DAS  BARNABASEVANGELIUM


Anfang des 18. Jahrhunderts tauchte ein kleines, in altem Italienisch geschriebenes Büchlein in Amsterdam auf, das unter Gelehrten für einiges Aufsehen sorgte. Denn es beanspruchte für sich, das WAHRE EVANGELIUM JESU CHRISTI zu sein, das einem berühmten Mitglied der Urgemeinde, dem Reisebegleiter des Paulus, Joseph Barnabas, zugesprochen wurde. Die Inhalte dieses Evangeliums stehen denjenigen der  muslimischen Tradition sehr nahe, weswegen diese Schrift von Muslimen als eine Bestätigung ihrer Religion angesehen wurde, während christliche Theologen diese Schrift für eine plumpe muslimische Fälschung hielten. 

Originalseite aus dem italienischen Manuskript
Originalseite aus dem italienischen Manuskript

Das Barnabasevangelium ist uns in einem italienischen1 und einem spanischen Manuskript überliefert. Es wurde zuerst in einem Brief aus dem Jahre 1634 erwähnt, vermutlich geschrieben von dem in Tunesien lebenden Morisken Juan Pérez (ʼIbrahīm al-Taybilī).2 Während das italienische Manuskript plötzlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Amsterdam auftauchte,3 wurde die spanische Version erst im Jahre 1976 in der Universitätsbibliothek von Sydney wiederentdeckt.4 

Wegen der ersten Erwähnung durch den Morisken ʼIbrahīm al-Taybilī haben einige Forscher für einen Ursprung des Barnabasevangeliums in einem moriskischen Milieu plädiert. Das verwendete Papier des italienischen Manuskripts weist dabei nach Istanbul, wo es tatsächlich moriskische Flüchtlinge gab. Auch berichtet das Vorwort des spanischen Manuskripts darüber, daß ein gewisser Mustafa de Aranda die spanische Version in Istanbul von einer italienischen Version übersetzte. Ein Vertreter der Moriskentheorie, Gerald Wiegers, konnte zudem ein höchst exklusives Motiv des Barnabasevangeliums, nämlich die Bezeichnung des Propheten Muammad als Messias, in einem moriskischen Traktat nachweisen, das vermutlich von Juan Alonso geschrieben wurde.5 Da Alonso jedoch nirgends in seinem Werk auf das Barnabasevangelium rekuriert, schloß Wiegers daraus, daß er dieses Motiv nicht aus dem Barnabasevangelium genommen haben könne, da er es sonst höchstwahrscheinlich erwähnt hätte, sondern daß umgekehrt das Barnabasevangelium von Alonso abhängen müsse, vielleicht sogar von diesem verfaßt wurde. Dieser Beweis ist sicherlich nicht zwingend, da es sich hier um ein sogenanntes argumentum ex silentio handelt. Trotzdem bleibt es für sich genommen ein starkes Argument.

Doch es gibt ebenso starke Indizien dafür, daß das Barnabasevangelium lange vor der Vertreibung der Morisken aus Spanien, die Anfang des 17. Jahrhunderts einsetzte, entstand. Der Text weist Verbindungen zu Dantes Divina Commedia auf (entstanden zwischen 1307 und 1321) und erwähnt das hundertjährige Jubeljahr, das in der römischen Kirche nur von 1300 bis 1350 Geltung besaß.6 Jan Joosten gelang es zudem, textliche Übereinstimmungen zwischen dem Barnabasevangelium und italienischen Evangelienharmonien nachzuweisen. Alle diese Hinweise auf Italien lassen Joosten folgenden Schluß ziehen:

 

Obwohl das Barnabasevangelium sicherlich im moriskischen Milieu bekannt war, und der spanische Text in diesem Umfeld entstanden sein könnte, deutet nichts darauf hin, daß die Schrift selbst dort entstand. Das Barnabasevangelium ist daher grundsätzlich ein verwaister Text. Abgesehen von seiner doppelten Bezeugung wissen wir sehr wenig über seinen Verfasser, seine Datierung oder die Umstände seiner Entstehung.7

 

Obwohl der Ursprung dieses verwaisten Text“ völlig im Dunkeln liegt, deutet seine textliche Struktur dennoch daraufhin, daß der Verfasser des Barnabasevangeliums sein Werk nicht aus einem Guß herstellte“.8 Joosten vermutete, daß der mittelalterliche Autor ein italienisches Diatessaron als Hauptquelle benutzte.9 Es gibt jedoch Hinweise darauf, daß mindestens eine weitere Evangelienquelle benutzt wurde.

Luigi Cirillo gelang es, eine spätantike orientalische Schicht innerhalb des Barnabasevangeliums zu identifizieren.10 Diese alte Quelle sei, so Cirillo, vermutlich derjenige Text, der in Kirchenindexen des 6. und 7. Jahrhunderts als Evangelium nomine Barnabae (Evangelium unter dem Namen des Barnabas“) erwähnt werde.13 In diesem Zusammenhang ist das besondere Motiv von Jesus als Elia redivivus von besonderer Bedeutung. Cirillo vermutete ein judenchristliches Milieu für diese antike Grundschrift, konnte jedoch den Sitz im Leben seiner eigentümlichen Christologie nicht befriedigend  bestimmen. Seine These wurde daher vom wissenschaftlichen Konsens sehr schnell verworfen. Anstatt das zarte Pflänzchen, das Cirillo in mühevoller Arbeit hatte keimen lassen, weiter zu kultivieren, rissen christliche Apologeten es leider viel zu voreilig aus. Jan Slomp gesteht in seinem Artikel The Gospel in Dispute von 1978, der bis heute die einzige wissenschaftliche Reaktion auf Cirillos Arbeit ist, offen und ehrlich seine diesbezügliche Befangenheit:

 

Als ein überzeugter Christ bin ich mir darüber bewußt, wie wichtig es ist, die vier Evangelien, welche die Kirche als authentisches Zeugnis Jesu Christi empfangen hat, ernst zu nehmen. [...] Wenn ich es (= das Barnabasevangelium) ernst nähme, würde dies bedeuten, unsere christliche Tradition nicht ernst zu nehmen, und für mich als Pastor, gegen mein priesterliches Gelübde zu verstoßen.11

 

Slomp bekennt andererseits jedoch auch, daß Cirillos Untersuchung im Gegensatz zu der zuvor geführten Debatte die bis dato erste Arbeit über das Barnabasevangelium sei,  die frei von religiöser Befangenheit ist:

 

Wir gehen nicht fehl, wenn wir behaupten, daß akademischer Ehrgeiz und nicht religiöser Eifer die treibende Kraft hinter diesem Buche war.12

 

Der Autor dieser Seite hält Cirillos Ansatz für einen vielversprechenden, aber leider verkannten Weg zur Lösung des Rätsels um dieses wohl mysteriöseste christliche Apokryphon und versucht, Cirillos eingeschlagenen Weg, den dieser lediglich begonnen hat, zu Ende zu gehen.

 

 

Anmerkungen:

 

1 Das italienische Manuskript liegt heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Cod. 2662)

2 de Epalza (1984), 176

3 Toland (1718), 14–5

4 Fletcher (1976). Das spanische Manuskript ist eine Kopie derjenigen Handschrift, die sich im Besitz des Orientalisten George Sale befand, wie eine Notiz im spanischen Manuskript informiert (cf. ibid., 317). Sale erwähnt dieses Manuskript in der Einleitung zu seiner englischen Übersetzung des Koran (Sale (1734), ix).

5 Wiegers (1995), 272–288

6 Ragg (1907), xl–xlv. (Introduction) Jan Joosten was able to prove that the Spanish version was a translation of an Italian Vorlage (Joosten (2010)).

7 Joosten (2002), 75. Vor dem Hintergrund einer italienischen Herkunft wäre es durchaus denkbar, daß ein Flüchtling der muslimischen Kolonie im süditalienischen Lucera, die um 1300 n. Chr. von Karl II. von Neapel jäh beendet wurde, das Barnabasevangelium nach seiner Flucht in Istanbul kompilierte, wo es Mostafa de Aranda später ins Spanische übersetzte, wie es im Vorwort der spanischen Version vermerkt ist. Da wir jedoch nicht über geeignete Quellen verfügen, bleibt doeser Teil der Geschichte des Barnabasevangeliums, der Istanbul mit Italien verbindet, letztlich völlig unbekannt.

8 Joosten (2010), 200

9 Joosten (2002)

10  Luigi Cirillo/Michel Frémaux, L'Évangile de Barnabé: recherches sur la composition et l'origine, Paris, 1977

11 Jan Slomp, The Gospel in Dispute, in: Islamochristiana 4 (1978), 67–112, 68

1Slomp, ebd., 69

13 Cirillo/Frémaux, 182