Liber de ortu beatae mariae et infantia salvatoris

(sogenanntes "Pseudo"-Matthäusevangelium)


(Aus dem Lateinischen von Daniel Erhorn © 2017)

 

[Benutzte Ausgabe: Evangelia Apocrypha adhibitis plurimis codicibus graecis et latinis maximam partem nunc primum consultis atque ineditorum copia insignibus, edidit Constaninus Tischendorf. Lipsiae: Avenarius et Mendelsohn 1853, 50–105]

 

Das sogenannte "Pseudo"-Matthäusevangelium – ein Name, den erst Konstantin von Tischendorf 1853 dieser Schrift aufprägte – berichtet wie sein naher griechischer Verwandter, das Protevangelium des Jakobus, neben der Geburt und Kindheit Jesu die Geburt und Kindheit Marias. Die ältesten erhaltenen Handschriften datieren um 800 n. Chr. und enthalten als Prolog den Briefwechsel zwischen Hieronymus und den Bischöfen Chromatius und Aquileia und Heliodorus von Altino. Die Bischöfe bitten den Kirchenvater, den Anfang jenes mysteriösen Evangeliums ins Lateinische übersetzen, das der Apostel Matthäus in hebräischer Sprache verfasst haben soll. Dieses Evangelium war offenbar umfangreicher als das uns heute bekannte griechische Matthäusevangelium und enthielt z.B. neben den Ereignissen um die Geburt Jesu einen Bericht über die Geburt und Kindheit seiner Mutter Maria.

 

Überlieferungsgeschichte des "Pseudo"-Matthäusevangeliums:

 

 

Gijsel hat gezeigt, dass die älteste erhaltene Textform des Ps.-Mt, die Textform A, um 800 zuerst bezeugt ist und am Anfang den Briefwechsel der Bischöfe Chromatius und Heliodorus enthält, aber noch nicht die Pars altera [d.h. die Kapitel 25–42 - D. E.]. Die Textform A wurde durch das ganze MA überliefert, ihr gehört die Hälfte der über 120 von Gijsel untersuchten Hss. an. Um 800 entstand auch die Textform P, die den vorgeschalteten Briefwechsel nicht hat. Charakteristisch für die weitere Textgeschichte und die im 1.. bzw. 12. Jh. entstandenen späteren Textformen ist erstens die stilistische Überarbeitung durch Anpassung an die Vulgata und das Einfügen von Epitheta wie beata, beatissima für Maria usw. seit dem 12. Jh. im Zuge der zunehmenden Marienverehrung und zweitens die Anreicherung aus weiteren Quellen, besonders aus den Evangelien und der Liturgie, durch die der Akzent von Maria auf Jesus verlagert wird und die Erzählung aufgrund der Reflexion über Marias Rolle im Heilsplan eine chronologische Ausdehnung erfährt. Die Pars alterea wird erst Ende des 11. Jh.s zuerst in frz. und engl. Hss. hinzugefügt. [Ulrich von Lilienfeld: Das zwölfjährige Mönchlein. Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 10. Berlin: de Gruyter 2010, 910]

 

 

 

Prolog.

 

Hier beginnt das Buch der Geburt der seligen Maria und der Kindheit des Erlösers, geschrieben in Hebräisch vom seligen Evangelisten Matthäus, und ins Lateinische überetzt vom seligen Presbyter Hieronymus.

 

A.


An ihren geliebten Bruder Hieronymus, den Presbyter, entrichten die Bischöfe Cromatius und Heliodorus im Herrn ihren Gruß !

 

Die Geburt der Jungfrau Maria und die Geburt und Kindheit unseres Herrn Jesus Christus finden wir in apokryphen Büchern beschrieben. Doch wenn man bedenkt, dass in ihnen viele Dinge, die unserem Glauben zuwiderlaufen, geschrieben stehen, haben wir es für recht befunden, dass sie alle verworfen werden sollten, damit wir die Freude Christi nicht noch an den Antichristen überantworten mögen. Während wir dies also erwogen, kamen heilige Männer, Parmenius und Varinus, die uns sagten, dass Eure Heiligkeit ein hebräisches Buch gefunden habe, das von der Hand des seligen Evangelisten Matthäus geschrieben wurde, in der auch die Geburt von der jungfräulichen Mutter selbst und die Kindheit unseres Erlösers geschrieben stehen. Darum erbitten wir Eure Zuneigung von unserem Herrn Jesus Christus selbst, dass Ihr es vom Hebräischen ins Lateinische übertragen möget, nicht so sehr, um es als Insignia Christi zu erachten, sondern vielmehr, um die Verschlagenheit der Ketzer zu bannen, die, um ihre schlechte Lehre zu verbreiten, ihre eigenen Lügen mit der guten Geburt Christi vermischt haben, um die Süße des Lebens mit der Bitterkeit des Todes zu bedecken. Möget Ihr also in reinster Frömmigkeit entweder uns als Eure bittenden Brüder oder als fordernde Bischöfe – dies liegt bei Euch – die Pflicht der Nächstenliebe empfangen lassen.

 

 

 B.

 

Die Antwort des Hieronymus auf ihren Brief:

 

An die heiligsten und seligsten Herren Bischöfe Cromatius und Heliodorus, entrichtet Hiernoymus, ein bescheidener Diener Christi, im Herrn seinen Gruß !

Wer bei der Goldsuche einen Mitwisser bei sich hat, der greift nicht gleich nach allem, was der aufgewühlte Boden preisgibt, sondern lässt, bevor der Hieb des zitternden Spatens die glänzende Masse emporhebt, diesen immer wieder im Boden stecken und dreht und wendet ihn – besonders dann, wenn man selbst noch nichts gefunden hat.

Eine schwierige Aufgabe ist mir auferlegt worden, da selbst der heilige Apostel und Evangelist Matthäus das, was Eure Seligkeit mir zu veröffentlichen befohlen hat, gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht hatte. Denn hätte er es nicht für die Geheimhaltung verfasst, so hätte er es auch seinem Evangelium, das er veröffentlichte, hinzufügen können. Aber er schrieb dieses Buch auf Hebräisch. Er verfasste dieses Büchlein, indem er es mit hebräischen Buchstaben gleichsam versiegelte, und es wurde vollständig geheimgehalten. Dieses von seiner eigenen Hand in hebräischen Lettern geschriebenes Buch wurde auf diese Weise bis heute von sehr heiligen Männern bewahrt, welche es in der Nachfolge ihrer jeweiligen Vorgänger empfingen. Sie überlieferten dieses Buch niemals in einer Übersetzung. Und so geschah es, dass es von einem Jünger des Manichäus namens Leucius veröffentlicht wurde, von dem auch die falschen Apostelgeschichten stammen. Er bot jedoch das Material nicht dar, um zu bilden, sondern um zu zerstören. Und die Synode beschloss, dass sich seiner Leistung gegenüber die Ohren der Kirche nicht öffnen sollten. Mögen also die Bisse derer, die gegen uns bellen, abnehmen. Wir fügen dieses Buch den kanonischen Schriften nicht hinzu, sondern übersetzen das, was von einem Apostel und Evangelisten geschrieben wurde, damit wir die Falschheit der Ketzerei offenlegen können. In dieser Arbeit gehorchen wir also den Geboten der frommen Bischöfe und widersetzen uns fremden Ketzern. Es ist demnach die Liebe zu Christus, die wir erfüllen, und wir hoffen, dass jene uns durch ihre Gebete unterstützen werden, damit sie durch unseren Gehorsam die heilige Kindheit unseres Erlösers erkennen mögen.

 

Es existiert ein weiterer Brief des Pseudo-Hieronymus an dieselben Bischöfe, der auch jenem Buch über die Geburt der Maria als Einleitung vorangestellt ist:

 

Ihr bittet mich, Euch meine Meinung über jenes Buch mitzuteilen, von dem einige behaupten, dass es die Geburt der heiligen Maria widergäbe. Ich möchte Euch wissen lassen, dass meines Erachtens viel Falsches in ihm enthalten ist. Denn ein gewisser Seleucus (= Leucius?), der auch die die "Leiden der Apostel" (passiones apostolorum) verfasste, hat dieses Büchlein geschrieben. Aber so, wie er dort über ihre Kräfte und die Wunder, die sie vollbrachten, viel Wahres berichtete, hat er über ihre wahren Lehren viel gelogen und viele Unwahrheiten frei erfunden. Daher werde ich mich bemühen, es  so, wie es auf Hebräisch vorliegt, Wort für Wort zu übertragen, für den Fall, dass es tatsächlich vom heiligen Evangelisten Matthäus – in hebräischen Lettern versiegelt – an den Anfang seines Evangeliums gesetzt worden ist. Ob dies stimmt oder nicht, überlasse ich dem Verfasser des Vorwortes und der Vertrauenswürdigkeit des Schreibers: ich selbst bezweifle dies, wenngleich ich nicht mit Gewissheit behaupten kann, dass es gefälscht ist. Aber das sage ich frei – und ich glaube, dass kein Gläubiger es leugnen würde – dass, ob diese Geschichten nun wahr sein mögen oder schlichtweg erfunden, der hochheiligen Geburt der heiligen Maria wahrlich große Wunder vorausgingen und die allergrößten folgten. Und so können diese Dinge von denen, die daran glauben, dass Gott diese Dinge tun kann, geglaubt und gelesen werden, ohne ihren Glauben zu beschädigen oder ihre Seelen zu beeinträchtigen. Kurz gesagt, indem ich also mehr dem Sinn der Worte folge, als den Worten des Verfassers selbst, gehe ich – wenn auch nicht in seinen Fußstapfen –, so aber denselben Weg wie er, manchmal ein wenig abschweifend, aber trotzdem noch auf derselben Straße. Und auf diese Weise werde ich die Abfassung der Erzählung bewahren, und werde nichts sagen, was nicht entweder geschrieben steht, oder aus dem Geschriebenen folgen könnte.

 

 

Ende des Prologs.

 

 

[KAPITEL 9]

vgl. Lk 1,26–38

 

Und am zweiten Tage, als Maria am Brunnen war, um ihren Krug zu füllen, erschien ihr der Engel des Herrn und sprach: Gesegnet bist du, Maria. Denn in deinem Leibe hast du eine Wohnung für den Herrn bereitet. Denn siehe, das Licht vom Himmel wird kommen und wohnen in dir, und durch dich wird es über die ganze Welt leuchten. Am dritten Tage wiederum, während sie mit ihren Fingern an dem Purpurstoff arbeitete, trat ein junger Mann von unbeschreiblicher Schönheit ein. Und als Maria ihn sah, fürchtete sie sich und zitterte. Und er sprach zu ihr: Heil, Maria, voll der Gnade; Der Herr sei mit dir, du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Und als sie diese Worte hörte, zitterte sie und fürchtete sich sehr. Dann fügte der Engel des Herrn hinzu: Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst in deinem Leibe empfangen und einen König hervorbringen, der nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel füllt und von Generation zu Generation regiert.

 

 

[KAPITEL 10]

vgl. Mt 1,19–25

 

Während diese Dinge geschahen, war Joseph mit seiner Arbeit, dem Hausbau, im Küstengebiet beschäftigt, denn er war Zimmermann. Und nach neun Monaten kam er zu seinem Haus zurück und fand Maria schwanger. Daher geriet er in große Verzweiflung, zitterte und rief: „Herr, mein Gott, nimm meinen Geist auf! Denn es ist besser für mich zu sterben, als länger zu leben.“ Und die Jungfrauen, die bei Maria waren, sprachen zu ihm: „Joseph, was sprichst du? Wir wissen, dass niemand sie berührt hat. Wir können bezeugen, dass sie noch Jungfrau ist, und unberührt. Wir haben über sie gewacht. Immer hat sie mit uns das Gebet verrichtet, täglich sprechen die Engel Gottes mit ihr, täglich erhält sie Nahrung aus der Hand des Herrn. Wir wissen nicht, wie es möglich ist, dass es irgendeine Sünde in ihr geben soll. Aber wenn du wünschst, dass wir dir unsere Vermutung mitteilen, so hat niemand außer dem Engel des Herrn sie schwanger gemacht.“ Da sprach Joseph: „Warum wollt ihr mich irreführen und glauben machen, dass ein Engel des Herrn sie schwanger gemacht habe? Es wäre doch möglich, dass jemand nur vorgestäuscht habe, ein Engel des Herrn zu sein, und hat sie betrogen.“ Und während er dies sprach, weinte er, und sagte weiter:

Mit welchem Gesicht soll ich nun den Tempel des Herrn anschauen, oder mit welchem Gesicht die Priester Gottes? Was soll ich tun?“ Und so überlegte er, sie zu verlassen, und sie wegzuschicken.