heilige Geist in Form einer Taube auf Jesus herabkam (vgl. Mt 3,16 parr.). Diese Herabkunft des Heiligen Geistes auf einen Menschen ist jedoch nicht ein Ereignis, das nach jüdischer Vorstellung nur Jesus widerfuhr. Es ereignete sich viele Male zuvor in der Geschichte Israels. Der "Heilige Geist" wird in der jüdischen Tradition vor allem im Zusammenhang mit der Berufung eines Propheten benutzt, welcher durch die Herabkunft des Heiligen Geistes auf ihn zum Prophet wird. Durch die Beseelung mit dem Heiligen Geist der Prophetie spricht dieser durch den Propheten das Wort Gottes zu den Menschen. Hermann Strack und Paul Billerbeck bemerken hierzu folgendes:

 

In Israel eignete anfänglich der Geist der Prophetie dem ganzen Volk. Nicht bloß die Erzväter u. Erzmütter "schauten im Heiligen Geist", sondern alle Frommen u. Rechtschaffenen waren vermöge ihrer prophet. Begabung in Gottes Geheimnisse eingeweiht. Ganz allgemein kann deshalb einmal gesagt werden, daß sich die Israeliten in der früheren Zeit der unmittelbaren Leitung durch den ihnen innewohnenden heiligen Geist erfreut hätten, bis ihnen nach der Sünde mit dem goldenen Kalb ein Engel als Leiter bestellt worden sei. In der folgenen Zeit war dann der Heilige Geist der Prophetie nur noch im Besitz derjenigen Männer, die sich Gott je u. je erkor, um durch sie seinen Willen seinem Volk kundzutun.

(Hermann L. Strack/ Paul Billerbeck: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. Zweiter Band: Das Evangelium nach Markus, Lukas und Johannes und die Apostelgeschichte. München: C. H. Beck 102009, 128).

 

Jesus war also einer unter vielen Propheten Israels, auf den der Heilige Geist herabkam. Wenn Jesus nun seinen Jüngern ein erneutes Kommen des Heiligen Geistes ankündigte, dann hieße das nach jüdischem Verständnis, daß der Geist der Prophetie auf einen weiteren "Beistand", einen weiteren Propheten herabkommen wird.

Das wiederholte Herbakommen des Heiligen Geistes auf die Propheten erinnert an die Lehre vom "wahren Propheten", welche den judenchristlichen Ebioniten eigen war. Jürgen Wehnert schreibt in der Einleitung zu seiner Übersetzung des Klemensromans (Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2015):

 

Seine Würde gewinnt Jesus nicht aufgrund seiner Erhöhung zu Gott, sondern als eine Verkörperung des von göttlichem Vorherwissen erfüllten "wahren Propheten". Dieser lehrt die Menschen seit Adams Zeiten in immer neuer Gestalt, was zu ihrer Rettung dient.

 

Eine andere, mit den Ebioniten nahe verwandte Gruppierung, die Elkesaiten, erwarteten ein weiteres Erscheinen des "wahren Propheten" – des "Christus", wie sie sich ausdrückten – nach Jesus (Vgl. Hans Joachim Schoeps: Theologie und Geschichte des Judenchristentums, 327). So schreibt Hippolyt von Rom im 14. Kapitel des neunten Buches seiner Refutatio omnim haeresium über die Christologie des elkesaitischen Judenchristen Alkibiades von Apameia:

 

Von Christus behauptet er, er sei Mensch geworden wie alle anderen, er sei aber nicht jetzt zum erstenmal aus einer Jungfrau geboren worden, sondern es sei schon früher und oftmals geschehen und es geschehe noch; er erscheine und lebe, indem er die Zeugungen ändere und in andere Körper wandere [...].

 

Wie wir in § 2 bereits sahen, haben auch Montanus und Mani das Kommen des Heiligen Geistes bzw. des Parakleten als ein Erscheinen in einem Menschen verstanden. Mani entstammte selbst, wie man erst seit dem 1969 in Kairo entdeckten Kölner Mani-Kodexes weiß, der judenchristlichen Gemeinschaft ebenjener Elkesaiten, welche diese Erwartung eines Christus nach Jesus hatten. Mani sah in sich offenbar diesen Christus gekommen, doch wurde er von der Gemeinschaft nicht akzeptiert, worauf er sie verließ und fortan missionierend herumreißte, um die Menschen davon zu überzeugen, daß er der von Jesus verkündete Paraklet sei.

 

 

 

Leonardo da Vinci: Felsengrottenmadonna  1. Version (1483–1486), Louvre, Paris
Leonardo da Vinci: Felsengrottenmadonna 1. Version (1483–1486), Louvre, Paris

Leonardo Da Vinci fertigte seine "Felsengrottenmadonna" in den Jahren 1483–86 an. Auf dem Bild sehen wir neben der Hl. Maria den Jesusknaben, wie er ein anderes Kind anbetet (das für gewönlich als Johannes der Täufer interpretiert wird). Der andere Knabe wiederum segnet Jesus, während er durch einen Engel auf Jesus aufmerksam gemacht wird. Das Bild wurde von den Auftraggebern, der „Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis“ in Mailand als zu unorthodox empfunden, so daß Leonardo eine zweite Version anfertigen mußte, in der der als Johannes der Täufer identifizierte Knabe nun Jesus huldigt und dieser jenen segnet – so wie es der kirchliche Glaube verlangt. Diese Rollenvertauschung von Jesus und Johannes begegnet uns auch im Barnabasevangelium, das zur Zeit Leonardos in Italien kursierte. Jesus nimmt im Barnabasevangelium die Rolle Johannes des Täufers ein, indem er einen Propheten nach ihm ankündigt, wie Johannes dies in Joh 1,19–23 tut.