BARNABAS IN DEN PSEUDOKLEMENTINEN


Der Anfang der Rekognitionen in Rufins lateinischer Übersetzung, erhalten im Codex Sangallensis 86 (950–970 n. Chr.)
Der Anfang der Rekognitionen in Rufins lateinischer Übersetzung, erhalten im Codex Sangallensis 86 (950–970 n. Chr.)

1. Kapitel der Recognitionen:

Ich, Clemens, ein römischer Bürger, habe auch während meiner Jugendzeit eine besonnene Lebensführung üben können, weil meine Nachdenklichkeit von Kindheit an mein Triebleben niederhielt und mir viel Betrübnis und Drangsal brachte. Immer wieder kamen mir - woher, weiß ich nicht - Gedanken an den Tod, daran, dass ich nach meinem Dahinscheiden nicht mehr sein und keiner sich meiner erinnern würde, da ja die Zeit, die keine Grenzen kennt, alles, aber auch alles in Vergessenheit bringt, und ich dachte daran, dass ich sein würde, ohne Existenz zu besitzen und ohne um die zu wissen, denen Existenz zukommt... Ist die Welt zu einer Zeit entstanden? fragte ich weiter. Und was war dann vor ihrer Entstehung? Wenn sie nämlich immer bestanden hat, dann wird sie auch weiter bestehen; ist sie jedoch geworden, so muss sie auch vergehen. Und was wird dann nach ihrer Auflösung sein als vielleicht Schweigen und Vergessen? Oder könnte es dann gar etwas geben, was wir uns jetzt nicht einmal vorstellen können? Mit solchen und ähnlichen Gedanken beschäftigte ich mich - warum, weiß ich nicht - immerfort und wurde dadurch so schmerzlich betrübt, dass ich an Bleichsucht und Auszehrung erkrankte. Doch das Schlimmste dabei war, dass ich, wenn ich einmal diese Gedanken als müßig zu verdrängen suchte, nur noch ärger leiden musste. Das verbitterte mich, weil ich noch nicht wusste, dass ich in diesen Gedanken gute Wegbegleiter besaß, die für mich einen rechten Anfang zur Unsterblichkeit bedeuten sollten, wie mir später die Erfahrung meines Lebens zeigte, und ich bin Gott, dem Herrn aller Dinge, dankbar dafür geworden. Durch diese Besorgnisse nämlich, die ich im Anfang als drückend empfand, wurde ich veranlasst, den Dingen auf den Grund zu gehen und diesen Grund zu finden; nunmehr beklagte ich diejenigen, deren Glück ich vorher aus Unwissenheit glaubte preisen zu sollen. Da ich mich also von Kindheit an mit solchen Problemen befasste, so suchte ich, um etwas Gewisses zu erfahren, die Vorlesungen der Philosophen auf. Die widerlegten Lehrsätze und stellten neue auf, stritten und zankten sich, entwickelten ausgeklügelte Folgerungen und erfanden neue Schlüsse; aber etwas anderes vermochte ich bei ihnen nicht zu erblicken. Einmal hieß es, um ein Beispiel zu geben, die Seele sei unsterblich, ein andermal, sie sei sterblich. Wenn die Ansicht galt, sie sei unsterblich, dann freute ich mich; hieß es dagegen, sie sei sterblich, so war ich deshalb traurig. Noch größer war allerdings meine Verzweiflung darüber, dass ich weder die eine noch die andere Auffassung mir zu eigen machen konnte; ich hatte vielmehr den Eindruck, dass die aufgestellten Hypothesen je nachdem, wer sie verficht, als falsch oder richtig ansehen. Während mich eine Flut solcher Überlegungen erfaßte, drang unter der Regierung des Kaisers Tiberius eine Nachricht zu uns durch, die im Osten ihren Ursprung hatte; überallhin breitete sie sich aus und erfüllte schließlich als eine gute Botschaft Gottes die ganze Welt; dass der Wille Gottes unverkündet bliebe, wollte sie nicht dulden. Sie gelangte bis in den letzten Winkel, und das war ihr Inhalt: Da sei ein Mann in Judäa und verkünde seit Beginn des Frühlings den Juden das Reich Gottes; diejenigen, behaupte er, würden es erlangen, die die Forderungen seiner Gebote und seiner Lehre hielten. Zum Beweise, dass seine Rede Glauben verdiene und von göttlichem Geiste sei, lasse er, so erzählte man, durch sein bloßes Wort viele Zeichen und seltsame Wundertaten geschehen, so dass er gleichsam in Gottes Vollmacht die Tauben hören und die Blinden sehen mache, die Siechen und Lahmen aufrichte, jegliche Schwäche und alle Dämonen aus den Menschen vertreibe, ja sogar Tote, die man vor ihn bringe, auferwecke, ferner Aussätzigen, welche er von ferne erblicke, Heilung bringe und es überhaupt nichts gäbe, was für ihn unmöglich wäre. Von solchen Dingen erfuhren wir im Fortgang der Zeit nicht mehr bloß durch die zahlreich umgehenden Gerüchte, vielmehr fanden diese bald ihre Bestätigung durch zuverlässige Berichte von Reisenden, die aus jener Gegend kamen, und die Richtigkeit des Erzählten wurde mit jedem Tage deutlicher. Am Ende fanden in Rom da und dort Zusammenkünfte statt, man besprach sich über diese Nachrichten und äußerte sein Interesse dafür, wer das denn sei, der da in Erscheinung trat, und was für eine Botschaft er den Menschen überbracht hätte. Das ging so lange, bis noch um dasselbe Jahr auf einem sehr belebten Platze der Stadt ein Mann auftrat und sich mit folgenden Worten an die Menge wandte:

 

Hört mich an, ihr Bürger von Rom! Der Sohn Gottes ist im Lande Judäa erschienen und verspricht allen, die es hören wollen, das ewige Leben, sofern einer sein Handeln nach dem Willen Gottvaters, von dem jener gesandt ist, gestaltet. Bekehrt euch darum vom Bösen zum Guten, von dem, was zeitlich, zu dem, was ewig ist! Erkennt, dass es ein Gott ist, der Himmel und Erde lenkt und unter dessen gerechten Augen ihr ohne Gerechtigkeit die Welt bevölkert, die ihm gehört! Doch wenn ihr euch bekehrt und nach seinem Willen handelt, werdet ihr in ein neues Zeitalter eingehen, unsterblich werden und an seinen unsagbar herrlichen Gütern und Gaben teilhaben.“

 

Seite aus den syrischen Clementinen
Seite aus den syrischen Clementinen

Der Mann, der so zu der Menge sprach, stammte aus dem Morgenlande, war ein Hebräer mit Namen Barnabas und behauptete, zum Kreise der Schüler jenes Gottessohnes zu gehören und dazu ausgesandt zu sein, dass er diese Botschaft denen, die sie hören wollten, verkündete. Nachdem ich das vernommen, lief ich mit den anderen Leuten hinter ihm her und hörte weiter auf das, was er sagte. Denn es war mir klar, dass bei diesem Mann die Worte nicht bloßer rhetorischer Aufputz waren sondern er schlicht und ohne Umschweife darlegte, was er von dem Gottessohne gehört oder gesehen hatte. Seine Behauptungen untermauerte er nämlich nicht mit plausiblen Beweisgründen, sondern führte für die Reden und die Wunderdinge, die er verkündete, Zeugen zahlreich, auch aus dem Kreise der Umstehenden, vor. Als nun aber die einfachen Leute so lauteren Worten gerne zustimmten und an der schlichten Redeweise zunehmend Gefallen fanden, da begannen die, welche sich als Gelehrte und Philosophen dünkten, Barnabas zu verlachen und zu verspotten und die Fallstricke ihrer Syllogismen als ihre schwersten Waffen gegen ihn zu richten. Doch der ließ sich dadurch nicht irre machen, achtete ihre Spitzfindigkeiten für Narrenpossen und würdigte sie selber nicht einmal einer Antwort, sondern setzte mutig den Weg fort, den er eingeschlagen hatte. Als ihn so einmal jemand bei einem Vortrag mit der Zwischenfrage unterbrach, warum die Mücke, ein doch nur winziges Tier, so gestaltet sei, dass sie sechs Füße und dazu noch Flügel besitze, hingegen der Elefant trotz seiner außergewöhnlichen Größe gar keine Flügel und nur vier Beine habe, ging er darauf überhaupt nicht ein, sondern setzte seine Rede, welche die unpassende Bemerkung unterbrochen hatte, bei anhaltender Aufmerksamkeit fort; nur die eine Mahnung äußerte er immer dann, wenn er unterbrochen wurde:

 

Wir haben den Auftrag, euch die Worte und Wundertaten dessen zu verkünden, der uns gesandt hat, und die Zuverlässigkeit unserer Verkündigung nicht durch künstliche Beweisgründe, sondern durch Zeugen aus euern eigenen Reihen zu bekräftigen. Denn ich sehe sehr viele unter euch stehen, die, wie ich weiß, mit uns gehört haben, was wir hörten, und mit uns gesehen haben, was wir sahen. Es liegt in eurer Entscheidung, unsere Predigt anzunehmen oder zu verwerfen. Wir können das nicht verschweigen, was, wie wir wissen, euch nützlich ist; denn wenn wir es nicht nennen, so ist es uns zum Schaden, euer Verderben jedoch, das nicht anzunehmen, was wir verkündigen. Aber auch auf eure törichten Einwände - ich denke an den Unterschied zwischen Mücke und Elefant - würde ich ohne Schwierigkeit antworten, wenn ihr fragtet, um die Wahrheit zu erfahren; doch wäre es unsinnig, jetzt zu euch von den Geschöpfen zu reden, da ihr den Schöpfer und Urheber aller Dinge nicht kennt.“

 

Kaum hatte er geendet, begannen auf einmal alle wie auf Übereinkunft ein hemmungsloses Gelächter, durch das sie ihn einschüchtern und zum Schweigen bringen wollten, und nannten ihn einen Barbaren, der nicht bei Sinnen sei. Da ich das alles mit ansehen musste, ergriff es mich plötzlich - ich weiß nicht wie-, heiliger Zorn entbrannte in mir, ich konnte nicht mehr an mich halten, sondern erklärte mit allem Freimut:

 

Mit gutem Recht hat der allmächtige Gott vor euch seinen Willen verborgen, deren Unwürdigkeit, ihn zu erkennen, er voraussah, so wie sie aus eurem jetzigen Verhalten jedem Einsichtigen nur allzu offenkundig wird. Denn während ihr die Verkünder des Willens Gottes bei euch seht, deren Redeweise von keiner grammatischen Schulung zeugt, die vielmehr in schlichten, ungekünstelten Worten euch die göttlichen Gebote vermitteln, so dass alle Hörer folgen und das Gesagte verstehen können, lacht ihr über die Vollstrecker und Überbringer eures Heils, da ihr nicht wisst, dass es für euch, die ihr euch kluge Leute und tüchtige Redner dünkt, das Verdammungsurteil bedeutet, wenn die Wahrheit von Wilden und Unzivilisierten erkannt wird. Denn nachdem sie zu euch gekommen ist, findet sie keine gastliche Aufnahme, obschon sie doch, stünden dem nicht eure Auflehnung und Zügellosigkeit entgegen, eure liebe Mitbürgerin hätte sein müssen.

 

Infolgedessen macht man euch den Vorwurf, ihr seid nicht Freunde der Wahrheit und Philosophen, sondern Prahlhänse und Aufschneider, die da meinen, dass die Wahrheit nicht auch in schlichten, sondern nur in klügelnden und geistreichen Reden zu finden sei, und viele tausend Worte schwätzen, die doch ein einziges wahres nicht aufzuwiegen vermögen. Was glaubt ihr denn, ihr Griechen alle, was mit euch geschehen wird, wenn das Gericht Gottes stattfindet, von dem dieser Mann da spricht? Hört darum sofort auf, zu eurem eignen Verderben über ihn zu lachen, und einer von euch erkläre uns, warum ihr durch euer Geblök auch die Ohren derer zu überschreien sucht, die gerettet sein wollen, und weshalb ihr durch euern Lärm die Sinne derer, die zu glauben bereit sind, zum Abfall in den Unglauben verleitet! Wie soll euch je verziehen werden, wenn ihr den Abgesandten der Gottheit, der euch die Erkenntnis Gottes verheißt, verspottet und misshandelt? Er müsste euch in jedem Falle, selbst wenn er keinerlei Wahrheit zu bringen hätte, allein schon wegen seines so freundlichen Anerbietens an euch angenehm und willkommen sein.“ Während ich mich so und ähnlich äußerte, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Dabeistehenden, insofern einige mit Barnabas, der doch ihr Gast war, Mitleid empfanden und infolgedessen meine Ansprache für durchaus berechtigt hielten, während andere aus Frechheit und Dummheit an mir ebenso wie an Barnabas ihr Mütchen zu kühlen suchten. Doch sobald der Abend hereinbrach, ergriff ich Barnabas’ Rechte, brachte ihn, ohne auf sein Widerstreben zu achten, in mein Haus und ließ ihn nicht mehr hinaus, damit nicht irgendein Rohling sich an ihm vergreifen konnte. So verbrachten wir mehrere Tage zusammen; er legte mir in aller Kürze das Wort der Wahrheit dar, und ich war dabei sein williger Zuhörer. Dennoch drängte er zum Aufbruch, da er, wie er sagte, den bevorstehenden Festtag seiner Religion unbedingt in Judäa begehen wolle; dort werde er auch mit seinen Landsleuten und Brüdern Zusammensein können. Dabei brachte er offen zum Ausdruck, dass ihn die Erregung über das erlittene Unrecht schwer betroffen habe. Schließlich sagte ich zu ihm: Erkläre mir doch die Lehre jenes Mannes, dessen Erscheinen du verkündigst! Ich will dann deine Worte in meine Reden einfließen lassen und von dem Königtum und der Gerechtigkeit des allmächtigen Gottes predigen und danach, wenn du es wünschst, mit dir fahren. Denn ich möchte sehr gern Judäa kennen lernen, um womöglich für immer bei euch zu bleiben" Darauf erwiderte Barnabas: „Wenn du unser Vaterland sehen und das, was du zu erfahren begehrst lernen willst, so segle jetzt gleich mit mir! Falls dich jedoch hier noch etwas bindet, so werde ich dir die Erkennungszeichen unserer Wohnung mitteilen, damit du uns leicht finden kannst, wenn du kommen magst, ich werde mich nämlich bereits morgen auf den Weg machen."

 

Da mir deutlich war, dass er diesen Entschluss nicht mehr umstoßen würde, geleitete ich ihn bis zum Hafen und ließ mir die Kennzeichen seiner Wohnung, von denen er gesprochen hatte, genau erklären. Dabei sagte ich ihm: Müsste ich nicht noch von Schuldnern eine Summe Geld einfordern, so würde ich keinen Augenblick mehr zögern; aber ich werde dir bald folgen." Nachdem ich das gesagt und Barnabas den Schiffsherren wärmstens empfohlen hatte, kehrte ich traurig zurück; denn ich hatte Sehnsucht nach diesem lieben Gast und guten Freund. Nachdem ich die Frage meiner Außenstände im großen ganzen geregelt hatte, wobei ich, um nicht von meinem Vorhaben abgelenkt zu werden, in der Eile sehr viel überging, segelte ich ein paar Tage später direkt nach Judäa und ging nach fünfzehntägiger Fahrt in Cäsarea Stratonis, der größten Stadt Palästinas, an Land. Als ich mich nach Verlassen des Schiffs nach einem Quartier erkundigte, erfuhr ich aus den Erzählungen der Leute, dass ein gewisser Petrus, ein höchstbewährter Jünger des Mannes, der in Judäa auftrat und unter dem Volk aus göttlicher Kraft viele Zeichen und Wunder getan hat, am nächstfolgenden Tage mit Simon, einem Samaritaner aus dem Flecken Gitta, eine gelehrte Disputation halten werde. Auf diese Nachricht hin bat ich, mir Petrus' Unterkunft zu zeigen. Nachdem ich sie gefunden hatte und zur Tür getreten war, teilte ich dem Pförtner mit, wer ich wäre und woher ich käme. Doch da kam schon Barnabas hinzu und fiel mir, sobald er mich gesehen, unter Freudentränen in die Arme. Dann nahm er mich an der Hand und führte mich zu Petrus hinein. Auf diesen wies er mich schon von weitem: Das ist Petrus, von dem ich dir erzählte, dass er am tiefsten in die göttliche Weisheit eingedrungen. Ich habe ihm unverzüglich über dich berichtet; du kannst ihm also wie ein guter Bekannter gegenübertreten. Von allen deinen guten Eigenschaften hat er nämlich genaue Kenntnis, und mit Aufmerksamkeit hat er deinen Plan verfolgt; deshalb möchte er dich sehr gern kennen lernen. Und so bringe ich dich ihm heute als ein großes Geschenk mit meinen Händen dar." Indem er mich vorstellte, sagte er: Das ist Klemens, lieber Petrus! " Als Petrus, dieser gütige Mann, meinen Namen vernommen, trat er auf mich zu, blieb eine Weile vor mir stehen und sagte dann, nachdem er mich aufgefordert, Platz zu nehmen: Du tatest gut daran, dass du Barnabas, einen Verkünder der Wahrheit, zu dir aufnahmst, ohne dich vor der Wut des rasenden Pöbels zu fürchten; selig wirst du werden. So, wie du nämlich den Boten der Wahrheit aufgenommen hast, wird auch dich die Wahrheit selber, wenn du ein Pilger und Fremdling bist, aufnehmen und dir das Bürgerrecht ihrer Stadt verleihen. Es wird dann eine große Freude für dich bedeuten, wenn du dafür, dass du jetzt eine geringe Gefälligkeit erwiesest, zum Erben ewiger Güter eingesetzt wirst. Du brauchst dich jetzt nicht darum zu bemühen, mir über dich Aufklärung zu verschaffen. Barnabas hat mir nämlich über dich und deine Charaktereigenschaften alles wahrheitsgemäß berichtet und fast täglich ohne Unterlass deine guten Taten gerühmt." - -----------------

 

Illustration einer Szene aus den Clementinen: Petrus’ Kampf gegen Simon Magus (Cod. Sangallenis 86, 950–970 n. Chr.)
Illustration einer Szene aus den Clementinen: Petrus’ Kampf gegen Simon Magus (Cod. Sangallenis 86, 950–970 n. Chr.)