DIE RELIGION CHRISTI

 

 

 

 

Denn der Vater will auch haben, die ihn also anbeten.

 

St. Johannes.

 

 

 

 

§ 1.

 

Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein Problem. Daß er wahrer Mensch gewesen, wenn er es überhaupt gewesen; daß er nie aufgehört hat, Mensch zu sein: das ist ausgemacht.

 



 

§ 2.

 

Folglich sind die Religion Christi und die christliche Religion zwei ganz verschiedene Dinge.

 



 

§ 3.

 

Jene, die Religion Christi, ist diejenige Religion, die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder Mensch mit ihm gemein haben kann; die jeder Mensch um so viel mehr mit ihm gemein zu haben wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der Charakter ist, den er sich von Christo als bloßen Menschen macht.

 



 

§ 4.

 

Diese, die christliche Religion, ist diejenige Religion, die es für wahr annimmt, daß er mehr als Mensch gewesen, und ihn selbst als solchen, zu einem Gegenstande ihrer Verehrung macht.

 



 

§ 5.

 

Wie beide diese Religionen, die Religion Christi sowohl als die Christliche, in Christo als in einer und eben derselben Person bestehen können, ist unbegreiflich.

 



 

§ 6.

 

Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze beider in einem und ebendemselben Buche finden. Wenigstens ist augenscheinlich, daß jene, nämlich die Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten enthalten ist als die Christliche.

 



 

§ 7.

 

Die Religion Christi ist mit den klarsten und deutlichsten Worten darin enthalten;

 



 

§ 8.

 

Die Christliche hingegen so ungewiß und vieldeutig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt, mit welcher zwei Menschen, so lange als die Welt steht, den nämlichen Gedanken verbunden haben.

 

[Quelle: Leopold Zscharnack (hrsg.) Lessings Werke Dreiundzwanzig-ster Teil. Theologische Schriften IV. Streitschriften und Entwürfe aus dem Fragmentenstreit 1777 bis 1780. Berlin: Deutsches Verlagshaus Bong & Co. (o. J.), 352f.]