Christlicher Antipaulinismus

Muslimischer Antipaulinismus

 

1. Saif ibn ʿUmar (8.Jhd.):

    König Paulus und die Verfälschung des Christentums

 

Isnād (Überlieferungskette): 

Ibn ʿAbbās → Yazīd al-Faqʿsī → ʿAṭīya → Saif → Šuʿaib → al-Sarī

 

Er (Ibn ʿAbbās) sagte: „Jesus (Friede sei auf ihm) verkündete den Juden das Evangelium, und jeder, von dem Gott es wollte, glaubte an seine Botschaft. Nachdem Gott der Erhabene ihn dann erhöht hatte, erfreute sich das Volk an seinen Worten, so daß seine Anhänger auf 700 unter den Leuten des Tempels (ahl al-bait) anwuchsen.“ Dann fuhr er fort: „Paulus (seine Kunya war Abū Šāʼūl), der in jenen Tagen König war, tötete die Christen, so daß sie fliehen mußten. Da reitete er ihnen hinterher, bis er die engen Pässe (der Berge) erreichte. So konnten sie ihm entkommen.

Paulus erzählte ihnen: »Seine Botschaft ist in der Tat verlockend, und sie sind zu euren Feinden gegangen. Sie agieren immer noch als die Wohltäter der Christen. Schon bald werden sie mit Unterstützung eurer  Feinde kommen und euch bekämpfen, wenn ihr nicht das beachtet, was ich im Begriff bin zu sagen.« Sie sagten: »Ja!« Er sagte: »Ihr seid meine Verbündeten im Guten wie im Schlechten. Ich bin wie einer von euch.« »Ja!« sagten sie. 

Da verließ er sein Königreich und trug ihre Kleider. Dann verfolgte er sie solange in der Absicht, sie in die Irre zu führen, bis er auf ihre Soldaten stieß. Sie ergriffen ihn und sagten: »Gelobt sei Gott, der dich erniedrigt hat und deine Macht von dir hinweg nahm!« Paulus antwortete: »Führt mich zu euren Führern, denn meine Torheit ist nicht (so groß) geworden, daß ich nicht ohne ein Zeichen gekommen bin.« Darauf  führten sie ihn zu ihren Führern und sprachen: »Was hast du uns zu sagen?« Er antwortete: »Jesus hat mich gefunden als ich von euch abgelassen hatte, und nahm mir mein Gehör, mein Gesicht und meinen Verstand.« Ich konnte weder hören noch sehen noch denken. Kurz darauf heilte er mich, und, bei Gott, ich schwörte einen Schwur, mich eurer Sache anzuschließen, euch mein Leben zu widmen und euch die Torah und ihre Gesetze zu lehren.« Und sie glaubten, daß er die Wahrheit sprach.

Paulus sagte: »Baut für mich ein Haus und verseht es mit Asche«, und sie versahen es mit Asche. Paulus widmete sich darin der Anbetung Gottes und gab ihnen den Willen Gottes bekannt. Danach schloß er sich vor ihnen ein, und sie machten Tawāf um ihn (umrundeten ihn). Sie sagten: »Wir befürchten, daß ihm etwas mißfiel und er es meiden will.« Nach einem Tag öffnete er und sie sagten: »Sahst du irgendetwas, was dir mißfiel?« »Nein«, sagte er. »Vielmehr habe ich eine Meinung, die ich euch kundtun möchte. Wenn sie zutreffend ist, dann nehmt es an, aber wenn sie falsch sein sollte, dann bringt mich davon ab.« »Laß hören«, sagten sie. Paulus sagte: »Habt ihr jemals eine Herde ohne ihren Hirten grasen sehen?« »Nein«, sagten sie. Er fuhr fort:  »Ich habe die Nacht und den Morgen beobachtet und gesehen, daß die Sonne und der Mond und die Tierkreiszeichen aus jener Richtung kommen, und in jene Richtung zu beten, ist das Erstrebenswerteste.«  »Du sagst die Wahrheit«, sagten sie. So brachte er sie dazu, ihre Gebetsrichtung zu ändern. Danach schloß er sich für zwei Tage ein, und die Christen hatten diesmal noch mehr Angst als beim ersten Mal, und sie machten Tawāf um das Haus (umrundeten es). Als er es öffnete, sagten sie dasselbe wie beim ersten Mal, und auch er sagte dasselbe.  »Laß uns hören, was Du zu sagen hast« sagten sie. Paulus sprach:  »Meint ihr nicht, daß es einen verletzen würde, wenn er jemandem ein Geschenk bereitet und ihn ehrt, nur damit dieser ihn ablehnt? Gott hat euch alles auf der Erde unterworfen und hat für euch alles, was am Himmel ist, erschaffen und euch damit geehrt.« In der Tat ist niemand wertvoller als Gott, so daß man nicht ablehnen darf, womit Er euch geehrt hat. Wie kommt es also, daß manche Dinge erlaubt und manche unerlaubt sind? Alles, vom Käfer bis zum Elefanten, ist erlaubt.« Sie sagten: »Er spricht die Wahrheit.« Das war die zweite (Begebenheit). Danach schloß er sich ein drittes Mal ein, und sie hatten sogar noch größere Furcht als beim zweiten Mal, und sie umrundeten das Haus. Als es von ihm geöffnet wurde, sprachen sie wie zuvor und er ebenso. Sie sagten: »Laß uns hören, was Du zu sagen hast.« Paulus sprach: »Ich denke, daß niemandem Schaden zugefügt oder vergolten werden sollte. wenn euch daher jemand etwas Übles antut, so zahlt es ihm nicht heim. Wenn einer eines anderen Wange schlägt, so laßt ihn auch die andere hinhalten, und wenn einer etwas von eines anderen Kleidung klaut, laßt ihn ihm auch den Rest dazu geben« (vgl. Lk 6,29; Mt 5,39f.). Sie akzeptierten es und  mieden die kämperische Auseinandersetzung. 

Danach schloß er sich länger ein als vorher. Die Christen hatten noch mehr Furcht als jemals zuvor und umrundeten das Haus, bis er öffnete. Sie sagten: »Laß uns hören, was Du zu sagen hast.« Er sprach: »Entfernt die Leute des Tempels von mir, so daß nur noch Yaqub, Nestur, Malkun und der Gläubige (al-mu´min) übrig bleiben.«

 

 

 

Jüdischer Antipaulinismus

 

1. Mischna-Traktat Pirqe Avot (Sprüche der Väter) III,16:

 

Rabbi Eleazar aus Modein sagte:

 

Wer das Heilige entheiligt,
die Festtage verachtet,
seinen Nächsten öffentlich beschämt,
den Bund unseres Vaters Abraham bricht
und das Gesetz frech behandelt,
hätte er auch gute Werke getan,
der hat keinen Teil an der künftigen Welt.

 

(Übersetzung: Paul Rießler: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. Augsburg: Benno Filser Verlag 1928, 1067)