LESSINGS UREVANGELIUMSHYPOTHESE


Neue Hypothese über die Evangelisten als blos menschliche Geschichtsschreiber betrachtet.

 

von Gotthold Ephraim Lessing (Wolfenbüttel 1778)1

 

[mit Anmerkungen versehen von Daniel Erhorn ©2016 (rote Zahlen)]

 

1 Erschienen erstmals in: Gotthold Ephraim Lessings Theologischer Nachlass. Berlin: Christian Friedrich Voß und Sohn, 1784, S.45–73. Der hier zugrundeliegende Text stammt aus Lessings Gesammelten Werken, hrsg. Von Karl Lachmann, Bd. 11. Berlin: Voß’sche Buchandlung 1839, S. 495–514.

 

 

Vorrede.

 

Dies sind die ersten Linien eines Werks, an welchem ich seit vielen Jahren arbeite. Meine Absicht war freylich, es nicht eher, als ganz vollendet, der Welt vorzulegen. Doch es sind Umstände eingetreten, welche mich nöthigen, einen Vorgeschmack davon zu geben.

 

Denn ich bin bey den Haaren dazu gezogen worden, mich über gewisse Dinge zu erklären, die mit gegenwärtiger Hypothese sehr genau zusammenhängen. Wenn ich mich nun auch in dieser, oder in jenen, oder in beyden irren sollte: so wird man doch finden, daß ich nicht ohne Charte, und daß ich nach einer und der nämlichen Charte geirrt habe, die man für falscher ausschreyet als sie bey sorgfältigen Nachmessungen sich wohl finden möchte. –– Den wahren Weg einschlagen ist oft bloßes Glück: um den rechten Weg bekümmert zu seyn giebt allein Verdienst.

 

Da übrigens nur von einer Hypothese die Rede ist, und ich die höhere Würde der Evangelisten weder bestreite noch läugne; diese höhere Würde vielmehr bey meiner Hypothese selbst noch sehr wohl bestehen kann; so werde ich hoffentlich nicht mehr Anstoß und Aergerniß geben, als ich zu geben Willens bin.

 

Daß ich aber nur diejenigen Gottesgelehrten, deren Geist eben so reich an kalter kritischer Gelehrsamkeit, als frey von Vorurtheilen ist, für meine Schöppen und Richter erkennen; und auf das Urtheil aller Uebrigen dieses Standes, so verehrenswürdig sie mir aus andern Ursachen auch immer seyn mögen, nur wenig achten werde, versteht sich von selbst.

 

 

§. 1.

 

Die ersten Anhänger Christi waren lauter Juden, und hörten, nach dem Beyspiele Christi, als Juden zu leben nicht auf.(*) Ihnen gaben die übrigen Juden den Namen Nazarener, worüber ich mich blos auf Apostelgeschichte 24,5 zu beziehen brauche.2

 

(*) Denn wenn auch einige Judengenossen darunter waren, so waren es doch sicher nicht blos Judengenossen des Thores, sondern Judengenossen der Gerechtigkeit,3 welche mit der Beschneidung das ganze Mosaische Gesetz übernommen hatten. So wie Nicolaus Apostelgesch. 6, 5.4

 

 

2 Vgl. Epiphanius: Contra haereses, XXIX, 6.2. Apg 24, 5: „Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden und als einen, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr erregt, und als einen Anführer der Sekte der Nazaräer“. Hier wird Paulus von dem Ankläger Tertullus der „Sekte der Nazaräer“ zugeordnet. Die spätere judenchristliche Gemeinschaft der „Nazaräer“ stand dem Paulus jedoch kritisch gegenüber. Tertullus benutzt hier also „Nazaräer“ als Bezeichnung für die Christen insgesamt.

3 Der von Luther geprägte Begriff der „Judengenossen“ meint zum Judentum konvertierrte Heiden, die sogenannten Proselyten. Bei diesen werden zwei Stufen unterschieden: die Proselyten des Thores und die Proselyten der Gerechtigkeit. Erstere verpflichteten sich zum Monotheismus und zur Einhaltung der sieben Noachidischen Gebote, und durften innerhalb der Stadtmauern Jerusalems wohnen – daher ihr Name (vgl. Johann Christian Dolz: Grundriß einer allgemeinen Religionsgeschichte für Schulen. Leipzig: Carl Gottlob Schmidt 1804, S. 46). Diese konnten zu Proselyten der Gerechtigkeit werden, wenn sie das mosaische Gesetz vollständig annahmen.

4 Nikolaus, ein Proselyt aus Antiochien, ist nach Apg 6, 5 einer der sieben ersten Diakone, welche von den 12 Aposteln ernannt wurden.

 

 

§. 2.

 

Freylich mochten ihnen die Juden wohl diesen Namen aus Verachtung beygelegt haben. Es war aber doch auch sehr in der Denkungsart der Jünger Christi, daß sie einen Zunamen, den sie mit ihrem Meister gemein hatten, nicht weit von sich warfen, sondern die ihnen dadurch zugedachte Schande durch freywillige Annehmung, in Ehre kehrten.(*)

 

 

(*) Epiphanius sagt dies ausdrücklich: oi] tou/ Cristou/ maqhtai. –– avkou/ntej para. a;llwn Nazwrai,oi( ouvk h;nainto to.n sko,pon qewrou/ntej tw/n tou/to autou/j kalou/ntwn o]ti dia. Cristo.n autou/j evkalou/n)5 Haeres. XXIX.

 

5 „Die Jünger Christi, die von den anderen "Nazaräer" genannt wurden, wiesen diese Sichtweise der sie so Bezeichnenden keineswegs zurück, weil sie [ja] nach Christus benannt wurden.“

 

 

§. 3.

 

Daher konnte sie auch nichts bewegen, sich dieses Namens bald wieder zu entschlagen. Vielmehr stehet zu glauben, daß auch da noch, als der Name Christen in Antiochia aufgekommen,6 und längst allgemein geworden war, die Palästinischen Judenchristen (*) jenen ihren älteren Namen, Nazarener, vorzüglich werden geliebt, und um so williger werden beybehalten haben, je geschickter er war, sie von den unbeschnittenen Christen zu unterscheiden, gegen welche sie noch immer eine kleine Abneigung unterhielten, wovon im neuen Testament Spuren die Menge zu finden.

 

(*) Wenigstens zum Theil. Denn woher wäre es sonst gekommen, daß sich noch viele Jahrhunderte später, in eben derselben Gegend, unter eben demselben Namen, eine Art Christen erhalten hätte, welche die nemlichen Grundsätze bekannten, und in gänzlicher Absonderung von der allgemeinen Kirche lebten, die vornemlich aus Heiden gesammelt war.

 

6 Vgl. Apg 11, 26: „Es geschah ihnen [Barnabas und Paulus] aber, dass sie ein ganzes Jahr in der Versammlung zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten, und dass die Jünger zuerst in Antiochien Christen genannt wurden.“

 

 

§. 4.

 

Wäre nun wohl ohne Gefahr anzunehmen, daß jene ältesten Nazarener, sehr früh, sehr bald nach dem Tode Christi, eine geschriebene Sammlung von Nachrichten gehabt, welche Christi Leben und Lehren betroffen, und aus den mündlichen Erzählungen der Apostel und aller derjenigen Personen erwachsen waren, welche mit Christo in Verbindung gelebt hatten? –– Warum nicht? (*)

 

(*) Was ich hier blos postuliere, wird sich in der Folge zeigen, daß es wirklich so gewesen. Man müßte gar nicht wissen, wie neugierig die Menge nach allem ist, was einen großen Mann betrifft, für den sie einmal sich einnehmen lassen: wenn man mir diesen Heischesatz streitig machen wollte. Und will Menge immer eine größere Menge werden: so ist natürlich, daß man sich alles von Hand zu Hand reicht, was man von dem großen Manne nur in Erfahrung bringen können, welches endlich schriftlich geschehen muß, wenn die mündliche Mittheilung nicht mehr reichen will.

 

 

§. 5.

 

Und wie würde sie ohngefähr ausgesehen haben, diese Sammlung? –– wie eine Sammlung von Nachrichten, deren Anfang so gering ist, daß man der ersten Urheber ohne Undank vergessen zu können glaubt; welche hierauf gelegentlich von mehr als einem vermehrt, und von mehr als einem mit aller der Freyheit abgeschrieben worden, deren man sich mit dergleichen niemanden zugehörigen Werken zu bedienen pflegt –– wie eine dergleichen Sammlung, sage ich, nur immer aussehen kann. Im Grunde stets die nemliche; aber bei jeder Abschrift bald in etwas verlängert, bald in etwas verkürzt, bald in etwas verändert, so wie der Abschreiber, oder der Besitzer der Abschrift mehrere oder bessere Nachrichten aus dem Munde glaubwürdiger Leute, die mit Christo gelebt hatten, eingezogen zu haben glauben durfte. (*)

 

(*) Wenn wir jetzt, neuerer Zeit, wenige oder keine Beyspiele von solchen, wie Schneebälle, bald wachsenden, bald wieder abschmelzenden historischen Nachrichten haben: so kommt es daher, daß gar bald eine oder die andere der ersten Abschriften durch den Druck ihre umschriebene Consistenz erhält. Wer indessen alte geschriebene Chroniken von großen Städten oder vornehmen Familien öftere Gelegenheit gehabt zu durchblättern: wird wohl wissen, wie weit jeder Besitzer eines jeden besonderen Exemplars derselben, sein Recht des Eigentums, so oft es ihm beliebt, auch über den Text und desselben Länge oder Kürze auszudehnen, sich für erlaubt gehalten.

 

 

§.6.

 

Und wenn man endlich doch einmal aufhören müssen, diese Sammlung zu vermehren oder zu verändern; weil doch endlich die zeitverwandten Leute aussterben mußten, aus deren glaubwürdigen Erzählungen es jeder thun zu können glaubte: wie würde sie wohl seyn betitelt worden, diese Sammlung? –– Entweder, bilde ich mir ein, nach denen, zu deren Gebrauch die Sammlung vornemlich wäre gemacht worden; oder nach dem oder jenem, welcher der Sammlung zuerst eine bessere Form gegeben, oder sie in eine verständlichere Sprache gebracht hätte.

 

 

§.7.

 

Wenn sie nach den ersten Währmännern wäre benennet worden: wie würde sie wohl geheissen haben? –– Die ersten Währmänner waren alles Leute, die mit Christo gelebt, ihn mehr oder weniger gekannt hatten. So gar gehörten darunter eine Menge Weiber, deren kleine Anekdoten von Christo desto weniger zu verachten waren, je vertraulicher einige derselben mit ihm gelebt hatten. Aber vornemlich waren es doch keine Apostel, als aus deren Munde sich ohnstreitig die mehresten und zuverläßigsten Nachrichten herschreiben. Sie hätte also geheissen, diese Sammlung – (das Wort in dem Verstande einer historischen Nachricht von Christi Leben und Lehren genommen) – das Evangelium der Apostel.

 

 

§.8.

 

Und wenn sie nach denen wäre benannt worden, zu deren Gebrauche sie besonders gemacht gewesen: wie hätte sie da geheissen? –– Wie anders, als das Evangelium der Nazarener? Oder bey denen, welche das Wort Nazarener nicht hätten brauchen wollen, das Evangelium der Hebräer. Denn als Palästinischen Juden gehörte auch den Nazarenern dieser Name mit allem Rechte.7

 

7 Sowohl ein Evangelium der Nazarener als auch ein Evangelium der Hebräer werden bei den alten Kirchenvätern, nebst einem dritten judenchristlichen Evangelium der Ebioniten, auf das Lessing weiter unten noch zu sprechen kommt, erwähnt (vgl. Wilhelm Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen, I. Band: Evangelien. Tübingen: Mohr/Siebeck 61999, S. 114–147). Lessing vermutet hier ein- und dieselbe Schrift hinter diesen Bezeichnungen: das von ihm so genannte „Evangelium der Apostel“. Hierbei denkt Lessing sicherlich an die bei Justin Martyr oft erwähnten „Erinnerungen der Apostel“ (avpomnhmoneu,mata tw/n avposto,lwn) – eine Bezeichnung, die Justin fast ausschließlich verwendet, wenn er sich auf das Evangelium bezieht (wohingegen er nie bei seinen Referenzen die Namen der kanonischen Evangelien „Matthäus“, „Lukas“, „Markus“, oder „Johannes“ benutzt.

 

 

§.9.

 

Endlich wenn sie nach dem oder jenem wäre benannt worden, welcher ihr zuerst eine bessere Form gegeben, oder sie in eine verständlichere Sprache übersetzt hätte: wie hätte sie da geheissen? –– Wie anders als das Evangelium des und des, der sich dieses Verdienst um sie gemacht hätte? ––

 

§.10.

 

Bis hieher werde ich meinen Lesern scheinen, mich in leere Vermuthungen verlieren zu wollen, wo sie ganz etwas anders von mir erwarten. –– Aber nur Geduld: was sie bis izt leere Vermuthungen dünkt, ist nichts anders, und nichts mehr, als was ich von glaubwürdigen historischen Zeugnissen abstrahiret habe, welche jeder andere, der weniger behutsam zu gehen gedächte, als unmittelbare Beweise seines Vorgehens vielleicht gebraucht hätte.

 

 

§.11.

 

Es findet sich nemlich, daß die Nazarener des 4ten Jahrhunderts8 gerade eine solche Sammlung von Nachrichten, Christum und Christi Lehre betreffend, nicht allein wollen gehabt haben, sondern auch wirklich gehabt haben. Sie hatten ein eigenthümliches chaldäisch-syrisches Evangelium, welches bey den Kirchenvätern bald unter dem Namen des Evangeliums der Apostel; bald unter dem Namen des Evangeliums der Hebräer, bald unter dem Namen des Evangeliums Matthäi,9 vorkommt. Jenes zufolge des ersten Grunds einer nähern Benennung §.7.; dieses zufolge des zweyten §.8.; und das – vermuthlich zufolge des dritten §.9.

 

8 Die Nazarener werden als judenchristliche Sekte noch im 4. Jahrhundert n. Chr. von Epiphanius (ca. 315–403) bestätigt: „Diese Sekte findet sich in Beröa nahe Koilesyrien, in der Dekapolis nahe Pella, und in Basanitis an einem Cocabe genannten Ort, auf Hebräisch Khokhabe“ (Adversus haereses XXIX, 7.7). Nach Eusebius (ca. 260–340) soll die Jerusalemer Gemeinde noch vor der Zerstörung der Stadt (70 n. Chr.) nach Pella emigriert sein: „[...] als endlich die Kirchengemeinde in Jerusalem in einer Offenbarung, die ihren Führern geworden war, die Weissagung erhalten hatte, noch vor dem Kriege die Stadt zu verlassen und sich in einer Stadt Peräas, namens Pella, niederzulassen [...]“ (Historia Ecclesiastica III, 5, 3; vgl. Eusebius: Ausgewählte Schriften Band II: Kirchengeschichte. Aus dem Griechischen übersetzt von Philipp Haeuser. [Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 1] München: Kösel 1932, S. 105).

 

9 Irenäus (135–200) schreibt (Adversus Haereses III, 11, 7), dass die judenchristlichen Ebioniten nur das Matthäusevangelium verwendeten (vgl. Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien. Aus dem Griechischen übersetzt von E. Klebba. [Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 3] München: Kösel 1912). Epiphanius attestiert den Nazarenern den Gebrauch eines hebräischen Matthäusevangeliums: „Sie haben aber das Evangelium nach Matthäus, vollständig und auf Hebräisch. Denn dieses ist offenbar bei ihnen, wie es ursprünglich geschrieben wurde, in hebräischer Schrift noch erhalten.“ (Contra Haereses XXIX, 9.4; Übersetzung: W. Schneemelcher, Apokryphen I, S. 118). Hieronymus (347–420) spricht von einem Urevangelium des Matthäus und bestätigt, wie Epiphanius, dass die Nazarener es zu seiner Zeit benutzten: „Matthäus hat als erster in Judäa wegen der aus dem Judentum zum Glauben Gekommenen das Evangelium von Christus in hebräischer Schrift und Sprache abgefasst. […] Auch haben mir die Nazaräer in Beröa, einer syrischen Stadt, die dies benutzen, es abzuschreiben erlaubt.“ (De viris inlustribus, 3; Übersetzung: W. Schneemelcher: Apokryphen I, S. 121).

 

 

§.12.

 

Ich sage vermuthlich; und in meiner ganzen Hypothese ist dieses die einzige Vermuthung, die ich mir erlaube, und worauf ich baue. Auch beruhet sie auf so viel Gründen, daß in der Welt keine historische Vermuthung sich finden muß, die es mehr verdienet, für historische Wahrheit angenommen zu werden.

 

 

§.13.

 

Und dennoch will ich aus dieser Uebereinstimmung des wirklichen Evangelii der spätern Nazarener aus dem 4ten Jahrhunderte, mit einem blos angenommenen Evangelio, wie es die allererste Nazarener mußten gehabt haben, wenn sie eines gehabt hätten, noch nicht so geradezu schliessen, daß jenes nothwendig dieses müsse gewesen seyn. Denn man kann sagen, daß die spätern Nazarener Ketzer, und die allerersten Nazarener blos schwachgläubige Judenchristen gewesen: daß also jene wohl etwas zusammensgeschrieben haben könnten, wovon diese nie etwas gewußt.

 

 

§.14.

 

Laßt uns also so bedächtig gehen, als möglich. –– hat jemals ein Kirchenvater, der des Evangelii der spätern Nazarener gedacht, einen solchen Verdacht geäussert, oder nur mit einem Worte darauf gezielt? – Niemals; kein einziger.

 

 

§.15.

 

Haben nicht vielmehr die gelehrtesten und scharfsichtigsten Kirchenväter immer mit einer Art von Achtung davon gesprochen; nicht zwar als von einem unstreitig alten, zu oder kurz nach den Zeiten der Apostel geschriebenen Werke? Allerdings.

 

 

§.16.

 

Hat nicht mehrmalen einer derselben, welcher ohne Zweifel der einzige von allen Kirchenvätern war, der ein chaldäisch-syrisches Werk brauchen konnte, so gar verschiedene Stellen daraus zur Erläuterung des griechischen Textes oder der vorhandenen Evangelisten anwenden zu dürfen geglaubt? –– Allerdings: Hieronymus nemlich.10

 

10 Vgl. Schneemelcher, Apokryphen I, S. 133–136. Hieromonymus erwähnt in seinen Schriften acht Varianten des Nazaräerevangelium (NE) zu Lesarten des kanonischen Mt-Evangeliums: Mt-Kom. zu Mt 6,11; 12,13; 23,35; 27,16; 27,51 (auch Epist. 120 an Hedebia); De vir. inl. 3 (Mt 2,23); Adv. Pelag. III, 2 (Mt 12,46); Adv. Pelag. III 2 (Mt 18,21f.). Auch Eusebius und Origenes zitieren aus dem NE: Euseb., De theophania IV 22 (Mt 25,14f.), Theophanie syr. IV 12 (Mt 10,34–36); Orig., Mt-Kom. XV 14 (Mt 19,16ff.). 13 Lesarten sind mittlerweile aus den Scholien der antiochenischen Evangelienausgabe Zion bekannt, die zwischen 370–500 n. Chr. im Patriachat Antiochien verfasst worden sein soll (vgl. Alfred Schmidtke: Fragmente und Untersuchungen zu den judenchristlichen Evangelien. Leipzig: J. C. Hinrichs 1911, S. 12.19). Lessing konnte diese Fragmente noch nicht gekannt haben, da der Wert dieser Scholien für die Rekonstruktion des neutestamentlichen Kanons erst 1894 von Wilhelm Bousset (Textkritische Untersuchungen zum Neuen Testament (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, Bd. 11). Leipzig: J. C. Hinrichs, 1894, S. 132–135) erstmals entdeckt wurde. 13 weitere Varianten sind durch mittelalterliche Schriftsteller überliefert (vgl. Schneemelcher, Apokryphen I, S. 136ff.)

 

 

§.17.

Hat nicht eben dieser Hieronymus es so gar zu übersetzen, und in zwey verschiedene Sprachen zu übersetzen für werth gehalten? –– Das sagt er selbst.11

 

11 Vgl. Hieronymus: De vir. inl., 2: „Auch das Evangelium, das ,nach den Hebräern‘ genannt wird und von mir neulich in die griechische und lateinische Sprache übersetzt wurde, das auch Origenes häufig benutzt [...]“ (Übersetzung: W. Schneemelcher, Apokryphen I, S. 121).

 

 

§.18.

 

Was hat man also denn noch für Ursache zu leugnen, daß das Evangelium der spätern Nazarener sich von den ältesten, ersten Nazarenern herschrieben? Ist es vielmehr nicht ganz glaublich, daß das syrisch-chaldäische Evangelium, welches zu des Hieronymus Zeiten in den Händen der damaligen Nazarener oder Ebioniten war, auch in den Händen der Nazarener zu den Zeiten der Apostel werde gewesen seyn? Daß es das geschriebene Evangelium werde gewesen seyn, dessen sich selbst die Apostel zuerst bedienten!12

 

12 Diese Aussage Lessings, welche er nicht ausdrücklich belegt, bestätigt sich in den apokryphen Barnabasakten (Kap. 15), wo es heißt: „Barnabas hatte Dokumente von Matthäus empfangen, ein Buch des Wortes Gottes (fonh. tou/ qeou/), in dem schriftliche Aufzeichnungen über die Wunder und Lehren [Jesu] enhalten waren. Dieses legte Barnabas an allen Orten, zu denen wir kamen, den Kranken auf, und es führte unmittelbar zur Genesung ihrer Leiden.“

 

 

§.19.

 

Die spätern Nazarener hießen freylich Ketzer:13 aber sie waren doch im Grunde keine andere Ketzer, als die alten Nazarener, die noch nicht Ketzer hießen, wie aus dem Stillschweigen des Irenäus zu schließen. Denn die einen sowol als die andern glaubten, das Mosaische Ceremonialgesetz nebst dem Christenthume beybehalten zu müssen.

 

13 Das oben schon erwähnte Werk des Epiphanius, Adversus Haereses („Gegen die Ketzereien“), widmet den Nazarenern ein ganzes Kapitel (Adv. Haer. XXIX).

 

 

§.20.

 

Daß die spätern Nazarener überhaupt die ältern Nazarener ganz und gar nichts angegangen, ist eine Grille des jungen Mosheims, als er noch keck Einen Kirchenvater ergriff, um den andern damit vor den Kopf zu schlagen; die der alte bedächtlichere Mosheim selbst widerrufen hat.14

 

14 Johann Lorenz Mosheim (1693–1755) veröffentlichte 1720 in jungen Jahren eine Streitschrift gegen das zwei Jahre zuvor erschienene Werk Nazarenus von John Toland (1670–1722). Mosheim versuchte hier die Aussage des Epiphanius, dass die Nazarener ihren Namen schon zur Zeit der Jünger Jesu von den Juden bekommen hätten, durch das Fehlen einer Gruppierung mit diesem Namen in der Liste der christlichen Sekten bei Irenäus zu widerlegen. Nach Mosheim sei die Gruppe der Nazarener erst im zweiten Jahrhundert aus den Valentinianern hervorgegangen: „Non video Nazaraeos apud IRENAEUM: at Valentinianos, Cerinthianos, Docetas conspicio. Igitur sub Valentinianis Nazaraei comprehenduntur“ (vgl. L. M. Mosheim: Vindiciae Antiquae Christianorum Disciplinae, Adversus Celeberrimi Viri Jo. Tolandi, Hiberni, Nazarenum. Accedit De Vita, Fatis Et Scriptis Joannis Tolandi Commentatio; praefationem, Qua Atheismi Calumnia A S. Scriptura Depellitur. Hamburg: Schillerus & Kisnerus, 21722, S.98). Später hat er seine Ansichten revidiert. In einer deutschen Kompilation seiner kirchengeschichtlichen Werke lesen wir: „Diejenigen, welche diesen ersten Namen der Jünger Christi, mit welchem sie von den Juden waren belegt worden, nach ihrer Trennung von den Brüdern beybehielten [...]“ (vgl. J. A. Ch. von Einem (Hrsg.): J. L. Mosheims vollständige Kirchengeschichte des Neuen Testaments, aus dessen lateinischen Werken frey übersetzt, Bd. I Leipzig: Weygand, 1769, S. 420.

 

 

§.21.

 

Die kleinen Abweichungen aber, die man noch jetzt an den vorhandenen Fragmenten des Nazarenischen Evangelii, deren einige die nemliche Sache betreffen, wahrnimmt, und woraus man lieber eine gänzliche Verschiedenheit des Ebionitischen und Nazarenischen Evangeliums erpressen möchte, sind eher aus der Entstehungsart desselben, wie ich sie §.6. wahrscheinlich angenommen, zu erklären. Denn da es keinem alten Nazarener einkommen konnte, ein aus verschiedenen Nachrichten nach und nach erwachsenes Werk als ein göttliches Buch zu betrachten, dem man weder etwas abnehmen noch zusetzen dürfe: so war es kein Wunder, daß die Abschriften nicht alle übereinstimmten.

 

 

§.22.

 

War nun aber das Evangelium der Nazarener keine spätere untergeschobene Misgeburt: so war es auch älter als alle unsere vier Evangelia, deren das erste wenigstens 30 Jahr nach Christi Tode geschrieben worden.

 

 

§.23.

 

Wäre es auch wohl zu begreifen, daß man in diesen 30 Jahren ganz und gar keine geschriebene Nachricht von Christo und seinen Lehren gehabt hätte? Daß der erste, welcher dergleichen aufzusetzen sich entschloß, nach so geraumer Zeit, sich hingesetzt, aus seinem oder Anderer bloßem Gedächtnisse zu schreiben? Daß er nichts vor sich gehabt, wodurch er sich rechtfertigen können, wenn er wegen dieses oder jenes Umstands in Anspruch genommen wurde? Das ist nicht einmal glaublich, wenn er auch inspririrt war. Denn der Inspiration war er sich nur selbst bewußt: und vermuthlich zuckte man auch damals schon die Achseln über Leute, die etwas historisches aus Inspiration zu wissen vorgaben.

 

§.24.

 

Es gab also eine ältere geschriebene Nachricht von Christo, als des Matthäus: und sie blieb nur, während den dreißig Jahren, in derjenigen Sprache, in welcher allein sie ihre Urheber hatten aufsetzen können. Oder die Sache unbestimmter und doch genauer auszudrücken: sie verblieb in der hebräischen Sprache, oder in dem syrisch-chaldäischen Dialekte derselben so lange, als das Christenthum größtentheils nur noch in Palästina, nur noch unter den Juden in Plästina eingeschränkt war.

 

§.25.

 

Erst als das Christenthum auch unter den Heiden verbreitet ward, und so viele, die gar kein Hebräisch, gar keine neuere Mundart desselben verstanden, begierig wurden, nähere Nachricht von der Person Christi einzuziehn (welches doch auch nicht ganz in den ersten Jahren der Heidenbekehrung mag gewesen seyn, indem die ganz ersten bekehrten Heiden sich mit den mündlichen Nachrichten begnügten, die ihnen ein jeder ihrer Apostel gab) fand man nöthig und nützlich zu Befriedigung einer so frommen Neugierde, sich an jene Nazarenische Quelle zu wenden, und Auszüge oder Übersetzungen in einer Sprache davon zu machen, die so ziemlich die Sprache der ganzen cultivierten Welt war.

 

 

§.26.

 

Den ersten dieser Auszüge, die erste dieser Uebersetzungen, meyne ich nun, machte Matthäus. –– Und das, wie gesagt §.12, ist die Vermuthung, die man kühnlich unter die historischen Wahrheiten anführen darf, die wir von diesen Dingen überhaupt haben. Denn alles, was wir sowol von der Person des Matthäus, als von seinem Evangelio wissen, oder mit Grunde annehmen können, stimmt mit dieser Vermuthung nicht allein vollkommen überein; sondern auch sehr vieles wird durch diese Vermuthung allein erklärt, was noch immer ein Räthsel ist, so viel Gelehrte sich auch die Köpfe darüber zerbrochen haben.

 

 

§.27.

 

Denn einmal wird Matthäus ohne Widerspruch für den ersten und ältesten unserer Evangelisten gehalten. Dieses aber, wie schon angemerkt, kann unmöglich heissen, daß er schlechterdings der erste von allen gewesen, welche von Christo etwas schriftliches verzeichnet, das in den Händen der Neubekehrten gewesen wäre. Es kann nur heissen, daß er der erste gewesen, der es in der griechischen Sprache gethan.

 

 

§.28.

 

Zweytens ist es sehr wahrscheinlich, daß Matthäus der einzige unter den Aposteln gewesen, der griechisch verstanden, ohne erst die Kenntniß dieser Sprache unmittelbar durch den heiligen Geist erhalten zu dürfen.

 

 

§.29.

 

Drittens spricht selbst die Gelegenheit, bey welcher Matthäus sein Evangelium soll aufgesetzt haben, dafür. Denn wenn Eusebius schreibt: Matthäus, der verschienene Jahre den Hebräern in Palästina das Evangelium gepredigt, als er endlich auch zu andern in dieser Absicht gehen wollen, habe jenen sein Evangelium schriftlich in ihrer väterlichen Sprache hinterlassen, um so auch noch in ihrer Abwesenheit ihr Lehrer zu bleiben: (*) so dürfte hiervon wohl nur die Hälfte im strengen Verstande wahr seyn. Nur die Veranlassung, bey welcher Matthäus sein Evangelium schrieb, dürfte wahr seyn; aber diese Veranlassung war nicht so, daß er ein hebräisches Evangelium schriftlich verfassen mußte; sondern vielmehr so, daß er nun lange genug den Hebräern gepredigt hatte, ließ er nicht den Hebräern sein Evangelium hebräisch zurück, (bey den Hebräern in Palästina blieb ja noch so mancher Apostel zurück, dessen mündliche Belehrung sie alle Augenblicke haben konnten) sondern er machte sich für seinen künftigen Gebrauch, da er nun auch andern das Evangelium predigen wollte, die nicht hebräisch verstanden, aus dem hebräischen Evangelio der Apostel einen Auszug in der jenigen Sprache, die mehreren verständlich war.

 

(*) Hier wird der Ort seyn, eine Stelle des Hieronymus zu verbessern. Hieronymus sagt in dem Eingange seiner Commentarien über den Matthäus: Primus omnium (sc. Evangelistarum) Matthäus est, qui Evangelium in Judea hebraeo sermone editit, ob corum vel maxime causam, qui in Jesum crediderunt ex Judaeis et nequaquam legis umbram, succedente Evangelii veritate, servabant. Die den Schatten des Gesetzes keineswegs nequequam beaobachteten? Aber die ersten Juden in Judäa, welche Christen wurden, blieben ja allerdings hartnäckig bey dem Gesetze. Ich glaube also, daß hier für nequequam zu lesen sey nequiequam, incassum, umsonst, vergeblich.

 

Und daß wirklich Matthäus für die Nazarener, das ist, für Judenchristen, die Mosen und Christum verbinden wollen, geschrieben, ist aus V, 17–20. zu sehen, wo er Jesum etwas sagen läßt, das ihn kein anderer Evangelist sagen läßt, und freylich wohl die Nazarener so hartnäckig machen mußte. Besonders V. 17. wo es nur lächerlich ist, anstatt des Mosaischen Gesetzes überhaupt das Sittengesetz allein zu verstehen. Die Auslegung des Babylonischen Talmuds ist unstreitig die wahre. S. Das Engl B. W.

 

Wir haben jetzt freylich Ursache, ja wir lönnen Recht dazu haben, diese Stelle jetzt anders auszulegen: war es aber den ersten Judenchristen zu verdenken, sie so zu verstehen?

 

Eben so haben Marcus und Lucas den Befehl ausgelassen, den Matthäus X, 5-6- den Heiland seinen Jüngern geben läßt, die er aussandte zu heilen und Wunder zu thun.

 

 

§. 30.

 

Viertens wird damit der ganze Streit über die Grundsprache des Matthäus auf eine Art geschlichtet, daß beyde Theile damit zufrieden seyn können. Diejenigen sowol, welche, zufolge des einmüthigen Zeugnisses der Kirchenväter, behaupten, die Grundsprache des Evangelii Matthäi sey hebräisch gewesen: als auch die neuern protestantischen Dogamtiker, die ihre Bedenklichkeiten dagegen haben und haben müssen.

 

 

§. 31.

 

Nemlich: das Original des Matthäus war allerdings hebräisch; aber Matthäus selbst war nicht der eigentliche Urheber dieses Originals. Von ihm, als von einem Apostel, konnten sich zwar in dem Hebräischen Originale mancherley Nachrichten herschreiben: er aber selbst hatte diese Nachrichten nicht schriftlich verfaßt. Andere hatten sie aus seinem Munde hebräisch niedergeschrieben und mit Nachrichten der übrigen Apostel verbunden: und aus dieser menschlichen Sammlung machte er zu seiner Zeit blos einen zusammenhängenden Auszug in griechischer Sprache. Nur weil sein Auszug, seine Uebersetzung, so bald auf das Original solgte; weil er selbst eben sowol hebräisch hätte schreiben können; weil es, seinen persönlichen Umständen nach, wahrscheinliher war, daß er wirklich hebräisch gechrieben, war es kein Wunder, daß man gewissermaßen das Original mit der Uebersetzung verwechselte.

 

 

§. 32.

 

Und wie viel diejenigen neuern Gottesgelehrten dabey gewinnen, welche aus innern Kennzeichen des Matthäus und aus nicht unerheblichen dogmatischen Gründen schliessen zu müssen glauben, daß Matthäus nicht wohl in einer andern Sprache geschrieben haben könne, als in der, in welche wir ihn noh haben, erkennt ein jeder. Matthäus schrieb, was er schrieb, griechisch: aber er zog es aus einer hebräischen Quelle.

 

 

§. 33.

 

Hat er nun diesen seinen Auszug in eine bekanntere Sprache mit allem dem Fleiße, mit aller der Vorsicht gemacht, deren ein solches Unternehmen würdig war: so hat ihm ja wohl, auch nur menschlicher Weise zu reden, ein guter Geist begestanden; und niemand kann etwas dagegen haben, daß man diesen guten Geist den heiligen Geist nennt. Und so muss denn auch wohl Mattäus wirklich zu Werke gegangen seyn; ein solcher guter Geist muß ihn denn auch wohl geleitet und unterstützt haben: indem sein Auszug oder seine Uebersetzung nicht allein gar bald unter den Christen insgemein ein kanonisches Ansehen erhielt, sondern sogar bey den Nazarenern selbst der Name des griechischen Übersetzers nunmehr der hebräischen Urschrift anheim fiel, und diese selbst für ein Werk des Matthäus ausgegeben wurde. Das Evangelium secundum Apostolos hieß mit der Zeit bey den mehresten das Evangelium juxta Mathhaeum, wie Hieronymus ausdrücklich sagt.

 

 

§. 34.

 

Daß ich hiemit kein falsches Ende aufgefaßt habe, zeigt der lange nicht abreissende Faden, den ich dadurch von einem sehr verwirrten Knaule abzuwickeln im Stande bin. Das ist: ich kann aus dieser meiner Vorstellung zwanig Dinge erklären, die unauflösliche Räthsel bleiben, man mag den einen oder den andern der gewöhnlichen Sätze von der Originalsprache des Matthäus behaupten. Ich führe die vornehmsten derselben an, weil dergleichen neue Aufschlüsse, welche eine neu angenommene Meynung gewähret, in kritischen Dingen, wie man weiß, so viele Beweise derselben sind.

 

 

§. 35.

 

Wann man Epipphanius z. E. Sagt, daß die Nazarener das Evangelium des Matthäus to. plhre,staton VEbrai?,sti am allervollständigsten in hebräischer Sprache besaßen: was kann man dazu sagen, das ohne allen Anstoß wäre? –– War es Matthäus selbst, der diesen vollständigen hebräischen Text schrieb: so ist unser griechischer Matthäus nicht ganz. –– Schrieb Matthäus ursprünglich griechisch: so haben ihn die Nazarener in ihrer Uebersetzung mit menschlichen Zusätzen vermehrt, welches sie nicht gethan haben würden, wenn er in eben dem kanonischen Ansehen gestanden hätte, in dem er jetzt steht. Und wie konnte Origenes und Hieronymus dieser Zusätze so glimpflich gedenken? –– Nur wie ich die Sache nehme, haben die Worte des Epiphanius ihre gute Richtigkeit. Das hebräische Original des Matthäus enthielt mehr, als Matthäus in seinen griechischen Auszug daraus zu nehmen für gut fand. Das mehrere, was in dem hebräischen Matthäus war, hatten die spätern nazarener nicht hinzugefügt, sondern Matthäus hatte es übergangen.

 

 

§. 36.

 

Ingleichen, wer kann auf Folgendes antworten? –– Hat Matthäus ursprünglich griechisch geschrieben: wie kommt es, daß die Kirchenväter einmüthig vorgeben, sein Evangelium sey hebräisch abgefaßt? –– Und hat er sein Evangelium ursprünglich hebräisch abgefaßt: wie hat man diesen seinen hebräischen Originaltext knnen untergehen lassen? – Wer kann hierauf, frage ich, so befriedigend antworten, als ich? –– Die Kirchenväter fanden ein hebräisches Evangelium, das alles und noch mehr enthielt, als Matthäus: sie hielten es also für des Matthäus eigenes Werk. –– Aber dieser hebräische vermeynte Matthäus war zwar für den historischen Theil die Quelle des Matthäus: aber nur der griechische Auszug war das eigentliche Werk eines Apostels, der unter einer höhern Aufsicht schrieb. Was war also daran gelegen, daß die Materialen verloren giengen, nachdem sie auf die glaubwürdigste und beste Art genuzt waren?

 

 

§. 37.

 

Nichts aber bestätigt meine Meynung, daß Matthäus nicht hebräisch geschrieben, sondern nur ein hebräisches Original so treu und vorsichtig übersetzt und gebraucht habe, daß man dem Original selbst seinen Namen gegeben – nichts, sage ich, bestätigt diese Meynung mehr, als daß man dadurch nunmehr eine Stelle des Papias versteht, die so manchem Ausleger so manche undankbare Mühe gemacht hat. Papias nemlich sagt bey dem Eusebius: Matqai/oj men VEbrai?,di diale,ktw| ta. lo,gia sunegra,yato \ h`rmhneu,se dVauta.( w`j hvdu,nato e`,kastoj)

 

"Matthäus schrieb sein Evangelium hebräisch: es übersetzte es aber jeder, so gut er konnte."

 

 

§. 38.

 

Die letzten Worte dieser Stelle sind allerdings so anstößig, daß man dem guten Papias allen Glauben in Ansehung der erstern absprehen zu dürfen geglaubt. Man hat sich gar nicht einbilden können, daß Papias damit wirklich sagen wollen, was sie so offenbar sagen. Besonders ist sehr lustig zu lesen, was ihm Clericus15 für einen Ausputzer deswegen giebt, und wie schulmeistermäßig er dem Griechen seine griechischen Worte corrigirt; ohne zu überlegen, daß er nicht sowol den Papias, als den Eusebius, wenigstens den Eusebius eben sowol als den Papias (weil jeder Schriftsteller auch für die aus einem andern angeführten Worte mit haften muß, in so fern sie Unsinn zu enthalten scheinen, den er mit keiner Silbe rügt) schulmeistert.

 

15 Johannes Clericus (1657–1736): Schweizer Theologe und Philologe.

 

 

§. 39.

 

Wie gesagt, allerdings hätte man Ursache dem Papias zu Leibe zu gehen und ihn zu fragen: ob er auch wisse, was sein  w`j hvdu,nato e`,kastoj sage? Ob denn unser griechischer Matthäus nicht eine so gute Uebersetzung sey, als nur irgend eine seyn könne? Ob denn wirklich mehrere griechische Uebersetzungen seines hebräischen Matthäus vorhanden gewesen; und wie es denn komme, daß man von diesen mehrern Uebersetzungen nirgends die geringste Spur finde? –– Was Papias hierauf antworten kannte, läßt sich nicht absehn.

 

 

§. 40.

 

Aber nun nehme man mit mir an, daß Papias nicht einen ursprünglich hebräischen Matthäus, sondern das hebräische Original des Matthäus meyne, welches, weil es Matthäus zuerst so allgemein bekannt und brauchbar gemacht hatte, unter seinem Namen nunmehr umgieng: was sagt Papias alsdenn ungereimtes, wenn er sagt, daß sich dem ohngeachtet noch mehrere an das hebräische Original gemacht, und es aufs neue in griechischer Sprache bearbeitet hätten?

 

 

§. 41.

 

Haben wir nicht schon gesehen, daß Matthäus ein bloßer Uebersetzer von allem und jedem, was er in dem Evangelio der Nazarener fand, nicht war? Er ließ vieles zurück, was ihm so glaubwürdig nicht bekanntwar. Da aren Nachrichten, die sich von allen eilf Aposteln herschrieben, deren manche zwar wohl wahr, aber für die christliche Nachwelt nicht nutzbar genug waren. Da waren Nachrichten, die sich allein von Christi weiblicher Bekanntschaft herschrieben, und von welchen es zum Theil zweifelhaft war, ob sie den Wundermann, den sie so liebten, auch immer gehörig verstanden hatten. Da waren Nachrichten, die sich nur von seiner Mutter, nur von Leuten herschreiben konnten, die ihn nur von seiner Kindheit in dem Haus seiner Aeltern gekannt hatten: und was konnten die, wenn sie auch noh so zuverläßig waren, der Welt helfen, die an dem genug zu lernen hat, was er seit Antretung seines Lehramts that und sagte?

 

 

§. 42.

 

Was war also natürlicher? –– Da der Uebersetzung des Matthäus kein untrügliches Kennzeichen der Göttlichkeit aufgedrückt werden konnte; da sie ihr kanonisches Ansehn erst durch Prüfung und Vergleichung sich erwerben, und so von der Kirche bestätigt erhalten mußte – Was war natürlicher, als daß sich andere und mehrere, welche die Arbeit des Matthäus entweder nicht kannten, oder nicht ganz genehmigten, weil sie dieses und jenes noch gern darinn gehabt hätten, weil sie dieses und jenes lieber anders, als so erzählt wünschten: als daß sich, sag’ ich, mehrere an die nemliche Arbeit machten, und sie so vollführten, wie es die Kräfte einem jeden verstatteten?  `Wj hvdu,nato e`,kastoj.

 

 

§. 43.

 

Und so stehen wir hier an der Quelle, woraus sowol die bessern noch vorhandenen, als die minder guten, und daher aus dem Gebrauch und endlich aus der Welt gekommenen Evangelia geflossen. (*)

 

(*) Man macht sich eine ganz unrichtige Vorstellung, wenn man glaubt, die Ketzer hätten falsche Evangelia geschmiedet. Umgekehrt; weil es so vielerley Evangelia gab, die alle aus der einen Nazarenischen Quelle entstanden waren, gab es so viele Ketzer, deren jeder gerade eben so viel für sich hatte, als der andere.

 

Es ist zum Exempel nichts weniger als glaublich, daß Cerinthus ein eignes Evangelium gemacht. Er hatte weiter nichts als eine eigne Uebersetzung des hebräischen Originals des Matthäus.

 

Dieses sagt Hieronymus ausdrücklich. (Prooem. In Comment. Super Matth.) Plures fuisse, qui Evangelia scripserunt, et Lucas Evangelista testatur dicens: quandoquidem –– et perseverantia usque in praesens tempus monimenta declarant, que a diversis qutoribus edita, diversarum haereson fuere principia. Also die verschiedenen Evangelia waren nicht ein Werk der Ketzer, sondern daß so vielerley Evangelia waren, machte, daß so viel Ketzereyen entstunden.

 

So sagt auch Epiphanius Haeres. LXII. Von den Sabellianern, daß sie ihren ganzen Irrthum aus den falschen Evangelien geschöpft: th/n de pa/san autw/n pla,nhn e;xousin evx Vapo,krufw,n tinwn( ma,lista avpo. tou/ kaloume,nou VAigupti,ou Euaggeli,ou)16

 

16„All ihr Irrglaube aber stammt aus gewissen apokryphen (Evangelien), besonders aus dem sogenannten ,Ägypterevangelium‘.“

 

 

§. 44.

 

Daß es viele Evangelia von dieser zweyten Art gegeben, wenn wir es aus der Krichengeschichte auch nicht wüßten, müßten wir auch ganz allein dem Lucas glauben, der wahrlich nicht die ganz erdichteten untergeschobnen Evangelia und apostolische Schriften der Ketzer meynen konnte, (*) sondern nothwendig solche Evangelia, deren Urstof zwar ganz lauter und rein war, meynen mußte, wenn er sagt, daß er durch sie berechtigt und aufgemuntert worden, ebenfalls eine Geschichte des Herrn zu schreiben.

 

(*) „Epiphanius und Ambrosius glauben, Lucas sähe hier auf die Evangelia der Ketzer Basilidis, Cerinthi und anderer, wie schon von Daniel Heinsio17 (Exercit. sacr. 1.3.c.1.) bemerkt worden.“ Masch §. 30.18

 

Ausus fult et Basilides scribere Evangelium et suo illud nomine titulare, schreibt Origenes Homilia I. In Lucam. Eben das sagt auh Ambrosius Comment. In S. Lucam. Und Hieronymus Prooemio in Comment. Super Mattheum. Aber Basilides lebte im zweyten Jahrhundert; wie konnte Lucas sein Evangelium in Gedanken haben? Wenn Basilides anders eines geschrieben, und Ambrosius und Hieronymus hier nicht bloße Abschreiber des Origines sind, der es wahrscheinlich ohne Grund vorgegeben! (s. Moshemii Comment. De rebus Christianorum ante Constant. Magnum p. 357.) Aber von diesen allen sagt kein einziger, daß Lucas darauf gesehen; sie erwähnen dieses Evangelii nur bey der Stelle des Lucas; und das ist ein gewaltiger Bock von Herrn Masch.

 

Von dem Cerinthus wäre es noch eher möglich, daß Lucas auf ihn gesehen. Und Epiphanius adversus Haeres. L. I. p. 428. scheint es zu versichern. Da aber Epiphanius an einem andern Orte sagt, daß er nur das Evangelium des Matthäus angenommen, so wird nun auch blos das Evangelium des Cerinthus nichts als eine eigene Uebersetzung des hebräischen Originals gewesen seyn.

 

Ueberhaupt finde ich wohl, daß man den Ketzern Schuld gegeben, daß sie die evangelische Geschichte verfälscht –– (obgleich auch nicht so häufig, als man sich einbildet. Denn Origines sagt, (contra Celsum II. 5.) daß dieses nur von den Schülern des Marcion, des Valentinanus, und wo ich nicht irre, setzt er hinzu, des Lucianus geschehen sey.) Aber daß die Ketzer ganz eigene Evangeliea sich aus ihren Köpfen geschmiedet, das findet sich nirgends. Ihre Evangelia waren ebenfalls alte unter dem Namen der Apostel oder apostolishen Männer herumgehende Nachrichten; es waren nur die nicht, welche man bey der Kirche allgemein angenommen hatte. Mit diesen hatten sie zwar die Quelle gemein; nur der Mann, der aus dieser Quelle geschöpft, war minder zuverlässig.

 

17 Daniel Heinsius (1580–1655): niederländischer Philologe und – wie Hugo Grotius – Schüler von Joseph Justus Scaliger.

18 Hier ist vermutlich Andreas Gottlieb Maschs Werk Abhandlung von der Grundsprache des Evg. Matthäi (Halle 1755) gemeint.

 

 

§. 45.

 

Ich wäre so gar geneigt zu glauben, daß in der gedachten Stelle des Lucas jener hebräischen Quelle ausdrücklich erwähnt, und mit ihrem Titel erwähnt werde, welcher gar wohl (auf Hebräisch versteht sich) Dih,ghsij peri, tw/n peplhroforhme,nwn evn hmi/n pragma,twn könnte gewesen seyn; (*) es sey nun, daß die folgenden Worte: kaqw.j pare,dosan h`mi/n oi` avpV avrch/j avuto,ptai kai. u`phre,tai tou/ lo,gou, mit darinn begriffen gewesen, oder vom Lucas hinzugesetzt worden, um so viel deutlicher jene authentische Sammlung zu bezeichnen. (**)

 

(*) Das ist: Erzählung der unter uns in Erfüllung gegangenen Dinge. Ein Titel, der mir ganz hebräisch klingt; ob ich gleich weder angeben kann, noch mit anderer Hülfe angeben mag, wie er etwa auf Syrisch oder Chaldäisch könne geheißen haben. Vermuthlich wäre damit auf die mancherley Prophezeihungen gesehen worden, die durch die Begebnisse, Lehren und Thaten Christi in Erfüllung gegangen; auf das öfters vorkommende tou/to de ge,gonen i;na plhrwqh|/ to. r`hqe.n u`po. tou/ Kuri,ou dia. tou/ Profh,tou. Matth. I, 22. II, 17. IV, 14. VIII, 17. XII, 17. XIII, 14.

 

(**) In beyden Fällen wird dadurch bestätigt, was ich §. 2–4. von den Personen insgemein gesagt, die an dem Evangelio der Nazarener so zu reden geschrieben. Upe,rhtai tou/ lo,gou die Apostel, als die vornehmsten, nach welchen die ganze Sammlung genennet war: und avuto,ptai alle diejenigen, männlichen und weiblichen Geschlechts, die Christum von Person gekannt.

 

 

§. 46.

 

Und wenn ich sonach den ganzen ersten Versikel des Lucas: Vepeidh,per polloi. evpecei,rhsan avnata,xasqai dih,ghsin peri. tw/n peplhroforhme,nwn evn hmi/n pragma,twn, übersetzte: Quoniam quidem multi conati sunt, iterum iterumque in ordinem redigere narrationem illam de rebus quae in nobis completae sunt: was könnte man eigentlich viel darwider haben? (*)

 

(*) Wenigstens avnata,xasqai dih,ghsin blos durch litteris mandare, blos durch beschreiben, aufzeichnen, zu übersetzen, scheint mir den Sinn der Worte nicht zu erschöpfen; denn avna scheint allerdings auch hier eine oftmalige Wiederholung anzuzeigen, zu welcher das evpecei,rhsan, sie haben vor die Hand genommen, besonders paßt. Folglich lieber so: Weil denn viele versucht haben, jene Erzählung der unter uns in Erfüllung gegangenen Dinge einmal über das andere in Ordnung zu bringen: so u.s.w. Das in Ordnung bringen jene alte Sammlung, die so gelegentlich aus so verschiedenen Nachrichten erwachsen war, war ohne Zweifel das Schwerere: und das Uebersetzen derselben, wenn man einmal wegen der Ordnung mit sich eins geworden war, war ohnstreitig das Leichtere. Daß also Lucas die ganze Arbeit nur durch das Schwerere bezeichnet, darf wohl nicht befremden.

 

Freylich würde alles noch wahrscheinlicher seyn, wenn vor dih,ghsin

noch th,n stünde.

 

 

§. 47.

 

Ja, ob ich gleich diese Uebersetzung und Erklärung nur für eine kritische Vermuthung ausgeben will, die bey weiten so kühn und gewagt nicht ist, als kritische Vermuthungen in unsern Tagen zu seyn pflegen: so will mich doch bedünken, als ob nur durch sie alle Schwierigkeiten gehoben würden, die sich gegen die Worte des Lucas machen lassen. (*)

 

(*) Denn wenn er nach der gewöhnlichen Uebersetzung sagt: Sintemal sichs viele unterwunden haben, zu stellen die Rede von den Geschichten, so unster uns ergangen sind; wie uns das gegeben haben, die es von Anfang selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind: hat man nicht Recht, dem Lucas sofort einzufallen: „Also haben doch jene viele nichts geschrieben, als wie und was die Augenzeugen und die ersten Diener des Worts gemeldet? Und haben sie das, lieber Lucas, was braucht es noch deiner Arbeit, die alles angewandten Fleißes ohngeachtet, doch nicht besser gerathen kann? Habe immer von Anbeginn alles selbst erkundet: hast du es denn besser erkunden knnen, als wie uns das gegeben haben, die es von Anfang selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind?“ Nur wenn diese letzeren Worte entweder ein Theil ihrer nähern und gewissern Bezeichnung hinzugesetzt wurden, so daß sie auf die hebräische Urkunde selbst, und nicht auf die von vielen unternommene Ordnung und Uerbersetzung zu ziehen sind: hatte Lucas Recht, eine ähnliche Arbeit zu unternehmen, nachdem er alles von Anbeginn erkundet hatte, d. i. Nachdem er alles, was in der hebräischen Urkunde stand, gegen die mündlichen Erklärungen der Apostel, die er zu sprechen Gelegenheit hatte, geprüft und durch sie bestätigt hatte.

 

 

§. 48.

 

Doch dem sey wie ihm wolle: genug daß so viel gewiß ist, daß Lucas selbst die hebräische Urkunde, das Evangelium der Nazarener vor sich gehabt, und wo nicht alles, doch das Meiste in sein Evangelium, nur in einer etwas andern Ordnung, nur in einer etwas bessern Sprache übertragen hat.

 

 

§. 49.

 

Noch offenbarer ist es, daß Marcus, den man gemeiniglich nur für den Epitomator des Matthäus hält, blos daher dieses zu seyn scheint, weil er aus eben derselben hebräischen Urkunde schöpfte, aber vermuthlich ein minder vollständiges Exemplar vor sich hatte. (*)

 

(*) Daß er wirklich aus der hebräischen Urkunde unmittelbar geschöpft, zeigt V, 41., wo er die eigentlichen chaldäischen Worte beybringt, deren sich Christus bey Erweckung der Tochter des Jairus bediente, welche weder Matthäus noch Lucas haben. Auch VII, 11. Corban.

 

Marcus soll der Dollmetscher und vertraute Jünger des Petrus gewesen seyn. Daher kam es ohne Zweifel, daß er das wegließ, was Matthäus XIV, 28–31. von Petro erzählt. Hingegen ist um so viel unbegreiflicher, warum er auch das nemliche weggelassen, was Matthäus von Petro erzählt, XVI, 17, ob er (Marcus) schon VIII, 33. beybehalten.

 

 

§. 50.

 

Kurz: Matthäus, Marcus, Lucas sind nichts als verschiedene und nicht verschiedene Übersetzungen der so genannten hebräischen Urkunde, die jeder machte, so gut er konnte; w`j hvdu,nato e`,kastoj.

 

 

§. 51.

 

Und Johannes? –– Ganz gewiß hat Johannes jene hebräische Urkunde gekannt, gelesen, und bey seinem Evangelio genützt: aber dem ohngeachtet ist sein Evangelium zu jenen nicht zu zählen, zu jener Nazarenischen Klasse nicht zu rechnen; sondern es macht allein eine Klasse vor sich aus.

 

 

§. 52.

 

Die Meynung, daß Johannes ein bloßes Ergänzungsstück zu den drey übrigen Evangelien schreiben wollen, ist allerdings unbegründet. (*) Man darf ihn auch nur lesen, um ein ganz anderes zu empfinden. (**)

 

(*) (**) Diese Zeichen, welche sich im Originale befinden, beweisen hinlänglich, daß zu diesem Paragraph Anmerkungen kommen, welche ich aber nirgends finden können. Karl Lessing.19

 

19 Karl Gotthelf Lessing (1740–1812) war ein jüngerer Bruder G. E. Lessings und der Verwalter seines Nachlasses.

 

 

§. 53.

 

Daß Johannes aber sonach die übrigen drey Evangelisten auch gar nicht gekannt, ist eben so unerweislich als unglaublich.

 

 

 

§. 54.

 

Vielmehr, eben weil er die übrigen drey, und mehrere aus der Nazarenischen Urkunde entstandene Evangelia gelesen hatte, weil er sahe, was diese Evangelia für eine Wirkung machten: fand er sich gemüssigt, sein Evangelium zu schreiben.

 

 

§. 55.

 

Denn wir dürfen uns nur erinnern, von wem sich das Evangelium der Nazarener eigentlich herschrieb. Von lauter Leuten, die persönlichen Umgang mit Christo gehabt hatten; die also von Christo, als Mensch, am überzeugendsten seyn mußten, und ausser Christi eignen Worten, die sie sich getreuer in das Gedächtniß, als deutlich in den Verstand geprägt hatten, nichts von ihm erzählen konnten, was nicht auch von einem bloßen, aber mit Kraft aus der Höhe ausgerüsteten wunderthätigen Menschen hätte wahr seyn können.

 

 

§. 56.

 

Was Wunder also, daß nicht allein die Palästinischen Judenchristen, denen der Name Nazarener vornemlich zukam, sondern alle und jede Juden und Heiden, welche ihre Kenntniß von Christo mittelbar oder unmittelbar aus der Nazarenischen Urkunde geschöpft hatten, Christo von Seiten seiner Gottheit nicht genug Verehrung wiederfahren ließen?

 

 

§. 57.

 

Jene, selbst in ihrem ersten Ursprunge betrachtet, hätten unmöglich auch noch das Mosaische Gesetz beybehalten wollen, wenn sie Christum für mehr als einen ausserordentlichen Propheten gehalten hätten. Ja, wenn sie ihn auch für den wahren versprochenen Messias hielten, und ihn, als den Messias, den Sohn Gottes nannten: so ist doch unstreitig, daß sie keinen solchen Sohn Gottes meynten, welcher mit Gott von gleichem Wesen sey.

 

 

§. 58.

 

Wem dieses von den ersten Judenchristen einzuräumen zu bedenklich ist, der muß wenigstens zugestehen, daß die Ebioniten, das ist, diejenigen Judenchristen, welche sich noch vor der Zerstörung Jerusalems, jenseit des Jordans in Pella niederließen, und doch im vierten Jahrhundert kein ander Evangelium erkannten, als das hebräische Original des Matthäus, daß, sag’ ich, die Ebioniten, nach dem Zeugnisse des Origenes, sehr armselig von Christo dachten, wenn es auch nicht wahr wäre, daß sie von dieser ihrer armseligen Denkungsart gar ihren Namen bekommen hätten.20

 

20 Lessing spielt hier auf die etymologische Herleitung des Audrucks „Ebioniten“ von dem hebräischen Wort mynwyba (ebionim) an, was „die Armen“ bedeutet.

 

 

§. 59.

 

Eben so hielt Cerinthus, welcher zwar ein Jude, abder shwerlich ein Palästinischer Jude war, weil er unter die Gnostiker gerechnet wird, Christum für nichts, als den ehelichen, nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur von Joseph und Maria erzeugten Sohn, weil er, oder daher er, entweder die hebräische Urschrift des Matthäus, oder den griechischen Matthäus für das einzige Evangelium annahm. (*)

 

(*) Nach dem, was ich in der Anmerkung zu §. 44. angeführt, scheint es mir sogar glaublich, daß er sich eine eigne Uebersetzung des hebräischen Originals gemacht, und also selbst zu denen des Papias gehört, die den Matthäus so gut übersetzt, als sie gekonnt.

 

 

§. 60.

 

Das nemliche gilt vom Carpocrates, der gleichfalls, entweder weil er nur den Matthäus annahm, keine höhere Idee von Christo haben konnte, oder weil er von Christo keine höhere Idee haben zu dürfen glaubte, nur den Matthäus annehmen konnte.

 

 

§. 61.

 

Mit einem Worte: Rechtgläubige und Sektirer hatten alle von der göttlichen Person Christi entweder gar keinen oder einen ganz unrehten Begrif, so lange kein ander Evangelium vorhanden war, als die hebräische Urkunde des Matthäus, oder die aus ihr geflossenen griechischen Evangelia.

 

 

§. 62.

 

Sollte also das Christenthum unter den Juden nicht als eine bloße jüdische Sekte wieder einschlafen und verschwinden; sollte es unter den Heiden als eine besondere, unabhängige Religion bekleiden: so mußte Johannes ins Mittel treten und sein Evangelium schreiben.

 

 

§. 63.

 

Nur sein Evangelium gab der christlichen Religion ihre wahre Consistenz: nur seinem Evangelio haben wir es zu danken, wenn die christliche Religion in dieser Consistenz, allen Anfällen ungeachtet, noch fortdauert, und vermuthlich so lange fortdauern wird, als es Menschen giebt, die eines Mittlers zwischen ihnen und der Gottheit zu bedürfen glauben: das ist, ewig.

 

 

§. 64.

 

Daß wir sonach nur zwey Evangelia haben, den Matthäus und Johannes, das Evangelium des Fleisches und das Evangelium des Geistes, haben schon die alten Kirchenväter erkannt, und ist eigentlich noch von keinem neuern Orthodoxen geleugnet worden.

 

 

§. 65.

 

Und nun hätte ich nur noch zu erklären, wie es gekommen, daß das Evangelium des Fleisches von drey Evangelisten gepredigt worden; wenn ich es nicht schon bereits erklärt habe. Denn genauer zu sprechen, hätte ich nur noch zu erklären, warum unter vielen andern aus der Nazarenischen Urkunde geflossenen griechischen Evangelien, die Kirche ausser dem Matthäus, nur eben noch den Marcus und Lucas beybehalten; da die Ursache, welche Augustinus hiervon angiebt, wohl schwerlich befriedigen dürfte.

 

 

§. 66.

 

Ich will meine Meynung kurz sagen. Marcus und Lucas wurden, nächst dem Matthäus, von der Kirche beybehalten, weil sie in vielen Stücken gleichsam die Kluft füllten, die zwischen dem Matthäus und Johannes liegt; und der eine ein Schüler des Petrus und der andere ein Schüler des Paulus gewesen war.

 

 

§. 67.

 

Das, sag’ ich, ist meine Meynung, die eine hinlängliche Ursache angiebt, warum man die vier Evangelisten zusammen in fast allen alten Abschriften so und nicht anders geordnet hat. Denn daß sie in eben der Ordnung der Zeit nach auf einander geschrieben haben sollten, ist unerwiesen.

 

 

§. 68.

 

Nur den Beweis dieser Meynung kann ich hier nicht führen, weil er durch Induction geschehen muß, und ich die Beyspiele nicht genug beysammen haben kann, um eine dergleichen Induction zu einer Art von Demonstration zu machen.*)

 

 

*) Über diese Schrift sagt Karl Lessing im theologischen Nachlass S. 24 „Es sind vier Handschriften davon da. Eine in klein Folio; vermuthlich erster Entwurf, den er davon gemacht, ist am allerunleserlichsten. Sie hat keinen Titel, aber eine kurze Anzeige dessen, was er in diesem Werke abhandeln wollen, die so lautet:

 

Inhalt:

 

Erst wird die Hypothese in planen trockenen Worten vorgetragen. Sodann werden die kritischen Beweise derselben und alles, was darauf geführt, dargelegt. Worauf der Vortheil, welchen dieselbe in Begreiflichmachung verschiedener Schwierigkeiten und genauerer Erklärung streitiger Schriftstellen haben nöchte, gezeigt und mit Unterwerfung einer näheren Prüfung geschlossen wird.

 

Das 2te Manuscript davon, in groß Oktav und gebunden, hat den Titel: Hypothese über die Evangelisten als blos menschliche Geschichtsschreiber betrachtet. Wolfenbüttel. Novembeer 1777, angefangen. Auf jedem Blatte steht nur ein Paragraph; der übrige Raum ist zu den Anmerkungen gelassen, deren sich auch einige finden.

 

Das 3te ist in Quart, nur von drey Bogen, fängt sich an: Umriß der Hypothese, und geht bis auf §. 33. So weit es reicht, ist alles besser darinn ausgeführt: nur sind die Anmerkungen, die sich in den beyden ersten befinden, ganz weggelassen.

 

Das 4te ist sehr gut geschrieben, mit Anmerkungen, und scheint wohl, es habe so in die Druckerey abgeschickt werden sollen. Leider aber ist es nur ein Bogen in Oktav mit den ersten sechs Paragraphen. Die Vorrede dazu nebst dem Titel, wie ich ihn angeführt, ist auf einem besondern Bogen.“