WURDE  JESUS GEKREUZIGT ?

 (c) DAS BARNABAS-PROJEKT


Die Passionsgeschichte des Barnabasevangeliums muß auf jeden christlichen Leser mehr als befremdlich wirken. Nicht Jesus, sondern Judas, der Verräter, stirbt den Kreuzestod, nachdem er bei dem Versuch, Jesus mit den Soldaten zu verhaften, das Aussehen von Jesus erhält und Jesus von Engeln in den Himmel emporgehoben wird.

Für Christen ist die Kreuzestheologie das Herzstück des christlichen Glaubens. Denn es ist der Sühnetod Christi, welcher die Menschheit von ihrer angeborenen Sündhaftigkeit erlöste, die durch den Sündenfall Adams verursacht wurde. Diese auf Paulus zurückgehende Auslegung der Kreuzigungsereignisse ist jedem Christen geradezu in Fleisch und Blut übergegangen. Paulus schreibt etwa:

 

Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, daß Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. (Röm 5,8)

 

Denn gleichwie in Adam alle sterben, also werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. (1 Kor 15,22)

 

So fremd die alternative Kreuzigungsgeschichte des Barnabasevan-geliums einem christlichen Gemüt erscheinen mag – sie steht dem muslimischen Glauben um so näher – heißt es doch in Sure 4,157:

 

Sure 4, 157  al-Imran

 Und dafür, daß sie sagten: Gewiss haben wir den Messias ʿĪsā (=Jesus) den Sohn Maryams, den Gesandten Gottes getötet. – Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so. Und diejenigen, die sich darüber uneinig sind, befinden sich wahrlich im Zweifel darüber. Sie haben kein Wissen darüber, außer daß sie Mutmaßungen folgen. Und sie haben ihn mit Gewissheit nicht getötet.

 

Diese Sichtweise der Passionsereignisse war keineswegs eine Neuschöpfung des Islams. Die christliche Theologie kennt sie als eine frühchristliche Glaubensform und nennt sie "Doketismus" (von griechisch δοκεῖ, "es scheint so, als ob"). Ibn Ishāq (704–768 n. Chr.) berichtet uns, was er selbst von Christen seiner Zeit gehört hat:

 

Und einige Christen behaupteten, dass Jūdus Zikaryā Yūtā es war, welcher das Aussehen von ʿĪsā bekam und gekreuzigt wurde. Und er sagte: „Ich bin es nicht. Ich bin derjenige, der ihn euch gezeigt hat.“  [überliefert im Tafsīr al-Tabarī zu Sure 4,157].

Diego Velazquez: Kreuzigug Christi (ca. 1632)

Auch in originär christlichen Quellen finden wir die scheinbare Kreuzigung bezeugt. Die frühchristliche Schrift "Gegen die Ketzer" (Contra haereses) des Irenäus von Lyon (ca. 130–200 n. Chr.) enthält einen Bericht darüber, wie der Gnostiker Basilides (ca. 85–140 n. Chr.) die Kreuzigung interpretierte:

 

Aber er hat nicht gelitten, sondern ein gewisser Simon von Kyrene, den man zwang, für ihn das Kreuz zu tragen. Dieser wurde irrtümlich und unwissentlich gekreuzigt, nachdem er von ihm verwandelt war, so dass er für Jesus gehalten wurde. Jesus aber nahm die Gestalt des Simon an und lachte sie aus, indem er dabeistand.

[vgl. Irenäus, Contra Haereses I 24,4. In: Sancti Irenaei Episcopi Lugdunensis Libros quinque adversus Haereses edidit W. Wigan Harvey, Tom. I. Catabrigiae:  Typis Academicis 1857, S.200].

 

Ähnliche Berichte tauchen hier und da in weiteren christlichen Zeugnissen auf. So erwähnt Photius I., der im 9. Jhd. Patriarch von Konstantinopel war, in seinem Bibliotheca genannten Werk eine Apostelgeschichte des Leucius Charinus, aus der er folgenden Satz zitiert:

 

Auch wurde Christus nicht gekreuzigt, sondern ein anderer an seiner Statt, und daher lachte er über die Kreuziger. ––Aus den verschollenen "Reisen der Apostel" (τν ἀποστόλων περίοδοι) des Leucius Charinus, zitiert nach Photius (810–893 n. Chr.), Bibliotheca cod. 114 [vgl. Photii Bibliotheca ex recensione Immanuelis Bekkeri, tomus prior. Berolini: G. E. Reimeri, 1824, S. 90].

 

Auch die koptische Petrusapokalypse schildert einen ähnlichen Bericht, der jedoch deutlich von gnostischer Christologie durchdrungen ist. Die Erwähnung eines lachenden Jesus, sowie der Begriff "der Ausgetauschte" weisen hierbei auf einen mit den zuvor berichteten Zeugnissen gemeinsamen Ursprung hin:

 

Nachdem er dies gesagt hatte, sah ich ihn so, als ob er von ihnen ergriffen würde. Und ich sagte: ,,Was sehe ich, oh Herr? Bist du es, den sie ergreifen? Und zur gleichen Zeit hältst du mich fest? Wer ist derjenige oben neben dem Kreuz, der fröhlich ist und lacht? Und  es  ist  ein anderer, dessen Füße und Hände sie schlagen?" Der Erlöser sagte zu mir: "Der, den du oben neben dem Kreuz fröhlich und lachend siehst, ist der lebendige Jesus. Aber der, in dessen Hände und Füße Nägel geschlagen werden, ist sein leiblicher Teil, welcher der Ausgetauschte ist. Sie beschämen den, der entsprechend seinem Bild entstanden ist. Aber sieh auf ihn und mich!" Nachdem ich aber hingesehen hatte, sagte ich: ,,Herr, niemand sieht dich. Lass uns von hier fliehen!" Er aber sagte zu mir: "Ich habe dir gesagt, dass sie Blinde sind. Entferne dich von ihnen! Und sieh doch, wie sie nicht wissen, was sie reden! Denn den Sohn ihrer Herrlichkeit haben sie anstelle meines Dieners zuschanden gemacht." Und ich sah, wie jemand im Begriff war, sich uns zu nähern, der aussah wie er und wie der, der neben dem Kreuz lachte. Und er war voll des heiligen Geistes, und er war der Erlöser. Und da war ein großes, unbeschreibbares Licht um sie herum und die Menge der unbeschreibbaren und unsichtbaren Engel, die sie priesen. Ich aber bin es, der ihn gesehen hat, als er offenbart wurde als der, dem Lobpreis gegeben wurde.

 

[Koptische Petrusapokalypse (Nag Hammadi Codex VII,3, S.201ff.)]

 

Die Beteiligung eines gewissen Simon von Kyrene am Akt der Kreuzigung Jesu finden wir auch in den kanonischen Evangelien bezeugt, doch soll er hier lediglich gezwungen worden sein, das Kreuz Jesu zu tragen:

 

Als sie aber hinausgingen, fanden sie einen Menschen von Kyrene, mit Namen Simon (ἄνθρωπον Κυρηναῖον ὀνόματι Σίμωνα); diesen zwangen sie, daß er sein Kreuz trüge.

(Mt 27,32; vgl. auch Mk 15,21 und Lk 23,26)

 

Diese Stelle ist sehr eigentümlich, denn man erfährt aus der Bibel nicht, warum Simon genötigt wurde, das Kreuz Jesu zu tragen. Die uns bekannten Vorstellungen eines Jesus, der, von der Folter gezeichnet, unter seinem Kreuz zusammenbricht, um dann von Simon abgelöst zu werden, ist eine Interpretation der Ereignisse. Denn die Evangelien erwähnen dies mit keinem Wort.

 

Aber auch die Aussage des Basilides macht einen verstörenden Eindruck. Warum lacht Jesus hier jemanden, der irrtümlich und unwissentlich für ihn gehalten und gekreuzigt wurde, schamlos aus?

 

Die fälschliche Kreuzigung des Judas könnte diese Ungereimtheiten auflösen. Denn die Verwandlung des Judas würde einen hinreichenden Grund dafür liefern, warum jener Mann gezwungen wurde, das Kreuz zu tragen. Andererseits liefert die Kreuzigung des Verräters eine Erklärung dafür, warum Jesus über dieses Ereignis lachen konnte. Überhaupt galt sein Lachen hierbei, wie Photius sagt, gar nicht der gekreuzigten Person, sondern denjenigen, die einen Falschen (nämlich den Verräter) kreuzigten. Aber wie können "Simon von Kyrene" und "Judas Iskarioth" bei so verschiedenen Namen ursprünglich dieselbe Person gemeint haben?

 

Judas  vollständiger Name war "Judas ben Simon Iskarioth" (vgl. Joh 6,71). Auch ist "Mann" (hebr. ʾiš) aus "Kyrene" (hebr. "Kīr") einem "Iskarioth" sehr ähnlich.

 

Die Kreuzigung des Verräters Judas ist tatsächlich in einer vorislamischen Quelle bezeugt. Der Begründer des Manichäismus, Mani, wird von dem Bischof Evodius von Uzala (4./5. Jhd.) folgendermaßen zitiert:

 

Der Feind, der gehofft hat, diesen Retter, den Vater der Gerechten, gekreuzigt zu haben, ist ja selbst gekreuzigt worden, denn zu jener Zeit geschah etwas anderes, und etwas anderes zeigte sich.

 

[Evodius von Uzala: De fide 28 (zitiert nach Markus Stein: Manichaei epistula fundamenti (MANICHAICA LATINA Band 2). Paderborn: Ferdinand Schöningh 2002, 35)]

 

In dieser Aussage wird nicht nur die scheinbare Kreuzigung vertreten, wie in den Johannesakten oder der koptischen Petrusapokylpse, nicht nur die Vertauschung des Gekreuzigten durch einen anderen, wie bei Basilides, sondern die Vertauschung des Gekreuzigten mit demjenigen, der ihn kreuzigen wollte, so wie es auch im Barnabasevangelium berichtet wird. Mani bediente sich vieler verschiedener religiöser Traditionen und kam selbst aus der judenchristlichen Gemeinschaft der Elkesaiten. Es ist demnach gut möglich, dass er diese vorhandene Tradition aufnahm und in sein religiöses System mythisierend einarbeitete.

Auch ein christliches Zeugnis scheint Spuren der stellvertretenden Kreuzigung des Judas bewahrt zu haben. In der persischen Evangelienharmonie, einem Evangelientext mit interessanten Abweichungen zu den kanonischen Evangelien, spricht Jesus bei der Gefangennahme folgenden Fluch auf Judas aus:

 

 Judas näherte sich Jesus und küsste ihn und sagte: ,Heil dir, o mein Herr.‘ Jesus sagte: ,Auf dich jenes, für das du gekommen bist.‘

[Diatessaron Persiano IV,37 (vgl. Giuseppe Messina: Il Diatessaron Persiano: I. Introduzione II. Testo E Traduzione. Roma: Pontificio Istituto Biblico 1951.]

 

Der italienische Übersetzer dieser Schrift, der jesuitische Orientalist Giuseppe Messina, wundert sich in einer Fußnote zu dieser Stelle über diesen eigentümlichen Fluch, den er sich offenbar nicht erklären kann.

 

Selbst in der kanonischen Bibel finden wir letzte Reste dieses Szenarios erhalten. Im Johannesevangelium heißt es bei der Gefangennahme Jesu (Joh 18,4–8a):

 

Jesus nun, der alles wußte, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen suchet ihr? 5 Sie antworteten ihm: Jesum, den Nazaräer. Jesus spricht zu ihnen: Ich bin's. Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. 6 Als er nun zu ihnen sagte: Ich bin's, wichen sie zurück und fielen zu Boden. 7 Da fragte er sie wiederum: Wen suchet ihr? Sie aber sprachen: Jesum, den Nazaräer. 8 Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin [...].

 

Nach diesen Worten scheint es so, als könnten die Soldaten Jesus nicht erkennen. Denn Jesus muss ihnen zweimal hintereinander sagen: "Ich bin es." Hierbei wird betont, dass Judas direkt bei Jesus stand: "Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen." Warum wird diese Information an dieser Stelle so betont? Waren die Soldaten womöglich deswegen so verwirrt, weil sie nicht wussten, wen von beiden sie festnehmen sollen, da beide gleich aussahen?

 

Eine zweite Kuriosität der Bibel ist das plötzliche Verschwinden des Judas nach der Kreuzigung. Der Apostel Petrus gibt in seiner ersten Rede nach Jesu Himmelfahrt folgende Erklärung für das Verschwinden des Judas nach der Kreuzigung:

 

 

Brüder, es mußte die Schrift erfüllt werden, welche der Heilige Geist durch den Mund Davids vorhergesagt hat über Judas, der denen, die Jesus griffen, ein Wegweiser (ὁδηγός) geworden ist.
(Apg 1,16f.)

 

 

Von welchem Wort aus dem Munde Davids spricht Petrus hier? Jesus bezieht sich im Barnabasevangelium ebenfalls in Bezug auf den Verrat des Judas auf David und sagt:

 

 

Aber Gott der Gerechte wird ihn zu Fall bringen, wie der Prophet David sagt: ‚Er wird den in eine Grube stürzen, der seinem Nächsten eine Falle stellt.‘ Denn Gott wird mich aus ihren Händen erretten und mich von dieser Welt hinwegnehmen.

 

 

Wir fühlen uns hier an das Jesuswort aus Mt 15,14 erinnert:

 

 

Laßt sie; sie sind blinde Leiter (ὁδηγοὶ) der Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden beide in eine Grube fallen.

 

 

Jesus benutzt hier dieselbe Vokabel wie Petrus in Apg 1,16: ὁδηγός (Wegführer). Petrus scheint hier also darauf anzuspielen, daß Judas durch die Hinführung der Soldaten zum Versteck Jesu seine eigene Grube gegraben habe, in die er nun selbst gestürzt war.

 

Genau in der Mitte des Barnabasevangeliums, in Kapitel 112, wird Barnabas von Jesus als einziger Jünger in das Geheimnis der scheinabren Kreuzigung eingeweiht:

 

Es blieb bei Jesus der, der dies schreibt; da weinte Jesus und sagte: „O Barnabas, es ist nötig, dass ich dir große Geheimnisse enthülle, die du der Welt enthüllen wirst, nachdem ich von ihr gegangen sein werde.“ […]  Ja ich sage dir, wenn man mich nicht Gott genannt hätte, wäre ich ins Paradies getragen worden, wenn ich von dieser Welt hinweggehe; nun aber werde ich nicht dorthin gehen bis zum Gericht. Nun siehst du, dass ich Grund zum Weinen habe. Wisse, o Barnabas, [...] von einem meiner Jünger werde ich für dreißig Goldstücke verkauft werden. Aber ich bin sicher, dass der, der mich verkaufen wird, in meinem Namen getötet werden wird, denn Gott wird mich von der Erde hinweg nehmen und das Aussehen des Verräters verwandeln, so dass ihn jeder für mich halten wird; jedoch wenn er eines schlimmen Todes sterben wird, wird diese Schande in der Welt noch lange Zeit über mir sein.

Die Einweihung von besonderen Jüngern in die Geheimnisse Gottes ist ein Grundmotiv gnostischer Schriften. Dieses Geheimwissen stellt die eigentliche Gnosis (Erkenntnis), den Kern der Lehre, dar. Die manichäischen Johannesakten schildern nun eine ähnliche Einweihung in die Geheimnisse der Kreuzigung, die Jesus seinem Jünger Johannes offenbart:

 

Auch bin ich nicht der am Kreuz, ich den du jetzt nicht siehst, sondern dessen Stimme du hörst. Was ich nicht bin, dafür bin ich gehalten worden, der ich nicht bin, was ich für die vielen bin; vielmehr ist, was sie von mir sagen werden, niedrig und meiner nicht würdig [...] Nichts von dem also, was sie über mich sagen werden, habe ich gelitten

[Πράξεις τοῦ ἀποςτόλου καὶ εὐαγγελστοῖ Ίωάννου τοῦ θεολόγου (Johannesakten) Cap. 99/101. In: Acta Apostolorum Apocrypha ediderunt Lipsius/Bonnet, Volumen prius. Lipsiae: Hermannum Mendelssohn 1897, S.200f.]

 

 

 

 

Diese beiden Texte haben zwei bemerkenswerte Parallelen. Sowohl Barnabas als auch Johannes werden von Jesus in einem Zwiegespräch in das Geheimnis der scheinbaren Kreuzigung eingeweiht. Jesus erwähnt hier wie dort, dass die meisten Menschen über die wahren Ereignisse und seine wahre Natur in Unkenntnis bleiben werden.

 

Selbst Paulus muss sich im Galaterbrief mit der Kritik gewisser Judenchristen auseinandersetzen, welche offenbar den Einwand vorbrachten, dass kein Prophet – und schon garnicht der Gesalbte Israels – auf so erbärmliche Weise hätte zu Tode gebracht werden können. Dies, so könnte man die ungenannte Kritik der Gegner des Paulus formulieren, stünde nicht im Einklang mit dem mosaischen Gesetz, in welchem es heißt:

 

Wenn an einem Mann eine todeswürdige Sünde ist, und er wird getötet, und du hängst ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn jedenfalls an demselben Tag begraben; denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter.

(5 Mose 21,22.23)

 

Paulus vermag diesen Einwand nur dadurch zu entkräften, dass er das Gesetz des Mose als für Christen nicht mehr verbindlich bezeichnet. Gerade weil Jesus diesen vom Gesetz verfluchten Tod starb – so die Logik –, habe er die Menschheit von dem Fluch des Gesetzes freigekauft, dem Fluch nämlich, das Gesetz niemals erfüllen zu können. Paulus entgegnet daher seinen Kritikern:

 

O unverständige Galater! Wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus (breits) als gekreuzigt vor Augen stand? (Gal 3,1) Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist, denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. (Gal 3,13)

 

Für einen gesetzestreuen Juden gab es also, wenn er an Jesus als den Gesalbten Israels glauben wollte, nur die Alternative, seinen Kreuzestod zu verneinen. Die uns oben begegneten doketischen Glaubens-vorstellungen des Basilides und des Leucinus Charinus könnten also ihren Ursprung in der frühesten jüdisch-christlichen Auseinandersetzung mit der Kreuzigung haben, welche auf die Urgemeinde wie eine Schockstarre gewirkt haben muss. Mit der Interpretation der Kreuzigungsereignisse stand und fiel somit der Glaube an Jesus als Prophet und Gesalbter Israels.

 

Im apokryphen Barnabasbrief lesen wir einen Nebensatz, der überhaupt nicht in die Theologie des interpolierten Mittelblocks des Briefes passt (Barn 12,5):

 

ὃν δόξουσιν ἀπολωλεκέναι ἐν σημείῳ

 

von dem es ihnen schien, als hätten sie ihn am Zeichen getötet

 

In diesem Zitat wird sogar das programmatische Verb δοκεῖν (dokein, "den Anschein haben") verwendet, von dem auch die Lehre von der scheinbaren Kreuzigung ihen Namen "Doketismus" bekam.