D A S   L E B  E N   D E S   HL .   B  A R N A B A S

(c) DAS BARNABAS PROJEKT 2016/17


 

Der Apostel Barnabas ist vor allem durch seine Erwähnung als Gefährte des Paulus auf seinen Missionsreisen in der Apostelgeschichte des Lukas bekannt. Durch die starke paulinische Prägung der Apostelgeschichte tritt er jedoch hinter Paulus zurück. Daher wird nach seiner Trennung von diesem (vgl. Apg 15, 36–41) auch nicht mehr weiter über ihn berichtet. Es heißt lediglich, dass er zusammen mit Johannes Markus nach Zypern segelte (Apg 15, 39b). In der Vorbemerkung der griechisch-deutschen Ausgabe der Laudatio Barnabae (Lobrede auf Barnabas) wird dieses Schattendasein des Apostels hinter Paulus thematisiert. Barnabas gerate

 

 

bereits im Neuen Testament in den übermächtigen Schatten des Paulus und wird bald vollends zu dessen Mitarbeiter degradiert. In Wirklichkeit zählt er wie Petrus, Jakobus oder Paulus zu den großen Gründergestalten der christlichen Kirche. Seine unverwechselbare Bedeutung besteht darin, dass er in beiden für die Anfänge der Kirche bedeutsamen Zentren zu Hause ist und wie kein anderer an allen markanten Schnittstellen des Urchristentums in führender Funktion begegnet. Als angesehenes Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde und Leitfigur der Christengemeinde von Antiochien, als Delegierter beim Apostelkonvent und Beteiligter am antiochenischen Zwischenfall hat er das Geschick der Kirche in ihrer Frühzeit entscheidend mitbestimmt und gleichzeitig einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Werdegang des Apostels Paulus ausgeübt.1

 

Die apokryphen Barnabasakten (Acta Barnabae) berichten dagegen ausführlich über diesen letzten Abschnitt im Leben des vergessenen Apostels, das mit seinem Märtyrertod auf der Insel Zypern besiegelt wurde. Der Hl. Barnabas soll nach dieser Überlieferung immer ein Evangelium mit sich geführt haben, das er den Kranken auflegte, um sie so zu heilen.

 

Eine weitere nicht-kanonische Quelle für das Leben des Hl. Barnabas ist die Laudatio Barnabae des Alexander Monachus (6. Jhd. n. Chr.). Hier wird zudem über die Wiederentdeckung des  Grabes und des Evangeliums des Apostels berichtet, das ihm auf seine Brust gelegt war.

 

Trotz seiner 23-mailigen Erwähnung in der Apostelgeschichte bleibt Barnabas immer der profillose Reisebegleiter des Paulus, der anscheinend nie von dessen Position abweicht und in seiner Gegenwart nie das Wort ergreift. Markus Öhler hat herausgearbeitet, daß dieses Verhältnis zwischen den beiden Aposteln nicht der dammaligen Realität entsprach. Öhler hat in seiner Habilitationsschrift "Barnabas. Die historische Person und ihre Rezeption in der Apostelgeschichte" (2003) die tieferen Schichten hinter der Endfassung der paulinisch geprägten Apostelgeschichte freigelegt. Dabei fand er heraus, daß das Verhältnis zwischen Paulus und Barnabas genau gegenteilig war:

 

 

 

Es ist eher damit zu rechnen, daß Paulus Barnabas gegenüber in einer Position war, wie sie später Silas oder Timotheus für Paulus einnahmen (Apg 15,40; 16,1–3; 1 Thess 1,1; 2 Kor 1,19) – als ,Juniorpartner‘. Der leitende Apostel war jedoch Barnabas.“

 

(Markus Öhler: Barnabas. Der Mann der Mitte. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2013).

 

 

 

Der Grund für diese regelrechte Beseitigung des Barnabas aus der Apostelgeschichte ist scherlich in dem Streit zwischen Barnabas und Paulus zu suchen, der zum Bruch beider Männer führte. Über die Gründe dieses Streits schweigt sich die Apostelgeschichte weitestgehend aus. Daß eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob Johannes Markus die beiden Apostel begleiten solle oder nicht hierfür verantwortlich gewesen war, schließt die Forschnung mittlerweile aus. Wolfgang Reinbold schreibt in seiner Habilitationsschrift "Propaganda und Mission im ältesten Christentum" (2000) folgenden Grund für die mysteriöse Entzweiung:

 

 

 

"In Wirklichkeit haben sie sich nicht über Johannes Markus entzweit, sondern über der Frage, ob man den Forderungen der (mit dem ‚Aposteldekret‘) nach Antiochia gekommenen Leute des Jakobus folgen solle oder nicht. Manches spricht dafür, daß Lukas um diese Tatsache auch wußte und daß er sie eskamotiert und durch die aus verschiedenen Personalnotizen gewon- nene Markusepisode ersetzt hat – getreu seiner Tendenz, Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen in derfrühen Kirche so weit wie möglich in den Hintergrund treten zu lassen.“ (Wolfgang Reinbold: Propaganda und Mission im ältesten Christentum. Eine Untersuchung zu den Modalitäten der Ausbreitung der frühen Kirche (FRLANT 188). Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2000, 104f.)

Lesart "Bar-n-abas" in Apg 1,23 des Codex Bezae Cantabrigiensis
Lesart "Bar-n-abas" in Apg 1,23 des Codex Bezae Cantabrigiensis

 

Der auf eine alte judenchristliche Grundschrift zurückgehende Clemensroman ist „nach der Apostelgeschichte der wahrscheinlich älteste erhaltene Text, in dem Barnabas eine Rolle spielt“ (Klaus Öhler). In dem ältesten Textabschnitt, der sogenannten „AJ II-Quelle“, den Georg Strecker auf 150 bis 220 n. Chr. datiert, wird berichtet, daß Barnabas,

 

der auch Matthias (genannt wird), anstelle des Judas zum Apostel nachgewählt wurde“,

 

mit anderen Worten: einer der zwölf Apostel war. Diese Ersetzung des Verräters Judas steht auch in der Apostelgeschichte der Bibel:

 

Und sie stellten zwei dar: Joseph, genannt Barsabas, der Justus zubenamt war, und Matthias. [...] Und sie gaben Lose über sie; und das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugezählt.“ (Apg 1,23ff.)

 

Was fällt Euch auf? --- Joseph Bar-s-abas unterscheidet sich nur durch einen Buchstaben von Joseph Bar-n-abas. Und tatsächlich findet sich vor allem in Handschriften des „westlichen“ Texttyps (z.B. Codex Bezae Cantabrigiensis oder die altlateinische Bibelübersetzung, die Vetus Latina genannt wird) in Apg 1,23 genau diese Lesart: Joseph Bar-n-abas.

 

Laut Apostelgeschichte verliert dieser Joseph Barnabas die Wahl, und sein Konkurrent Matthias wird der 12. Apostel. Man muß sich aber fragen, warum am Anfang der Apostelgeschichte von dem neuen 12. Apostel Matthias berichtet wird, aber dann nicht mehr.Über diesen ominösen Matthias ist auch anderswo in der christlichen Überlieferung so gut wie nichts bekannt. Warum? -- Andererseits ist es auffällig, daß ein „Joseph Barnabas“, der genauso heißt wie der Kandidat, der die Wahl zum 12. Apostel kurz vorher verloren hat, einige Kapitel später eingeführt wird (Apg 4,32ff.). Warum erscheint er aus dem Nichts und ist auf einmal so wichtig (er wird insgesamt 23 Mal in der Apostelgeschichte erwähnt)?


1) vgl. Alexander Monachus: Laudatio Barnabae / Lobrede auf Barnabas (griech./dt.). Fontes Christiani, Bd. 46. Turnhout: Brepols, 2007.