WURDE  JESUS GEKREUZIGT ?


Diego Velazquez: Kreuzigug Christi (ca. 1632)

§ 1. Die Bewertung der Kreuzigung als Bewährungsprobe 

      des Glaubens an Jesus, den Christus

 

Die Passionsgeschichte des Barnabasevangeliums muss auf jeden christlichen Leser mehr als befremdlich wirken. Nicht Jesus, sondern Judas, der Verräter, stirbt den Kreuzestod, nachdem er bei dem Versuch, Jesus mit den Soldaten zu verhaften, das Aussehen von Jesus erlangt hatte und Jesus von Engeln in den Himmel emporgehoben worden war. Für Christen ist die Kreuzesheologie (lat.: theologia crucis) das Herzstück des christlichen Glaubens. Denn es ist der Sühnetod Christi, welcher der Menschheit die Erlösung von ihrer angeborenen Sündhaftigkeit bescherte, die durch den Sündenfall Adams verursacht wurde. Diese auf Paulus zurückgehende Auslegung der Kreuzigungsereignisse ist jedem Christen geradezu in Fleisch und Blut übergegangen. Paulus schreibt etwa:

 

Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. (Röm 5,8)

 

Denn gleichwie in Adam alle sterben, also werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. (1 Kor 15,22)

 

So fremd die alternative Kreuzigungsgeschichte der christlichen Vorstellung sein mag – sie steht dem muslimischen Glauben um so näher, heißt es doch in Sure 4,157:

 

Sure 4, 157  al-Imran

 

Und dafür, dass sie sagten: Gewiss haben wir den Messias ʿĪsā (=Jesus) den Sohn Maryams, den Gesandten Gottes getötet. – Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so. Und diejenigen, die sich darüber uneinig sind, befinden sich wahrlich im Zweifel darüber. Sie haben kein Wissen darüber, außer dass sie Mutmaßungen folgen. Und sie haben ihn mit Gewissheit nicht getötet.

 

Diese Sichtweise der Passionsereignisse ist jedoch keineswegs eine Neuschöpfung des Islam. Die christliche Theologie kennt sie als eine frühchristliche Glaubensform und nennt sie Doketismus (von griechisch δοκεῖ, "es scheint so, als ob"). So finden wir in dem Werk "Gegen die Ketzer" (Contra haereses) des Irenäus von Lyon (ca. 130–200 n. Chr.) einen Bericht über die Lehre des Gnostikers Basilides (ca. 85–140 n. Chr.):

 

Aber er hat nicht gelitten, sondern ein gewisser Simon von Kyrene, den man zwang, für ihn das Kreuz zu tragen (vgl. Mt 27,32 parr). Dieser wurde irrtümlich und unwissentlich gekreuzigt, nachdem er von ihm verwandelt war, so dass er für Jesus gehalten wurde. Jesus aber nahm die Gestalt des Simon an und lachte sie aus, indem er dabeistand.

[vgl. Irenäus, Contra Haereses I 24,4. In: Sancti Irenaei Episcopi Lugdunensis Libros quinque adversus Haereses edidit W. Wigan Harvey, Tom. I. Catabrigiae:  Typis Academicis 1857, S.200].

 

Auch Photius I., der im 9. Jhd. Patriarch von Konstantinopel war, erwähnt in seinem Bibliotheca genannten Werk eine Apostelgeschichte des Leucius Charinus, aus der er folgenden Satz zitiert:

 

Auch wurde Christus nicht gekreuzigt, sondern ein anderer an seiner Statt, und daher lachte er über die Kreuziger. ––Aus den verschollenen "Reisen der Apostel" (τν ἀποστόλων περίοδοι) des Leucius Charinus, zitiert nach Photius (810–893 n. Chr.), Bibliotheca cod. 114 [vgl. Photii Bibliotheca ex recensione Immanuelis Bekkeri, tomus prior. Berolini: G. E. Reimeri, 1824, S. 90].

 

Selbst Paulus muss sich im Galaterbrief mit der Kritik gewisser Judenchristen auseinandersetzen, welche offenbar den Einwand vorbrachten, dass kein Prophet – und schon garnicht der Gesalbte Israels – auf so erbärmliche Weise hätte zu Tode gebracht werden können. Dies, so könnte man die ungenannte Kritik der Gegner des Paulus formulieren, stünde nicht im Einklang mit dem mosaischen Gesetz, in welchem es heißt:

 

 

Wenn an einem Mann eine todeswürdige Sünde ist, und er wird getötet, und du hängst ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn jedenfalls an demselben Tag begraben; denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter. (5 Mose 21,22.23)

 

 

Paulus vermag diesen Einwand nur dadurch zu entkräften, dass er das Gesetz des Mose als für Christen nicht mehr verbindlich bezeichnet. Gerade weil Jesus diesen vom Gesetz verfluchten Tod starb – so die Logik –, habe er die Menschheit von dem Fluch des Gesetzes freigekauft, dem Fluch nämlich, das Gesetz niemals erfüllen zu können. Paulus entgegnet daher seinen Kritikern:

 

O unverständige Galater! Wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus (breits) als gekreuzigt vor Augen stand? (Gal 3,1) Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist, denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. (Gal 3,13)

 

Für einen gesetzestreuen Juden gab es also, wenn er an Jesus als den Gesalbten Israels glauben wollte, nur die Alternative, seinen Kreuzestod zu verneinen. Die uns oben begegneten doketischen Glaubensvorstellungen des Basilides und des Leucinus Charinus haben also ihren Ursprung in der frühesten christlichen Auseinandersetzung mit der Kreuzigung, welche auf die Urgemeinde wie eine Schockstarre gewirkt haben muss. Mit der Interpretation der Kreuzigungsereignisse stand und fiel somit der Glaube an Jesus als Prophet und Gesalbter Israels.

 

Und einige Christen behaupteten, dass Jūdus Zikaryā Yūtā es war, welcher das Aussehen von ʿĪsā bekam und gekreuzigt wurde. Und er sagte: „Ich bin es nicht. Ich bin derjenige, der ihn euch gezeigt hat.“  [Ibn Ishāq (704–768 n. Chr.), überliefert im Tafsīr al-Tabarī zu Sure 4,157].


... ὃν δόξουσιν ἀπολωλεκέναι ἐν σημείῳ ...

 

... von dem es ihnen schien, als hätten sie ihn am Zeichen getötet ... [Barnabasbrief 12,5]




Auch bin ich nicht der am Kreuz, ich den du jetzt nicht siehst, sondern dessen Stimme du hörst. Was ich nicht bin, dafür bin ich gehalten worden, der ich nicht bin, was ich für die vielen bin; vielmehr ist, was sie von mir sagen werden, niedrig und meiner nicht würdig ... Nichts von dem also, was sie über mich sagen werden, habe ich gelitten [Πράξεις τοῦ ἀποςτόλου καὶ εὐαγγελστοῖ Ίωάννου τοῦ θεολόγου (Johannesakten) Cap. 99/101. In: Acta Apostolorum Apocrypha ediderunt Lipsius/Bonnet, Volumen prius. Lipsiae: Hermannum Mendelssohn 1897, S.200f.]


 

Nachdem er dies gesagt hatte, sah ich ihn so, als ob er von ihnen ergriffen würde. Und ich sagte: ,,Was sehe ich, oh Herr? Bist du es, den sie ergreifen? Und zur gleichen Zeit hältst du mich fest? Wer ist derjenige oben neben dem Kreuz, der fröhlich ist und lacht? Und  es  ist  ein anderer, dessen Füße und Hände sie schlagen?" Der Erlöser sagte zu mir: "Der, den du oben neben dem Kreuz fröhlich und lachend siehst, ist der lebendige Jesus. Aber der, in dessen Hände und Füße Nägel geschlagen werden, ist sein leiblicher Teil, welcher der Ausgetauschte ist. Sie beschämen den, der entsprechend seinem Bild entstanden ist. Aber sieh auf ihn und mich!" Nachdem ich aber hingesehen hatte, sagte ich: ,,Herr, niemand sieht dich. Lass uns von hier fliehen!" Er aber sagte zu mir: "Ich habe dir gesagt, dass sie Blinde sind. Entferne dich von ihnen! Und sieh doch, wie sie nicht wissen, was sie reden! Denn den Sohn ihrer Herrlichkeit haben sie anstelle meines Dieners zuschanden gemacht." Und ich sah, wie jemand im Begriff war, sich uns zu nähern, der aussah wie er und wie der, der neben dem Kreuz lachte. Und er war voll des heiligen Geistes, und er war der Erlöser. Und da war ein großes, unbeschreibbares Licht um sie herum und die Menge der unbeschreibbaren und unsichtbaren Engel, die sie priesen. Ich aber bin es, der ihn gesehen hat, als er offenbart wurde als der, dem Lobpreis gegeben wurde. [Koptische Petrusapokalypse (NHC VII,3)]

 


 Judas näherte sich Jesus und küsste ihn und sagte: ,Heil dir, o mein Herr.‘ Jesus sagte: ,Auf dich jenes, für das du gekommen bist.‘ [Persische Evangelienharmonie IV,37]


 „Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen. Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin's! wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da fragte er sie abermals: Wen suchet ihr? Sie sprachen: Jesum von Nazareth. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es sei.“  (Joh 18,4–8a)


 „Und als die Finsternis eintrat, da schaute ich hin und sah, dass du vom Kreuz verschwunden warst; ... Künde mir Herr, wohin du vom Kreuze gingst.“

(Bartholomäusevangelium, Vers 7)