Ü B E R   D I E   M Ö G L I C H K E I T  V O N   V O R H E R S A G E N

von Daniel Erhorn (c) 2015


Die historisch-kritische Exegese bestimmt die Entstehungszeit eines biblischen Textes u. a. durch die in ihm enthaltenen Prophezeiungen. Diese werden als vaticinia ex eventu bezeichnet, d. h. Vorhersagen von Geschehnissen, die der Autor erst nach deren Eintreffen in seine Schrift einfügt, um ihr ein höheres Alter und entsprechend mehr Authentizität und Autorität zu verleihen. Kann dies in bestimmten Fällen durchaus zutreffen, so ist es dennoch gefährlich, eine Methode daraus machen zu wollen. Denn dies schlösse die Möglichkeit von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse kategorisch aus. Ein solcher Ausschluss basiert auf der Skepsis gegenüber übernatürlichen Phänomenen im Allgemeinen. Der Neutestamentler Rudolf Bultmann formulierte diese von ihm so genannte Entmythologisierung der Bibel in seiner radikalen Art folgendermaßen:

 

Erledigt sind […] die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ‚Menschensohnes’ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft ihm entgegen (1. Thessalonicher 4,15ff). Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonenglaube [...] Die Wunder des Neuen Testamentes sind damit als Wunder erledigt. (Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung (1941). In: Hans-Werner Bartsch (Hrsg.): Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch. (ThF 1) Hamburg: Reich & Heidrich, 1948, S.15.)

 

Bultmann war in seinem Denken beachtlich konsequent und führt mit diesen Worten jedem Gläubigen schmerzhaft vor Augen, was letztlich aus einer Exegese folgt, die sich auf den Materialismus des 19. Jhds. gründet. Der katholische Neutestamentler Klaus Berger hat den Versuch unternommen, den Glauben an Jesus Christus vor der Zerstörung durch diese Form der Exegese zu bewahren und brachte dies in mehreren Arbeiten zum Ausdruck. In einem Interview von 2013 mit dem Onlineportal kath.net kritisiert er die zeitgenössische historisch-kritische Methode scharf:

 

Danach existiert nur das, was man physikalisch nachweisen kann und mit den Naturgesetzen übereinstimmt. Heute weiß jeder Naturwissenschaftler, dass dies eine Vorstellung von vorgestern ist. In der Bibelauslegung wird sie dagegen aufrechterhalten. Die Himmelfahrt Jesu kann es nicht gegeben haben, weil sie den Naturgesetzen widerspricht – so denken Theologen heute immer noch.

 

Doch ist das von Berger beschriebene Problem wirklich rein weltanschaulicher Natur? Das wissenschaftliche Weltbild des 19. Jhds., das noch in vielen Wissenschaftlerköpfen herumspukt, und das – wie Berger sagt – von der modernen Physik längst widerlegt ist, bedarf, wie wir sehen werden, auch einer erkenntnistheoretischen Korrektur.

Die Theorien der Naturwissenschaft waren bisher nie von Dauer. Die Vorstellung eines Atomkerns, um den Elektronen wie Planeten um die Sonne ihre Bahnen ziehen, ist eine aus der Anschauung entlehnte Vorstellung. Heute stellt man sich die Materie nicht mehr als feste Korpuskeln vor, sondern eher als Schwingungen. Die Erscheinungen existieren dieser Theorie zufolge nur dann wirklich, wenn wir sie wahrnehmen, und verharren ansonsten in einer "Unschärfe". Die moderne Physik nähert sich damit wieder einem Idealismus an und lässt den Geist erneut das Primat über die Materie erlangen. Auch wird die Existenz von Paralleluniversen in demselben Raum/Zeit-Kontinuum für möglich gehalten. Das mechanische Weltbild des 19. Jahrhunderts ist von der modernen Physik also längst widerlegt. Ein Wissenschaftler sollte daher niemals den Fehler begehen, seine empirisch gewonnenen Erkenntnisse in übersteigertem Selbstbewusstsein zu einem absoluten Lehrsatz zu erheben. Tut er es dennoch, so sollte er sich darüber im Klaren sein, dass er den Bereich des Glaubens betritt. Die Induktion einer allen physischen Erscheinungen zugrundeliegenden Materie ist ein metaphysischer – da nicht aus der Anschauung gewonnener – Begriff. Wenn also jemand der Theorie des Materialismus anhängt, so ist dies sein Glaube, der durch seine persönliche Erfahrung und gewisse Autoritäten, denen er folgt, definiert wird. Wie beschränkt empirisch gewonnene Urteile sein können, zeigt das folgende Beispiel. Die Erfahrung lehrt uns, dass Wasser immer bei 100°C kocht. Käme jemand und behauptete, er habe Wasser bereits bei 74°C zum Kochen gebracht, würden wir ihn wahrscheinlich als Spinner abtun. "Dies widerspräche ja den Naturgesetzen!" Wir haben es nie anders erlebt und darum ist es – und jetzt kommt das unheilvolle Wort – unmöglich. Doch leider war uns dabei nicht bekannt, dass unser "Wundertäter" in solchen Höhen weilte, die kaum ein Mensch zu erklimmen vermag: auf dem Gipfel des Mount Everest. Der hohe Luftdruck in knapp 9000 Meter Höhe bewirkt das Sieden des Wassers bei bereits ca. 74°C (ca. 1 Grad pro 300 m). ––– So veränderlich sind Naturgesetze! Könnten Wunder daher nicht lediglich solche Naturphänomene sein, die kosmischen Bereichen entstammen, zu denen wir (noch) keinen Zugang haben?" ––––

 

Am Beispiel der Möglichkeit von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse wollen wir veranschaulichen, welcher logische Satz der Denkweise, dass etwas unmöglich ist, zugrundeliegt.

 

Wenn ich selbst nicht fähig bin, kommende Ereignisse vorherzusagen, und ich auch niemanden kenne, der dies vermag, so ist es auch generell unmöglich (Ǝ~AⱯ~A).

 

Der Geltungsbereich von ~A („Mir ist kein Fall bekannt, bei dem jemand zu Vorhersagen fähig war“) wird dabei von einigen Fällen auf alle möglichen Fälle ausgeweitet. Dieses Urteil mag zwar für tausende von Fallbeispielen wahr sein, doch kann nie ausgeschlossen werden, dass es einen solchen Fall gab, gibt oder geben wird. Immanuel Kant rechnete diese Urteilsform in seinen Logik-Vorlesungen daher zu den Vorurteilen:

 

Zuweilen sind die Vorurteile wahre vorläufige Urteile; nur dass sie uns als Grundsätze oder als bestimmende Urteile gelten, ist unrecht. Die Ursache von dieser Täuschung ist darin zu suchen, dass subjektive Gründe fälschlich für objektive gehalten werden.6

 

Karl Poppers berühmter Satz:Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können”7  kann in diesem Sinne verstanden werden. Denn eine empirische Untersuchung bringt nie die endgültige Gewissheit ihrer Urteile, da sie nie die Unmöglichkeit ihrer Falsifizierbarkeit beweisen kann.8

 

Bezogen auf den Umgang mit den Prophezeiungen bedeutet dies, dass sie nicht zur Datierung einer Schrift herangezogen werden dürfen – es sei denn, es besteht der aus dem Text ersichtliche begründete Verdacht, dass sie nach dem Ereignis, das sie ankündigen, eingefügt wurden. Und so auch im Falle des Barnabasevangeliums.9 Die Unmöglichkeit einer Datierung in vorislamische Zeit wird vom Großteil der Autoren deswegen vertreten, weil der Prophet des Islam hier von Jesus Christus vorausgesagt wird. Geben wir doch dem Text selbst die Chance, seine Datierung vor das Erscheinen des Propheten durch die in ihm enthaltenen Zeugnisse zu bestätigen oder auch nicht zu bestätigen. Diese Vorgehensweise ist, wie wir oben sahen, wissenschaftlich im besten Sinne. Denn sie schränkt den Forscher nicht unnötig ein, sondern eröffnet ihm ein umfassendes Untersuchungsfeld, das überall beackert werden kann, aber nicht zwingend überall Frucht bringen muss. Dort hingegen, wo Früchte wachsen, ist seine geistige Saat an der richtigen Stelle ausgeworfen worden.

 

Es sei daher gestattet, eine vorislamische Entstehung des Barnabasevangeliums zumindest für möglich zu halten, und nicht in der Erwähnung des Propheten Muhammad (Der Friede sei auf ihm!) von vornherein ein vaticinium ex eventu zu vermuten.

(Für dieses Ergebnis musste ich jetzt so lange labern! Aber besondere Umstände erfordern halt besondere Maßnahmen. Die Verteidigung dieser Möglichkeit is die Grunndlage aller weiteren unverstellten Forschung. Wer bis hierher durchgehalten hat, dem danke ich für seine Langmut. Ich hoffe, es ist in etwa klar geworden, was ich sagen wollte.)


1 Jesu Vorhersage der Zerstörung des jüdischen Tempels 70 n. Chr. wurde so zur Datierung der synoptischen Evangelien herangezogen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Autor erst nach der Zerstörung des Tempels die Voraussage desselben  in den Text eingefügt hat.

2 Jäsche, Gottlob Benjamin (Hrsg.): Immanuel Kants Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen. Königsberg: Friedrich Nicolovius, 1800, S. 116.

3  Popper, Karl R.: Gesammelte Werke. Band 3: Logik der Forschung. Tübingen: Mohr Siebeck, 112005, S. 17.

4 Jäsche, ebd., S. 118.

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