DER KOMMENDE MENSCHENSOHN

                                                                     von Daniel Erhorn (c) 2015


 

§ 1. Der Ursprung der Menschensohnworte

 

Der neutestamentliche Kanon erwähnt an mehreren Stellen eine von Jesus angekündigte eschatologische Gestalt, welche als „Menschensohn“ (Bar ’Enȏš) bezeichnet wird. In den vier Evangelien scheint es, als redete Jesus von sich selbst als Menschensohn, da er Ereignisse seines eigenen Lebens mit dem Subjekt „Menschensohn“ verbindet, so als redete er von sich selbst in dritter Person:

 

Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!1

 

Insgesamt gibt es drei Kategorien von Menschensohnworten in den Synoptikern, die von Rudolf Bultmann bezüglich ihrer Authentizität folgendermaßen bewertet werden:

 

sie reden 1. vom kommenden, 2. vom leidenden und auferstehenden, 3. vom gegenwärtig wirkenden „Menschensohn“. [...] allein die erste Gruppe enthält älteste Überlieferung. Die zu ihr gehörigen Worte reden vom ,Menschensohn‘ in dritter Person.2

 

Der Bultmannschüler Heinz Eduard Tödt bestätigt in seiner Dissertation3 die These seines Lehrers. Alle anderen Menschensohnworte, in denen Jesus in der Gegenwart spricht, sowie all diejenigen, welche sich auf das zukünftige Leiden des Menschensohnes beziehen, seien laut Tödt nachösterlichen Ursprungs.4 Auch redet Jesus immer vom Menschensohn in der dritten Person und identifiziert sich an keiner Stelle mit diesem. Bultmann zufolge

 

 

 

enthält die synoptische Überlieferung keine Worte, in denen Jesus gesagt hat, er werde dereinst (demnächst) wiederkommen […] In den Worten, die vom Kommen des ,Menschensohnes‘ reden, ist gar nicht daran gedacht, dass dieser ,Menschensohn‘ schon da ist und erst durch den Tod entfernt werden muss, um dann vom Himmel wieder kommen zu können.5

 

Dass die Worte vom kommenden Menschensohn schon früh in der Urgemeinde auf Jesus selbst bezogen wurden, war eine Reaktion innerhalb der Urgemeinde auf die schockierende Zäsur der Kreuzigungsereignisse und der darauffolgenden frohen Botschaft der Wiederauferstehung. Die eschatologische Neudeutung der Heilsereignisse hatte ihre Grundlage im Jesuswort von der Davidsohnfrage (Mk 12, 35–37 parr.):

 

Und Jesus hob an und sprach, als er im Tempel lehrte: Wie sagen die Schriftgelehrten, daß der Christus Davids Sohn sei? 36 [Denn] David selbst hat in dem Heiligen Geiste gesagt: "Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße". 37 David selbst [also] nennt ihn Herr, und woher ist er sein Sohn? - Und die große Menge des Volkes hörte ihn gern.

 

Diese Frage wird in den Synoptikern nicht ohne Grund als die letzten öffentlichen Worte Jesu vor seiner Kreuzigung präsentiert. Jesus offenbart sich hier vor allem Volk als himmlischer „Menschensohn“ (bzw. „Gottessohn“), der in seiner Erhöhung über David steht und deshalb nicht mehr dessen Spross genannt werden kann (als der er zuvor präsentiert wurde), weil er durch seinen Sühnetod der Sohn Gottes wird. Der schwerfällige Charakter dieser Ausdeutung  springt einem sofort ins Auge. Doch so seltsam sie sein mag: sie ist seit frühester Zeit belegt. Schon im Römerbrief finden wir die Worte.

 

Der aus dem Samen Davids gekommen ist dem Fleische nach, und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung.6

 

Jesu irdische Mission als Sohn Davids wäre demnach mit seinem unmittelbar bevorstehenden Kreuzestod beendet und es begänne mit der darauffolgenden Auferstehung seine himmlische Erhöhung „zur Rechten Gottes“, wie es in Ps 110,1 heißt. An dieser Stelle wird die Davidsohnfrage mit dem von Jesus angekündigten Menschensohn verknüpft. Mk lässt Jesus selbst vor dem Hohen Rat diese Beziehung herstellen (vgl. Mk 14, 62f.):

 

Wiederum fragte ihn der Hohepriester und spricht zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Gesegneten? Jesus aber sprach: Ich bin's! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.

 

Die theologische Komposition dieser Stelle ist klar erkennbar. Nach Martin Dibelius „ist kaum anzunehmen, dass die christlichen Gemeinden einen Augenzeugen zur Verfügung hatten, der ihnen hätte berichten können, dass Jesus sagte: ,Ich bin es‘“.7 H. E. Tödt ergänzt, dass „eine solche bewusste Zusammenordnung der verschiedenen christologischen Prädikate gewiss nicht in ein frühes Stadium der synoptischen Tradition“ zu datieren und somit „der nachösterlichen Gemeinde zuzuschreiben“ sei.8 Das Jesuswort, mit dem Ps 110,1 hier verbunden wurde, findet sich wiederum in der Endzeitrede Jesu:

 

Und dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit. 9

 

Dieser Satz ist ein indirektes Schriftzitat von Dan 7,13:

 

Ich schaute in Gesichten der Nacht: und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen.

 

Das Zitat aus Daniel gehörte, Tödt zufolge, nicht dem ursprünglichen Menschensohnwort an, sondern wurde nachträglich zum Beweis der Konformität mit der jüdischen Tradition eingefügt. Dies werde dadurch bewiesen, dass „kein authentisches Jesuswort sich auf ein Menschensohnwort der Schrift – sei es nun Dan 7,13f. oder eine andere apokalyptische Schriftstelle – bezieht“.10

 

Die Ankündigungen Jesu von einem kommenden Menschensohn wurden also von der ersten Gemeinde nach dem schockierenden Kreuzestod des Heilands und den hoffnungsvollen Berichten von seiner Wiederauferstehung so interpretiert, dass Jesus in den Menschensohnworten von sich selbst als Auferstandenem und Erhöhtem geredet haben muss. In diesen Kontext fällt auch die Davidsohnfrage, derzufolge Jesus von sich selbst in zwei Personen spricht: dem Davidsohn und dem Menschensohn. An dieser Stelle müssen wir mit Bultmann fragen: Meinte Jesus wirklich in seinen Ankündigungen eines Kommenden sich selbst oder war dies eine Interpretation seitens der Gemeinde?11

 

 

§2. Der ’Enȏš

 

Die „Sektenregel“ aus Qumran nennt drei zu erwartende Heilsgestalten:

 

Und von keinem Rat des Gesetzes sollen sie abweichen, um in aller Verstocktheit ihres Herzens zu wandeln, sondern sie sollen nach den früheren Bestimmungen gerichtet werden, durch welche im Anfang die Männer der Gemeinschaft in Zucht gehalten worden sind, bis dass der Prophet und die Gesalbten Aarons und Israels kommen.12

 

 

Es liegt nahe, in den beiden hier erwähnten Gesalbten den Davididen Jesus und den Leviten13 und Priestersohn Johannes zu erblicken. Noch Ephraem der Syrer nennt Johannes den Täufer neben Jesus in seinem Diatessaronkommentar einen „Gesalbten“14 – eine für das heutige römisch-paulinische Christentum unorthodoxe Sichtweise. Der hier genannte „Prophet“ schließlich ist der bei Moses angekündigte endzeitliche Gesetzgeber (vgl. 5 Mose 15,18).

 

Sogar das Neue Testament bezeugt die Unterscheidung zwischen dem Gesalbten (Christus) und „dem Propheten“:

 

Etliche nun aus der Volksmenge sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. Andere sagten: Dieser ist der Christus. Andere sagten: Der Christus kommt doch nicht aus Galiläa? Hat nicht die Schrift gesagt: Aus dem Samen Davids und aus Bethlehem, dem Dorfe, wo David war, kommt der Christus? Es entstand nun seinethalben eine Spaltung in der Volksmenge.15

 

Die frühe Gemeinde hat diese getrennten Heilsgestalten des Gesalbten aus Davids Stamm und des "Neuen Moses" in Jesus Christus verschmolzen, wie etwa die Rede des Petrus (Apg 3) oder die Rede des Stephanus (Apg 7) bezeugen. Sie ist auch in der schon erwähnten Spaltung der Person Jesu in den Davidsohn und den Menshensohn erkennbar (s.o. Davidsohnfrage, Römerbrief, etc.).

 

Wäre es möglich, dass sowohl Jesus als auch Johannes den Propheten „wie Mose“ angekündigt haben? Die Christen hätten dann sowohl die Aussagen des Johannes von einem, "der nach ihm kommt und vor ihm war" (Joh 1,27), als auch die Ankündigung Jesu vom kommenden Menschensohn ausschließlich auf Jesus bezogen.

 

Dafür, dass auch Johannes der Täufer den Menschensohn angekündigt hat, spricht folgendes. Der Menschensohn (Bar ’Enȏš) findet sich alsEnȏš bei den aramäischstämmigen Mandäern wieder,1617 die aus einer johanneischen Täufersekte entstanden sind und von denen bis heute eine Enklave im Südirak und dem angrenzenden Iran existiert. Wurde also der Bar ’Enȏš von Johannes angekündigt, wenn er bei den Mandäern, die Traditionen des Täufers bewahrten und diesen hoch verehren, Erwähnung findet? Dass sie  aus christlichen Quellen stammen, ist zumindest unwahrscheinlich, da sie dem Christentum geradezu feindlich gegenüberstehen und Jesus bei ihnen sogar eine Art "Antichrist" darstellt. In ihrer bedeutendsten heiligen Schrift, dem Sidra Rabba (Buch 2, 1) heißt es:

 

Wenn Johannes in jenem Zeitalter Jerusalems lebt, den Jordan nimmt und die Taufe vollzieht, kommt Jesus Christus, geht in Demut einher, empfängt die Taufe des Johannes und wird durch die Weisheit des Johannes weise. Dann aber verdreht er die Rede des Johannes, verändert die Taufe im Jordan und predigt Frevel und Trug in der Welt. Christus wird die Völker spalten, die zwölf Verführer ziehen in der Welt umher. In jenem Zeitalter bewährt euch, ihr Wahrhaftigen.

 

Der Orientalist Hans Heinrich Schaeder sah zusammen mit Rudolf Bultmann denEnȏš der Täufertradition auch im Prolog des Johannesevangeliums beschrieben, dessen Autor den zum Eigennamen gewordenen aramäischen BegriffEnȏš („Mensch“) wörtlich mit „Mensch“ (griech. ἄνθρωπος) übersetzte, anstatt ihn als Eigennamen stehen zu lassen. Hierbei wird derEnȏš mit Johannes identifiziert (Joh 1,6):

 

Da war ein Mensch (Enȏš ), von Gott gesandt, sein Name Johannes

 

Schaeder vermutete im Johannesprolog einen Hymnus aus der Tradition der Johannesjünger1819 und versuchte, den Text in seine ursprüngliche Sprache, das Aramäische, zurückzuübersetzen.

 

 

Im Anfang war der Mēmrā,

 

und der Mēmrā war bei Gott.

 

Und Gott war der Mēmrā,

 

der war im Anfang bei Gott.

 

Alles ward durch ihn gemacht,

 

und ohne ihn ward gar nichts gemacht.

 

Denn in ihm war (das) Leben,

 

und das Leben (war) das Licht der Menschenkinder.

 

Und das Licht leuchtet in der Finsternis,

 

aber die Finsternis ergriff es nicht.

 

Es ward ’Enȏš von Gott gesandt

 

Er war das Licht der Kušṭā,20 das alles erleuchtet,

 

Enȏš, der in die Welt kommt.21

 

 

Der griechische Text ließe für die letzten drei Zeilen auch die folgende Übersetzung zu:

 

 

Erschaffen (Ἐγένετο) wurde ’Enȏš,

 

der Gesandte Gottes (ἀπεσταλμένος παρὰ θεοῦ)

 

Er war das Licht der Wahrheit, das alles erleuchtet,

 

Enȏš, der in die Welt kommen soll.

 

 

Es könnte sich hierbei demnach ursprünglich um einen Schöpfungshymnus gehandelt haben, der Gottes Erschaffung des, wie Paulus den von ihm mit Jesus identifizierten Menschensohn in Kol 1,15 nennt, "Erstgeborenen aller Schöpfung" (πρωτότοκος πάσης κτίσεως) beschreibt. Paulus fährt fort (Kol 1,16):

 

Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen.

In der Johannesapokalypse lesen wir schließlich über "einen gleich dem Sohne des Menschen" (Offb. 1,13), welcher von sich sagt (Offb. 3,14):

 

Dies sagt ,der Amen‘, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes ...

 

Im Johannesprolog sah Schaeder „Bruchstücke eines spätjüdischen Literaturzweiges erhalten, dessen Originale verloren sind, der im NT benutzt, aber bis zur Unkenntlichkeit umstilisiert, und der von der rabbinischen Orthodoxie totgeschwiegen ist“.22 Hieraus wird deutlich, dass wohl auch die Täuferbewegung jener Zeit Vorhersagen über den Menschensohn beheimatete, diese aber – zumindest in gewissen Kreisen – in Johannes erfüllt sahen, so wie die Christen diese auf Jesus bezogen.

 

 

 

(c) Das Barnabas-Projekt www.barnabas-evangelium.de, 2015

 


1) Mt 11,18f.

 

2) Bultmann, Rudolf: Die Geschichte der synoptischen Tradition: Ergänzungsheft (Forschungen zur Religion und Literatur des AT und NT, Band 12). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 51979, S. 31.

 

3) vgl. Tödt, Heinz Eduard: Der Menschensohn in der synoptischen Überlieferung. Gütersloh: Gerd Mohn, 21963.

4) vgl. Tödt, ebd.

5) Bultmann, Rudolf: Theologie des Neuen Testaments, S. 29f.

6) Röm 1,3f.

7) Vgl. Dibelius, Martin: Formgeschichte des Evangeliums. Zitiert nach: Tödt, ebd., S. 33.

8) Tödt, ebd., S. 34.

 9) Mk 13,26

 10) Tödt, ebd., S. 32

 11) vgl. Bultmann, ebd., S. 29.

 12) Vgl. Qumranrolle QS1 9, 11 zitiert nach http://www.qumran.org/js/qumran/hss/1qs

 13) Die Nachkommen Aarons, von dem Levi abstammt, bildeten die israelischen Priesterschaft, die Leviten.

 14) Vgl. Ephraem: Kommentar zum Diatessaron I, S.193: „Was auch immer sie ihn auf welche Weise auch immer fragten – er (sc. Johannes) sagte: ,Ich bin nicht der Gesalbte, nicht Elija und kein Prophet, sondern die Stimme‘ (Joh 1,20–23), damit er sich nicht selbst Johannes oder einen Menschen oder einen Propheten nenne, obwohl er einer war und ein neuer Elija und Gesalbter“.

 15) Joh 7,40–43

 16) Vgl. Brandt, Wilhelm: Die Mandäer. Ihre Religion und ihre Geschichte. Wiesbaden: Dr. Martin Sändig oHG 1967, S. 27f.

 17) Schaeder, H. H.: Der ,Mensch‘ im Prolog des IV. Evangeliums, in: R. Reitzenstein/ H. H. Schaeder: Studien zum antiken Synkretismus aus Iran und Griechenland. Leipzig/Berlin: Vieweg&Teubner, 1926, S. 330

 18) Aramäisch „Wahrheit“

 19) Vgl. Schaeder, ebd. S. 341.

 20) Ebd., S. 337