Das italienische Manuskript


Johann Friedrich Cramer, ehemaliger Hauslehrer des preußischen "Soldaten-königs" Friedrich Wilhelm I., erwarb Anfang des 18. Jhds. während seiner Tätigkeit als Botschafter des preußi-schen Königs in Amsterdam das itali-enische Manuskript des Barnabas-evangeliums "aus der Bibliothek einer Amsterdamer Persönlichkeit von hohem Ansehen, der große Stücke auf diese Schrift hielt". Wer diese Person war, wird jedoch in keiner der uns zur Verfügung stehenden Quellen berichtet.  Luigi Cirillo glaubte diese Person in Cristopher Sandius (1644–1680) gefunden zu haben, der ebenfalls Preuße war und in Amsterdam im Exil lebte. Sandius gehörte dem Unitarismus oder Anti-Trinitarismus an, einer heute nahezu ausgestorbenen protestantischen Bewegung, welche, wie die frühchristlichen Arianer, Jesu Göttlichkeit und somit die Trinitätslehre ablehnte. Sandius sah im Arianismus den Höhepunkt der Kirchengeschichte. Im Eintrag des italienischen Manuskripts in der Österreichischen National-bibliothek in Wien heißt es:

 

In Amsterdam von Johann Friedrich Cramer erworben und 1709 an John Toland ausgeborgt, 1713 als Geschenk an Prinz Eugen gekommen.

 

Als Cramer das Manuskript des Barnabasevangeliums im Jahre 1713 an Prinz Eugen von Savoyen verschenkte, schrieb er eine lateinische Widmung auf die ersten freien Seiten des Büchleins:

Serenissimo

Sabavdiae Principi

EVGENIO

Heroi invicto, Musarum

Herculi

 

Hoc Evangelium Muhammedanum, quod BARNABAE Apostoli Nomen prae se fert. In Italicum sermonem, compluribus abhinc seculis, uti carateris ductus et vetustae orthographiae ratio ostendit, | conversum; quod Evangelium, sive Arabice sive alia lingua, et si quis conjecturae locus est, a Sergio Monacho Nestoriano, uno e tribus illis ALCORANI architectis compositum, adhuc videre nemini Christianorum licuit: quamvis hi illud perquirere et inspicere omni ope niterentur: at tandem | ejusmodi Evangelium quo Muhammedani, tantopere gloriantur, ne existere quidem suspicari coeperint: Hunc, inquam, Codicem, manu satis eleganti exaratum, et, sicuti constat, VNICUM: Vt esset Bibliothecae quam Princeps Incomparabilis, libris rarissimis, seu typis, seu manu descriptis refertis-simam, construendam, regio et animo et sumptu, suscepit, | non postremum orna- mentum: Et simul suae in immortale MAXIMI HEROIS Nomen perpetuae obser-vantiae, pietatis, ac devotissimi pectoris qualecumque Monumentum:

 

L.   M.   Q.

D.   D.   D.

 

IOANNES FREDERICUS CRAMERUS

HAGAE COMITIS a. d. xx Iunii

 

| CIƆ IƆ CCXIII.

Seiner Durchlaucht,

dem Prinzen von Savoyen,

EUGEN,

dem unbesiegbaren Helden,

Herkules der Musen,

 

ist dieses mohammedanische Evangelium, dem der Name des Apostels Barnabas vorangestellt ist, zugeeignet. Es ist vor einigen Jahrhunderten ins Italienische übersetzt worden, worauf die benutzte Schriftform und die altertümliche Recht-schreibung hindeuten. Das Evangelium ist – auch wenn dies lediglich eine Vermutung ist – entweder auf Arabisch oder in einer anderen Sprache von dem nestorianischen Mönch Sergius,1 einem jener drei Urheber des Korans, zusammengestellt worden. Bis heute bekam es noch kein Christ zu sehen, obgleich sie mit allen Mitteln versuchten, es zu finden und einzusehen, so dass sie schließlich dieses von den Mohammedanern so sehr gepriesene Evangelium, ver- dächtigten, gar nicht zu existieren. Dieses Buch entstammt – das möchte ich betonen – einer feinen Hand, und ist, wie es aussieht, ein Unikat: Da Ihr, unvergleichlicher Herrscher, eine Bibliothek habt bauen las- sen, die mit sehr seltenen sowohl gedruckten als auch handgeschriebenen Büchern ange- füllt ist, wäre (dieses Evangelium) hierfür wohl nicht der schlechteste Schmuck: und zugleich Eurem, des größten Helden, un- sterblichen Namen ein würdiges Denkmal meiner ununterbrochenen Ehrerbietung, Treue und der Ergebenheit meiner Seele an Euch:

 

Bereitwillig und verdientermaßen

als ein Geschenk gewidmet und gegeben, 

Johann Friedrich Cramer,

 

den Haag, im Jahre des Herrn 20. Juni 1713.