DAS  B A R N A B A S -PROJEKT


Anfang des 18. Jahrhunderts tauchte ein kleines, in altem Italienisch geschriebenes Büchlein in Amsterdam auf, das unter Gelehrten für einiges Aufsehen sorgte. Denn es beanspruchte für sich, das "wahre Evangelium Jesu Christi" zu sein, das im Gegensatz zu den uns bekannten Evangelien Traditionen bot, die keinerlei Parallele in anderen christlichen Schriften hatten, und dennoch einem berühmten Mitglied der Urgemeinde, dem Reisebegleiter des Paulus, Joseph Barnabas, zugesprochen wurde. Die Inhalte dieses "Evangeliums nach Barnabas" stehen denjenigen der jüdischen und der  muslimischen Tradition näher als dem heutigen Christentum, weswegen diese Schrift vor allem von Muslimen als eine Bestätigung ihrer Religion angesehen wurde. Die christlichen Gelehrten versuchten ihrerseits, die Echtheit der Schrift zu widerlegen. So entbrannte eine vorwiegend apologetisch geführte Debatte, die bis in die Gegenwart andauert. Eine unverstellte Annäherung war selten möglich.

 

Der spanische Islamwissenschafler Míkel de Epalza († 2008) unterschied seinerzeit drei Kategorien von wissenschaftlichen Arbeiten über das Barnabasevangelium (vgl. M.de Epalza, Études hispaniques actuelles sur l'évangile islamisant de Barnabé. In: Al-Masâq, Studia Arabo-Islamica Mediterranea, Vol. 1, 1988, 33-38). Entweder halten sie das italienische bzw. das spanische Manuskript für das Original und somit für eine komplette Fälschung (so etwa de Epalza selbst, Luis F. Bernabé Pons, Christine Schirrmacher, Jan Slomp oder Gerard Wiegers), oder sie sehen das Barnabasevangelium als unverfälschtes Zeugnis des Urchristentums und einzige wahre Quelle von Jesu Lehre an (so M. H. Durrani, F. A. Fadhil, M. A. Hamayat, A. Mawdudi, Ahmad Tahir, M. T. Ushmani oder M. A. Yusseff). Die meisten Autoren fallen in diese beiden Kategorien, je nachdem, ob sie den christlichen oder den muslimischen Standpunkt vertreten. Die dritte Kategorie von Forschern hingegen sieht in den uns vorliegenden beiden Manuskripten des Barnabasevangeliums die Endredaktion einer Grundschrift, deren Wurzeln zum Teil bis in die frühchristliche orientalische Welt zurückreichen (so etwa Luigi Cirillo, Shlomo Pines, John Bowman oder Rod Blackhirst). Wir könnten diesen drei Kategorien noch eine vierte hinzufügen, in die Autoren wie Jan Joosten oder Claudio Vianney Malzoni fallen, die sich mit endgültigen Urteilen ihrer Textanalyse eher zurückhalten.

 

Die Autoren dieser Seite sind fest davon überzeugt, dass die Wege (3) und (4) die einzig wissenschaftlich sinnvollen sein können. Die apologetisch argumentierenden christlichen und muslimischen Autoren büßen in ihrer dogmatischen Befangenheit zumeist ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit ein. Die Annahme von redaktionellen Schichten, die sonst eine gängige Praxis innerhalb der historisch-kritischen Exegese ist, scheint in Bezug auf das Barnabasevangelium ein Tabu darzustellen. Dieses weiter aufzubrechen und die tiefen archaischen Schichten dieser Schrift endlich freizulegen, haben sich die Autoren dieser Seite zum Ziel gesetzt – ein nicht leicht zu bewältigendes Unterfangen, wohlgemerkt!

 

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Was das Verhältnis von Christentum und Islam angeht, sind drei grundsätzliche Themenkomplexe im Barnabasevangelium angesprochen, die auch der Koran herausstellt:

 

 

1. Die scheinbare Kreuzigung Jesu (Doketismus)

 

2. Jesu Ankündigung eines weiteren Propheten nach ihm

 

3. Die Ablehnung der Göttlichkeit Jesu bzw. die Betonung seines Menschseins

 

Diese Seite versteht sich zunächst als eine Quellensammlung zu diesen drei Bereichen. Erst in einem späteren Schritt soll in einer Auswertung dieses Materials eine umfassende historisch-kritische Analyse des Textes einsetzen. Die örtliche und zeitliche Einordnung der Schrift wurde von denjenigen Autoren, die dies wagten, viel zu voreilig angegangen. Sie unterschätzten die Vielschichtigkeit der Traditionen, die nicht in einem zehn- bis zwanzigseitigen Essay einer theologischen Zeitschrift abgehandelt werden können. Hierzu bedarf es einer umfangreichen Studie, beginnend mit einer sorgfältigen textkritischen Sichtung jedes einzelnen Abschnittes.

 

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Darüber hinaus sollen der interessierten Leserschaft Quellenmaterial zum Judenchristentum, zur Geschichte der frühesten neutestmantlichen Kanonbildung, zur Traditions-, Forschungs- und Wirkungsgeschichte des Barnabasevangeliums und zur Person des Apostels Barnabas und der ihm traditionell zugesprochenen Schriften bereitgestellt werden.

 

i. A. Daniel Erhorn

 

Giotto di Bondone: Der Judaskuss (Arenakapelle in Padua, ca. 1305)
Giotto di Bondone: Der Judaskuss (Arenakapelle in Padua, ca. 1305)